Albrecht I. – Höhepunkt der Macht und die Ermordung des Königs

Albrecht I. blieb im Reich innenpolitisch in der Offensive, weil sich dort in wichtigen Teil- und Randländern schwerwiegende dynastische Veränderungen ergeben hatten. 1301 starb das ungarische Königshaus der Arpaden aus, das Ungarn über 300 Jahre erfolgreich regiert hatte. Da Ungarn ein päpstliches Lehnskönigreich war, schickte der Papst einen Königskandidaten aus dem Hause Anjou ins Land, der jedoch nicht recht Boden gewinnen konnte. Maßgebende Teile des Adels boten nämlich dem Przemyslidenkönig Wenzel II. von Böhmen die Stephanskrone an, dieser bewog jedoch die Ungarn dazu, seinen zwölfjährigen Sohn Wenzel III. als König zu akzeptieren, und wieder herrschte die Familie Ottokars II. vom Riesengebirge bis zur Adria -jedoch nicht für lange. Der Papst erklärte Wenzels III. ungarisches Königtum für illegitim und hatte in dieser Sache auch Albrecht I. auf seiner Seite. Dem deutschen König konnte nämlich nicht viel daran gelegen sein, dass Wenzel und das Przemyslidenhaus, dessen Feindseligkeit er kürzlich erst wieder im Kampf mit den rheinischen Kurfürsten hatte erfahren müssen, nun in den Besitz einer so riesigen Landmasse kam, es handelte sich ja nicht nur um Ungarn, sondern auch um das Königreich Polen: Im Jahre 1300 war nämlich Wenzel II. schon zum polnischen König gekrönt worden, damals noch mit Zustimmung Albrechts I. Der Glanz der böhmischen Dynastie währte nicht lange, 1305 starb Wenzel II. ganz überraschend, 1306 fiel sein Sohn Wenzel III., der vorher auf Ungarn verzichtet hatte, von Mörderhand. Damit war diese Dynastie plötzlich ausgestorben und Albrecht I. bot sich eine Riesenchance: Böhmen und Mähren waren die reichsten und wertvollsten Reichslehen und fielen jetzt an die Krone heim. Deshalb mussten sie neu verliehen werden. Albrecht I. tat dies auch prompt und belehnte seinen Sohn mit beiden Ländern, sodass Ottokars II. ehemaliger Länderkomplex sich nun nahezu ganz im Besitz der Habsburger befand. Das aber war noch nicht alles, denn Albrechts I. Sohn Rudolf III. hatte zur Untermauerung seiner böhmischen Ansprüche die Witwe Wenzels II. geheiratet, welche ihrerseits als Angehörige der polnischen Piastendynastie die Anwartschaft auf die Krone Polens dem Habsburger einbrachte. Desgleichen hatte Albrecht I. Aussichten, auch die Markgrafschaft Meißen an sein Haus zu bringen: So stand am Beginn des 14. Jahrhunderts der deutsche König Albrecht I. und sein Haus auf einem Machtgipfel, wie es seit dem Staufer Heinrich VI. nie mehr der Fall gewesen war. Habsburg beherrschte inzwischen ein Territorium, welches etwa von der Tagliamentomündung an der nördlichen Adria bis nach Polen im Nordosten und Mitteldeutschland reichte, auch im Südwesten, den alten Stammlanden des Hauses, hatte Albrecht I. in aller Stille für eine erhebliche Ausweitung des dortigen Besitzes – meist durch Zukauf -gesorgt. Das Papsttum war, da es ja unter französischer Kuratel stand, derweilen als Gegner nahezu ausgefallen, und die Kurfürsten waren durch Albrechts I. Erfolge buchstäblich hinter ihre Grenzpfähle verwiesen. Im Moment jedenfalls war noch niemand in Sicht, der den Habsburger an der Errichtung einer stabilen und dauerhaften Erbmonarchie hätte hindern sollen und können. Aber es kam anders. Die letzten Monate des Königs
1307 starb überraschend Albrechts I. Sohn Rudolf III., und der König war gezwungen, die Erbansprüche Habsburgs militärisch zu verteidigen, da die böhmischen Stände Herzog Heinrich von Kärnten als neuen König ins Land riefen, hinter dem sich seinerseits eine Koalition deutscher Fürsten gruppierte, die entschlossen waren, dem stetigen Aufstieg der Habsburger einen Riegel vorzuschieben. Es war vorauszusehen, dass dieser Kampf um Böhmen zu einem allgemeinen Entscheidungskrieg zwischen Zentralgewalt und Fürstenopposition werden würde. Hierbei sprachen Albrechts I. Fähigkeiten als Politiker und Militär sowie seine solide Machtbasis für einen königlichen Sieg, welcher die deutsche Geschichte in völlig andere Bahnen hätte lenken können. Doch wieder sollte es ganz anders kommen: Mitten in den Rüstungen zu dieser entscheidenden Auseinandersetzung entstand in der Habsburger Familie ein Mordkomplott unter Führung von Albrechts I. Neffen, Johann von Österreich. Dieser war der Sohn von Albrechts I. jüngerem Bruder, der einst auf den Wunsch der österreichischen Stände hin 1283 zugunsten Albrechts auf die österreichischen Herzogsrechte verzichtet hatte, seine Gattin war eine Tochter Ottokars II. von Böhmen. Im Bewusstsein seiner erlauchten Abstammung und im Wissen um die Ansprüche, für deren Aufgabe sein Vater entgegen den Abmachungen keine Entschädigung erhalten hatte, forderte jetzt Johann von Albrecht I. die Beteiligung an der Herrschaft. Albrecht I. scheint dies nicht rundheraus abgelehnt zu haben, doch befriedigte seine Antwort den jungen Mann nicht, der damals unter dem Einfluss einiger adeliger Desperados stand, die hofften, im Kielwasser eines königlichen Neffen ihren zerrütteten Vermögensverhältnissen aufhelfen zu können. Am 1. Mai 1308 schritten die Mörder zur Tat: Nachdem man im Familienkreise gegessen hatte, wollte Albrecht I. seiner Gemahlin entgegenreiten, die ihr Kommen angesagt hatte. Am Flussübergang über die Reuß gelang es den Verschwörern, mit Albrecht I. allein in die Fähre hineinzukommen, sodass der König am anderen Ufer ohne weiteren Schutz seinen Mördern ausgeliefert war, diese vollbrachten ihr blutiges Werk, als das bewachsene Ufergelände sie den Blicken des übrigen Gefolges entzog. Johann von Österreich legte dabei selbst entscheidend mit Hand an und trug seitdem den Namen »Johann Parricida« (lat., Vatermörder). Ob Johann allein aus Motiven persönlicher Rache handelte oder ob die rheinischen Kurfürsten, die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, sich die Erbitterung des Prinzen zunutze machten, blieb ungeklärt. Fest steht jedenfalls, dass es das Kurkollegium und die Fürsten waren, welche aus dieser Tat den größten Nutzen zogen, sie bekamen jetzt wie ein Geschenk des Himmels die Möglichkeit, durch eine neue Königswahl die für sie unter Albrecht I. so ungünstig verlaufene Entwicklung in ihrem Sinne zu korrigieren. Für das Reich als ganzes, aber auch für die europäische Politik war der Mord an Albrecht I., welcher den König so völlig ahnungslos getroffen hatte (es gab freilich Gerüchte, welche besagten, Albrecht sei von einem wohl eingeweihten Familienmitglied gewarnt worden, habe dies aber in den Wind geschlagen), ein großes Unglück, da mit diesem erst dreiundfünfzigjährigen Habsburger eine der wichtigsten Konstanten des politischen Kräftefeldes plötzlich ausfiel, dem Reich stand zum zweiten Mal innerhalb von nicht einmal 20 Jahren eine Periode der Unsicherheit und des Unfriedens bevor. Die Rolle des politischen Seismografen spielten wiederum die schweizerischen Urkantone am Vierwaldstätter See, für die Albrechts I. Tod einen entscheidenden Wendepunkt in ihrer politischen Entwicklung bedeutete.

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Info 23.11.2017 19:19
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