Balduin von Trier – Aufstieg der Grafen von Luxemburg

Nach der Ermordung Albrechts I. wirkte auf die politische Szenerie Europas wie ein Donnerschlag, und im Moment wussten wohl auch die wirklich großen politischen Drahtzieher nicht genau, wer den verwaisten Thron schließlich besteigen würde. Sicher – in Umrissen war der von Frankreich langfristig betriebenen »Personalpolitik« unter den geistlichen Kurfürsten am Rhein anzusehen, dass Philipp IV., der Schöne, ernsthaft das Projekt betrieb, seinen Bruder Karl von Valois auf den deutschen Thron zu lancieren und somit Deutschland der französischen Einflusssphäre einzuverleiben, als Instrument hierfür war die ›franzosenfreundliche‹ Partei im Kurkollegium ausersehen -eben jene drei geistlichen Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier! Die Schlüsselfigur unter ihnen war der blutjunge Trierer Erzbischof Balduin aus der Familie Luxemburg. Der Erzbischof war der jüngere Bruder des regierenden Grafen Heinrich von Luxemburg. Dieses kleine, am Habsburger Hausbesitz gemessen völlig unbedeutende Ländchen, hatte schwere Zeiten hinter sich und war gerade dabei, sich unter der fähigen Leitung seines Regenten wieder etwas hochzuarbeiten: Luxemburg war nämlich genauso wie Nassau auf der Seite des Kölner Erzbischofs in eine große Fehde mit dem Herzogtum Brabant hineingezogen worden, welche auf dem Schlachtfeld von Worringen am Niederrhein 1288 entschieden wurde. In diesem überaus blutigen Treffen, eine der letzten reinen Ritterschlachten überhaupt, fiel Heinrichs Vater, der damals regierende Graf von Luxemburg. Seine Grafschaft hatte genauso wie das Kölner Erzbistum finanziell schwer an dieser Niederlage zu tragen, hatte jedoch – im Gegensatz zu Köln -nicht die Möglichkeit, sich im Zuge einer Königswahl finanziell wieder aufzuhelfen, so fand der junge Graf, der nach einer gewissen Zeit mütterlicher Regentschaft die Nachfolge seines Vaters antrat, recht ›beengte‹ Verhältnisse vor, die sich erst besserten, als 1292 eine vollkommene Aussöhnung zwischen dem Herzog von Brabant, dem Sieger von Worringen, und Luxemburg zustande kam, die am 9. Juni 1292 durch die Heirat des jungen Grafen Heinrich von Luxemburg mit der Tochter des reichen Brabanter Herzogs besiegelt wurde. Diese Versöhnung und das daraus resultierende Ehebündnis war eine hochpolitische Sache, in der die französische Diplomatie ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Einerseits nämlich bedeutete diese Ehe die Aussöhnung der Häuser Brabant und Luxemburg, verbunden mit einem erheblichen Machtzuwachs des sowieso schon reichen Brabant, zum anderen wurde die Bindung Brabants und Luxemburgs an Frankreich erheblich enger, da die Verschwägerung zweier bisher verfeindeter Fürstenhäuser an Frankreichs Ostgrenze wichtige Interessen von Frankreichs »Ostpolitik« berührte und deshalb ohne ausdrückliche Zustimmung der französischen Krone gar nicht stattfinden konnte, auch wenn zunächst nach außen der Schein gewahrt wurde, als handle es sich lediglich um eine Familienangelegenheit, in der die französische Königin die Rolle der umsichtigen, gütigen Heiratsvermittlerin spielte. Als dann aber schließlich auch Philipp IV., der Schöne, seine Zustimmung zu dieser Ehe gab, wurde spätestens durch die daran geknüpften Bedingungen und Kompensationen auch der Öffentlichkeit klar, dass Frankreich die betroffenen Territorien als zu seiner Einfluss- und Sicherheitssphäre gehörig betrachtete! Dass dann seit 1294 der Graf von Luxemburg auch Lehnsträger Frankreichs und Pensionsempfänger Philipps IV. wurde, erhält so seine eigene Logik. In den folgenden Jahren betätigte sich der Luxemburger Graf als umsichtiger, treusorgender Landesvater, bekämpfte erfolgreich das Räuberunwesen in den Ardennen und gelangte nach anfänglichen Reibereien in ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den Bürgern der Stadt Trier. Immer aber blieb er dabei in enger Verbindung zu Frankreich und zum Papst, der seit den Ereignissen von Anagni gleichsam Wachs in Philipps IV. Händen war. Für das Haus Luxemburg sollte dieses enge Verhältnis bald reiche Zinsen tragen: 1308 gelang Heinrich nämlich das Kunststück, seinem erst zweiundzwanzigjährigen Bruder Balduin den erzbischöflichen Stuhl von Trier und somit den Kurhut zu verschaffen. Ein deutlicher Wink Philipps IV. an den Papst in Avignon genügte, und die päpstliche Altersdispens wurde erteilt, welche Balduin zum Erzbischof machte. Der begabte und hochgebildete junge Mann verwaltete sein Bistum musterhaft und in der deutschen Politik ließ seine Stunde nicht lange auf sich warten: Nach dem Tode Albrechts I. mobilisierte Philipp IV. von Frankreich seine »französische« Partei im Kurkollegium, wobei Erzbischof Balduin sowohl als Vertrauensmann zum französischen Hof fungierte bzw. dort dafür gehalten wurde als auch in engster Verbindung zum Papst stand, die Interessen von Papst und französischem König aber waren in dieser Sache keineswegs so homogen, wie es schien: Philipp IV. peilte im Laufe der Verhandlungen sein Ziel immer deutlicher an, es bestand darin, seinen Bruder Karl auf den deutschen Thron zu hieven. Der Papst und sein Schüler Balduin von Trier hingegen und in dessen Schlepptau der Erzbischof von Mainz spielten mit verdeckten Karten. Nach und nach begannen sich nämlich zwei Kandidaturen abzuzeichnen: die des Karl von Valois, die bis jetzt nur der Kölner Erzbischof auf französisches Drängen hin offen favorisierte und propagierte, und die eines nur recht nebelhaften Kandidaten der weltlichen Kurfürsten. Der Papst hatte sich – allerdings nur für Uneingeweihte erstaunlich – nur zu einer etwas wachsweichen Empfehlung herbeigelassen, die man auf Karl von Valois auslegen konnte, aber nicht musste! Der Kandidat, den Trier und Mainz ›in petto‹ hatten, war aber niemand anderes als Heinrich von Luxemburg, nur hielt man damit so lange hinter dem Berge, bis klar war, dass weder Karl von Valois noch irgendein anderer deutscher Kandidat die nötigen Stimmen auf sich vereinigen konnte. Als dies feststand, die Wahl sich also ›festgelaufen‹ hatte, ging die ganze Sache verhältnismäßig einfach über die Bühne: Mainz und Trier legten in einem überraschenden Coup die Luxemburger Kandidatur auf den Tisch, und am 27. November 1308 erhielt der als Fürst völlig unbedeutende Graf von Luxemburg sechs Stimmen bei einer Enthaltung und war deutscher König: der ›kleine‹ Bruder aus Trier hatte glänzend Regie geführt! Auch der Papst war mit dem Ausgang der heiklen Aktion insgeheim sehr zufrieden, denn ein Valois auch noch auf dem deutschen Thron hätte ihm wohl nicht mehr als die Rolle eines französischen ›Oberbischofs‹ verschafft.