Die Sinai-Offenbarung

In den Kultkalendern des Alten Testaments tragen die drei großen Jahresfeste die Merkmale der Jahreszeiten, die für das Kulturland wichtig sind: Gerstenernte, Weizenernte, Lese. Von der Urbevölkerung des Landes hatte Israel die Termine übernommen, die dem Rhythmus des landwirtschaftlichen Jahres entsprachen. Immer mehr entkleidete Israel jedoch die Saisonfeste ihres naturhaften, von Vegetationsmythen bestimmten Charakters und rückte geschichtliche Erinnerungen aus der Zeit vor der Begründung des Zwölfstämmeverbandes in den Mittelpunkt der festlichen Kultveranstaltungen. In der alten Zeit ragte aus der Reihe der Feste als Abschluss des Erntejahres das »Fest der Lese«, das herbstliche Laubhüttenfest, heraus. In dieses Fest wurde nun in Israel die Vergegenwärtigung einer grundlegenden Geschichtstradition hineinverlegt: im Herbstfest wurde das Sinai-Ereignis von neuem erlebt und bekräftigt. Besonders treten im kultischen Vergegenwärtigungsgeschehen drei Akte hervor: die Selbstvorstellung Jahves im Vorgang der Theophanie, die Bundesschließung und die Mitteilung der Gebote. Die Tradition weiß, dass der Gottesname Jahve zum ersten Mal in der offenbarenden Selbstvorstellung auf dem Sinai gefallen ist. Verbunden mit der Kundgebung »Ich bin Jahve« war die Bundeszusage: »Ich bin Jahve, dein Gott.« Im Gottesdienst des Herbstfestes erinnerte sich der Zwölfstämmeverband des nicht erst in Sichem, sondern schon am Sinai versprochenen Gottesbundes, und im kultischen Akt wurden die Bundesordnungen, die Gebote Jahves, jeweils neu verkündigt. Im Zeremoniell von Sichem (Deuteronomium 27) teilte sich der Zwölfstämmeverband in zwei Halbchöre, am Hange des Ebal und auf dem gegenüberliegenden Berg Garizim; die Leviten verkündigten die apodiktischen Gebote, und die Chöre antworteten jedesmal mit einem bestätigenden »Amen«. Das Sinai-Ereignis wurde kultisch vergegenwärtigt, wie man überhaupt gerade an Hand der alttestamentlichen Sinai-Berichte beobachten kann, wie sehr das Moment der kultischen Aktualisierung die Traditionen durchwirkt. Als Festlegende lebte die Sinai-Tradition in der kultischen Rezeption durch den Zwölfstämmeverband. Charakteristisch für das Leben Israels vor Jahve waren zwei Gebote. Als Jahve sich selbst kundtat und Israel in den Gottesbund einholte, lautete die erste Forderung: »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!« Über den »Monotheismus« Israels ist viel geschrieben und dabei die Eigenart der »Monolatrie« in den frühen Stadien der religiösen Entwicklung hervorgehoben worden. Solche Kategorien reichen zur Erfassung der Wirklichkeit nicht aus. Die Idee des »Monotheismus« geht von einem statisch fixierbaren »Theismus« aus, während für den religiösen Glauben Israels die dynamische Expansion eines Herrschaftsanspruches kennzeichnend ist, der auf der Selbstvorstellung Jahves und der prophetischen Übermittlung des Gottesrechts beruht. Der Herrschaftswille Jahves duldet keine anderen Mächte, ohne tyrannisch und despotisch zu sein, denn er ist mit dem Heilswillen Jahves identisch. So würde sich Israel, wenn es anderen Göttern folgte, in unheilvolle Koalitionen verstricken und Schaden nehmen; Jahve befreit die Seinen aus dem Bann der numinosen Mächte und aus der Sphäre der geschichtlichen Gewalten (etwa Ägyptens). An der Befolgung des ersten Gebots entscheidet sich daher das Schicksal Israels. Zu den eigenartigen Lebensfundamenten des alttestamentlichen Gottesvolkes gehört indes auch das zweite Gebot: »Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist!« Dies Verbot der Abbildung Gottes ist vielen Missverständnissen ausgesetzt. Die Erklärung, dass Israel dem am Sichtbaren und Dinglichen orientierten Kultus der Heiden eine nur auf das Unsichtbare und Geistige ausgerichtete Gottesverehrung entgegengesetzt habe, trifft nicht zu: auch bei den Heiden wurden die Bilder nur in den seltensten Fällen mit der Gottheit wirklich identifiziert; vielmehr glaubte man die Gottheit im Bilde gegenwärtig, und diese Gegenwart stattete den Menschen mit einer gewissen Verfügungsgewalt aus. Solche Fixierungen und Verfügungsmöglichkeiten wurden aber Israel im Alten Testament genommen, und deswegen wurde es zum Fremdling unter den Völkern. Die religiöse Lebensquelle des Zwölfstämmeverbandes war von Anfang an nicht das Kultbild, sondern das prophetisch übermittelte Wort. Eben darum kam auch den Festlegenden eine wichtige glaubens- und lebensbegründende Funktion zu. Es ist aber nun eine Frage, ob eine Festlegende als Quelle für die Rekonstruktion geschichtlicher Vorgänge in Anspruch genommen werden kann. Als Zwölfstämmeverband hatte sich Israel erst im Kulturland konstituiert. Dass die Sinai-Tradition über die Vorgeschichte etwas hätte aussagen können, war wohl nicht gut möglich, denn die einzelnen Stämme hatten vor der Gründung des Verbandes ihre geschichtlich wesentlichen Erfahrungen in verschiedenen Räumen und zu verschiedenen Zeiten gesammelt. Allenfalls können kleinere Gruppen des späteren Israels die im Buch Exodus überlieferten Ereignisse – Auszug aus Ägypten, Wüstenwanderung, Offenbarung am Sinai – erlebt haben, und es muss noch nicht einmal ein und dieselbe Gruppe Zeuge und Überlieferer aller dieser Ereignisse gewesen sein. Die Sinai-Überlieferung hätte von einer, die Auszugstradition von einer anderen Gruppe bewahrt worden sein, und nur das Schicksal einer kleineren Gruppe wäre durch die historischen Konturen der Sinai-Erzählungen angedeutet. Aber schon die »Konturen« sind fragwürdig. Bei der Frage nach dem Namen und Ort des Gottesberges setzen bereits die Unklarheiten ein: der Berg kann »Sinai«, aber auch »Horeb« genannt werden, und vielleicht waren sogar zwei verschiedene Berge gemeint. Nur mit Vorbehalt kann man aus den Texten herauslesen, dass der Ort der Handlung im südlichen Gebirgsmassiv der Sinai-Halbinsel gelegen haben muss; eine überzeugende topographische Identifizierung fehlt bis jetzt. Was feststeht, ist also nur, dass die Sinai-Tradition in Sichern zur gemeinsamen geschichtlichen Überlieferung des Stämmeverbandes erhöben wurde. Als Josua die versammelten Stämme aufrief, in den Dienst Jahves einzutreten, wurde die religiöse Tradition einer Gruppe zur Kultbasis für den gesamten Verband; die Sinai-Tradition wurde vom Volk im Festkult aufgenommen und verarbeitet, musste also künftighin lebendig bleiben. Die Motive und Tendenzen der in die Vergangenheit zurückgestrahlten Vereinheitlichung des Geschichtsbildes schälen sich nun deutlicher heraus: nimmt ganz Israel an der Vergegenwärtigung des Sinai-Ereignisses im Festkult teil, so muss auch die Geschichtsschreibung alle Stämme am Originalmodell des vergegenwärtigten Geschehens teilhaben lassen. Welche Bedeutung kommt nun in diesem Geschichtsbild der Gestalt des Mose zu? Durch eine gewaltig ausgreifende Traditionsbildung wurde diese Gestalt in alle Ämter und Bereiche der vorisraelitischen Zeit hineinprojiziert, mit den Mitteln historischer Kritik ist an sie nicht mehr heranzukommen. In den Sinai-Abschnitten des Alten Testaments gilt Moses vor allem als prophetisch begabter Übermittler des heiligen Gottesrechtes. Das Deuteronomium lässt ihn sagen: »Ich stand damals am Sinai zwischen Jahve und euch, um euch die Worte Jahves zu verkündigen.« An keiner Stelle im Alten Testament erscheint Moses als Religionsstifter. Moses »stiftet« keine Religion; er übermittelt Jahves Selbstvorstellung, Bundesschließung und Bundesordnung. Jede Möglichkeit der Verehrung eines religiösen Genius schneidet das Alte Testament ab; andere Gottesmänner können und sollen später die Stelle des Mose einnehmen. Der Gott Israels ist, wie in den Erzvätergeschichten häufig genug betont wird, kein Lokalnumen, das infolge günstiger Zufälle über die lokale Bedeutung hinausgehoben wird und durch einen »Stiftungsakt« in die Welt getragen werden muss; er ist der sich selbst bezeugende Gott, dessen Offenbarung in der Geschichte zum Ziel kommt. Auszug aus Ägypten: Kultdrama und Geschichte
Im Alten Testament sind die Errettung aus Ägypten und die wunderbaren Ereignisse beim Zug durchs Meer die inhaltliche Grundlage eines immer wieder ausgesprochenen Glaubensbekenntnisses. Stets von neuem wurde die Kultgemeinschaft Israel durch prophetische Verkündigung angeleitet, das Geschehen der Frühzeit als Walten Gottes zu erkennen. Ständig erneuert wurde die Erklärung (2. Samuel 7,23): »Wo ist eine andere Nation auf Erden wie dein Volk Israel, um derentwillen ein Gott hingegangen wäre, sie sich zum Volke zu erkaufen und ihr einen Namen zu machen und für sie so große und wunderbare Dinge zu tun…?« Wenn sich die Stämmegemeinschaft am heiligen Ort versammelte, bekannte sich auch der einzelne Israelit zur geschichtlichen Darstellung, die das besondere Verhältnis zum Gott der Väter bekräftigte. Bei der Ablieferung der Emte-»Erstlinge« stimmte der Opfernde in das große Credo (Deuteronomium 26,5 ff.) ein: »Ein umherirrender Aramäer war mein Vater; der zog hinab mit wenigen Leuten nach Ägypten und blieb daselbst als Fremdling und ward dort zu einem großen, starken und zahlreichen Volke. Aber die Ägypter misshandelten uns und bedrückten uns und legten uns harte Arbeit auf. Da schrien wir zu Jahve, dem Gott unserer Väter, und Jahve erhörte uns und sah unser Elend, unsere Mühsal und Bedrückung, und Jahve führte uns heraus aus Ägypten mit starker Hand und ausgerecktem Arm, unter großen Schrecknissen, unter Zeichen und Wundem, und brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land, ein Land, das von Milch und Honig fließt.« Der geschichtliche Bericht war Teil des Bekenntnisses, im Bekenntnis antwortete der Einzelne auf die prophetische Verkündigung der großen Taten Gottes. Vornehmlich war auch die Tradition vom Auszug aus Ägypten »Festlegende«; religiöse Aussagegehalte verflochten sich mit der Geschichtsüberlieferung. Als »geschichtliche Urkunden«, als die sie der Historiker gern aufnehmen möchte, müssen daher die Texte zurücktreten. Nur noch in fernen Umrissen ist das tatsächliche Geschehen in den Traditionen erkennbar. Wie stellt sich dann aber das ganze Geschehen der historischen Kritik dar? Die glaubende Aneignung der Geschichte ist nicht dasselbe wie die historische Sichtung, um die sich die moderne Geschichtsschreibung mit allen brauchbaren Forschungsmitteln bemüht. Und der Historiker, der sich mit dem Alten Testament beschäftigt, kann nicht übersehen, dass nicht allein das alte Israel die alttestamentliche Geschichte glaubend übernahm; noch heute leben Synagoge und Kirche im Glauben an die im Alten Testament bezeugte Geschichte. Dass das dort Berichtete auch in der Gegenwart und mit mächtigen Rückwirkungen auf die Gegenwart aus dem Glauben akzeptiert wird, muss von der historischen Kritik respektiert werden. Auch an der Errettung aus Ägypten sehen die alttestamentlichen Texte grundsätzlich ganz Israel beteiligt. Nach dem bisher über die Sondergeschichte der Stämme und die Hintergründe der Sinai-Tradition Gesagten wird man diese Darstellung auf eine spätere Ausweitung zurückführen müssen. Die Annahme liegt nahe, dass die Erlebnisse in Ägypten einst in Sonderüberlieferungen einzelner Gruppen des späteren Israels lebendig gewesen sein dürften. Welches Schicksal haben diese Gruppen erlitten? Die als »Hebräer« bezeichneten Verbände hatten Dienstleistungen in Ägypten auf sich nehmen müssen und waren mit ihren Aufsichtsbehörden in Konflikt geraten. Heute weiß man, dass sich die Benennung »Hebräer« (hapiru) nicht auf die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, sondern auf einen sozialen Status bezog. » Hebräer« wurden im alten Orient heimatlos gewordene Menschen oder Menschengruppen genannt, die sich freiwillig zu Dienstleistungen in einem fremden Gemeinwesen verpflichteten. In diesem Sinne waren die Vorfahren Israels, die sich in Ägypten aufhielten, »Hebräer«: dienstverpflichtete Lohnarbeiter. Sie mussten aus Nilschlamm und Häcksel Lehmziegel formen; sie wurden bei der Erbauung der Vorratsstädte Pithom und Ramses beschäftigt; sie arbeiteten an Bewässerungsanlagen. Allmählich wurden ihnen diese Dienstleistungen unerträglich. Die Flucht wurde vorbereitet und eines Tages zur Überraschung der ägyptischen Aufseher ausgeführt. Nachdem der Ausbruch der Hebräer bekanntgeworden war, wurde eine Streitwagenabteilung aufgeboten, die die fliehenden Gruppen abfangen, die wertvollen Arbeitskräfte zurückholen sollte. Nach den im Buch Exodus überlieferten Erzählungen waren die Streitwagen der Ägypter in der Nähe eines Meeres dicht an die fliehenden Hebräer herangekommen, und in diesem Augenblick ereignete sich das Wunder, dass die Verfolgten durch das Meer hindurchziehen konnten, die Verfolger aber von den Fluten verschlungen wurden. Wo ist das Meereswunder geschehen? Wie soll man sich den Vorgang nach den überlieferten Hinweisen vorstellen? An einer Stelle (Exodus 14,2) ist die Ortsbestimmung überraschend genau: »Befiehl den Israeliten, umzukehren und sich bei Piharirot zu lagern, zwischen Migdal und dem Meer, angesichts von Baal Zaphon, diesem gegenüber.« Diese Angaben führen in das Gebiet des Sirbonischen Sees nordöstlich des Nildeltas. Allerdings sind sie einer verhältnismäßig jungen Quelle entnommen, die sich möglicherweise auf lokale Traditionen ihrer Zeit stützte; die älteren Quellen sagen nichts über die Stätte des Wunders, sondern berichten nur, es habe sich »am Meere« zugetragen. Verwirrend wird die Sache, wenn eine andere Stelle (Josua 2,10; 4,23) das Wunder ans »Schilfmeer«, also wohl an den östlichen Arm des Roten Meeres, den Golf von El-Akaba, verlegt; im übrigen ließen sich aus den Quellen auch noch andere Ortsbestimmungsversuche entwickeln. Sicher ist nur, dass die ältere Tradition von den Vorgängen »am Meer« topographisch keine genaue Kenntnis mehr hatte. Was aber war »am Meer« geschehen? Auch in dieser Beziehung weichen die Quellen voneinander ab. Zunächst zeigte sich im Alten Testament das Bestreben, das Ereignis als Wunder, als plötzliches und staunend wahrgenommenes Eingreifen Gottes darzustellen. Ein alter Hymnus (Exodus 15,1) feierte die Gottestat: »Singen will ich Jahve, denn hoch erhaben ist er; Ross und Reiter warf er ins Meer.« Doch bereits in einem sehr frühen Quellenwerk (Exodus 14,21) wurde eine kausale, rationale Aufhellung des Ereignisses versucht: »Jahve trieb das Meer die ganze Nacht durch einen starken Ostwind zurück und legte das Meer trocken.« Offenbar schwebte dem Erzähler die Möglichkeit vor, dass die fliehenden Hebräer eine durch günstige Windverhältnisse hervorgerufene Ebbe gerade noch ausnutzen konnten, während die ägyptische Streitwagenabteilung bereits in die aufkommende Flut hineingeriet: »Beim Anbruch des Morgens strömte das Meer in sein Bett zurück.« Danach hätten die Verfolger den Fehler begangen, durch das Meer bei Nacht zu waten, so dass sie das Aufkommen der Flut in einen Zustand der Verirrung und Verwirrung (Exodus 14,24) versetzte und sie dem im Morgengrauen zurückflutenden Wasser nicht mehr entrinnen konnten. Bei näherer Prüfung der Quellen lässt sich feststellen, dass der wunderhafte Charakter des Geschehens in späterer Zeit – unter dem Impuls der Kultverkündigung – immer mehr ausgemalt wurde. Ein jüngerer Text (Exodus 14,22) erzählt: »Die Israeliten gingen mitten im Meer auf dem Trockenen, während die Wasser ihnen zur Rechten und zur Linken wie eine Mauer standen.« Zweifellos sah das spätere Israel im wunderbaren Geschehen »am Meere« zuvörderst Gottes machtvolles Eingreifen. Dieser Aspekt steigerte die berichtenden Geschehnisse zu Grundbildern von typischer Gültigkeit: der Gott Israels reißt sein Volk aus der Machtsphäre des ägyptischen Großkönigs heraus, errettet die Seinen und vernichtet die Großmacht. Dagegen wissen die ägyptischen Quellen von den Ereignissen im nordöstlichen Grenzbezirk überhaupt nichts zu berichten; fraglos waren sie für den Bestand des großen Reiches von geringer Bedeutung. – Der Auszug aus Ägypten fällt nach den alttestamentlichen Berichten wohl in die Regierungszeit Ramses II. Lassen sich die Gruppen des späteren Israels, die in Ägypten waren und also vom Süden her ins Kulturland Palästina einwanderten, näher bestimmen? Man hat gemeint, in den Josephsgeschichten Anhaltspunkte zu finden: die letzten Kapitel der Genesis berichten von Josephs Aufenthalt in Ägypten, und man fragt sich, ob es Gruppen des späteren »Hauses Joseph«, der Stämme Ephraim und Manasse, waren, die am Nil gelebt und den Auszug mitgemacht hatten. Es ist schwer, eine begründete Antwort zu geben: die Verästelung der vorisraelitischen Gruppen ist zu stark, kaum übersehbar. Es bleibt dabei, dass die Sondertradition einer Gruppe, die sich auf den Exodus bezog, vom Zwölfstämmeverband als geschichtliche Hauptüberlieferung übernommen und auf die gesamte Gemeinschaft übertragen wurde. Die Ausweitung eines Gruppenerlebnisses auf den Stämmeverband wird durch den Kultus vermittelt: ihr Instrument ist die Vergegenwärtigung geschichtlicher Ereignisse im Festkult. Die Sinai-Tradition war die Festlegende des Laubhüttenfestes im Herbst. Die Überlieferung vom Auszug aus Ägypten hingegen wurde im Passah-Mazzoth-Fest im Frühjahr kultisch aktualisiert. Vielleicht spiegelte diese Aktualisierung ein altes kultisches Zeremoniell aus der Umgebung des alt-israelitischen Zentralheiligtums Gilgal wider (Josua 3-5). Der Kultakt hatte sein festes Programm: die Zwölf Stämme sind am Jordan versammelt, um den Fluss feierlich zu durchschreiten; Priester tragen die Lade voran; jeder Akt atmet die Atmosphäre einer kultischen Feier; zum Schluss heißt es (Josua 4): »Jahve, euer Gott, ließ die Wasser des Jordans vor euch vertrocknen, bis ihr drüben wart, wie Jahve, euer Gott, mit dem Schilfmeer getan hat, das er vor uns vertrocknen ließ, bis wir drüben waren…« Die feierliche Überschreitung des Flusses durch die Furt bei Gilgal kann eine kultischdramatische Vergegenwärtigung des Meereswunders gewesen sein. »Ganz Israel« nahm an dem Kultakt teil; als das Volk den Jordan hinter sich ließ, betrat es das verheißene Land. Der Kultakt umspannte alle Inhalte des Credos. Auch hier lassen sich die Motive und Tendenzen der Einbeziehung »ganz Israels« in das Auszugsgeschehen ablesen: die kultische Vergegenwärtigung der Ereignisse glich dem Wiedererleben der Geschichte; anders ausgedrückt: im festlichen Ritus nahm »ganz Israel« an den Ereignissen in Ägypten teil. Die Passahordnung sorgte dafür, dass jeder Teilnehmer die Nacht der Flucht dramatisch-aktuell erlebe. Über das Passahlamm sagte die Vorschrift (Exodus 12,11): »So sollt ihr es essen: die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen und den Stab in der Hand. Ihr sollt es essen in angstvoller Eile; ein Passah für Jahve ist es.« In der gottesdienstlichen Aktualisierung, die sogar Gebärden reproduzierte, wurde alles Geschehen der Vergangenheit unmittelbare Gegenwart. Am Rande mag angemerkt werden, dass die Praxis der kultisch-dramatischen Darstellung mit all ihren Abwandlungen auch die Tradition bis in Einzelheiten hinein beeinflusste.

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Info 24.09.2017 - 03:14
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