Auf dem Weg zur monarchischen Staatsgewalt – Israel

Schon zu einer frühen Zeit waren die Ältesten der Stämme voller Sorge um die politischmilitärische Schwäche des Zwölfstämmeverbandes. Nur zu deutlich war spürbar, dass Feinde, die ins Land einbrachen, nach Belieben schalten und walten konnten, bis sich ein charismatischer Führer als Retter erhob. Das sakral begründete charismatische Führertum als Aktionszentrum des »heiligen Krieges« war kein politisches Machtmittel, sondern eine religiöse Erscheinung, über die man nicht je nach Bedarf verfügen konnte: dass der »Geist Jahves« über den noch unbekannten Helden komme, ließ sich nicht befehlen. Wie ungleich besser war doch die politische Ausgangsposition der Ammoniter oder der Edomiter, die schon früh zu einem staatlich fundierten Königtum und damit zu einem sicheren zentralen Machtorgan gekommen waren! Da brauchte im Kriegsfall kein freier Heerbann charismatisch aufgerufen zu werden: der König verfügte über eine stehende Truppe, die im Notfall schnell erweitert und als militärisches Machtmittel verwendet werden konnte. Sollten die Ältesten Israels in diesen fremden Einrichtungen nicht eine wünschenswerte Neuerung für Israel sehen? Nach dem Sieg über die Midianiter glaubten sie, so sagt die Überlieferung (Richter 8,22 ff.), in Gideon einen ersten König gefunden zu haben: »Herrsche über uns, du sowohl wie dein Sohn und dein Enkel, denn du hast uns aus der Hand der Midianiter errettet!« Das kraftvolle Charisma sollte gleichsam in einem Amt konserviert werden und ständig verfügbar sein. Gideon lehnte ab - mit der bezeichnenden Erklärung: »Ich will nicht über euch herrschen, und auch mein Sohn soll nicht über euch herrschen; Jahve soll über euch herrschen.« Immer noch war das Fundament Israels die Herrschaft Jahves; die Errichtung eines erblichen Königtums schien der souveränen Freiheit Gottes Abbruch zu tun. Historiker sprechen in diesem Zusammenhang gern von einer altisraelitischen »Theokratie«. Der Begriff führt in die Irre: zur »Theokratie«, so verschieden sie sein kann, gehören feste Formen und Strukturen, während die Eigentümlichkeit der im Alten Testament für die Frühgeschichte bezeugten Gottesherrschaft darin bestand, dass sie sich in der Freiheit prophetisch übermittelten Wortes und charismatisch hervorbrechender Taten manifestierte. Sie war dynamisch-expansiv. Obwohl sie in den sakralen Formen eines vorpolitischen Stämmeverbandes hervortrat, sprengte sie jeden regulativen Schematismus; auch in den dunkelsten Spätzeiten blieb sie in ihrer ursprünglichen religiösen Macht im Worte der Propheten lebendig. Die politischen Bestrebungen, die zur Zeit Gideons sichtbar geworden waren, machten sich auch in der Folgezeit geltend. Gideons Sohn Abimelech war keineswegs bereit, die Herrschaft über Israel Jahve zu überlassen, sondern versuchte auf eigene Faust, sich zum König zu machen. Er errichtete ein Gewaltregiment in Sichem, offenbar in der Absicht, seinen Machtbereich nach und nach zu erweitern. Das Unternehmen scheiterte, und Abimelech ereilte ein schmachvolles Ende. Aus dieser Zeit stammt die meisterhafte Fabel des Jotham (Richter 9,7 ff.), die Martin Buber die »stärkste antimonarchische Dichtung der Weltliteratur« genannt hat, ein Spottgedicht auf den Machtrausch eines Herrschsüchtigen, der andere unter seinen Willen zwingen und lenken will. Für die Errichtung einer erblichen königlichen Gewalt war Israel offenbar noch nicht reif. Ohne Zweifel gingen aber im Zwölfstämmeverband wesentliche Veränderungen vor, die auch das religiöskultische Leben nicht unberührt ließen. So schwierig es ist, die Ereignisse chronologisch festzuhalten oder auch nur die Ortsveränderungen des Zentralheiligtums zeitlich zu bestimmen, so lässt sich doch sagen, dass am Ende der Richterzeit, also etwa um 1000 v.Chr., Silo das Hauptheiligtum Israels war und die Lade beherbergte. Mit dem Ortswechsel ging ein weitreichender Umbruch im kultischen und religiösen Leben einher. Entsprechend der nomadischen Herkunft der Stämme war die Lade bis zu diesem Zeitpunkt in einem Zelt untergebracht; zum erstenmal übernahm jetzt Israel vom Kulturland Kanaan die Tradition des Tempelbaus, und die Lade erhielt einen eigenen Bau. Die Sakralarchitektur dieses Bauwerks mit allen von der Existenz des Tempels bedingten kultischen Neuerungen gab dem gottesdienstlichen Leben des Zwölfstämmeverbandes sogleich ein neues Gepräge. Die Quellen wissen zu berichten, dass der Oberpriester Eli mit seinen Söhnen nunmehr in der Hauptsache den Opferdienst versah. Die Opferpriesterschaft trat in den Vordergrund und verschob das Schwergewicht des zentralen Kultus vom Recht zum Opfer. Damit aber schlichen sich ins Zentralheiligtum Zersetzungserscheinungen ein (1. Samuel 2). Der Gottesdienst öffnete sich den religiösen Bräuchen der Umwelt, auch der Naturkult der Urbevölkerung fand in Silo freundliche Aufnahme, und bald wurde über sittlichen Zerfall im Hauptheiligtum geklagt: die Söhne des Oberpriesters Eli eigneten sich die Jahve geweihten Opfergaben an und führten das an kanaanitischen Kultorten übliche Tempeldirnentum ein. Der sexuell-orgiastische Naturkult der kanaanitischen Umwelt verdrängte das Prophetisch-Charismatische: »Offenbarungen Jahves waren selten, Gesichte waren nicht häufig.« (1. Samuel 3,1) Auf dem dunklen Hintergrund des Zerfalls des zentralen Kultus zeichnen sich Geburt, Kindheit und Berufung des Mannes Samuel ab, der am Ausgang der Richterzeit noch einmal wahres Richteramt und Prophetentum repräsentiert. Als leidenschaftlicher Hüter des Erbes des Zwölfstämmeverbandes erlebt der Gottesmann den beginnenden Zusammenbruch Israels und die Übergangszeit, in der das Königtum heraufzieht. Aus der Fülle der Ämter und charismatischen Missionen, mit denen die Traditionen Samuel bedenken, heben sich zwei Momente heraus: seine prophetische Gabe und seine Tätigkeit als Richter in Israel. »Ganz Israel, von Dan bis Beerseba«, sagt der Bericht (1. Samuel 3) über seine Berufung zum Propheten, »erkannte, dass Samuel damit betraut war, Prophet Jahves zu sein.« In seiner politisch-sakralen Funktion setzte sich noch einmal die Rechtsverkündigung gegen den Opferdienst durch. Die Katastrophe brach herein, als Eli noch als Oberpriester in Silo amtierte. Die Philister stießen über die Grenzen ihrer fünf Stadtstaaten vor, um sich als Herren auch des westjordanischen Bereichs zu etablieren. In der ersten Schlacht wurden die Heere der Israeliten geschlagen; auch die weiteren Abwehrversuche scheiterten. In höchster Not besann sich der Heerbann Israels auf ein magisches Zaubermittel: die Lade wurde als Palladium des heiligen Krieges auf das Schlachtfeld geholt. Umsonst: die Israeliten unterlagen, und die Lade fiel in die Hände der Philister. Nun waren die Sieger, die sich bald ganz Mittelpalästinas bemächtigten, nicht mehr aufzuhalten. Im ganzen Land wurden philistäische Besatzungstruppen stationiert und Gouverneure eingesetzt. Auf die Nachricht vom Verlust der Lade hin brach der Oberpriester Eli tot zusammen. Das zentrale Sanktissimum Israels wurde als Siegestrophäe in den Tempel des Gottes Dagon verschleppt, der Tempel von Silo zerstört. Die Lebensmitte des Zwölfstämmeverbandes war zersprengt, eine gemeinsame Aktion der Stämme kaum noch denkbar. Die Absicht der Philister, die einzelnen Bestandteile des Verbandes nur noch isoliert fortexistieren und allmählich der Auflösung verfallen zu lassen, schien der Verwirklichung nahe. In dieser Zeit der Unterjochung und Zersplitterung war Samuel der einzige Rückhalt, der persönliche Mittelpunkt der Zwölfstämmegemeinschaft. Mit seinen Söhnen, die in Beerseba - wahrscheinlich außerhalb des besetzten Gebietes - »richteten«, setzte Samuel alle seine Kraft daran, die Grundlagen der Rechtsordnung zu erhalten. Da das besetzte Land gemeinsamer Aktionen nicht mehr fähig war, nutzten die Ammoniter die Gunst der Stunde und fielen in die Landschaft Gilead im Ostjordanland ein. Erst jetzt griff die Erregung wirklich um sich: Israel entdeckte, dass es ohnmächtig, nur noch ein Spielball der Nachbarn war. Da wurde der charismatische Auftrag lebendig. Eines Abends (1. Samuel 11) erfuhr der Benjaminit Saul, als er mit seinen Rindern vom Felde heimkam, von der Invasion der Ammoniter und von der Einnahme der Stadt Jabes. »Da kam der Geist Gottes über Saul, als er die Botschaft hörte, und sein Zorn entbrannte heftig.« Im heiligen Zorn riss Saul seine Rinder in Stücke und sandte die einzelnen Teile in alle Stammesgebiete mit der Botschaft: »Wer nicht auszieht Saul und Samuel nach, dessen Rindern wird man ebenso tun.« Entsetzen befiel alle, die die Botschaft vernahmen. Trotz Besatzung und Fremdherrschaft war der Held erstanden, der - wahrscheinlich nach bekanntem Brauch - zum heiligen Krieg aufrief! Der Heerbann versammelte sich, und aus den Überlieferungen geht hervor, dass in diesem Augenblick sogar »ganz Israel« zum Kampf antrat. Warum die Philister einen solchen Aufmarsch im besetzten Land duldeten, lässt sich nur vermuten: vielleicht erhofften sie vom Krieg eine Schwächung der Mächte Palästinas, und vielleicht war ihnen eine Aktion willkommen, die der aufstrebenden Ammonitermacht einen Riegel vorschob. Dass das gemeinsame Vorgehen den zerfallenden Zwölfstämmeverband zu neuem Leben erweckte, mögen die Philister nicht sofort erkannt haben, weil der israelitische Heerbann im Ostjordanland, also außerhalb ihres Kontrollbereichs, aufgestellt wurde. Wie dem auch sei: das von Saul geleitete Unternehmen gelang, die Ammoniter wurden aus Jabes vertrieben und mussten sich in ihr angestammtes Gebiet zurückziehen. Der Sieg über die Ammoniter ließ unter den Ältesten Israels von neuem den Wunsch nach Errichtung des Königtums aufkommen. Die Kraft, die in der Zeit der Not plötzlich entstanden war, sollte in einem zentralen Machtorgan zusammengefasst und erhalten werden. Nach der Schlacht gegen die Ammoniter trat der Zwölfstämmeverband - oder eine Gruppe von Stammesabgesandten - in Gilgal, einem alten Gemeinschaftsheiligtum in der Jordansenke nahe Jericho, wahrscheinlich außerhalb des Kontrollbereiches der Philister, zusammen und rief Saul zum König aus. Gewiss war Saul schon vorher ein Auserwählter, da Israel ihn als charismatischen Führer anerkannt hatte. Dazu kam jetzt die Akklamation des versammelten Verbandes, der im begnadeten Helden einen erfolgreichen Organisator sah und mit der Erblichkeit des ihm anvertrauten Amtes eine neue zentrale Instanz begründete. Die politischen Notwendigkeiten hatten den Weg zur Schaffung einer königlichen Zentralgewalt freigelegt, aber auch die Zerreißung aller archaisch-sakralen Ordnungen des alten Verbandes eingeleitet. Zunächst sollte das neue politische Machtgebilde mit einer stabilen militärischen Führung den Philistern entgegentreten, und natürlich mussten dabei innere Spannungen zutage treten. Als Hüter des sakralen Erbes dürfte namentlich Samuel in einer schwierigen Lage gewesen sein. Die militärischen und organisatorischen Erfordernisse, die in der Errichtung des Königtums ihren Niederschlag fanden, waren kaum zu bestreiten. Den Überlieferungen lässt sich entnehmen, dass Zweifel und gegensätzliche Meinungen auch im Volk laut wurden. Dem neueingesetzten König lag zuallererst die Aufgabe ob, das Land von den Philistern zu befreien. Nach der Tradition griff er mit seinem Sohn Jonathan, der als Feldhauptmann einer ständig unter Waffen stehenden Truppe fungierte, und einem kleinen Heer zunächst einen Militärposten der Philister auf dem Pass von Michmas an, der auch prompt vernichtet wurde. Dieser erste Sieg machte großen Eindruck, und nun wurden die philistäischen Garnisonen von Saul ohne Unterlass beunruhigt, überfallen und zersprengt. Anfänglich reagierten die Philister kaum, aber lange konnten sie einer entscheidenden Kraftprobe nicht ausweichen. Saul rüstete seine Truppen, berief als weiteren Feldhauptmann seinen Verwandten Abner und schlug eine Anzahl von Grenzgefechten. Aber er muss noch einige Monate Zeit gehabt haben, denn er lebte zurückgezogen auf einer kleinen Burg seiner Heimatstadt Gibea und traf seine Vorbereitungen. Um diese Zeit wurde zu seinem Waffenträger ein junger Krieger namens David, der sich bei einem Grenzgefecht mit den Philistern besonders hervorgetan hatte. Ob in dieselbe Zeit auch der Kampf gegen den südlichen Nomadenverband der Amalekiter (1. Samuel 15) fallt, lässt sich nicht ermitteln, jedenfalls wurden die Amalekiter, die angesichts der Siege der Philister den Einfall ins Kulturland der Israeliten riskiert hatten, in der kurzen Regierungszeit Sauls geschlagen. Sauls militärische und organisatorische Erfolge hinderten nicht das Anwachsen der inneren Spannungen. Saul wurde nachgesagt, dass er die sakralen Grundrechte des Zwölfstämmeverbandes nicht mehr beachte, sich über heilige Ordnungen hinwegsetze, bedenkenlos in den Opferkult eingreife und für das Königtum eine absolute Verfügungsgewalt in Anspruch nehme. Es kam zu einem heftigen Konflikt mit Samuel, der schließlich kraft seiner prophetischen Vollmacht die charismatische Designation Sauls zurückzog; die Texte deuten an, der Geist Jahves sei von Saul gewichen, Gott habe den Auserwählten verworfen. Saul wurde unsicher und misstrauisch: »Es quälte ihn ein böser Geist.« Argwöhnisch sah Saul auf David, den strahlenden jungen Helden, von dem schon auf den Straßen gesungen wurde: »Saul hat Tausende geschlagen, David aber Zehntausende!« Gehetzt von Misstrauen und Eifersucht, geplagt von einer seltsamen Hassliebe zu David, ging der erste König Israels in die entscheidungsschweren Tage des Krieges, den er nach wohl kaum zweijähriger Regierungszeit führen musste. Die Philister waren klug und geschickt vorgegangen. Sie hatten sich auf den Feldzug gründlich vorbereitet und ihn gut geplant. Saul wurde zunächst hingehalten und seine stehende Truppe in kleine Grenzplänkeleien verwickelt. Zwar hatte Saul alles getan, um Israels wehrtüchtige Männer in Alarmbereitschaft zu halten, aber der entscheidende Schlag kam dennoch überraschend. Das philistäische Heer zog unbemerkt an der Küste nordwärts, stieß dann in Höhe der Jesreel-Ebene in einer plötzlichen Ostschwenkung nach Mittelpalästina vor und schnitt Israels Nordstämme von Sauls im Süden stehender Truppe ab. Saul kam gar nicht mehr dazu, den Heerbann aus ganz Israel zu sammeln. In der Entscheidungsschlacht an der Harod-Quelle bei Aphek wurde Sauls Heer vernichtend geschlagen, Jonathan fiel, der König musste fliehen. In tiefster Verzweiflung stürzte er sich ins eigene Schwert. Die Philister gaben keinen Pardon, sie verbreiteten Schrecken, schändeten Leichen, besetzten ganz Israel, nahmen diesmal auch das Ostjordanland unter ihre Kontrolle. So endete der erste Versuch Israels, die Lebensordnung des vorpolitischen Stämmeverbandes mit Hilfe einer königlichen Spitze zu stabilisieren. Samuel war vor der Schlacht an der Harod-Quelle gestorben. Der junge Held David jedoch hatte das Ende des Hauses Saul überlebt. Sein Stern war im Aufstieg.