David der Reichsgründer

Mit David beginnt in Israel die Geschichtsschreibung. Was die Quellen bis dahin – aus der Zeit der Richter oder aus der Sauls – übermitteln, sind Erzählungen, die in vielem noch Sagen sind, und der Beitrag des Erzählers ist reich an tendenziösen Aktualisierungen. Dagegen berichten über den Aufstieg Davids und seine Thronnachfolge exakt abgefasste analytische Darstellungen. Zwar sind auch hier mehr sagenhaft geprägte Erzählungen eingeschaltet, aber im wesentlichen befleißigt sich der Erzähler einer genauen Berichterstattung, die den inneren und äußeren Zusammenhang der Geschehnisse scharf erfasst und alle wunderhaften Züge an den Rand treten lässt. Nur an wenigen Stellen rückt Jahve als die in der Geschichte leitende und wirkende Macht in den Vordergrund. Den Jüngling David lernen wir als ungewöhnlich begabt, tapfer und liebenswert kennen. Wir wissen von seinem Aufstieg im Dienste des Hofes, in unmittelbarer Nähe Sauls. Lange kann David allerdings nicht in Gibea gewesen sein. Der Entzug des Charismas hatte den König in Verfolgungswahn fallen lassen, der sein Misstrauen gegen David, den allgemein Beliebten, lenkte. David floh in den Stammesbereich Judas und scharte dort eine Horde um sich, die in der Krisenzeit Israels von Raubzügen lebte. Das Leben eines Bandenführers gab er erst auf, als seine Bande als Söldnertruppe im Dienste des Philisterfürsten Achis von Gath Beschäftigung fand; die Stadt Ziklag wurde dem Söldnerführer als Lehen gegeben. Natürlich war Davids Dienst bei den Philistern skrupelloser Verrat; aber er war auf diese Weise endlich vor Sauls Verfolgungswahn sicher. Die Lage wurde mehr als schwierig, als das Heer der Philister zur Entscheidungsschlacht gegen Israel aufgeboten wurde und Davids Söldnerschar gegen Saul ins Feld ziehen sollte. Von der verhängnisvollen Pflicht, gegen das eigene Volk zu kämpfen, wurde der spätere König von Israel nur dadurch befreit, dass die anderen Führer des Philisterheeres in ihm einen Verräter witterten und den Ausschluss seiner Truppe aus dem Heer verlangten. Während die Entscheidungsschlacht in der Jesreel-Ebene tobte, ließ sich David mit seinen Leuten in Hebron, dem Zentrum des Südstammes Juda, nieder. In Juda gelang es ihm nach Sauls Tod, zu Macht und Einfluss zu kommen, und es geschah das Überraschende, dass er vom »Haus Juda« (dem Stamm Juda mit den angeschlossenen Gruppen) zum König gesalbt wurde. Offenbar hatte der Räuber-und Söldnerführer die hoffnungslose Lage des Zwölfstämmeverbandes geschickt dazu ausgenutzt, im Süden Palästinas ein kleines Königreich zu begründen, das als Splittergebilde wahrscheinlich auch den Philistern willkommen war. Gewiss ist David eine der rätselhaftesten und großartigsten Gestalten des Alten Testaments. Was er auch tat, er wusste dafür immer klug und instinktsicher die rechte Stunde zu finden. Er war ungewöhnlich geschickt und konnte sich jeder Bedrängnis entledigen. Selbst der absurdeste Weg war ihm recht, wenn er nur zum Ziel führte. Dabei war David ein Mann von hinreißender Tapferkeit. Es war ihm aber auch keine Schuld fremd, alle menschlichen Tiefen hatte er durchwatet. Dennoch: er liebte Israel und stellte all sein Bemühen konsequent in den Dienst des Zwölfstämmeverbandes; er verehrte den Gott Israels und diente ihm in der vollen Kraft seiner schuldigen Menschlichkeit. Die alttestamentliche Geschichtsschreibung hat alle Seiten seines Wesens rückhaltlos aufgedeckt; sie hat ihn weder idealisiert noch in übermenschliche Größe hineingesteigert. Überhaupt liegt die Bedeutung des Alten Testaments darin, dass es unbestechlich die Wahrheit aufdeckt. Die Tradition fühlt sich nicht einem Menschen oder einem Volk verpflichtet, sondern dem Gott, der Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit liebt. Die Begründung eines Königtums in der judäischen Stadt Hebron hatte zunächst Zerreißung des freilich ohnehin aufgelösten Zwölfstämmeverbandes zur Folge. Die Möglichkeit einer solchen Spaltung war wohl schon in der voramphiktyonischen Gruppierung der in Nord und Süd gebildeten Stämmebünde angelegt. Dieser für die Geschichte Israels verhängnisvolle Dualismus sollte sich politisch vor allem nach dem Tode Salomos auswirken. David bot er den Ansatz zu einer Machtbildung, die von den Philistern geduldet werden musste. Dass David weitere Ziele verfolgte, zeigt (2. Samuel 2,4-7) sein frühzeitiges Werben um die Herzen der Nordisraeliten: »Als nun David gemeldet wurde, die Männer von Jabes hätten Saul begraben, sandte David Boten an die Männer von Jabes in Gilead und ließ ihnen sagen: Gesegnet seid ihr von Jahve, dass ihr Saul, eurem Herrn, diesen Liebesdienst erwiesen und ihn begraben habt. So erweise euch nun Jahve Liebe und Treue, und auch ich will euch Gutes tun dafür, dass ihr das getan habt. So fasset nun Mut und zeigt euch als wackere Männer, denn Saul, euer Herr, ist tot. Auch hat mich das Haus Juda zum König über sich gesalbt.« Die geschickte Selbstempfehlung – solche Äußerungen sprechen sich schnell herum – war ein erster Versuch, den Norden zu beeindrucken. Indes war die von Saul ins Leben gerufene Dynastie noch nicht von der Bühne der Geschichte abgetreten. Die Nachfolge übernahm Sauls Sohn Esbaal, den man, um ihn dem Zugriff der Philister zu entziehen, in einen entlegenen Teil des Ostjordanlandes gebracht hatte und der nun von Mahanaim aus zu regieren suchte; mit einer kleinen Truppe beschützte ihn der Feldhauptmann Abner. Esbaal nannte sich »König von Israel«, was allerdings auf das »Haus Juda« keinen Eindruck machte: es hatte sich für David entschieden. Faktisch standen zwei getrennte Reiche einander gegenüber, und auch kriegerische Verwicklungen zwischen Juda und Israel blieben nicht aus. Abners Heer wurde von Davids Männern geschlagen. Die Philister hatten keinen Anlass, darüber unglücklich zu sein. Der Chronist (2. Samuel 3,1) berichtet: »Und der Krieg zwischen dem Hause Sauls und dem Hause Davids zog sich lange hin; David wurde immer stärker, das Haus Sauls aber wurde immer schwächer.« Die nachteilige Position des Hauses Saul wurde durch ein Zerwürfnis zwischen Esbaal und Abner noch verschlimmert. Abner durchschaute die Schwächen Esbaals und entschloss sich zu Verhandlungen mit David. Die Diplomatie scheiterte an persönlicher Rache. Abner hatte im Kampf einen Bruder Joabs, des Feldhauptmanns Davids, getötet und Joabs Racheschwur auf sich geladen. Als David nach hoffnungsvollen Verhandlungen Abner in den Norden heimkehren ließ, ging Joab dem Feinde nach und tötete ihn. Der Verständigungsversuch war auf tragische Weise fehlgeschlagen. Da stimmte David, der königliche Sänger, ein Lied der Klage an, das im Lande gehört werden sollte: Musste Abner sterben wie ein Gottloser stirbt?
Deine Hände waren nicht gebunden
noch deine Füße in Ketten geschlagen.
Wie ein Ruchloser fällt, bist du gefallen.
Der Klagegesang trug die Kunde durch die Lande, dass der König von Juda Abner nicht zum Gefangenen gemacht und seine Ermordung nicht gewollt hatte. Aber die Wirren wurden dadurch nicht geringer. In Mahanaim wurde Esbaal im Schlaf ermordet. Die Mörder glaubten, sie hätten David einen Gefallen getan, und überreichten ihm das Haupt des Opfers. Das gab David die Gelegenheit zu einer neuen Demonstration: er ließ die Mörder umbringen und das Haupt Esbaals mit allen Ehren neben dem Grab Abners beisetzen. Das Volk sollte erfahren: der König von Juda verabscheut den Mord an Sauls Sohn! Mit der Ermordung Esbaals war indes das Königtum im Norden praktisch erloschen; nur noch ein lahmer Sohn Jonathans konnte das Haus Saul fortführen. Was blieb den Ältesten der Nordstämme übrig, als mit David zu verhandeln? Sie gingen nach Hebron und setzten einen Vertrag auf, der den König von Juda auch zum König über Israel machte. Der Zwiespalt innerhalb des Zwölfstämmeverbandes wurde vorerst durch diese Art Personalunion überbrückt. Er blieb aber latent bestehen; die vertragliche Regelung machte die Königswürde zweiteilig und kündbar. Wenn die Lage der getrennten und in ihren Bewegungen beaufsichtigten Reiche »Israel« und »Juda« für die Philister noch akzeptabel gewesen sein mochte, gab die neue Regelung den Fürsten der Stadtstaaten akuten Anlass zum militärischen Eingriff. Die philistäischen Heere wurden in der Nähe der jebusitischen Stadt Jerusalem zusammengezogen und mit der Aufgabe betraut, im Grenzbezirk zwischen Juda und Israel eine Vereinigung der feindlichen Streitmacht zu verhindern. Davids Truppe erwies sich aber als unerwartet schlagkräftig: in einem Überraschungsangriff besiegte sie die Heere der Philister bei Baal-Perazim. Ebenso missglückte ein zweiter Versuch der Philister, ihre Vorherrschaft in Palästina militärisch zu behaupten. Der Rückzug ihrer Truppen besiegelte das Ende ihrer Oberhoheit im westjordanischen Raum. Nun stand David vor der Aufgabe der inneren Neuordnung. Das erste Problem war die Schaffung einer zentral gelegenen Hauptstadt, von der aus die Herrschaft über Nord und Süd ausgeübt werden konnte. David entschied sich für Jerusalem, das allerdings noch Stadtstaat der jebusitischen Urbevölkerung war und erst erobert werden musste. Die Eroberung diente einem weitgesteckten politischen Ziel: David ging systematisch an die Unterwerfung der noch bestehenden kanaanitischen Stadtstaaten, die er dann in sein Staatswesen aufnahm. Jedoch wurde Jerusalem eine Sonderstellung zugewiesen: es ging als Krongut in Davids persönlichen Besitz über, und der König von Israel und Juda wurde Stadtkönig von Jerusalem, das dann auch Erbgut seiner Dynastie blieb. Um das Ansehen der neuen Metropole zu erhöhen und »ganz Israel« an sie zu binden, erneuerte David das vergessene Zentralheiligtum des Zwölfstämmeverbandes und brachte die Lade Jahves, die von den Philistern nach Kirjat-Jearim ausgeliefert worden war, nach Jerusalem. Gleichsam demonstrativ machte er die institutionelle Hinterlassenschaft des Verbandes der Zwölf Stämme zur Grundlage seines Staates. Zugleich wurden in Jerusalem sakrale Fundamente gelegt, die Stämmebund und Königtum auch religiös zusammenschlossen. Nach der Einverleibung der kanaanitischen Stadtstaaten wandte sich David den Nachbarn Israels zu. Die Philister wurden auf schmalstem Raum zusammengedrängt. Im Südosten wurden die Staaten der Moabiter und Edomiter unterworfen und dem Herrschaftsbereich Davids eingegliedert. Dasselbe Schicksal ereilte die Ammoniter; in ihrer Hauptstadt Rabbat-Ammon setzte sich David die ammonitische Königskrone aufs Haupt. Im Süden wurde der Nomadenverband der Amalekiter in die Wüste zurückgeworfen. Davids Machtsphäre erstreckte sich nun bis zum Golf von El-Akaba. Aus den Aramäerreichen im Nordosten wurden Provinzen des Staates Israel. Um das alles zu erreichen, musste man wohl verschiedene Kriege gleichzeitig führen. Der neue Staat konnte sich das erlauben: er wurde nach und nach zu einem mächtigen Großreich, das mit Ausnahme der phönikischen Stadtstaaten sämtliche Abschnitte der Länderbrücke Syrien und Palästina umfasste, mit den Phönikern verbanden David freundschaftliche Abkommen. Das war kaum fassbar: nach einem völligen Zusammenbruch hatte sich aus den Trümmern in wenigen Jahren ein großes Reich erhoben, das vom Golf von El-Akaba bis an den Euphrat reichte, und das alles dank der Klugheit und Kühnheit eines einzigen Mannes! Unter einem Großreich verstand man im alten Orient ein über die Grenzen des Nationalstaates hinausgreifendes Machtgebilde, das sich über ein großes Gebiet erstreckte, mehrere fremde Vasallenstaaten in sich schloss, von einer straff zentralisierten Staatsgewalt regiert wurde und in seinem großen Heer hauptsächlich Söldner aus den Vasallenstaaten verwendete. Solche Großreiche bestanden im Gebiete des Zweistromlandes, in Ägypten und in Kleinasien. Israel war der erste Staat dieser Art im syrisch-palästinischen Raum. Natürlich musste ein so umfangreiches Gebilde von einer starken Hand zusammengehalten werden. David sorgte für eine straffe Gliederung des Heeres und für einen Verwaltungsapparat von Ministern und Schreibern, der sich sowohl für das Innere als auch für die Organisation der beherrschten Gebiete eignete. Als Vorbild scheint vornehmlich das ägyptische Reich gedient zu haben. Obgleich der Zwölfstämmeverband im Gefüge des Großreiches vor ganz neue Aufgaben gestellt war, gelang es David, mit der Stabilisierung des zentralen Kultes einen ruhenden Pol zu schaffen, mit dessen Hilfe sich die sakrale Lebensordnung Israels an die neue Machtorganisation anpassen konnte. Wahrscheinlich war es weise, der Stämmegemeinschaft die religiöse Ausdrucksform der alten kanaanitischen Gesellschaft, den Tempelbau, nicht aufzunötigen und in Jerusalem keinen Tempel zu errichten. Unter David blieb es bei der schlichten Kultform, die der Herkunft der Stämme entsprach: die Lade verblieb in einem Zelt. Mit der Zeit führten in Davids Großreich zwei Schwierigkeiten zu gefährlichen Krisen; einerseits verlagerten die weitreichenden Verwaltungsaufgaben das Schwergewicht vom eigentlichen Kern Israels zu den unterworfenen Gebieten, so dass sich die Stammesältesten in Juda und Israel über die Vernachlässigung der Stämme durch den König beklagten; anderseits zeigte sich immer deutlicher, dass eine gedeihliche Ordnung im großen Reich eng von der Person und Autorität des Königs abhing, womit das Problem der Thronfolge akut und gravierend wurde. David hatte sich nicht entschließen können, seinen Nachfolger früh genug selbst zu bestimmen, obgleich er sich immerhin auf den in Israel bekannten Spruch des Propheten Nathan, der die Fortdauer der Dynastie Davids vorausgesagt hatte, hätte stützen können. So wurde die Thronfolge zum Zankapfel, der Davids Söhne in einen blutigen Zwist stürzte. Davids ältester Sohn Ammon wurde von Absalom, dem nächstfolgenden, ermordet. Absalom fiel in Ungnade, konnte sich aber dank der Fürsprache des Feldhauptmanns Joab mit dem Vater versöhnen. Dadurch sicherer geworden, versuchte er es mit einem Aufstand. Mit Hilfe der von David vernachlässigten Stämme, unter denen das Haus Juda ihm besonders bereitwillig entgegenkam, ließ er sich in Hebron noch zu Lebzeiten des Vaters zum König ausrufen. David war durch den überraschenden Aufstand praktisch abgesetzt, wusste sich aber zu helfen: er zog sich mit seinen Söldnern ins Ostjordanland zurück, bezog in Mahanaim Quartier, nahm offenbar von dort aus Kontakte zu den Vasallenstaaten auf und warb neue Söldner an. Gut gerüstet konnte er in die Schlacht ziehen, in der sich die Überlegenheit der Berufssoldaten über die Stammeskrieger zeigte. Die Aufständischen wurden geschlagen, Absalom auf der Flucht getötet. Doch vermochte David das Vertrauen der Stämme nicht wiederzugewinnen. Auch in Nordisrael brach eine Abfallbewegung aus: die Nordstämme unter der Führung Schebas wollten den Vertrag mit David kündigen und gaben die Kampfparole aus: »Wir haben keinen Teil an David und keinen Erbanteil am Sohne Isais! Jeder kehre heim in seine Zelte, Israel!« Wieder musste David, um das Auseinanderbrechen des Großreichs in seinem Kern zu verhindern, die Rebellion von Söldnern niederwerfen lassen. Die Zweiteilung Israels, die nach dem Tode Salomos Wirklichkeit werden sollte, warf ihre Schatten voraus. Der letzte Akt im Nachfolgedrama spielte sich ab, als David im Sterben lag. Als Thronanwärter trat jetzt der Davidssohn Adonia auf, dem am Königshof überaus einflussreiche Männer, vor allem Joab und der Oberpriester Abjathar, zur Seite standen. Alte Rivalitäten führten zur Bildung einer Gegenpartei um den Söldnerführer Benaja, den Priester Sadok und den Propheten Nathan: ihr Kandidat war Salomo, dessen Mutter Bathseba (2. Samuel 12) auf David einen nicht geringen Einfluss ausübte. Der Konflikt erreichte seinen höchst dramatischen Höhepunkt, als die Partei Adonias ihren Anwärter übermütigerweise zum König ausrief, bevor der alte König gestorben war. Natürlich wurde dieser Frevel dem sterbenden David von der Gegenpartei gemeldet, und endlich raffte sich der Unentschlossene auf, den Sohn zu nennen, den er auf seinem Thron sehen wollte. Seine Wahl fiel auf Salomo. Adonia musste sich dem jüngeren Halbbruder unterwerfen.

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Info 23.11.2017 19:35
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