Salomo: Potentat und Tempelherr

Wer die biblischen Erzählungen aus der Zeit Salomos mit denen aus der Ära Davids vergleicht, wird feststellen, dass die Berichte über die Taten Salomos weniger farbig und lebendig sind als die über den Aufstieg und die Nachfolge Davids. Das hat seinen guten Grund: gegenüber den beispiellosen Triumphen Davids verblassen die Geschehnisse in der Regierungszeit seines Sohnes, obgleich auch sie ihre erregenden Aspekte boten. Die Staatsschreiber, die wohl noch zu Lebzeiten Salomos die Annalen verfassten, auf denen die Darstellung des Alten Testaments im wesentlichen beruht, hatten weniger bedrohliche, aber auch weniger strahlenreiche Ereignisse zu registrieren, als sie sich zu Zeiten Davids abspielten. Und auch in den sagenhaften Erzählungen und Anekdoten aus dem Leben Salomos, die die offizielle Chronik ergänzen, findet sich wenig Epochemachendes. Die Zeit Salomos verlief ohne sensationelle Höhepunkte und Krisen, auch wenn sie die Erinnerung an viel Ruhm, Glanz und Prunk hinterlassen hat. Salomo begann seine Herrschaft damit, dass er alle Widerstände aus dem Wege räumte, die ihm den Weg zur Macht versperrt hatten. Um jede Gefahr auszuschalten, ließ er Adonia und den verdienten Feldhauptmann Joab töten. Der Oberpriester Abjathar bezahlte seine Parteinahme für Adonia mit dem Exil in Anathot. Als Priester erhielt Sadok eine bevorzugte Stellung, und das Privileg, im Jerusalemer Heiligtum priesterliche Funktionen zu verrichten, vererbte sich auf seine Nachkommen. Nach der blutigen Säuberungsaktion am königlichen Hof ging Salomo daran, seine eigenen Vorstellungen vom Königtum in die Tat umzusetzen. War David ein dynamischer, erobernder und aufbauender Regent, so war Salomo darauf bedacht, dem Königtum einen repräsentiven Charakter zu geben und eine glanzvolle Machtentfaltung zu sichern. Trotz allen umstürzenden und revolutionierenden Erfolgen hatte der Vater seine Wurzeln in den patriarchalischen Lebensordnungen des Zwölfstämmeverbandes; der Sohn akzeptierte freudig den vielgestaltigen Einfluss der altorientalischen Kultur, die immer mehr ins Zentrum des Großreichs eindrang. Das Vorbild, dem er nacheiferte, war der altorientalische Königshof mit seiner mythischen Würde, seinem Prunk, seiner strahlenden Machtbekundung. Da man einen mächtigen orientalischen Regenten an der Zahl seiner Frauen erkennt, wurde der Harem vergrößert. Mit Vorbedacht wurden als Hauptfrauen des Königs Töchter bedeutender ausländischer Herrscher ausgewählt. Soweit die Väter von Israel besiegt worden oder von ihm abhängig waren, war das nicht schwer; es bedurfte aber schwieriger diplomatischer Verhandlungen und einer gewichtigen Gegengabe, wenn eine Pharaonentochter den Königsharem zu Jerusalem zieren sollte. Dass das Salomo gelang, dass sein ehrgeiziger Wunsch, sich mit den Großreichen, namentlich mit Ägypten, zu verschwägern, in Erfüllung ging, war ein großer Erfolg; im Vergleich dazu spielten die moabitischen, edomitischen und ammonitischen Haremserwerbungen, die Salomo mehr und mehr zum Verhängnis wurden, politisch eine geringere Rolle. Mit der Schaffung eines Großmachtharems wurde die Hofhaltung anspruchsvoll, luxuriös und kostspielig; aber zum prunkvollen Hof eines Großreichs gehörte auch eine Atmosphäre, die nur weltbejahende und aufgeklärte Menschen hervorbringen können, und in dieser Atmosphäre gedieh das kulturelle Leben. Die Staatsschreiber (sopherim) wurden zu Kulturübermittlern, die Verkehr und Austausch mit den umliegenden Reichen und Ländern zu betreuen hatten. Es war ihr Werk, dass die weltliche ägyptische Weisheitslehre nach Jerusalem gebracht wurde. In ihr liegen die Wurzeln der alttestamentlichen Spruchweisheit, in der das ägyptische Ideengut auf recht eigene Art verarbeitet ist. Natürlich erschöpfte sich Salomos Wirksamkeit nicht in der Entfaltung eines brillanten Hoflebens. Salomo war ein harter, tatkräftiger und umsichtiger Regent, und seine Hauptarbeit galt der Erhaltung und Festigung des ererbten Großreichs. Er teilte Israel in Verwaltungsbezirke ein und stellte das vertraglich besiegelte Königsrecht auf eine feste organisatorische Basis. Zwölf vom König ernannte Statthalter waren die verantwortlichen Vorsteher der Verwaltungsbezirke, die sich nicht ganz mit dem Siedlungsgebiet der einzelnen Stämme deckten, die alte Siedlungsordnung aber nicht grundsätzlich durchbrachen. Die Statthalter waren die Vollzugsbeamten der Königsgewalt, sie mussten vor allem die vertraglich festgelegten Naturalabgaben der Stämme eintreiben und nach Jerusalem abführen. Die Ansätze dieses Systems stammten wahrscheinlich schon aus der Zeit Davids; Salomos anspruchsvolle Hofhaltung machte indes eine straffe Abgabenverwaltung erst wirklich unabweisbar. Bezeichnenderweise war trotz der Feststellung der traditionellen Quellen, dass Salomo »ganz Israel« in Gaue eingeteilt habe, der Stammesbereich Judas in das System der Verwaltungsbezirke nicht einbezogen: das »Haus Juda« existierte, getrennt von den »Zwölf Gauen Israels«, als ein Bereich für sich. Wieder äußerte sich hier die Zweiteilung des Reiches in Nord und Süd; das vertragliche Königsrecht beruhte weiterhin auf der Teilnahme zweier Partner. Salomo ging es offenbar in erster Linie darum, das labile Nordreich in die Hand zu bekommen und mit Hilfe einer straffen Organisation der zentralen Ordnungsmacht zu unterwerfen. Möglicherweise hatten sich nach Davids Tod gerade in diesem Nordbereich Loslösungs- und Selbständigkeitsbestrebungen geltend gemacht. Luxus, Aufklärung, Verwaltung, Steuereintreibung waren die charakteristischen Merkmale der neuen Atmosphäre. Der Staat öffnete sich allen Einflüssen, die aus der altorientalischen Welt einströmten; ähnliche Einflüsse waren aber auch im Innern erstarkt. Schon unter David waren die Kanaaniter in den israelitischen Staat eingegliedert worden. Über die Grenzen der bis dahin gesondert existierenden Bereiche brachen in Israel in verstärktem Maße die Stadtkultur, die Praktiken des Handels und die fremden Sitten ein. Von innen und außen wogte das Leben der altorientalischen Welt heran und höhlte die noch in der Wüste gelegten Fundamente des Zwölfstämmeverbandes aus. Nachdem die Schleusen einmal geöffnet waren, ließ sich die Flut nicht mehr eindämmen. Diplomatie und höfische Beziehungen ermöglichten den Ausbau eines schwunghaften Außenhandels. Zwei Flotten befuhren die Meere: die im Golf von El-Akaba stationierte durchkreuzte das Rote Meer, landete in Afrika und Südarabien und dürfte sogar in den Indischen Ozean vorgestoßen sein; eine zweite Flotte, die Israel in enger Zusammenarbeit mit dem ihm verbündeten König von Tyros unterhielt, stellte die Verbindung zwischen der syrischen Küste und dem Mittelmeer her. Die Handelsflotten brachten Gold, Silber, kostbares Holz, Elfenbein und – zum Amüsement des Hofes – exotische Tiere. Nach allen Seiten hin wurden Handelsbeziehungen geknüpft. Der Ruhm des israelitischen Großreichs ging in die Welt hinaus. Prominente Besucher – wie die im Alten Testament erwähnte Königin des südarabischen Reiches Saba – kamen mit prachtvollen Geschenken nach Jerusalem und wurden mit Pomp empfangen. Der aufgeklärte, in aller Weisheit geschulte Regent mit seinem großen Reichtum war ein Magnet, der fremde Gäste anzog. Es gab auch Verluste und Rückschläge. Die aramäischen Provinzen, die David in sein Reich eingegliedert hatte, konnte Salomo nicht halten; es entstand ein neues aramäisches Staatswesen mit dem Zentrum Damaskos. Ein Teil Edoms gewann seine Selbständigkeit wieder und stellte das eigene Königtum wieder her. Die Ammoniter und Moabiter scheinen weiterhin unter israelitischer Oberhoheit geblieben zu sein, aber leicht fiel es Salomo offenbar nicht, die nicht zum eigentlichen Kernland gehörenden Teile des zusammenschrumpfenden Reiches zusammenzuhalten. Das geschah allerdings ohne ernsthafte Krisen oder Kriege, so dass sich Salomo im Wesentlichen dem inneren Ausbau seines Staates widmen konnte. Vor allem wurden umfangreiche Bauprojekte verwirklicht. An zahlreichen Stellen ließ Salomo – wahrscheinlich auch hierin dem Vorbild Davids folgend – Magazine und Festungen anlegen; um alle gefährdeten Teile des Landes sollte zum Schutze nicht nur der Nord- und Südgrenzen, sondern auch der großen Verkehrs- und Handelsstraßen ein Festungsgürtel gezogen werden. Starke Festungswerke und Garnisonen wurden in Hazor und Megiddo errichtet. In der Kriegführung gewannen Streitwagen erhöhte Bedeutung, und für das Heer wurden viele Pferde gekauft. Zahlreiche Spuren dieser gewappneten Welt sind bei Ausgrabungen in Megiddo und Hasor ans Licht gekommen; in Megiddo haben sich die Grundmauern eines Bauwerks mit einer Anzahl kleiner Boxen erhalten, das wohl als Pferdestall benutzt wurde. Der Höhepunkt der von Salomo eifrig geförderten Bautätigkeit war der Ausbau Jerusalems, das eine Akropolis mit Palast und Tempel erhielt. Die alte Jebusiterstadt war auf dem schmalen Bergrücken erbaut worden, der sich im Südosten des heutigen Jerusalems zwischen Kidrontal und Stadttal erhebt; dort stand auch eine Burg. Für die wachsende Hauptstadt eines mächtigen Reiches war das schmale und enge Berggelände zu klein. Nach Salomos Plan sollte die Stadt nach dem Norden zu ausgeweitet und die Akropolis auf der Anhöhe nördlich der Davidsstadt errichtet werden. Während David auf einen Tempelbau verzichtet hatte, um die sakrale Ordnung des Zwölfstämmeverbandes nicht mit traditionswidrigem Prunk zu belasten, richtete Salomo, dem als Modell das Bild einer altorientalischen Metropole vorschwebte, all sein Trachten auf einen repräsentativen Tempelkomplex. Im alten Orient machte die enge Verbindung zwischen Religion und Königsmacht den König zum Haupt der Kultushierarchie, zum Tempelherrn und obersten Bauherrn. Er hatte in der Regel im Rahmen des Palastkomplexes auch seinen eigenen Tempel, in dem der Staatskult seinen sichtbarsten Ausdruck fand. Diesem Vorbild folgte Salomo: Palast und Tempel sollten zwar selbständige Gebäude, aber doch miteinander verbunden sein, eine bauliche Einheit bilden. Für das gewaltige Bauprojekt wurde zunächst einmal in großen Mengen Zedernholz aus dem Libanongebirge benötigt; um sich die Lieferung zu sichern, trat Salomo in nähere Verbindung mit dem phönikischen König Hiram von Tyros. Sodann wurde eine ansehnliche Arbeitskolonne zusammengestellt, die unter der Leitung erfahrener Baumeister die Bauarbeiten ausführen sollte; zu einer wichtigen Figur im Staatsgefüge wurde der Arbeitshauptmann, der die Arbeiter und Fronsklaven zusammenzuhollen und zu beaufsichtigen hatte. Zu Dienstleistungen wurden Arbeitskräfte nicht nur aus unterworfenen Bezirken, sondern auch aus den Verwaltungsbezirken Israels herangezogen; nur Jerusalem und Juda waren, wie es scheint, von Dienstleistungen laut Staatsvertrags ausgenommen, und aus dieser Vorzugsbehandlung sollten sich später beträchtliche Reibungen und Schwierigkeiten ergeben. Das Baugelände, die Tenne des Jebusiters Arauna, galt als auserwählt; wahrscheinlich war sie die Stätte des alten jebusitischen Lokalheiligtums. Als Vorbild für den dreiteiligen Tempel diente die kanaanitisch-syrische Sakralarchitektur. Eine Vorhalle führte in den heiligen Zentralraum, hinter dem sich das Allerheiligste, ein erhöhter Adyton über dem heiligen Felsen, befand. Der Tempel hatte einen Grundriss von etwa elf Mal achtunddreißigeinhalb Metern bei einer Höhe von sechzehneinhalb Metern. Die drei Haupträume waren von Priesterkammern umgeben. Durch Fenster strömte Licht in die Vorhalle und den Zentralraum; dagegen war die Cella, das Allerheiligste, ein lichtloser kubischer Raum. Ein innerer und ein äußerer Vorhof schlossen das heilige Gelände von der Außenwelt ab; sie beherbergten den großen Brandopferaltar und das »Eherne Meer«, einen riesigen Wasserbehälter, der auf zwölf bronzenen Stieren ruhte. Der Tempelgottesdienst wurde hauptsächlich in den Vorhöfen verrichtet: hier wurden die Opfer dargebracht und die festlichen Mahlzeiten abgehalten. Während der Festtage durfte jeder Israelit den eigentlichen Tempel betreten, um niederzufallen und Jahve anzubeten. Der Bau des Tempels erforderte viel Mühe und Aufwand, zumal der Wunsch des Königs, die Vollendung des Werkes zu erleben, zur Eile zwang. Nach der Darstellung des Alten Testaments wurde an dem Bau sieben Jahre gearbeitet. Damit waren natürlich gewaltige Kosten verbunden, und sogar dem reichen Salomo ging zeitweilig das Geld aus. Schließlich sah er keinen anderen Ausweg, als seine Schulden beim König von Tyros mit der Abtretung einiger Städte Nordisraels zu begleichen. Darin äußerte sich zum erstenmal der Verlust an materieller Substanz, den das Bauunternehmen mit sich brachte; darin zeigte sich aber auch, wie rücksichtslos Salomo mit dem Territorium Nordisraels umsprang, wenn es darum ging, die Kosten seiner luxuriösen Machtentfaltung aufzubringen. Noch anspruchsvoller war der Bau des Palastbezirks, der dreizehn Jahre dauerte. Der Komplex bestand aus vier Einzelgebäuden: dem Libanonwaldhaus, der Säulenhalle, der Thronhalle und dem eigentlichen Wohnpalast. Das Libanonwaldhaus, ebenso hoch wie der Tempel, war ein einziger großer Saalbau mit einem Grundriss von fünfundfünfzig mal siebenundzwanzigeinhalb Metern; seinen Namen hatte das Gebäude wohl von den in drei Reihen angeordneten fünfundvierzig Baumsäulen, die, mit kunstvollen Blattomamenten aus Gold belegt, sein Dach trugen. Weniger ist über die anderen Palastbauten bekannt. In der Thronhalle stand ein mit Elfenbein gezierter Thronsessel, zu dem sechs Stufen hinauffühlten. In der südwestlichen Ecke des Geländes lag der Wohnplatz, vermutlich ein vielschichtiger Gebäudekomplex, der in voneinander abgesonderten Bereichen nicht nur den vielen Frauen des Königs, sondern auch den Prinzen und anderen Angehörigen des Königshauses als Residenz dienen musste. Ein bedeutungsvoller Akt im Leben Salomos (1. Könige 8) war die feierliche Einweihung des Tempels. In einem festlichen Aufzug wurde die Lade Jahves in den Tempelbereich geleitet und im Allerheiligsten niedergestellt. Wir kennen den Tempelweihspruch Salomos: Die Sonne hat Jahve an den Himmel gesetzt.
Er selbst hat erklärt, im Dunkel wohnen zu wollen.
So habe ich nun ein Haus erbaut, dir zur Wohnung,
eine Stätte, damit du dort ewiglich thronest.
Der Spruch bezeichnet den Charakter des Tempels. Er gilt als Wohntempel: im Allerheiligsten ist der Gott Israels gegenwärtig. Die Lade, die im alten Israel als zentrales Sanktissimum und Palladium des Heiligen Krieges gedient hatte, war der leere Thronsitz, über dem Jahve Zebaoth unsichtbar gegenwärtig war. Sie verwandelte sich jetzt in ein Prozessionsheiligtum: nach alttestamentlichen Texten soll die Kultgemeinde von Jerusalem in späteren Zeiten das Heiligtum der Lade alljährlich feierlich in den Tempel hineingeführt haben (Psalm 132). Im neugestalteten kultischen Geschehen rückte der König als Tempelherr in den Mittelpunkt. Nach der Überlieferung trat Salomo selbst wie ein Priester auf; er segnete die anwesende Volksgemeinde und verrichtete den priesterlichen Dienst der Fürbitte. Der Bau des Tempels hatte wesentliche kultische Veränderungen nach sich gezogen, und die Rückwirkungen dieser Veränderungen auf die Gesamtstruktur des Gemeinwesens deuteten eine einschneidende geschichtliche Wende an. Zersetzung und Spaltung
Salomo hatte einen königlichen Eigentempel, ein Staatsheiligtum erbaut, war selbst der Kultherr geworden und hatte damit unabsehbare Gefahren heraufbeschworen. Während David aus kluger Berechnung, aber auch in sichtlicher Frömmigkeit beim zentralen Gottesdienst des Zwölfstämmeverbandes in seiner ursprünglichen Form geblieben war, zog Salomo mit der Lade, dem Zentralheiligtum Israels, auch die ganze Kultinstitution des alten Verbandes in die Sphäre des neuen Staatskults hinein. War es nun Sache des Königs als Herrn des Kultus geworden, darüber zu bestimmen, ob Jahve oder ein anderer Gott in Jerusalem angebetet werden sollte? Die alttestamentlichen Bücher, die aus der Zeit der Könige berichten, lassen erkennen, dass die Entscheidung über das gesamte religiöse Leben Israels jetzt tatsächlich beim König lag. Damit wurde die Gefahr, die sich schon abgezeichnet hatte, als David die Rechtsnachfolge der jebusitischen Stadtfürsten antrat, wirklich akut: sakrale und mythische Elemente des altorientalischen Königskultes begannen in das israelitische Leben einzudringen. Da Salomo mancherlei Elemente aus dem Herrschaftssystem der altorientalischen Großkönige übernahm, gewann auch die Idee der göttlichen Herrschaft eines menschlichen Königs an Bedeutung. Was sollte nun in Zukunft geschehen? Würde der gesamte Kultus in den Dienst des göttlichen Königtums gestellt werden? Würden die Tempelherren mit dem Jahve-Gottesdienst am Ende nur sich selbst feiern und bestrahlen? Nachdem die Schranken zwischen Israel und den Kanaanitern gefallen waren, erweiterte sich der Einflussbereich der fremden Naturkultreligion: Israeliten suchten immer häufiger die Höhenheiligtümer der Baalim und fanden Gefallen an vielen heidnischen Riten; das Ansehen des Zentralheiligtums, das in den Rang eines Staatsheiligtums erhoben worden war, konnte nicht verhindern, dass in den Ortschaften der lokale Naturkult auch die israelitische Bevölkerung mächtig beeindruckte und anzog. Hinzu kam, dass der König nach der Darstellung der Quellen immer nachhaltiger unter den Einfluss seiner ausländischen Frauen geriet. So heißt es im Buch der Könige, Salomo habe sich von seinen moabitischen und ammonitischen Frauen verführen lassen, von Jahve abzufallen, fremden Göttern zu dienen und ihnen sogar eine Opferhöhe zu errichten. Sichtlich kündigte sich in einer Welt des Glanzes, des Luxus und der religiösen Großveranstaltungen ein gefährlicher innerer Verfall an. Eine der großen Errungenschaften der Zeit Davids war die Geschichtsschreibung. Auch zu Lebzeiten Salomos wirkten die neuerwachten geistigen Kräfte sich aus. Es entstand das jahvistische Geschichtswerk, eines der drei großen Erzählwerke, die in die Fünf Bücher Mose eingegangen, aber durch die Quellenscheidung der literaturkritischen Analyse als einst selbständige epische Darstellungen ermittelt worden sind. Aus einem kurz gefassten Bekenntnis hatte sich das ursprüngliche heilsgeschichtliche Credo im Laufe der Zeit zu einer immer stärker anwachsenden Rekapitulation der Anfänge Israels entwickelt. Diese Traditionsmaterialien verarbeitete der Geschichtsschreiber der davidisch-salomonischen Epoche, den die Wissenschaft den »Jahvisten« zu nennen pflegt, in einer Darstellung, die nicht nur die Epoche von den Erzvätern (Genesis 12,1 ff.) bis zum Einzug ins gelobte Land behandelte, sondern ihr auch eine Urgeschichte vorordnete und so den universalen Horizont der bei den Erzvätern anhebenden und in Israel fortgeführten Heilsgeschichte heraushob. Erst die Hofkultur des Großreiches ermöglichte eine Weite des Ausblicks, von der aus die Schöpfung der Welt (Genesis 2) auf den Menschen als Mittelpunkt bezogen werden konnte; das große Interesse an Adam, dem Menschen, entsprach dem kraftvollen Aufbruch einer dem Humanum zugewandten Aufklärung. Mit dem jahvistischen Werk nahm der Jahve-Glaube zeitnahe Ideen in sich auf und ordnete sie in ein geschlossenes Weltbild ein. Von der Urgeschichte aber wurde ein düsteres Bild gezeichnet: der Abfall des Menschen von seinem Schöpfer und Herrn wurde zum Urdatum der Geschichte, die fortan im Zeichen von Schuld und Gnade, von Gericht und Heil stehen sollte. In einer weitgespannten Typologie erscheinen die Taten der Völker auf dem Hintergrund des souveränen und heilvollen Wirkens des von Anfang an Jahve genannten Gottes (weswegen denn auch die Forschung diesem Geschichtsdeuter den Namen »Jahvist« beigelegt hat). Jahves Gericht dämmt die Schuld ein, wirft den hybriden Menschen an seinen Ort zurück und schafft neue Anfänge. Mit Abraham tritt in die Völkerwelt der eigentliche Heilsträger und erwählte Segensmittler ein, der Erzvater des erwählten Volkes, dessen Weg von diesem Beginn bis zu den Grenzen des Landes Kanaan verfolgt wird. Die Vielzahl der Traditionen ist konsequent dem zentralen Thema des Heils der Völker zugeordnet, das der Menschheit auf dem geschichtlichen Wege über Israel zuteil wird: nicht in einem spontanen Akt, sondern dadurch, dass sich Gott in die Irrungen und Wirrungen menschlichen Wollens, die gerade unter den Erwählten offenbar werden, liebevoll hinabneigt, auch in Perioden der Mühsal, die unter seinem fortgesetzten Walten von Verheißungen schrittweise zu Erfüllungen führen. Verständlicherweise musste man sich in der Zeit Davids und Salomos nach den Uranfängen des großen Reiches fragen, das sich so machtvoll entfaltet hatte; man suchte aber auch nach dem universalen Rahmen, in dem sich all das abspielte, was in Israel lebenbestimmend vom sakralen Zentrum des Jahve-Glaubens ausging. Der Jahvist gab die Antwort. Sein Werk ist die erste umfangreiche, größere Zeiträume erfassende Geschichtsdarstellung; es zeigt die Richtung einer Geistestätigkeit an, die in keinem anderen Bereich der antiken Welt einen so klaren und in sich geschlossenen Ausdruck gefunden hat. Geschichte, die sich von den dürren Strukturfäden der Chronologie befreit und zugleich das Zyklisch-Mythische eines der Natur verhafteten Schicksals sprengt, ist recht eigentlich eine Errungenschaft der alttestamentlichen Welt, die ihren Ausgangspunkt und ihre Antriebskraft im Gottesglauben Israels hat. Auch wenn dieser alttestamentliche Glaube beim Durchschreiten fremder Kulturbereiche und Geistessphären vielfach einer synkretistischen Zersetzung anheimfallt, erfährt er immer wieder eine Läuterung, die dem religiösen Rezeptionsvermögen neue Seiten der Machtwirkungen Jahves erschließt. Die Läuterung lebt aus dem Geist der Prophetie, der in Israel in den verschiedenen Geschichtsperioden lebendig ist. Die einzigartige Leistung des Jahvisten mochte Israel größere Immunität gegenüber zersetzenden Einwirkungen von außen verleihen, aber sie konnte die Folgen der schweren inneren Schäden nicht bannen, die Salomos anspruchsvollen Staatsbau zerfraßen. Das prunkvolle Hofleben hatte seine düstere Kehrseite im Frondienst der Arbeitskolonnen. Salomo hatte Israel die Last der altorientalischen Welt aufgeladen, in der sich hinter staunenerregenden Leistungen stets das unlösbare und meistens verschwiegene soziale Problem verbarg. Solange Salomo König war, Fronten die Arbeitskolonnen. In drei Schichten sollen unter der höchsten Führung des Arbeitshauptmanns fast zehntausend Mann pausenlos gearbeitet haben, und eine andere Mannschaft war mehr oder minder ständig mit der Holzzubereitung im Libanongebirge beschäftigt. Von Jahr zu Jahr wurde die Fronlast schwerer, aber nach wie vor blieb der Stamm Juda von Dienstleistungen verschont. Da die Rivalität zwischen Nord und Süd ohnehin zunahm, war der Ausbruch des Konflikts über kurz oder lang unvermeidlich. Die Krise begann, als sich ein Ephraimit namens Jerobeam, der sich als Bauarbeiter hervorgetan hatte und von Salomo zum Aufseher gemacht worden war, an die Spitze einer nordisraelitischen Aufstandsbewegung (1. Könige II) stellte. Die Bewegung, der auch Propheten, namentlich Ahia von Silo, ihren Beistand liehen, erstrebte die Loslösung Nordisraels vom Reiche Salomos. Natürlich sah Salomo nicht tatenlos zu: »Da trachtete Salomo dem Jerobeam nach dem Leben; Jerobeam aber machte sich auf und floh nach Ägypten zu Sisak und blieb in Ägypten bis zum Tode Salomos.« Bezeichnenderweise machte Sisak – wahrscheinlich der Pharao Scheschonk – keine Anstalten, den politischen Flüchtling auszuliefern. Jerobeam konnte in Ruhe auf den günstigen Augenblick warten, der sich allerdings nicht einstellte, solange Salomo noch am Leben war. Mit umso elementarerer Gewalt sollte die Krise nach seinem Tod zum Durchbruch kommen. Salomo starb im Jahre 926 v. Chr., und zur Jahreswende, die das alte Israel im Herbst feierte, wurde traditionsgemäß sein Nachfolger auf den Thron erhoben. Das ist das erste Datum in der Geschichte Israels, das sich verhältnismäßig sicher ermitteln lässt. Die Chronologie ist von diesem Zeitpunkt an für Juda und Israel auf eine ziemlich solide Basis gestellt. Der Chronologie des deuteronomistischen Geschichtswerks (im AltenTestament von Josua 1 bis einschließlich 2. Könige 25) lagen neben anderem königliche Annalen von Juda und Israel zugrunde, deren Angaben für die getrennten Königreiche die Gleichzeitigkeit bestimmter Ereignisse und die zeitliche Abfolge der berichteten Geschehnisse überhaupt mit einiger Sicherheit festlegten. Soweit diese relative Chronologie Ereignisse festhält, die auch in den Chroniken des neuassyrischen Reiches registriert sind, ist eine verlässliche Zeitbestimmung möglich. Für die Zeit vor dem Tod Salomos sind entsprechende Zeitangaben im deuteronomistischen Geschichtswerk nicht enthalten. Nimmt man indes für David und Salomo auf Grund alttestamentlicher Hinweise eine Regierungszeit von ungefähr je vierzig Jahren an, so darf man vermuten, dass die Königsherrschaft Davids knapp vor dem Jahr 1000 v. Chr. angefangen hatte. Nach dem Tod Salomos erfuhr der innere Dualismus in Israel eine fatale Zuspitzung. Zur Jahreswende 926/925 hatte Salomos Sohn Rehabeam den Thron in Jerusalem bestiegen, ohne auf ernsthaften Widerstand in Juda oder Jerusalem zu stoßen. Anders lagen die Dinge in Nordisrael. Jerobeam war aus Ägypten zurückgekehrt und hatte seine separatistische Politik von neuem aufgenommen. Seiner Erhebung zum König kam allerdings Rehabeam zuvor, indem er sich um Verhandlungen mit den Ältesten Israels über die Gültigkeit des alten Königsvertrages bemühte. Wahrscheinlich konnten sich, solange Rehabeams Pläne nicht feststanden, auch die verantwortlichen Männer der Nordstämme nur schwer entschließen, das Wagnis eines sofortigen Bruches auf sich zu nehmen. So zog Rehabeam nach Sichem in Nordisrael, um sich mit den Ältesten zu treffen. Die Nordstämme schienen nicht abgeneigt, Rehabeam als König anzuerkennen, verlangten aber (1. Könige 12,4) eine Einschränkung des offenbar früher vertraglich vereinbarten und von Salomo arg missbrauchten Rechts des Königs, Angehörige der einzelnen Stämme je nach Bedarf zu Dienstleistungen heranzuziehen: »Dein Vater hat unser Joch hart gemacht; mache du uns die harte Fron deines Vaters und das schwere Joch, das er uns auferlegt hat, leichter, so wollen wir dir untertan sein!« Rehabeam erbat sich Bedenkzeit. Die älteren unter seinen Ratgebern waren für Annahme der Bedingungen des Nordens; doch die jüngeren, in der ehrgeizigen, maßlosen, großspurigen Atmosphäre der Zeit Salomos erzogen, hielten den neuen König zur Unnachgiebigkeit und Strenge an, und Rehabeam hörte auf sie. Töricht und großmäulig herrschte er die Nordstämme an: »Hat mein Vater euer Joch schwer gemacht, so will ich es euch noch schwerer machen; hat mein Vater euch mit Geißeln gezüchtigt, so will ich euch mit Skorpionen züchtigen!« Mit diesem dummen Affront war das Reich Davids und Salomos zerrissen. Von Mund zu Mund ging die alte Parole: »Wir haben keinen Teil an David und keinen Erbanteil am Sohne Isais! Jeder kehre heim in seine Zelte, Israel!« Was das bedeutete, war zwar Rehabeam klar, aber das hinderte ihn nicht daran, der ersten Torheit eine zweite folgen zu lassen: er entsandte den Arbeitshauptmann nach dem Norden mit dem Auftrag, neue Sklaven zu rekrutieren und keine Milde walten zu lassen. Diese königliche Provokation bezahlte der Arbeitshauptmann mit dem Leben: er wurde gesteinigt. Vom Propheten Ahia designiert, wurde Jerobeam von den Nordstämmen zum König ausgerufen. Nun standen die beiden Reiche Israel und Juda nebeneinander. Was sollte aus dem Großreich Davids und Salomos werden? Von den zwei Reichen war Israel das größere und mächtigere. Juda hatte indes den Vorteil, dass seine Staatsordnung im erblichen Königtum gefestigt war. Von den Vasallenstaaten, die David unterworfen hatte, blieb nicht viel übrig. Ein Teil Edoms war schon vorher abgefallen. Die Loslösung der aramäischen Provinzen wurde jetzt endgültig. Ammon, das David zum König erkoren hatte und das Salomo anscheinend gerade noch hatte halten können, benutzte die Spaltung zur Wiedererringung der Unabhängigkeit. Nur Moab trat noch in dieser Situation als tributzahlender Vasall unter die Oberhoheit Israels. In Wirklichkeit war das Großreich völlig auseinandergebrochen und Israel als das größere Machtgebilde aus dem Zusammenbruch hervorgegangen. Aber diesem Gebilde fehlte das staatliche Fundament; die kurze Episode Esbaal hatte gewiss keinen Weg zur Staatsbildung gewiesen. Während sich im Staat Juda die Davidsdynastie bis zum Untergang des Staates im Jahre 587 v. Chr. halten konnte, kam im Nordstaat eine stabile erbliche Monarchie nicht zustande. Mit der Designierung Jerobeams durch den Propheten Ahia hatte Nordisrael an den älteren Brauch angeknüpft, der schon zur Entstehung des charismatischen Königtums Sauls beigetragen hatte, und an der durch Akklamation erfolgenden Thronerhebung eines Designierten wurde auch später festgehalten. Immer wieder traten neue, von Propheten designierte Herrscher auf den Plan, und das Königtum blieb labil und ständigen Gefahren ausgesetzt. Wiederholte Versuche, eine feste Erbfolge zu begründen, scheiterten zumeist nach zwei oder drei Generationen am plötzlichen Einbruch eines neuen Designierten.