Israel: Durchgangsland und Brücke

Zwischen der Ostküste des Mittelmeeres und der syrisch-arabischen Wüste liegt ein schmaler Küstenstreifen, dessen nördlichen, größeren Teil man herkömmlich »Syrien« nennt und dessen kleinerer, südlicher Teil – das Land der biblischen Geschichte – in der altchristlichen Literatur den Namen »Palästina« erhalten hat. Die eigenartige Randlage ist beiden Teilen gemein. Der gesamte Streifen zwischen Wüste und Meer ist Kulturland. Er wird durchzogen von einem gewaltigen Grabenbruch, der in Nordsyrien das Tal des Orontes bildet, sich in der Senke zwischen Libanon und Antilibanon fortsetzt, im Jordantal bis in eine Tiefe von vierhundert Metern unter dem Meeresspiegel absinkt, aber auch noch südlich vom Toten Meer bis zum Golf von El-Akaba reicht. Zu beiden Seiten des spaltenden Grabens, der durch einen geologischen Einbruch entstanden ist, liegen Gebirgsschollen und -tafeln, immer wieder von zerklüfteten Tälern zerrissen. Schroffe Kontraste zeichnen das Land: weite Täler, enge Spalten, Hochflächen, felsiges und bewaldetes Bergland, Wüstenstreifen, Oasen; landschaftlich und klimatisch ist der schmale Raum äußerst vielfältig. Dem syrisch-palästinischen Küstenland fehlt die für Ägypten und Mesopotamien so wichtige fruchtbare und verbindende Kraft großer Ströme: Orontes und Jordan fließen in der Tiefe des Grabens und können das Land nur in geringem Maße fruchtbar machen. Regen und Tau müssen für Bewässerung sorgen. Für die Flora ist das subtropische Klima der Mittelmeerwelt bestimmend: von Oktober bis März währt die winterliche Regenzeit, auf die eine trockene, heiße Sommerzeit folgt. Zur Besiedlung eigneten sich in diesem Küstenstreifen vor allem die fruchtbaren Ebenen, die quellreichen Gebirgsausläufer und die Umgebung der natürlichen Häfen. Die Bevölkerung, von der in Dokumenten aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend die Rede ist, war weder der Herkunft noch der Sprache nach einheitlich: das vorderasiatische Element aus dem Norden begegnet Einflüssen aus dem östlich-orientalischen Bereich; in der Sprache dominieren die semitischen Dialekte. – Die zerklüftete Landschaft führte dazu, dass die Volksgruppen, die sich hier niederließen, Zwergstaaten in großer Zahl ins Leben riefen. Jeden dieser Stadtstaaten mit dem von ihm beherrschten Einflussgebiet und Hinterland regierte ein Fürst, der sich zwar »König« nannte, aber in der Regel weder selbständig noch souverän war. Da der Küstensaum die Brücke zwischen Großmachtterritorien bildete, war er ständig bedroht. Er war nicht nur Durchgangsland für Karawanen, die ihn auf dem Weg von Ägypten nach Mesopotamien, von Kleinasien zum Golf von El-Akaba und zurück durchwanderten, sondern auch Einbruchs- und Durchmarschgebiet für stärkere Mächte. Jede expandierende Großmacht nahm das schwache Zwischengebiet für sich in Anspruch. Am Anfang des zweiten Jahrtausends lagen Syrien und Palästina in der Macht- und Einflusssphäre des ägyptischen Mittleren Reiches. Aus dem Briefarchiv der alten Königsstadt Mari am mittleren Euphrat weiß man seit einiger Zeit, dass das syrische Binnenland ungefähr in derselben Periode enge Beziehungen zur mesopotamisch-babylonischen Macht unterhielt. Dann schob sich die fremde Herrenschicht der Hyksos über den Küstenrand, drang bis nach Ägypten vor und brachte einen starken Zustrom nichtsemitischer, horitischer Menschengruppen. Der Gegenstoß kam im 16. Jahrhundert aus Ägypten, und wieder gerieten Syrien und Palästina unter die Oberherrschaft des Reiches am Nil. Unterdes brachen vom Norden her Hethiter in den syrischen Raum ein; im 14. und 13. Jahrhundert konnten sie ihren Einfluss auf das nördliche Gebiet bis zum Libanon hin durchsetzen und wahren. Die Stadtfürsten Syriens und Palästinas waren Vasallen, nur die Oberherren wechselten. Die in Ägypten gefundenen »Amarna-Briefe« vermitteln einen Einblick in die abhängige Stellung der Kleinkönige, die den Oberherren in unterwürfigen Schreiben über Vorgänge in ihrem Gebiet zu berichten hatten, zu Abgaben verpflichtet waren, zum Teil ägyptische Besatzungstruppen unterhalten mussten. Daraus, dass die diplomatische Korrespondenz in babylonischer Schrift und Sprache geführt wurde, kann man schließen, dass die mesopotamische Macht besonders einflussreich gewesen ist. Handelsverkehr, Invasionen und Unterwerfung unter fremde Herrschaft haben immer wieder neue Menschengruppen in den syrisch-palästinischen Raum einwandern lassen. Wenn in Genesis 15 das den Nachkommen Abrahams zugedachte Gebiet umschrieben wird, ist von »Kenitern, Kenissitern, Kadmonitern, Hethitern, Pheresitern, Rephaitern, Amoritern, Kanaanitern, Girgasitern und Jebusitern« die Rede: hier spiegelt sich die Vielzahl und Buntheit der Bevölkerungselemente vor allem des südlichen Bereiches. Vielfältig waren auch die kulturellen und religiösen Einflüsse aus den Großreichen am Nil und im Zweistromland, aber auch aus Kleinasien und aus der insularen Mittelmeerwelt. Die Wellen überschnitten sich, und die Machtwirkungen des Fremden waren verschieden. Religion, Kultur und Kunst waren durchpulst von den Kräften der Großreiche. Im Kreuzfeuer dieser mannigfaltigen Einflüsse stellten Syrien und Palästina geschichtlich und kulturell kaum eine Einheit dar; gemeinsam war ihnen nur, dass sie dasselbe Schicksal der unglücklichen Brückenlage zu erleiden, fremde Herren zu erdulden, den Einfluss der ihnen zufließenden Kultur- und Ideengüter aufzunehmen und zu verarbeiten hatten. Noch andere Bewegungen kamen hinzu, die schon unmittelbar an die Schwelle der Geschichte Israels heranführen. Auch die Wüste hatte ihren Anteil an der Gestaltung der Siedlungs- und Lebensverhältnisse in Syrien und Palästina; sowohl die sich von Nord nach Süd erstreckende syrisch-arabische Wüste als auch die südlich von Palästina liegende Sinai-Wüste. Der fließende Übergang von Wüste zu Kulturland deutet auf eine Symbiose der nomadischen Wüstenbewohner mit den Kultursiedlern hin. Ihren Rhythmus bestimmten klimatische Besonderheiten. Während die winterliche Regenzeit mit spärlichen Güssen auch die Randgebiete der Wüste feuchtet und den Kleinviehherden der Nomaden die nötige Nahrung bietet, lässt die sommerliche Trockenzeit die Nahrungsquellen versiegen. Die Großfamilien ziehen mit ihren Herden ins Kulturland, suchen Quell- und Weideplätze und nähern sich der ansässigen Bevölkerung. Verträge über Brunnen- und Weiderechte werden abgeschlossen, Wirtschaftsprodukte ausgetauscht und Regeln für ein friedliches Zusammenleben vereinbart. Immer wieder führt der Weidewechsel die Nomaden im Rhythmus der Jahreszeiten an die Siedlungsgebiete des Kulturlandes heran. Der Wüstenbewohner strebt einem ersehnten Land zu, das »von Milch und Honig fließt«. Mit der Zeit sucht er sich festzusetzen: er fügt sich allmählich in die Ackerbaukultur ein, gründet dörfliche Siedlungen vor den Toren der Städte, akzeptiert die Herrschaftsordnung des Stadtfürsten. Auf diesem Wege der »Transhumanz« zogen immer von neuem Menschengruppen aus der Wüste ins syrisch-palästinische Kulturland; auch sie mussten sich dem Schicksal des Brückenstreifens an der Küste fügen. Umherirrende Aramäer
Die Väter Israels waren wandernde Nomaden, die auf dem Wege des Weidewechsels nach Palästina einsickerten. In einem bedeutungsvollen kultischen Bekenntnis (Deuteronomium 26) gedachte der Israelit später dieser Anfänge: »Ein umherirrender Aramäer war mein Vater.« Das mit »Umherirren« wiedergegebene hebräische Wort bezeichnete die Existenzweise des zwischen Wüste und Kulturland hin- und herpendelnden Wanderhirten. Auf der Suche nach Weideland durchzog er die fruchtbaren Gegenden und bemühte sich um Verträge mit der sesshaften Bevölkerung. In der Tradition Israels gab es so manche Erzählung über die Schicksale der wandernden, landsuchenden Väter. Von Abraham, Isaak und Jakob handeln die Patriarchengeschichten, in denen sich drei ursprünglich selbständige Überlieferungskreise miteinander genealogisch verbinden. Das spätere Israel sah in Isaak den Sohn Abrahams und in Jakob den Nachkommen Isaaks. Getrennte Komplexe traten so in eine geschichtliche Kontinuität und zugleich in eine lebendige Nähe zur rückschauenden Gemeinschaft. In der ältesten Schicht der Patriarchenerzählungen findet man das typische Bild der landsuchenden Nomaden, die mit ihren Familien in Zelten wohnen, große Herden von Weide zu Weide führen und sich im Kulturland ungestört auf halten möchten. Brunnen-und Weiderechte werden ausgehandelt: mit dem Stadtkönig Abimelech streitet sich Isaak (Genesis 26) um einen Brunnen, den seine Leute benutzen wollen. Weil sie keinen Boden besitzen, sind die Wanderhirten auf Bündnisse und eidliche Verpflichtungen der ansässigen Bevölkerung angewiesen. Um Sara bestatten zu können, muss Abraham (Genesis 23) die Leute rings um Hebron bitten, ihm einen Acker zu verkaufen: »Ich bin bei euch ein Fremdling und Beisasse; gebt mir eine Grabstätte bei euch zu eigen, dass ich meine Tote hinausbringe und begrabe!« Die Väter, die aus der Wüste kommen, sind »Fremdlinge«; nur als »Beisassen« (Metoiken) dürfen sie in der Nähe der Stammbevölkerung ihre Zelte aufschlagen. Die im Kulturland ansässige Bevölkerung hatte ihre festen Lokalheiligtümer und verehrte die ortsgebundene Gottheit. Dagegen wussten die wandernden Väter ihr Leben auf einen Gott bezogen, der sie auf ihren Wanderungen begleitete. Nach der Tradition haben die Erzväter die Offenbarung empfangen, die Verheißung des »Gottes der Väter« vernommen, dass das von ihnen immer wieder durchstreifte und ersehnte Kulturland ihren Nachkommen übergeben werden würde. Jüngere Schichten der Erzvätertradition handeln vom Sesshaftwerden der Wanderhirten im Raume Palästina, und hier verschmelzen die Patriarchentraditionen mit den Heiligtumslegenden des Kulturlandes. Jetzt gelten die Erzväter als Kultstifter der kanaanitischen Heiligtümer. Die Abraham-Erzählungen finden ihren Haftpunkt in Mamre bei Hebron (Genesis 13, 18; 18,1 ff.), die Isaaksagen leben fort in Beerseba (Genesis 21, 22 ff.), die Jakob-Geschichten in Bethel (Genesis 28, 11 ff.; 35,1 ff.), und die allerjüngste Überlieferungsschicht bringt die genealogische Verknüpfung der drei Traditionskreise; hier werden die Stoffe auch religiös von neuen Gesichtspunkten aus gestaltet. Was die Urheimat der Erzväter betrifft, finden sich in den Patriarchenerzählungen zwei Hinweise: einmal wird Ur in Chaldäa, weit östlich der syrisch-arabischen Wüste, ein andermal Haran in Mesopotamien genannt, und dann ist, wie gesagt, von den Vätern Israels als »Aramäern« die Rede. Die rhythmische Saisonbewegung des Weidewechsels rückt somit in das Kraftfeld einer größeren von Osten oder Nordosten nach Westen hin weisenden »aramäischen Wanderung«, deren Intensivierungs- und Abschlussphasen wohl ins 13. Jahrhundert fallen. Glieder eines großen aramäischen Mutterverbandes werden aus dem Gebiete des Zweistromlandes nach Westen abgedrängt und gelangen in einem Wanderungsprozess, der sich über fast zwei Jahrhunderte hinzuziehen scheint, in den syrisch-palästinischen Küstenstreifen. Möglicherweise berichten die biblischen Patriarchengeschichten von einem sehr frühen Stadium dieser Wanderung und von den ersten Gruppen, die in das westliche Kulturland vorstießen; genau lässt sich das nicht fixieren. Beziehungen einzelner Motive der Erzvätergeschichten zu altorientalischen Texten, wie sie in neueren Ausgrabungen zutage treten, stecken bestenfalls einen größeren Rahmen ab, in dem das Bild der Bewegungen und Wanderungen zu betrachten wäre. Im übrigen sind die Traditionen von Abraham, Isaak und Jakob nur drei Wurzelspitzen des weitverzweigten vorgeschichtlichen Wurzelwerks; dass gerade sie einen bevorzugten Platz erhalten haben, liegt an der großen Bedeutung der kultischen Haftpunkte Hebron, Beerseba und Bethel im späteren Israel.

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Info 20.11.2017 08:51
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