Die vernichtung der Staat Israel von den Assyrern

Die stärkste Macht im syrisch-palästinischen Raum war zu Beginn des 8. Jahrhunderts der syrische Großstaat von Damaskos; unter seiner Oberhoheit stand der nördliche Teil des Ostjordanlands, und ein festes Bündnis verband ihn mit Philistäa. Israel war gefährlich umklammert; dass es nicht erobert wurde, lag hauptsächlich daran, dass die Großmacht Assyrien mit ihren wiederholten Raub- und Beutezügen auch Damaskos in Atem hielt. Um 800 v. Chr. rückten die Assyrer wieder gegen Westen vor. Auf einer Reliefstele hat der Großkönig Adadnerari III. der Nachwelt mitgeteilt: »Als ich mich im fünften Jahre auf meinen königlichen Thron erhaben setzte, bot ich das Land auf; den ausgedehnten Truppen Assurs nach dem Lande Philistäa zu ziehen befahl ich. Den Euphrat überschritt ich bei seinem Hochwasser; die Könige, die feindlichen, die zur Zeit meines Vaters Schamschiadad abgefallen waren … meine Füße fassten sie. Steuer, Tribut … brachten sie nach Assur, ich nahm es in Empfang. Nach dem Lande Damaskos zu ziehen befahl ich. Mari in Damaskos schloss ich ein, es unterwarf sich. Hundert Talente Gold, tausend Talente Silber als seinen Tribut empfing ich. Damals ließ ich ein Denkmal meiner Herrschaft anfertigen, die Taten meiner Hände schrieb ich auf, in der Stadt Zabanni stellte ich es auf.« Immer wieder strebten die Assyrer zur westlichen Küste, und wo sie hinkamen, erhoben sie Tribut. Natürlich benutzten die tributpflichtigen Staaten jede Gelegenheit – Thronwechsel in Assur oder Ausbleiben des periodischen assyrischen Demonstrationsfeldzugs -, die Abgaben zu verweigern. Das hatte auch das schwer belastete Damaskos versucht, dem daraufhin Adadnerari mit einer Strafexpedition eine Lektion erteilte. Vermutlich war auch Israel in Mitleidenschaft gezogen worden. Jehu war jedenfalls tributzahlender Vasall Assyriens. Wahrscheinlich hatten die Assyrer Anlass, Jehus Nachfolger zu Zahlungen zu zwingen. Nach dem Feldzug Adadneraris III. hatte Assyrien allerdings genug mit inneren Angelegenheiten zu tun und musste seinen Expansionsdrang mäßigen. Erst um 740 v. Chr. rückten assyrische Truppen von neuem ins syrische Gebiet ein. Im Südreich Juda hatte sich mittlerweile, nachdem er die Mörder seines Vaters hatte töten lassen, Amazja (802-785) durchgesetzt. Der Einfluss der Priesterschaft machte sich weiter geltend, wenn auch Amazja den Höhenkulten großzügiger gegenüberstand und gegen sie nicht mehr so streng durchgriff wie Joas. Dafür entfaltete Amazja eine größere außenpolitische Aktivität. Er unternahm einen Feldzug gegen die Edomiter, um alte Ansprüche zur Geltung zu bringen, siegte und entriss den Edomitern, die sich südlich des Toten Meeres weit nach dem Westen vorgeschoben hatten, erhebliche Gebietsteile. Nach dem Sieg über die Edomiter übermütig geworden, wagte es Amazja, Israel den Krieg zu erklären. Aber Jehus Enkel Joas (800-787) kam den Judäern zuvor, fiel in Juda ein und fügte Amazja bei Beth-Schemesch eine vernichtende Niederlage zu. Ja, er zog sogar als Sieger in Jerusalem ein und nahm den König von Juda gefangen. Doch war er klug genug, das Gleichgewicht zwischen den beiden Kleinstaaten nicht anzutasten. Er ließ Amazja frei und hielt sich am Tempel- und Palastschatz schadlos. In die Mauern Jerusalems wurden auf seinen Befehl große Breschen gerissen. Später erhob sich gegen das geschwächte Königtum eine Verschwörung; Amazja musste nach Lachisch fliehen, wurde dort überwunden und getötet. Offenbar hatte die Herrschaft der Athalja eine Ära der Palastrevolutionen und Verschwörungen eingeleitet. Auf den Thron kam Usia (auch Asarja genannt), unter dessen Herrschaft Juda einen erstaunlichen neuen Aufstieg nahm. Von Anfang an erstrebte der tatkräftige junge König eine Erweiterung seines Reiches nach Süden und Westen. Im Süden ging es gegen die Edomiter und die nomadischen Wüstenstämme, im Westen gegen die Philister. Schon frühzeitig bemühte sich Usia um den Ausbau des Heeres: eine große Söldnertruppe wurde aufgestellt und mit mechanischen Eroberungswerkzeugen, Steinschleudern und anderen neuen Waffen ausgerüstet; augenscheinlich hatte Usia den Assyrern einige Geheimnisse der neueren Kriegstechnik abgelauscht. Beim Vorstoß gegen die südlichen Nachbarn gewann Usia die Nordspitze des Golfes von El-Akaba wieder; den Philistern wurden Gath und Jabne abgenommen. Damit waren südlich und westlich zwei Keile vorgetrieben, die Juda den Zugang zu den Meeren eröffnen und den Anschluss an den Überseehandel ermöglichen sollten. Zum erstenmal seit Salomo verfolgte wieder ein judäischer Herrscher so weitgespannte Pläne. Auch in anderer Beziehung folgte Usia dem Beispiel Salomos. Er ließ einen Festungsgürtel ausbauen, der das gewonnene Gebiet decken und die Handelsstraßen sichern sollte. Jerusalem wurde neu ausgebaut: die Stadtmauern wurden erneuert und an strategisch wichtigen Punkten Wehrtürme gesetzt. Das Festungssystem wurde mit neuen Waffen ausgestattet; auch in kriegstechnischen Neuerungen, die er hauptsächlich von den Assyrern übernahm, folgte Usia dem Vorbild Salomos, dessen Streitwagenabteilung mit pferdebespannten Kriegswagen zu seiner Zeit eine Revolution im israelitischen Heerwesen bedeutet hatte. Nach außen und innen wurde das Reich Juda gefestigt. Der Handel blühte, der Wohlstand wuchs. Auf diesem Boden entstanden jedoch schwerwiegende soziale Probleme, die später vor allem von den Propheten Jesaja und Micha aufgegriffen werden sollten. Auf die glanzvolle Regierungszeit Usias (die wohl bis 755 v. Chr. dauerte) warf sein düsteres persönliches Schicksal einen schweren Schatten: der König erkrankte am Aussatz und musste sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Als Mitregent amtierte sein Sohn Jotham. Zwei Jahre vor dem Regierungsantritt Usias in Juda war im Nordreich Israels Joas Sohn Jerobeam II. auf den Thron gekommen. In den vier langen Jahrzehnten seiner Herrschaft erlebte bemerkenswerterweise auch Israel eine Zeit des Aufschwungs und Wohlstands. Zu einem erheblichen Teil hing das damit zusammen, dass sich Assyrien ruhig verhielt. Und auch in Israel wurde in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts – wie unter Usia in Juda – an die große Vergangenheit angeknüpft. Vielleicht war schon das Wiederauftauchen des Königsnamens Jerobeam bezeichnend. Die Jahre der Staatsgründung wurden wieder lebendig, das Königsheiligtum Bethel gewann seinen alten Rang zurück. Das Reich blühte auf. Von Aram-Damaskos wurde Israel nicht mehr überfallen, vielleicht weil der Aramäerstaat selbst Zeiten des Niedergangs durchmachte. Philistäa hatte von Juda Schläge hinnehmen müssen und rührte sich nicht. So konnte Jerobeam ostjordanische Landstriche zurückerobern, den auswärtigen Handel intensivieren und das Königsregiment festigen. Aber schon in dieser ruhigen Zeit wurden kommende Katastrophen von den Propheten Amos und Hosea angekündigt. Beide ließen ihre Stimmen gegen Ende der Ära Jerobeam vernehmen: Amos zuerst um 760 v. Chr., Hosea etwa ein Jahrzehnt später. Eine dunkle Gerichtsbotschaft beunruhigte das Land: »Durch das Schwert«, verkündete Amos, »soll Jerobeam umkommen, und Israel muss in die Verbannung – hinweg aus seinem Lande.« Der Prophet, der am Reichsheiligtum in Bethel auftrat, wurde verbannt. Das brachte die unheilvollen Prophezeiungen nicht zum Schweigen. Nach Hoseas erstem Wort lautete Jahves Urteil: »In kurzem suche ich die Bluttat von Jesreel heim am Hause Jehus und mache dem Königreich Israel ein Ende!« Die Propheten des Gerichts treten plötzlich auf die Bühne der Geschichte. Als Gottesboten weisen sie sich aus und leiten ihre Sprüche und Reden mit der Ankündigungsformel »So spricht Jahve« ein. Unergründlich ist das Geheimnis ihrer Inspiration und Sendung, die weder auf einer kultischen noch auf einer hierarchischen Amtsvollmacht beruht. Ja, diese Propheten treten sogar dem in Magie und Synkretismus abgesunkenen Kultus aggressiv entgegen, sie kündigen der religiösen Selbstsicherheit das kommende Gottesgericht an. Doch in ihrer unvergleichlichen Freiheit und Größe haben die Gottesmänner zwei entscheidende Bindungen, von denen sie immer wieder sprechen. Sie wissen sich als die Hüter und Verfechter des alten Gottesrechts: »Recht und Gerechtigkeit« fordern sie als die dem Gottesvolk im Bunde gebührende Verhaltensweise. Jeden Rechtsbruch, jede Verletzung der Gebote decken sie mit unnachsichtiger Strenge auf. Zu dieser Bindung an das Gottesrecht tritt eine andere: das ständige Bezogensein auf die Mitteilung Jahves, auf die Inspiration und die visionäre Enthüllung des Kommenden. Unter einem übermächtigen Zwang kommt das Wort Jahves über den Propheten. Er wird mitgerissen von der Erkenntnis der in der Geschichte anhebenden Gottestat und wird zum Herold einer neuen Begegnung zwischen Jahve und Israel, zum »Sturmvogel des Gerichtes«, in dem Gott seine Macht und Freiheit erweist. Als Jerobeam II. im Jahre 747 v. Chr. starb, ging für Israel die letzte Blütezeit zu Ende. Auf den Tod des Königs folgten turbulente Thronwirren. Im selben Jahr kam zwar noch Jerobeams Sohn Sacharja auf den Thron, aber schon sechs Monate später ermordeten ihn Verschwörer, an deren Spitze ein Mann namens Sallum stand. Bereits nach einem Monat wurde auch er von einem neuen Usurpator, Menahem, gestürzt. Immerhin konnte Menahem zehn Jahre regieren, doch wurden in dieser letzten Lebensperiode des Reiches Israel die Grundlagen der Königsherrschaft immer wieder im Namen Jahves angezweifelt. Eine charismatische Designation war keinem der letzten Könige des Nordreiches zuteil geworden. Der Prophet Hosea erklärte im Namen Jahves: »Sie haben Könige eingesetzt, doch ohne meinen Willen; haben sich Fürsten erwählt, doch ohne mein Wissen.« Menahem konnte seine Herrschaft nur mit brutaler Gewalt aufrechterhalten. Eine Stadt Tappuah, die sich widerspenstig gezeigt hatte, wurde militärisch niedergeworfen und ihre Bevölkerung ausgerottet. Bald allerdings setzte das Wiederauftauchen der assyrischen Heere dem Wüten Menahems ein Ende. Im Zweistromland hatte sich um 740 v. Chr. ein mächtiger Herrscher emporgeschwungen, der das assyrische Großreich auf den Gipfel des Ruhmes führte: Tiglatpilesar III., im Alten Testament Phul genannt. Von 745 bis 727 regierte er in der von ihm bevorzugten Residenzstadt Kalach, in der bei Ausgrabungen viele aufschlussreiche Angaben über seine kriegerischen Unternehmungen ans Tageslicht gekommen sind. Zunächst baute Tiglatpilesar das Heer aus, auf das er sich in erster Linie stützen musste, da ihm die Großen Assyriens wenig Sympathie entgegenbrachten. Das hervorragend gegliederte und mit den neuesten Waffen ausgestattete assyrische Heer wurde von Tiglatpilesar bedeutend vergrößert und in seiner Organisation gestrafft. Vor allem wurden die Streitwagenabteilungen und die technischen Truppen vermehrt und mit Belagerungsmaschinen und Pionierwerkzeugen ausgerüstet. Alte Abbildungen der assyrischen Truppen vermitteln den Eindruck einer geschlossenen Phalanx, die alles, was sich ihr in den Weg stellt, niederwalzt. Kunstvoll konstruierte Belagerungsmaschinen wurden vor feindlichen Städten aufgestellt; unter einem Dach, das Schutz vor Pfeilen bot, wurden mit einer Schwungvorrichtung versehene Rammpfahle gegen die Mauern der belagerten Städte getrieben. Die technische Vollkommenheit der assyrischen Kriegsmaschine war umso unwiderstehlicher, als hinter ihr ein mächtiger religiöser Antrieb stand. Die Großkönige führten ihre Feldzüge nicht aus imperialistischer Machtgier allein. Der assyrische Gott Assur, dessen feierliche Erhöhung jedes Frühjahr kultisch begangen wurde, galt als Schöpfer und Herr der Welt, und als Repräsentant dieser Weltherrschaft des Gottes wurde der Großkönig gefeiert. Von Assur empfing er den Auftrag, die ganze Welt der Gottheit zu unterwerfen; in diesem Sinne wurde der Krieg zu einem einzigen großen Gottesdienst. In einem ekstatischen Kampfesrausch gingen die Truppen gegen den Feind vor. In einem alten Text heißt es: »Feurig, voll Wut sind sie, wie der Sturmgott gewandelten Wesens; sie stürmen im Grimm ins Getümmel ohne Obergewand … Es tanzen im verderblichen Waffenspiel die kriegsgewaltigen Mannen.« Der Gott Assur sollte der Herr der Welt sein, und kein assyrischer Herrscher verfolgte dies Ziel so konsequent wie Tiglatpilesar III. Seine Politik wies der assyrischen Großmacht ihren künftigen Weg, und seine neuartige Unterwerfungstechnik, der eine konsequente Umsiedlungspolitik zugrunde lag, verbreitete unter den Völkern den größten Schrecken. Indem sie die einflussreiche Oberschicht der besiegten Länder deportierten, veränderten die Assyrer von Grund auf die Struktur der unterworfenen Staaten. Die Deportierten wurden in die entlegensten Länder verschleppt, und an ihrer Stelle zwangen die Eroberer dem besiegten Volk die Herrenschicht eines anderen von ihnen unterworfenen, wiederum möglichst fernen Staates auf. Das Leben des eroberten Gemeinwesens wurde so grundlegend umgestaltet, dass ein nationales Freiheitsbegehren nicht mehr erwachen konnte. Darüber hinaus wurden die unterworfenen Länder in ein straff gegliedertes Provinzialsystem eingefügt und die neuen Provinzen von verlässlichen Untertanen des Großkönigs unter Kontrolle gehalten und verwaltet. Im Westen wirkte sich diese Umsiedlungs- und Eingliederungspraxis zum erstenmal voll aus, als Tiglatpilesar im Jahre 738 in den syrisch-palästinischen Raum einbrach. Zuerst richtete sich der Angriff des Großkönigs gegen den aufsteigenden Stadtstaat Hama, der in den voraufgehenden Jahrzehnten Aram-Damaskos überflügelt hatte. Der Kampf dauerte nicht lange; der größte Teil des Hama-Gebietes wurde dem assyrischen Machtblock als reichsunmittelbare Provinz angegliedert, nur ein kleiner Rest blieb als tributpflichtiger Rumpfstaat, der nicht leben und nicht sterben konnte, bestehen. Auch dies Verfahren gehörte zu Tiglatpilesars treffsicherer Unterwerfungsstrategie. Das assyrische Heer drang nun weiter vor und zwang ganz Syrien in die Knie. Der König Rezin von Damaskos musste erneut einen hohen Tribut entrichten; da er sich frühzeitig unterwarf, ersparte er seinem geschwächten Staat die militärische Niederlage und Besetzung und wurde zum Vasallen des Großreichs. Diesen Weg beschritten auch andere syrische Stadtstaaten, darunter die phönikischen Küstenstädte. Das gleiche Schicksal (2. Könige 15,19 f.) wählte das Nordreich Israel: »Zu seiner Zeit kam Phul, der König von Assyrien, über das Land. Da zahlte Menahem an Phul tausend Talente Silber, damit er ihm helfe, die Herrschaft in seiner Hand zu befestigen.« Und Menahem, der sich nur mit Waffengewalt auf dem Thron halten konnte, war die Unterwerfung ein willkommenes Mittel, sein wankendes Regime zu stützen; aber die schweren Lasten, die er den Vornehmen und Begüterten auferlegte, riefen erbitterten Widerstand hervor, der sich, als er 736 v. Chr. starb, zu einer Verschwörung verdichtete. Schon kurz nach der Thronbesteigung wurde sein Sohn Pekachja von einem Adjutanten namens Pekach ermordet, der sich sogleich selbst zum König erhob. Die Revolte richtete sich natürlich nicht nur gegen das Haus Menahem, sondern vor allem auch gegen die Abgaben und Tribute an die assyrische Großmacht. Da Israel allein nicht daran denken konnte, das assyrische Joch abzuschütteln, bemühte sich Pekach um ein gemeinsames Vorgehen mit den anderen vom assyrischen Großkönig unterworfenen Regenten des syrisch-palästinischen Raumes. Die von Tiglatpilesar III. überfallenen Reiche fanden sich schnell zu gemeinsamer Abwehr bereit; die Tributzahlungen wurden eingestellt und ein großes Koalitionsheer gegen den im Osten weilenden Eroberer aufgeboten. Zur Verstärkung der Koalition schien es logisch, den einzigen von Assyrien noch nicht bezwungenen Nachbarstaat, das militärisch schlagkräftige und gutgerüstete Juda, in die gemeinsame Front einzureihen. In Juda regierte Ahas, ein Enkel Usias, und ihn versuchten die gegen Assyrien verbündeten Staaten zu gewinnen. Aus seiner Weigerung, der Koalition beizutreten, ergaben sich scharfe Auseinandersetzungen, die den Häuptern der antiassyrischen Verschwörung, Pekach von Israel und Rezin von Damaskos, die Idee eingaben, Juda militärisch anzufallen, um Ahas zu stürzen und das judäische Heer in die Bewegung einzubeziehen. In diesem »syrisch-ephraimitischen« Krieg, der 734 begann, rückte das Koalitionsheer bald bis Jerusalem vor: die Hauptstadt des Südreiches konnte kaum noch der Kapitulation ausweichen. Angesichts dieser Bedrohung sandte Ahas Geschenke an den assyrischen Großkönig und erbat Beistand. Ohne zu zögern eilte Tiglatpilesar nach dem Westen. Nicht nur mussten Rezin und Pekach die Belagerung Jerusalems aufgeben, sondern es brach auch jeder Gedanke an Widerstand zusammen. Mit unerbittlicher Gewalt traf sie die Strafaktion des assyrischen Großkönigs. Tiglatpilesar riss ganz Israel an sich und ließ nur einen winzigen Bezirk – das Gebirge Ephraim mit der Hauptstadt Samaria – als tributpflichtigen Reststaat fortbestehen. Im übrigen Israel begann sofort die Umsiedlungsaktion: die Oberschicht wurde deportiert, das annektierte Land mit den Provinzen Megiddo, Dor und Gilead ins assyrische Verwaltungssystem eingegliedert. Das war das faktische Ende Israels. Der kleine Reststaat führte nur noch ein Schattendasein. Pekachs Königsherrschaft fand einen blutigen Abschluss. Ein Mann namens Hosea stürzte Pekach und übernahm mit Hilfe der Assyrer die Überreste der königlichen Macht. Damit war Tiglatpilesars Strafaktion noch nicht zu Ende. Außer Israel warf er die philistäische Stadt Gaza, in der der assyrienfeindliche König Hanun regierte, dann Damaskos zu Boden; die Residenz wurde 732 erobert und furchtbar verwüstet. Auf einer beschädigt aufgefundenen assyrischen Steintafel kann man heute noch einen Triumphbericht über Tiglatpilesars Rachefeldzug wenigstens in Bruchstücken lesen: »Hanunu von Gaza, der vor meinen Waffen geflohen war und sich nach Musri geflüchtet hatte – dessen Stadt Gaza eroberte ich; seine Habe, seinen Besitz, seine Götter führte ich weg, mein … und das Bild meines Königtums … stellte ich in der Mitte des Palastes Hanunus auf und … rechnete es zu den Göttern ihres Landes, und Abgabe und Tribut legte ich ihnen auf … warf ihn nieder und wie einen Vogel … brachte ihn an seinen Ort zurück und … Gold, Silber, buntgewirkte Kleider, Leinen …« Über Israel heißt es da: »Die Gesamtheit seiner Leute, ihren Besitz führte ich weg nach Assyrien; Pekach, ihren König, stürzten sie, und Hosea setzte ich zur Königsherrschaft über sie …« Tiglatpilesar III., nun Herr über den gesamten westlichen Raum bis zu den Grenzen Ägyptens, starb 727 auf dem Gipfel des Ruhmes; sein Werk führte sein Sohn und Nachfolger Salmanassar V. fort. Trotz allen Vorkehrungen zur »Befriedung« der unterworfenen Völker lebte die antiassyrische Bewegung im syrisch-palästinischen Raume von neuem auf. Auf alle erdenkliche Weise suchten die geknechteten Staaten einen Weg in die Freiheit. Zu Herden der Unruhe wurden vor allem die Reststaaten Hama und Samaria. Fortgesetzt wurde insgeheim konspiriert. In diesen antiassyrischen Bestrebungen tauchte ein neuer Machtfaktor auf: Ägypten. Durch die Vormachtstellung der Assyrer in Palästina war das Reich am Nil aus einem Stadium völliger Zurückhaltung aufgeweckt worden: die unmittelbare Nachbarschaft war ein zu ernstes Alarmzeichen. Die assyrischen Vasallenkönige in Syrien und Palästina gewannen nun Kontakt mit Ägypten, erhielten weitgehende Unterstützungszusicherungen und riskierten mit der Kündigung der tributpflichtigen Abhängigkeit einen neuen Vorstoß. Sofort setzte Salmanassar V. zur Strafexpedition an. Irgendwie gelang es ihm 724, Hosea zu fangen. Dann wurde drei Jahre lang Samaria belagert: wahrscheinlich hatte Salmanassar nur eine kleine Truppe abgeordnet, um die einstige Hauptstadt Israels langsam auszuhungern und abzuwürgen; sie fiel 722. Der letzte Rest des Reiches Israel hatte aufgehört zu existieren. Zwar wurde im selben Jahr Salmanassar ermordet, aber das schmälerte nicht den assyrischen Sieg. Der neue Großkönig Sargon II. führte das Werk der Eroberung zu Ende. An den Palastwänden der Sargonsburg in Chorsabad fanden sich Sargons Annalen, in denen ein beschädigter Text über die Belagerung Samarias sagt: »Am Anfang meiner Regierung, in meinem ersten Regierungsjahr, … belagerte und eroberte ich Samaria … führte ich weg. Fünfzig Wagen als Streitmacht meines Königtums hob ich unter ihnen aus … Leute der Länder, Kriegsgefangene meiner Hände, ließ ich in ihr wohnen. Meine Beamten setzte ich als Statthalter über sie, und Abgabe und Tribut … legte ich ihnen auf.« Die Oberschicht Samarias und des Gebirges Ephraim wurde nach Assyrien verbannt, teilweise sogar in die Berge Mediens, in denen einheimische Rebellen wohl ebenfalls durch Fremde ersetzt werden sollten. Zwangsneusiedler wurden dafür nach Samaria gebracht: geschlagene Teilnehmer einer babylonischen Aufstandsbewegung und Leute aus Hama. Da jeder seine Religion und Kultur mitbrachte, entstand ein buntes Völkergemisch. Als neue Provinz wurde Samaria dem Großkönig unmittelbar unterstellt, die vierte assyrische Provinz im ehemaligen Staatsgebiet Israels. Die assyrische Provinzeinteilung sollte sich zwei Jahrhunderte halten, auch nach dem Untergang Assyriens unter den Babyloniern und später unter den Persern.

Forum (Kommentare)Schlauberger 16.12.2016 um 12:50:53 Uhr.
Die Überschrift ist grammatikalisch nicht korrekt. Erstens Vernichtung schreibt man groß. Und zweitens heißt es des Stattes Israel.