Einbruch der israelitischen Stämme

Nach der alttestamentlichen Überlieferung stellt sich die Einwanderung und Ansiedlung der israelitischen Stämme einfach und einheitlich dar: von Jakobs zwölf Söhnen wurde einer, Joseph, nach Ägypten verschleppt, und anlässlich einer großen Hungersnot zogen auch seine Brüder an den Nil; die Nachkommen gerieten in den Frondienst des Pharaos, brachen aber aus, wurden auf wunderbare Weise durchs Meer geführt und gelangten nach einer mühseligen Wanderung durch die Wüste ins verheißene Land Kanaan. Die differenzierten und zeitlich weit auseinanderliegenden Ereignisse der Einwanderung und Ansiedlung der einzelnen Stämme waren offenbar den späteren Betrachtern nicht mehr gegenwärtig; sie waren in einem langen Überlieferungsprozess zusammengewachsen und genealogisch gerafft worden. Aus den im Alten Testament verstreuten Traditionen und Mitteilungen über die einzelnen Stämme Israels, aus altorientalischen Quellen und aus Ausgrabungsberichten lässt sich in Umrissen ein komplexer Siedlungsvorgang rekonstruieren, in dessen Rahmen den einzelnen Stämmen und Stämmegruppen eine bewegte Sondergeschichte zukommt. Was ist hier aber überhaupt ein »Stamm«? In den Erzvätergeschichten sind Wanderung und Sesshaftwerden Schicksale von Familien oder Großfamilien, die verwandtschaftlich zusammengehören und sich in umfassenderen, ebenfalls abstammungsmäßig begründeten Bereichen größeren Sippen zugeordnet wissen; so treten in den Patriarchenerzählungen Lot und Laban als Angehörige größerer Sippen auf. Aber aus den alten Erzählungen geht hervor, dass sich Familien oder Großfamilien gelegentlich aus dem weiteren Sippenzusammenhang lösen und eigenen Zielen nachgehen, ohne dass die Zusammengehörigkeit mit dem größeren Verband vergessen würde. Dagegen sind die Stämme nicht aus gemeinsamer Abstammung, sondern aus dem Zusammenschluss verschiedener Familien und Großfamilien mit gemeinsamen geschichtlichen Schicksalen hervorgegangen; der Anlass zum Zusammenschluss kann gemeinsame Wanderung, gemeinsame Landnahme oder Abwehr feindlicher Kräfte gewesen sein. Die »aramäische Wanderung« zog zahlreiche Familien und Großfamilien in die große ost-westliche Bewegung hinein. Wo sich größere Gruppen zusammenfanden, bildeten sich Stämme. Zu verschiedenen, nicht mehr erkennbaren Zeiten und an auseinanderliegenden, nicht mehr feststellbaren Orten müssen in vielschichtigen Vorgängen die israelitischen Stämme entstanden sein. Nur vermuten lässt sich, dass die Nordstämme Sebulon, Issachar und Naphtali schon sehr früh, etwa im 15. vorchristlichen Jahrhundert, in Palästina sesshaft geworden sind. Anscheinend (Genesis 49, 15) waren die Angehörigen des Stammes Issachar, vielleicht auch die benachbarten Stämme, den Kanaanitern als »Lohnarbeiter« dienstbar. Nur um den Preis der Freiheit konnten die Stämme des Nordens im Kulturland leben. Sie hatten sich auf den noch unbesiedelten Höhen niedergelassen, galten als »Fremdlinge« und waren von den herrschenden Stadtstaaten abhängig. Zu kultischen Festen auf dem Grenzheiligtum des Thabor vereinigten sich (Deuteronomium 33, 18 f.) die drei bereits sesshaften Stämme: an einem gemeinsamen sakralen Ort manifestierte sich die übergeordnete Gemeinschaft eines Stämmebundes als Schutz- und Trutzbündnis. Zu welcher Zeit ähnliche Stämmebünde in Mittelpalästina und im Süden entstanden sein mögen, lässt sich nicht feststellen; die genealogische Einteilung der Jakobssöhne in eine Lea-Gruppe und eine Rahel-Gruppe deutet darauf hin, dass in vorisraelitischer Zeit zwei Stämmebünde in Mittel- und Südpalästina bestanden haben; später wurden auch die länger sesshaften Nordstämme in diese Ordnung einbezogen. Die soziologische Einheit, die nach den Patriarchengeschichten beim Vorgang der Landnahme aktiv auftritt, ist die Großfamilie; das entspricht den ersten Anfängen einer großen Wanderbewegung. Wo von Stämmen und kleineren Stämmebünden die Rede ist, müssen bereits größere Einzugsunternehmungen möglich gewesen sein. Auch wenn man annimmt, dass sich einzelne Stämme erst in Palästina durch den Zusammenschluss schon sesshafter Großfamilien gebildet haben, kann das erst zu einem Zeitpunkt stattgefunden haben, zu dem auch ein stärkerer Zustrom von Einwanderern auf keine ernsthafteren Hindernisse mehr stieß. Wann kann das gewesen sein? Wann konnten sich im noch unbesiedelten Gebirgsland Palästinas größere Gemeinschaften gebildet haben? Die im 14. und 13. Jahrhundert vorherrschende Machtkonstellation, die den Hethitern den Norden und den Ägyptern den Süden des syrisch-palästinischen Raumes als Einflusssphäre sicherte, geriet gegen Ende des 13. Jahrhunderts ins Wanken. Aus dem Norden brachen die »Seevölker« ein, die das Hethiterreich zerstörten und die Ägypter auf ihr Stammland am Nil zurückwarfen. An der Küste Palästinas entstanden Niederlassungen dieser fremden Schicht, vor allem der Staatenbund der Philister; der übrige, vom hethitischen und ägyptischen Einfluss befreite syrisch-palästinische Raum erlebte dagegen einen neuartigen, außergewöhnlichen Zwischenzustand. Die Stadtfürsten der kleinen Zwergstaaten hatten weder im Norden noch im Süden Oberherren, denen sie Rechenschaft schuldig gewesen wären. In Syrien war das Netz diplomatischer Beziehungen und Verbindungen völlig zerfallen, in Palästina nach Süden hin zusammengerollt worden. In dieses Vakuum stießen die Gruppen und Stämme der »aramäischen Wanderung« mit aller Kraft vor. War bis dahin das Auftreten größerer, gefährlicherer Einwanderertrecks von den Großmächten sorgfältig beobachtet und überwacht worden, so standen die jetzt unbeschützten Zwergstaaten dem Hereinfluten der sich rasch ausbreitenden landsuchenden Elemente mehr oder minder hilflos gegenüber. In Syrien begannen die Aramäer mit der Gründung kleinerer Staatsgebilde; in Palästina entstanden östlich des Jordans und des Toten Meeres die von aramäischen Einwanderern getragenen Staaten Ammon, Moab und Edom. Zwischen die Machtsphäre der Seevölker an der palästinischen Küste und diese neuen ostjordanischen Staaten schoben sich die israelitischen Stämme, deren Einwanderung um etwa 1200 v. Chr. ihren Höhepunkt erreicht haben muss. Um diese Zeit dürften die letzten größeren Schübe das westjordanische Land überlagert und damit den Anstoß zur Gründung des Zwölfstämmeverbandes Israel gegeben haben. Wahrscheinlich ist die Landnahme in mehreren Phasen vor sich gegangen: zuerst langsames Einsickern einzelner Großfamilien, die als Wanderhirten im Kulturland Fuß fassten; dann, immer stärker anschwellend, Zuzug größerer Gruppen; schließlich, in der Zeit, da die Oberhoheit der großen Reiche auseinanderfiel, Nachrücken machtvoller Verbände. In den Anfängen wird die große Einwanderung ohne kriegerische Auseinandersetzung verlaufen sein. Die Wandererfamilien machten von der Möglichkeit Gebrauch, sich vor den Toren der Stadtstaaten niederzulassen; sie besiedelten die gerodeten Höhen; in den Einflusssphären der Stadtstaaten suchten sie ein schiedlich-friedliches Zusammenleben, nötigenfalls auch entsprechende vertragliche Regelungen. Aber je größer der Zustrom wurde, um so weniger funktionierte das gewohnte Verfahren der »Transhumanz« und ruhigen Ansiedlung. Bewaffnete Auseinandersetzungen werden nicht mehr zu vermeiden gewesen sein, nachdem auch die letzten Schübe der Einwanderung zu einer Zeit ins Land gedrungen waren, da die Stadtstaaten ihre Oberherren verloren hatten. Da gab es ohne Zweifel Schlachten und Eroberungen. Von Krieg und Kämpfen spricht die Überlieferung im Josua-Buch; allerdings muss man bei solchen Berichten prüfen, ob sie nicht Sagen wiedergeben, die Vorgefundenes ursächlich aufhellen sollten, oder Ereignisse einer späteren Zeit in die Periode der Landnahme zurückverlegen. Wie die fünf Bücher Mose, das Pentateuch, zeigt auch das Buch Josua die Neigung, die vielgestaltigen geschichtlichen Ereignisse zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Der Bund
Verstreut im Lande – meistens in den Ebenen – lagen noch um 1200 v. Chr. die kanaanitischen Zwergstaaten, im Küstengebiet bereits von der neuen Herrenschicht der Seevölker überlagert. Auf den gerodeten Höhen, im freien Gebiet zwischen den Stadtstaaten der Urbevölkerung, saßen Einwandererstämme aus dem Osten und zum Teil auch aus dem Süden, größtenteils aus Familien und Sippen aramäischer Herkunft zusammengesetzt. Sehr unterschiedlich dürfte das Verhältnis der Einwanderergruppen zur Urbevölkerung gewesen sein: von der »Fronknechtschaft« im streng kontrollierten Machtbereich der Stadtstaaten über vertragsmäßig geordnete Koexistenzverhältnisse bis zu voller Freiheit und Selbständigkeit. War der Stamm Issachar typisch für die Gruppen, die im strengen Dienstverhältnis zur einheimischen Bevölkerung standen, so waren das »Haus Joseph« in Mittelpalästina und der Stamm Juda im Süden repräsentativ für Teile der Einwandererbevölkerung, die sich frei entfalten konnten. Die zwischen den kanaanitischen Stadtstaaten lebenden Stämme bildeten Stämmeverbände, um ihre Interessen gemeinsam zu verfechten. Bevor der große Zwölfstämmeverband Israel zustande kam, scheinen zwei Sechserverbände – einer im Süden und einer im Norden – bestanden zu haben; den Mittelpunkt der südlichen Gruppierung darf man in Hebron, den der nördlichen in der Gegend um Sichern vermuten. Als der überstaatliche Zusammenhang ganz geschwunden war und von den kanaanitischen Kleinstaaten keine Macht mehr in die von Einwanderern besetzten Räume zwischen ihnen ausstrahlte, vereinigten sich zwölf Stämme der unterdes in Palästina ansässigen Aramäer in einem Stämmebund. Vermutlich hatten Verhandlungen zwischen den Stammesältesten der kleineren Verbände in Nord und Süd den Zusammenschluss vorbereitet. Dass sie näher zusammenrückten, war verständlich: in dieselbe Zeit fiel die Gründung des philistäischen Stadtstaatenbundes an der Küste und der Staaten Ammon, Moab und Edom im Osten. Auch gegenüber den kanaanitischen Stadtstaaten bedurfte es einer wirksameren Organisationsform. Die Initiative ging von den starken mittelpalästinischen Gruppen aus, und offenbar war Sichern das Zentrum der neuen Sammlung. Von den bedeutsamen Ereignissen berichtet im Alten Testament (Josua 24) ein Dokument, das Klaus Baltzer das »Bundesformular« des Zwölfstämmeverbandes nennt. Josua, eine führende Person des »Hauses Joseph«, beruft die zwölf Stämme zu einer großen Zusammenkunft nach Sichern. Die Präambel des Bundesformulars, das in seiner literarischen Gestalt den hethitischen Vertragsurkunden gleicht, geht davon aus, dass alle versammelten Stämme aus dem Lande »jenseits des Euphrats« stammen, dass aber in ihren Reihen verschiedene fremde Götter verehrt werden. Voraussetzung des Zusammenschlusses ist das Bewusstsein der gemeinsamen Herkunft aus dem aramäischen Mutterverband, das durch die Gemeinsamkeit der Wanderungs- und Ansiedlungsschicksale gestärkt worden ist und das durch den Anschluss von Gruppen anderer Herkunft (etwa der Keniter) nicht gemindert wird. Dem verbindenden Element steht aber ein trennendes gegenüber: der religiöse Zwiespalt, der durch den Zusammenschluss überwunden werden soll. Josua und mit ihm wohl auch die im Norden dominierende Stämmegruppe des »Hauses Joseph« (die Stämme Ephraim und Manasse) verehrten den Gott Jahve, der sich am Berg Sinai offenbart und Gebot und Recht mitgeteilt hat. Und nun ruft Josua die versammelten Stämme auf, in den Kult des Gottes Jahve einzutreten und sein heiliges Recht als verpflichtende Lebensordnung zu übernehmen. »Jahve ist unser Gott«, »Jahve wollen wir dienen«, antworten die Stämme – und empfangen von Josua »Gebot und Recht«. Mit symbolischen Handlungen wird die feierliche Bundesverpflichtung abgeschlossen und der Gründungsort zum Gedenken an den konstituierenden Akt besonders gekennzeichnet. Verbunden mit dem Bekenntnis zu Jahve als dem Einen Gott ist die Abschwörung, mit der alle fremden Kulte und Götter fortan verbannt sind. Das »Bundesformular«, das die Entstehungsgeschichte des Stämmeverbandes enthält, eröffnet wichtige Perspektiven. Die in Sichern gegründete Gemeinschaftsordnung war vor allem sakral fundiert. Die Lebensmitte, von der aus der Zusammenschluss zustande gekommen war, war religiös. An einem zentralen Heiligtum trafen sich die zwölf Stämme und kamen überein, einen einzigen Gott zu verehren. Diese Lebensordnung eines Stämmebundes hat Parallelen in aramäischen, ismaelitischen und edomitischen Bereichen, vor allem aber in den uns besser bekannten griechischen Stämmebünden (Amphiktyonien), die ebenfalls sakral fundiert waren. Die Zahl Zwölf, die in der Struktur der Verbände eine so große Rolle spielte, ursprünglich wohl astralmythologischer Natur, dürfte später zu einem festen Ordnungsfaktor erstarrt sein. Gemeinschaftsverbände mit sechs oder zwölf Stämmen sind sakrale, vorpolitische Lebensordnungen, in denen gemeinsame Herkunft, gemeinsames Schicksal, gemeinsamer Wohnbereich, gemeinsame Sprache und andere Determinanten des Volksdaseins zwar vorausgesetzt, aber für die Konstituierung und das Leben der Gemeinschaft nicht entscheidend sind. Das Entscheidende ist das in der sakralen Sphäre gefundene verbindende Element: die religiöse Verehrung des Einen Gottes. In diesem Sinne wäre es problematisch, von einem »Volk« Israel zu sprechen; die Bezeichnung »Israel« bezog sich auf den sakralen Stämmeverband, dessen Lebensordnung deswegen besondere Beachtung beansprucht. Sakrale Lebensordnung
Das führende Organ des vorpolitischen Stämmeverbandes war nach allem, was wir heute wissen, ein Amphiktyonenrat. Stammessprecher (nasi) gehörten diesem Kollegium an, das die Geschicke der Gemeinschaft verantwortlich leitete. Im Kreise der Ältesten wurden vermutlich in erster Linie Spannungen zwischen den einzelnen Gruppen, aber auch Auseinandersetzungen mit der Urbevölkerung des Landes beraten. Im Einzelnen sind die Funktionen dieses Rates nicht mehr klar ersichtlich. Mehr wissen wir dagegen über die Ämter, die der sakralen Lebensmitte des Gesamtverbandes unmittelbar zugeordnet waren: die der Priester und des »Richters in Israel«. Der Gott Israels war ein Gott des Rechtes. Wer ihm dienen wollte, musste seine Gebote und Gesetze gehorsam aufnehmen und in allen Bereichen des Lebens wirken lassen. In der Tradition des Alten Testaments herrschten zwei Typen des Rechts vor: der kasuistische und der apodiktische. Israels kasuistisches Recht entsprach der formalen Anlage nach dem Gewohnheitsrecht des alten Orients, wie es etwa in den Gesetzen Hammurabis zutage tritt; zunächst wurde ein Rechtsfall statuiert, an den dann die vorgesehene Rechtsfolge geknüpft wurde; etwa so (Exodus 22, 7): »Wenn jemand einem anderen Geld oder Kostbarkeiten zu verwahren gibt und es wird diesem aus dem Hause gestohlen, dann soll der Dieb, wenn man ihn findet, doppelten Ersatz leisten.« Zahlreiche Gesetze dieser Art – alle mit der Sequenz »Wenn …, dann …« – wurden im Laufe der Zeit entwickelt. Eine kundige Priesterschaft musste im Bereiche des Zentralheiligtums das umfangreiche Korpus ständig bearbeiten und normieren. Die altorientalische Rechtstradition, wie sie die Stämme Israels auch bei der Urbevölkerung Palästinas vorfanden, musste geprüft, geändert und nach den Prinzipien des Jahve-Glaubens neu formuliert werden. Levitische Priester hatten für die Gerichtsbarkeit, die in den Toren der Städte von den Ortsältesten gehandhabt wurde, alle nach dem göttlichen Recht möglichen Rechtsfälle mit ihren Rechtsfolgen bereitzustellen. Dieser Rechtspflege kam in Israel zentrale Bedeutung zu. Unter der Devise »Das Gerichtsamt ist Gottes« (Deuteronomium 1, 17) wussten sich die Priester und die in den Ortschaften tätigen Ältesten in einen pansakralen Rechtsakt hineingestellt. Bei Streitfragen in der lokalen Rechtsprechung (Deuteronomium 17, 8 ff.) scheinen die Priester des zentralen Heiligtums als »höchster Gerichtshof« fungiert zu haben; ihnen standen technische und divinatorische Mittel zur Einholung eines Gottesurteils oder Orakels (Deuteronomium 33, 8 ff.) zu Gebote; sie waren (Deuteronomium 33, 10) die Hüter und Lehrer des Rechts in letzter Instanz. Natürlich fiel den Priestern auch die Pflege des Zentralheiligtums zu, darunter die Bewahrung und rituelle Handhabung der Kultgegenstände. Dass der zentralen Priesterschaft auch Opferhandlungen anvertraut gewesen seien, ist dagegen wenig wahrscheinlich; die Überlieferung weiß von keiner bedeutungsvollen Opferpraxis im Zentralheiligtum Sichern. Man darf annehmen, dass die spätere Forderung der großen Propheten: »Nicht opfern sollt ihr, sondern Recht und Gerechtigkeit üben«, auf den frühen Rechtskultus des Zwölfstämmeverbandes zurückgeht. Falls es Opferhandlungen in der Frühzeit gegeben hat, müssen sie auf Bräuchen beruht haben, die für das sakrale Leben des Stämmeverbandes keine wesentliche Bedeutung hatten. Hinter der levitischen Priesterschaft, deren Hauptaufgabe der Überlieferung und Gestaltung des kasuistischen Rechtskorpus galt, stand in der sakralen Gemeinschaft – hauptsächlich als Träger des apodiktischen Rechts – eine Einzelgestalt: der »Richter in Israel«. Im Unterschied zur konditionalen Wirksamkeit der kasuistischen Rechtsfolge galt apodiktisches Recht unbedingt, durchdringend und gebieterisch; es war überall verbindlich. Die Zehn Gebote waren apodiktisches Gottesrecht; die Forderungen, die mit prophetischer Gewalt als Ich-Wort Jahves an Israel und an den Einzelnen herantraten, hatten absolute Geltung. Das apodiktische Gottesrecht wurde bei einer kultischen Gelegenheit verkündigt, und der auf Lebenszeit berufene »Richter Israels«, ein Mann mit prophetischer Gabe, war der verantwortliche Übermittler. Für das gesamte sakrale Rechtsleben Israels war er die Schlüsselfigur: die über der Priesterschaft stehende höchste Berufungsinstanz (Deuteronomium 17, 8 f.) und der mit den größten Vollmachten versehene Rechtsprecher (1. Samuel 7, 15 ff.). Nach einer Formulierung von Martin Noth war er der Mann, der das gesamte Recht »kennen, auslegen und darüber Auskunft geben musste, der über seine Beachtung zu wachen und vielleicht selbst es öffentlich zu verkündigen hatte, dem es schließlich auch oblag, seine Anwendung auf neue Situationen und damit seine Weiterbildung verantwortlich vorzunehmen und überhaupt die einzelnen Stämme über die Bedeutung und Anwendung seiner einzelnen Sätze ständig zu belehren«. Die Herrschaft Jahves, des Gottes Israels, äußerte sich im Recht. Auf seiner Autorität beruhten, in seinem Dienst standen die wichtigsten Ämter. Das Recht durchzusetzen war eine zentrale Aufgabe; das Böse aus der Mitte der Gemeinschaft auszurotten war vordringlich. Schwerer Rechtsbruch wurde mit der Steinigung bestraft, und strenge Maßnahmen wurden auch gegen Stämme ergriffen, die sich am heiligen Recht versündigten. In Gibea, einem Ort im Stammesgebiet Benjamins, hatten sich die Einwohner an der Frau eines levitischen Gastes vergangen. Sofort erging an den Stamm Benjamin die Aufforderung (Richter 19, 30): »Richtet eure Aufmerksamkeit darauf und fällt einen Spruch!« Die Benjaminiten aber deckten die Einwohner von Gibea und missachteten das Geheiß des Zentralheiligtums. Die Verletzung des Gottesrechts wurde von den übrigen Stämmen als Anschlag auf die Grundlagen des Zwölfstämmeverbandes empfunden und mit einem Krieg gegen Benjamin beantwortet. Benjamin unterlag, und das Vergehen von Gibea wurde geahndet. Das verletzte Recht war wiederhergestellt. Überhaupt war die Institution der Rechtsetzung und Rechtsprechung, da sie ihren Urgrund in Jahve hatte, unantastbar, und die mit der Wahrung des Rechts betrauten Ämter verfügten über eine einschneidende Vollzugsgewalt. Zu den sakral geschützten Einrichtungen des Zwölfstämmeverbandes gehörte vor allem auch das Bodenrecht, das auf der in einem kultischen Akt vorgenommenen Auslosung der Landanteile beruhte. Der Landanteil, der dem einzelnen Israeliten zufiel, durfte nicht veräußert werden. Der Gefahr der ungerechten Veränderung der Eigentumsverteilung durch Missernte oder Verschuldung wurde mit der kultischen Einrichtung des Erlassjahres (Deuteronomium 15, 1 ff.) entgegengetreten, das alle sieben Jahre mit der Streichung aller Schuldtitel die gerechte Grundordnung wiederherstellte. Israels Land galt dem Stämmeverband als Jahves Land und der Bodenanteil der einzelnen Familie gleichsam als Lehen. Wenn im Bodenrecht der kanaanitischen Urbevölkerung der Erwerb größeren Grundbesitzes möglich gewesen war, so hatten die aus der Wüste einwandernden Stämme Israels ein freieres Verhältnis zum Lande, das gegen die Konzentration von Grundeigentum in den Händen Einzelner wirkte. Die Auslosungs- und Verteilungsaktionen wurden vom sakralen Zentrum aus geleitet und überwacht und Übergriffen entzogen. Wie fügte sich der sakral organisierte Stämmeverband in die politisch-geschichtliche Wirklichkeit der Umwelt ein? Wie verhielt er sich bei feindlichen Angriffen oder angesichts einer Bedrohung durch die umliegenden Staaten und Gruppen? Der Abwehr äußerer Gefahren galt die Institution des »heiligen Krieges«. Auch der Krieg war eine sakrale Angelegenheit, die der Verteidigung des Zwölfstämmeverbandes Israel diente, denn für sein angegriffenes Volk trat Jahve als schützender Gott auf den Plan. Drohte in irgendeinem Stammesgebiet ein Angriff von außen, so wurde die Gefahr zunächst durch Hornsignale überallhin gemeldet; Boten eilten durchs Land und riefen die kriegstüchtigen freien Männer in den Heerbann. Im Heerlager bereiteten sich dann die Krieger unter heiligen Riten auf den Kampf vor; jetzt waren sie »Jahves Schar«. Gottes Wille wurde durch Orakel erforscht. Hatte Jahve den Feind Israel »in die Hand gegeben«, so konnte das Heer aus-ziehen und das Kriegsgeschrei anstellen. Ein Gottesschrecken überfiel sodann die Feinde und bewirkte das Wunder ihrer Bezwingung. Das alles geschah freilich nur im optimalen Fall, der der Theorie der sakralen Institution gerecht wurde. In Wirklichkeit waren jedesmal große Schwierigkeiten zu überwinden, ehe sich die Ordnung des heiligen Krieges durchsetzen konnte. Ein starker Hang zum Partikularismus verleitete die Stämme immer wieder, den bedrohten Gruppen die Hilfe zu versagen. Im Bereich der unmittelbaren Gefahren mussten kleinere Verbände der feindlichen Macht entgegentreten. Und mit der Zeit zeigte sich, dass die sakrale Institution den Erfordernissen der politischen Wirklichkeit nicht mehr gewachsen war. Die Lebensmitte des Zwölfstämmeverbandes war der Kultus. Im Zentralheiligtum wurde Israel in seiner Ganzheit sichtbar. Beim Konstituierungsakt in Sichern war die heilige Stätte mit einem von Josua errichteten Denkstein gekennzeichnet worden. War das für das zentrale Heiligtum des Zwölfstämmeverbandes eindrucksvoll genug? Von der Errichtung eines Tempels in Sichern weiß die alttestamentliche Überlieferung nichts; im Zentrum steht ein anderes symbolisches Gebilde. In den ältesten Traditionen des Alten Testaments finden sich Hinweise auf zwei symbolträchtige Elemente. Stets fungiert als zentrales Sanktissimum des Zwölfstämmeverbandes die Lade, einmal als kastenförmiger Behälter der Gesetzestafeln, dann aber auch als leerer Thronsitz des unsichtbar in Israel gegenwärtigen Gottes Jahve Zebaoth. Am deutlichsten wird diese Funktion der Lade bei ihrer Überführung nach Jerusalem zur Zeit Davids: erst als Standort der Lade wird die Stadt zum Zentralheiligtum Israels. Doch neben der Lade gibt es noch ein anderes: schon in frühen Schichten der Pentateuchtradition wird mit kultischer Betonung die Lagerordnung der in Zelten untergebrachten Zwölf Stämme Israels geschildert, und in der Mitte der nach Vorschrift angeordneten Zelte steht das heilige Zelt, in dem Jahves Herrlichkeit »erscheint« und sich in Orakeln kundgibt. In der späteren Überlieferung wurden Lade und Zelt miteinander verbunden; es hatte aber vordem eine Zeit gegeben, in der sie getrennt waren und die sakrale Mitte des amphiktyonischen Kultus bezeichneten. Hätten demnach zwei Zentren gleichzeitig bestanden? Vielleicht. Der Zwölfstämmeverband hatte in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens eine recht bewegte Geschichte. Nicht immer war Sichern das Zentralheiligtum; zur Wahrung der Parität unter den Stämmen wurde die sakrale Mitte in nicht mehr feststellbaren Zeitabständen verlagert. Mit der Verlagerung konnte sich die symbolische Kennzeichnung des Zentralheiligtums ändern. Wegen der Armut der Quellen lässt sich zwar die Kultgeschichte des Zwölfstämmeverbandes nicht rekonstruieren; bezeugt sind aber in den ältesten Traditionen als Zentralheiligtümer außer Sichern auch die Orte Gilgal, Bethel und Silo, und in denselben Orten wird zu verschiedenen Zeiten auch die Lade erwähnt. Vielleicht kommen als zentrale Stätten auch noch andere Orte – Thabor? Beerseba? – in Frage. Wo immer der amphiktyonische Kultort gewesen sein mag, er diente auch als Sammelpunkt für die regelmäßigen Treffen der Stämme, die der kultischen Feier der Jahresfeste galten. Das Gebot (Exodus 23, 14-16) ordnete an: »Dreimal im Jahr sollst du mir ein Fest feiern. Das Fest der imgesäuerten Brote sollst du halten: sieben Tage sollst du ungesäuertes Brot essen, wie ich dir geboten habe, zur bestimmten Zeit im Monat Abib ; denn in diesem (Monat) bist du aus Ägypten ausgezogen. Und man soll nicht mit leeren Händen vor meinem Angesicht erscheinen. Sodann das Fest der Kornernte, der Erstlinge vom Ertrag deiner Aussaat auf dem Felde, und das Fest der Lese beim Herausgehen des Jahres, wenn du deinen Ertrag vom Felde einsammelst.« Die Ordnung des Kultkalenders gibt dem Ablauf des Jahres ein festes Gefüge, in dem sich die sakral geregelte Lebensweise des Zwölfstämmeverbandes in fester Zeitabfolge widerspiegelt.