Die Dynastie der Omriden

Die Situation der beiden Kleinstaaten Israel und Juda war unmittelbar nach der Trennung sehr verschieden. Dem größeren, aber labilen Reich im Norden stand im Süden ein in Königtum und Kultus gefestigtes Staatswesen gegenüber; außerdem hatte Juda ein ausgebautes Heerwesen, während Jerobeam dies wichtige Machtinstrument erst herstellen musste. Zuerst residierte Jerobeam in Sichern, später in Pnuel im Ostjordanland; offenbar hatte Rehabeam den Versuch unternommen, das abgefallene Nordreich durch einen Feldzug zurückzugewinnen, so dass der König des Nordstaates ausweichen musste. Lange Zeit lagen die beiden Reiche miteinander im Krieg. Aus der späteren Mitteilung, dass Jerobeam seine Residenz nach Thirza im Westjordanland verlegt habe, scheint hervorzugehen, dass sich Israel zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bedroht fühlte. Aber schwieriger als die äußere Sicherung muss die innere Stabilisierung gewesen sein. Juda hatte mit Tempel und Lade ein anerkanntes Zentralheiligtum, zu dem Angehörige aller Stämme zu den großen Festen zu wallfahrten pflegten. Bei allen Veränderungen in der Struktur des Zwölfstämmeverbandes war auch im königlichen Staat das gemeinsame gottesdienstliche Leben das feste Einheitsband geblieben, das die Stämme zusammenhielt. Es war nicht ausgeschlossen, dass Angehörige der Nordstämme auch nach der Zweiteilung des Reichs zur Festzeit nach Jerusalem würden pilgern wollen, und vielleicht wartete Rehabeam nur auf diese Gelegenheit, die Abtrünnigen zurückzugewinnen. Jerobeam verbot kurzerhand alle Wallfahrt nach Jerusalem und gründete seinen eigenen Kultus. In den Orten Bethel und Dan wurden Stierbilder errichtet; vor allem Bethel, das schon zur Richterzeit als Heiligtum der Stämme anerkannt war, sollte zum »Reichsheiligtum« werden. Aus religionsgeschichtlichen Parallelen kann man schließen, dass die Stierbilder kleine Postamente waren, auf denen die Gottheit stand; sie sollten also wohl in erster Linie ein Ersatz für die Lade als leerer Thronsitz des unsichtbar gegenwärtigen Gottkönigs sein. Auch wenn die Stiere wahrscheinlich kein absolutes Novum in Israel waren (Exodus 32), wurde mit ihnen ins kultische Leben ein religiöses Fremdelement eingeschleust. In der Umwelt galt der Stier als Symbol der Zeugungskraft, und die Fruchtbarkeitsreligion fand in seinem Abbild ihren kraftvollsten Ausdruck. Die Quellen berichten denn auch aus der Folgezeit, in Israel habe der Vegetationskultus immer stärker um sich gegriffen, und der deuteronomistische Geschichtsschreiber verurteilte die »Sünde Jerobeams« in der schärfsten Form; vielleicht war auch die Reaktion der Nordisraeliten, die dem Zwölfstämmeverband treu geblieben waren, nicht anders. Dennoch gelang es Jerobeam, den Staatskultus in Bethel und Dan durchzusetzen. Mit Hilfe einer ihm hörigen Priesterschaft festigte er die sakrale Lebensmitte des Nordreiches. Doch lag es ihm zweifellos fern, einen neuen Nationalgott einführen zu wollen: im Zeichen des Stierbildes sollte der Jahve-Kult nur eine neue Bestimmung erfahren. Von einer Wiederangliederung Israels an Juda war keine Rede. An der Erreichung dieses Ziels hinderten Rehabeam außer allem anderen schwere Grenzbedrohungen im Süden. Der Pharao Scheschonk (Sisak) fiel 921 in Juda ein, nahm Jerusalem im Handstreich und stieß auch ins Gebiet Israels vor. Das Unternehmen war ein Beutefeldzug, nicht ein Eroberungskrieg. Die Ägypter plünderten den Tempel- und Palastschatz Jerusalems und fügten namentlich dem König von Juda empfindliche Verluste zu; eine Inschrift im Ammontempel von Karnak in Oberägypten gibt Aufschluss über die Erfolge Scheschonks und registriert die reiche Beute. Wahrscheinlich war der Festungsgürtel, den Rehabeam in Juda ziehen ließ, die unmittelbare Reaktion. Im Innern zeigten sich unter Rehabeam Zersetzungserscheinungen: im ganzen Lande entstanden Höhenheiligtümer der Naturreligion, die mit dem kultischen Zentrum in Jerusalem rivalisierten. Den Abstieg des Staatslebens konnte auch Rehabeams Sohn Abia, der überdies in kriegerische Auseinandersetzungen mit Jerobeam verstrickt war, nicht aufhalten. Erst Asa, der nach der dreijährigen Herrschaft Abias auf den Thron kam, schaffte es in seinen einundvierzig Regierungsjahren, die Lebensordnungen des Reiches Juda neu zu festigen. Sein religiöser Erneuerungswille galt der Austilgung der sittenlosen Fremdkulte und der Durchsetzung des zentralen Gottesdienstes, der dem Staat sein eigentliches Fundament gab. Zweiundzwanzig Jahre hatte Jerobeam über Israel geherrscht. Nach seinem Tod musste Israel zunächst die akute Frage der Nachfolge lösen. Da kein Prophet einen neuen König designiert hatte, fiel der Thron an Jerobeams Sohn Nadab; aber schon zwei Jahre später, als Nadab gegen die wieder emporstrebenden Philister kämpfte, zettelte ein Rivale, Baesa, eine Verschwörung gegen ihn an. Nadab wurde ermordet. Damit begann eine nicht abreißende Kette von Thronwirren: kurzlebige Dynastien, charismatisch Berufene, Verschwörer und Usurpatoren lösten einander in rascher Folge ab. Nadabs Gegenspieler, der von Thirza aus regierte, ließ alle Nachkommen des Hauses Jerobeam ausrotten. Ungefähr um 890 v. Chr. kam es erneut zu ernsten Kämpfen zwischen Juda und Israel. Baesa fiel in das von Juda besetzte Vorfeld Jerusalems im Stammesbereich Benjamins ein und bedrohte die Metropole. In dieser gefährlichen Lage griff Asa zu einem verzweifelten Mittel: mit hohen Zahlungen sicherte er sich die Bundesgenossenschaft des Königs von Aram-Damaskos und veranlasste die syrische Streitmacht, Israel vom Norden her anzugreifen. Jerusalem wurde entlastet, und Baesa musste sich nach Norden zurückziehen. Das Heer Asas stieß sogleich in den benjaminitischen Raum nach und baute gegen Israel die Festungen Geba und Mizpa aus, die eine dauerhafte Grenzregelung garantieren sollten. Über den Ausgang der Kämpfe zwischen Israel und Aram-Damaskos gibt es keine Kunde. Die biblischen Quellen berichten nur vom Ende Baesas: wie Saul zerbricht Baesa an der Aufhebung und Tilgung des Charismas (1. Könige 16,3), nachdem der Prophet Jehu seinem Hause den Untergang geweissagt hat. Das Prophetenwort erfüllte sich allerdings nicht gleich nach dem Tod Baesas. Zunächst folgte ihm noch sein Sohn Ela, der aber nach zweijähriger Regierung von einem neuen Usurpator, Simri, bei einem Trinkgelage umgebracht wurde; auch diesmal wurden die Nachkommen des Königs ermordet. Die Gelegenheit der anhaltenden Krise in Israel ließ Asa, der König von Juda, verstreichen, ohne zum entscheidenden Schlag auszuholen. Im ständig schwelenden Konflikt der beiden Staaten trat damit eine fühlbare Entspannung ein. In Israel konnte der siegreiche Usurpator Simri seine Herrschaft nicht lange behaupten. Das Heer, das seine Stellungen wieder einmal an den Grenzen Phihstäas bezogen hatte, proklamierte einen Gegenkönig, den Feldhauptmann Omri, der auch sofort den Marsch nach Thirza antrat. Ohne den Kampf aufzunehmen, gab Simri das Spiel verloren, zündete den königlichen Palast an und starb in den Flammen. Doch die Entscheidung des Heeres fand im Lande keine ungeteilte Zustimmung, und Omri musste den Kampf gegen einen neuen Thronanwärter, Thibni, aufnehmen. Omri siegte, und der plötzliche Tod Thibnis ermöglichte eine rasche Konsolidierung des militärischen Erfolges. Mit Omri begann eine neue Ära. Thirza musste nach der Vernichtung des Palastes als Hauptstadt aufgegeben werden. Diesen Anlass benutzte Omri dazu, eine eigenartige neue Ordnung zu etablieren. Er gründete zwei Regierungsmetropolen: Jesreel und Samaria. Während Jesreel zunächst die alte Hauptstadt ablöste, verfolgte Omri mit Samaria einen besonderen Plan. In Israel hatten sich noch kanaanitische Großgrundbesitzer erhalten, die ihre alten Bodenrechte gegen die israelitische Bodenordnung zu behaupten wussten und immer noch über ansehnliche Ländereien verfügten. Von einem solchen reichen Kanaaniter konnte nun Omri als Privatbesitz die hervorragend gelegene Berghohe Samaria erwerben, auf der sich eine ganz neue Stadt errichten ließ. Hier gründete er nach dem Vorbild Davids einen königseigenen Stadtstaat. In Jesreel war er nun König von Israel und in Samaria Stadtkönig aus eigener Machtvollkommenheit. Was er damit bezweckte, ist leicht zu erkennen: in dem aus der Staatsordnung Israels herausgenommenen Eigenbereich sollte eine neue Omri-Dynastie entstehen, die nicht mehr an das charismatische Designationskönigtum gebunden wäre. Mit Umsicht und Klugheit suchte Omri als erster König des Nordreiches einen Weg zur Festigung der Regierungsgewalt. Da er selbst kein designierter König war, musste er um die Erhaltung der Macht besonders besorgt sein; es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass ihm die Verhältnisse in Juda als Modell vorschwebten, nur dass er es riskieren konnte, alle Regierungsgewalt in Samaria zu zentralisieren. Daher die Lösung mit den zwei Hauptstädten. Dass Samaria mehr und mehr in den Mittelpunkt gerückt werden sollte, ist nicht zweifelhaft; Omri tat alles, um seiner Stadt Jerusalems Rang und Würde zu geben. Vielleicht hatte bereits er das Stierbild aufstellen lassen, das die biblische Tradition (Hosea 8,6) in Samaria im 8. Jahrhundert verzeichnet. Samaria sollte sich als sakrales und dynastisches Zentrum durchsetzen und die Kultorte Bethel und Dan ablösen. Unverkennbar rang das Nordreich um eine bleibende Ordnung, und Omri war auf seine kluge Art bemüht, dem labilen Königtum eine feste politische und sakrale Grundlage zu geben. Auch die auswärtige Politik Omris war realistisch und weitsichtig. Die Streitigkeiten mit Juda wurden abgeschlossen. Wahrscheinlich hatte Omri ein freundliches Einvernehmen mit Asa gesucht; jedenfalls zeigt sich aus der weiteren Entwicklung des Verhältnisses zwischen Israel und Juda, dass Omri bereit war, neue Wege zu gehen. Gewiss hatte er allen Anlass, sich nach Süden hin zu sichern, denn im Norden war die Macht der Aramäer im Aufstieg und erforderte die größte Wachsamkeit und Kampfbereitschaft. Dass Omri den Anspruch auf Moab durchsetzte und Israels Oberhoheit über Moab behauptete, ist aus der »Mesa-Stele«, einer moabitischen Inschrift, bekannt. Assyrische Inschriften bezeugen, dass sich Omri weit über die Grenzen seines Reiches hinaus so großes Ansehen verschafft hatte, dass Israel das »Land Omris« oder das »Land des Hauses Omris« genannt wurde. Der schwarze Obelisk Salmanassars III. nennt irrtümlich noch den König Jehu, der die Nachkommen Omris hat umbringen lassen, einen Mann »aus dem Hause Omris«. Die Dynastiegründung in Samaria hatte in kurzer Zeit Anerkennung und Ruhm gefunden. Nachfolger Omris in Jesreel und Samaria wurde sein Sohn Ahab, der von 870 bis 852 v. Chr. regierte, der mächtigste Herrscher aus der Dynastie der Omriden. Anfänglich baute Ahab auf dem von seinem Vater gelegten Fundament weiter. Eine seiner Hauptsorgen war der Ausbau des Krongutes, denn er wusste wohl, dass mit dem Besitz auch sein Ansehen stieg und die Erhaltung der Dynastie aussichtsreicher wurde. Nicht nur in Samaria wurden prachtvolle Bauten errichtet; auch in Jesreel war Ahab auf die Mehrung seines persönlichen Besitztums bedacht. Die Geschichte von der ungerechten Aneignung des Weinberges Naboths (1. Könige 21) illustriert den rastlosen Eifer, mit dem der König seinen Grundbesitz zu erweitern suchte, um die dynastische Machtposition zu festigen. In der Geschichte Israels hatte das konsequente und straffe Regiment der Omriden eine eigene Note. Zum Schutz gegen auswärtige Mächte wurden Festungen angelegt; vor allem gegen Aram-Damaskos wurde ein Schutzwall aufgeworfen. In mancher Hinsicht erinnerte die Regierungspraxis Ahabs an die Zeiten Salomos. Auch Ahab heiratete zu politisch-dynastischen Zwecken. Nach dem Alten Testament war seine Frau Isebel eine Tochter Etba’als, des Königs der Sidonier; nach dem phönikischen Geschichtsschreiber Menander eine Tochter König Ittobals von Tyros. Unrecht hat hier vermutlich die alttestamentliche Tradition. Es ist wahrscheinlich, dass Ahab mit der dynastischen Heirat darauf aus war, Anschluss an den Überseehandel der Phöniker zu gewinnen und seine ausgedehnten privaten Besitzungen am Strom des internationalen Handels zu beteiligen; außerdem konnte ein Bündnis mit den Phönikern in den Auseinandersetzungen mit den Aramäern von Nutzen sein und seinem Reich Ansehen und Geltung unter den Nachbarn verschaffen. Wie Salomo wurde aber auch ihm der Einfluss der Ausländerin am königlichen Hof zum Verhängnis. Königinnen, Propheten, Priester
Dass ausländische Prinzessinnen bei der Übersiedlung in die Residenzstadt des königlichen Gemahls den heimischen Glauben mit Priestern und Kultgeräten mitnahmen, war normale altorientalische Praxis. Aber sogar über die normale Praxis hinaus hatte Ahab der tyrischen Prinzessin Isebel viele Sonderrechte einräumen müssen, und in der königseigenen Stadt Samaria wurde eigens für sie ein Baalstempel erbaut. Das hatte schwere religiöse Konflikte zur Folge. Gewiss war Jahve nicht als »Gott Israels« entthront; aber die Einrichtung eines Baalstempels, die ständige Anwesenheit zahlreicher fremder Kultdiener und die despotische Gewalt der Ausländerin Isebel wurden von den Kreisen, die in Israel nur Jahve verehrt wissen wollten und ihm mit Eifer dienten, als erregend und empörend genug empfunden. Zunächst wurden offene Protestäußerungen dadurch gedämpft, dass das Land eine verheerende Zeit absoluter Regenlosigkeit durchmachte. In diese Zeit führen die Elia-Geschichten, die die alttestamentliche Tradition überliefert hat. In Elia erstand Israel ein machtvoller Prophet, den die Zeitgenossen wie einen zweiten Moses verehrten. Die Erzählungen berichten von seinen Wundertaten, von der Wallfahrt zum heiligen Berg Horeb, von seinem autoritativen Eintreten für das alte Jahve-Recht, von seiner kategorischen Forderung, dass nur Jahve und kein anderer Gott verehrt werde. Offen nahm Elia den Kampf gegen Ahab, Isebel und die Baalspriester auf. Noch einmal erwachte in einer Zeit, da Fremdkulte mit Gewalt einbrachen und der verflachte, synkretistische Jahve-Staatskult dahinsiechte, die Urbotschaft des Alten Testaments. Die von Elia ins Leben gerufene Bewegung nahm in Elisa, dem Nachfolger Elias, eine eigenartige Entwicklung. Mit Elisa sollte sie auch auf die politische Sphäre übergreifen: ihm blieb es vorbehalten, den Mann zu designieren, der die Omriden vom Throne stoßen und die charismatischen Ordnungen des Nordreiches wiederherstellen sollte. Beschleunigt wurde der Niedergang der Dynastie durch die zunehmende Erschwerung der außenpolitischen Lage Israels. Während seiner im Anfang so glanzvollen Regierungszeit musste Ahab die Energie des Staates in zunehmendem Maße auf kriegerische Auseinandersetzungen konzentrieren. Geführt von ihrem König Benhadad, drangen die Aramäer ins Herz Israels vor und belagerten Samaria, das offensichtlich mehr und mehr als die eigentliche Hauptstadt des Landes akzeptiert wurde. In der umzingelten Residenzstadt eingeschlossen, versuchte Ahab mit Verhandlungen und Tributangeboten die Belagerer zum Abzug zu bewegen. Benhadads unannehmbare Bedingungen erzwangen jedoch den Waffengang. Eine israelitische Elitetruppe wurde dazu auserkoren, in einem kühnen Handstreich die Aramäer so zu verwirren, dass sie die Belagerung aufgeben mussten. Zu Hilfe kamen Israel die Siegestrunkenheit und Undiszipliniertheit des aramäischen Heeres. Der geplante Ausfall gelang während eines von Benhadad veranstalteten Trinkgelages. Das aramäische Heer floh in voller Auflösung. Später trat zwar Benhadad mit einem neuen Heer wieder zum Kampf an, wurde aber erneut geschlagen und musste einen unvorteilhaften Friedensschluss hinnehmen. Unterdes zeichnete sich am Horizont eine viel größere Gefahr ab. Einen neuen Aufstieg erlebte im 9. Jahrhundert im Norden des Zweistromlandes eine alte Großmacht, die in der Folgezeit den gesamten palästinisch-syrischen Küstenraum in ständiger Unruhe halten sollte: Assyrien. Der assyrische König Assurnasirpal II. (884 bis 859) zog als erster gen Westen. Dann folgte sein Sohn Salmanassar III., der auf ein Heer Israels stieß und Ahab schlug. Über die unmittelbaren Folgen dieser Niederlage fehlen nähere Nachrichten; auf jeden Fall war allen Staaten Syriens und Palästinas vorgeführt worden, dass sich eine neue Macht erhoben hatte. Möglicherweise hatte die Bedrohung durch die Assyrer die Spannungen zwischen Israel und Aram-Damaskus abklingen lassen; eine Weile ließen die Gegensätze nach – bis Ahab einen neuen Vorstoß unternahm, um den Aramäern Ramot in Gilead zu entreißen. Als Bundesgenosse trat jetzt Ahab erstmalig ein König von Juda, Josaphat, zur Seite, ein Zeichen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Nord und Süd, die Asa und die Omriden zuwege gebracht hatten. Der Ausgang des Kampfes ist unklar. Der Tod Ahabs, der, von einem Zufallspfeil getroffen, verblutete, ließ ihn in den Hintergrund treten. Zum herbstlichen Jahreswechsel 852 bestieg sein Sohn Ahasja den verwaisten Thron. Den Königswechsel nahmen die Moabiter, denen die Last der Tributzahlungen an Israel unerträglich geworden war, zum Anlass, die Botmäßigkeit abzuwerfen. Der Einflussbereich Israels schrumpfte weiter zusammen. Nur kurze Zeit blieb Ahasja am Ruder. Nach der Überlieferung wurde er durch einen schweren Sturz verletzt, an dessen Folgen er starb. Sein Bruder Joram, der ihm folgte, traf sofort Vorbereitungen zu einem Feldzug gegen die Moabiter, um das verlorene Gebiet zurückzuerobern, und gewann als Bundesgenossen den König von Juda und den König von Edom. Das Unternehmen misslang, Moab blieb verloren. Weiteres Territorium büßte Israel im Norden ein: ein neuer Angriff der Aramäer endete mit Landabtretung und Tributzahlungen; er hätte mit einer viel größeren Katastrophe ausgehen können, wäre nicht Aram-Damaskus seinerseits von den Assyrern bedrängt worden. Wie so oft folgte auf die Niederlagen eine schwere Krise im Innern. Während Joram in Jesreel krank daniederlag und der König Ahasja von Juda bei ihm weilte, lancierte der Prophet Elisa seinen Angriff gegen das Königshaus und benannte den Feldhauptmann Jehu als den zum König Erwählten. Jehu, als tollkühner Krieger und rasender Streitwagenfahrer bekannt, befand sich gerade im Heerlager bei Ramot. Das Heer war für ihn, die Soldaten umjubelten ihn mit dem Inthronisationsruf »Jehu ist König geworden!« Um etwaigen Gegenmaßnahmen Jorams zuvorzukommen, galoppierte nun Jehu mit seinem Streitwagen, von einem kleinen Kriegertrupp begleitet, nach Jesreel. Das Herannahen der Krieger, von deren Rebellion die Hauptstadt nichts wusste, wurde dem Palast gemeldet. Da mit bösen Nachrichten von der Front gerechnet werden konnte, fuhr der kranke König selbst voller Sorge dem Trupp entgegen, und der König von Juda begleitete ihn. Jehu ließ es gar nicht erst zu einer Begegnung kommen: in voller Fahrt schoss er seine Pfeile ab. Joram war auf der Stelle tot; Ahasja ereilte ein Pfeil auf der Flucht, er starb am selben Abend in Megiddo. Nachdem er die Könige von Israel und Juda an einem Tag ums Leben gebracht hatte, besetzte Jehu den königlichen Palast und trat die Regierung an. Aber noch war der von Elisa Erwählte nicht Stadtkönig von Samaria. Ihm standen noch siebzig Prinzen – die gesamte Nachkommenschaft der Omriden – im Wege, die in Samaria residierten. Auch hier machte Jehu kurzen Prozess: als Treuebeweis verlangte er von den Stadtältesten von Samaria die Ermordung der Prinzen und sein Wille geschah; zusätzlich verzichteten die Stadtväter auf alle Sonderrechte des Stadtstaates. Jehu war aber nicht nur Krieger, sondern auch Glaubenseiferer; in einem weiteren Blutbad wurden die Baalspriester hingeschlachtet. Weniger erfolgreich dagegen war der bewährte Feldhauptmann in der Regelung der Beziehungen zu den Nachbarstaaten. Ihr freundschaftliches Verhältnis zu Juda ging in die Brüche, die Aramäer bemächtigten sich großer Teile des Ostjordanlandes, die mächtigen Assyrer forderten hohe Tributzahlungen. Trotzdem blieb Jehu achtundzwanzig Jahre auf dem Thron und sicherte sogar noch dem Sohn Joahas und dem Enkel Joas die Nachfolge. Ständige Grenzkämpfe und Tributzahlungen belasteten das Land, und nur mit Mühe gelang es den Nachkommen Jehus, das in seinen Grundlagen erschütterte Reich zusammenzuhalten. Kaum weniger unruhig, wenn auch vielleicht weniger unheilvoll, verlief die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts im Reich Juda. Die lange und ruhige Regierungszeit Asas hatte die Verständigung mit Israel gebracht, die vor allem im Grenzraum Benjamin nach Jahren der Grenzauseinandersetzung eine friedliche Regelung ermöglichte. Und Asas Sohn Josaphat zog sogar mit dem König von Israel als Verbündeten in den Krieg. Noch enger wurde das freundschaftliche Verhältnis mit der Anknüpfung verwandtschaftlicher Bande: Josaphats Sohn Joram heiratete Athalja, eine Tochter des Ahab und der Isebel. Zur selben Zeit wie sein Schwager Ahasja in Jesreel kam Joram auf den Thron in Jerusalem, wo er seiner israelitisch-tyrischen Frau beträchtlichen Einfluss am Hofe einräumte. Gleich ihrer Mutter Isebel wurde auch Athalja zur Wegbereiterin des Baalskultes. Parallelen gab es noch mehr. Auffallend ist schon die Übereinstimmung der Königsnamen: in Israel und in Juda gab es je einen Joram, je einen Ahasja, je einen Joas. Schon daraus kann man auf enge Beziehungen zwischen Nord und Süd schließen. Vor allem der judäische Joram war mit dem Hof seines israelitischen Schwagers eng verbunden: er beteiligte sich an Ahasjas Feldzügen und bemühte sich auch sonst, die aus der Heirat mit Athalja erwachsenden Verpflichtungen gegenüber dem Königshof der Omriden gewissenhaft zu erfüllen. Nur kurze Zeit regierte Joram in Jerusalem. Als ihm sein und Athaljas Sohn Ahasja folgte, konnte die Königinmutter ihren Einfluss auf die Geschicke Judas vermehren. Die Beziehungen zum Throne Israels, auf dem jetzt ihr zweiter Bruder Joram saß, wurden noch intensiver. Nicht zufällig war Ahasja 845, als Jehu losschlug, bei seinem Onkel zu Gast, und vielleicht war es auch kein Zufall, dass er des Onkels Schicksal teilte. Bis nach Jerusalem reichte Jehus Arm indes nicht; was Isebel in Israel nicht gelungen war, gelang ihrer Tochter in Juda: hier konnte Athalja die Macht an sich reißen und ein Gewaltregiment errichten. Sie griff mit besonderer Brutalität gegen ihre Gegner durch; die Nachkommen der Davidsdynastie, die ihr hätten gefährlich werden können, kamen ums Leben. Der Staat machte eine schwere Krise durch. Womit Athalja nicht gerechnet hatte, war die Macht der jahvetreuen Jerusalemer Priesterschaft. Die Priester hatten einen Nachkommen der Davidsdynastie, den Knaben Joas, gerettet und ihn in den Priesterkammern des Tempels großgezogen. Als Joas sieben Jahre alt war, rief der Oberpriester Jojada die Leibwache der Königin und vereidigte die Soldaten auf den legitimen Davidserben. Als die Judäer zum Laubhüttenfest 839 nach Jerusalem kamen, wurde das Geheimnis bekanntgemacht: Joas wurde auf ein Podium gehoben, wie man es bei der Thronbesteigung zu errichten pflegte, und das Volk brach in Jubel aus. Statt Athalja beizustehen, nahm die von den Priestern rechtzeitig für Joas gewonnene Leibwache sie fest. Die eben erst so Mächtige wurde aus dem Tempelbezirk geführt und außerhalb des geweihten Geländes getötet. Nach alten Bräuchen des Zwölfstämmeverbandes konnte die feierliche Erneuerung des Gottesbundes (2. Könige 11,17) vorgenommen werden: »Nun schloss Jojada den Bund zwischen Jahve, dem König und dem Volk, dass sie ein Volk Jahves sein wollten.« Seit Davids Zeiten war der König in den Bund zwischen Jahve und seinem Volk eingeschlossen, aber seit Salomo hatte sich immer wieder die Tendenz zur Unterstellung des Kultus unter die vom König bestimmte Lebensordnung geltend gemacht. Jetzt sorgte die Priesterschaft, der die Dynastie ihre Rettung verdankte, dass sich der König ihr (2. Könige 12,2) unterwarf. »Joas tat, was Jahve wohlgefiel, sein ganzes Leben lang, weil ihn der Priester Jojada unterwies.« Schnell kam der Feldzug gegen die fremden Kulte in Gang. Nicht nur die unter dem Einfluss Athaljas in Jerusalem aufgerichteten Baalszeichen wurden zerstört, sondern auch die Höhenheiligtümer des Baalskultes im ganzen Lande. Immer wieder waren diese Heiligtümer aus der Symbiose mit den Kanaanitern entstanden; setzte sich in Jerusalem das feuchtwarme Wetter eines allgemeinen Synkretismus durch, so schossen sie jedesmal von neuem wie Pilze aus dem Boden. Aber schon im alten Zwölfstämmeverband hatte es zum gottesdienstlichen Handeln gehört, dass die Verehrung des Einen Gottes auch in der periodischen Reinigung von allen fremden Kultelementen ihren Ausdruck fand. Trotz der Wiederherstellung der Grundlagen der alten Ordnung war aber auch die Regierungszeit Joas’ nicht krisenfrei. Die Aramäerheere, die den israelitischen Joas schwer bedrängten, stießen weit nach dem Süden vor: wiederholt musste auch Juda alle Kräfte aufbieten, um die aramäische Expansion abzuwehren; sogar Jerusalem wurde vom Aramäerkönig Haza’el bedroht, und der judäische Joas musste aus dem Tempelschatz einen großen Tribut entrichten, um sich loszukaufen. Darüber hinaus ist über diesen Joas nur bekannt, dass er 800 v. Chr. von seinen Dienern ermordet wurde und dass ihm sein Sohn Amazja auf dem Thron Davids nachfolgte.