Juda als assyrischer Vasall

Den Staat Israel gab es nicht mehr. Zersplittert in assyrische Provinzen und überfremdet von heidnischen Bevölkerungselementen lag das Land des Nordens. Vom Zwölfstämmeverband, der als religiöse Ordnung noch lebendig war, blieb als politische Größe nur der Südstaat Juda, tributzahlender Vasall Assyriens, übrig. Im Südstaat lag aber das zentrale Heiligtum des alten Verbandes Israel, und dorthin verlagerten sich nunmehr viele nordisraelische Traditionen: sowohl die in Nordisrael überlieferten Elemente der Vorgeschichte und Geschichte des Zwölfstämmeverbandes als auch die Überlieferungen aus den Kreisen der Propheten und Priester und wahrscheinlich auch die Bestandteile der Königsannalen Israels. Jerusalem wurde zum Zentrum der Tradition. Vermutlich pilgerten in der folgenden Periode viele Angehörige der Nordstämme aus den nun assyrischen Provinzen zu den großen Jahresfesten nach Jerusalem; von anderen nördlichen Gruppen kann man annehmen, dass sie sich vom synkretistischen Kultus der neuen Mischbevölkerung anziehen ließen. Die Vorherrschaft Assyriens blieb unangreifbar. Nach der Zerstörung Samarias unterwarf Sargon II. die philistäische Stadt Gaza, die sich erneut an antiassyrischen Komplotten beteiligt hatte, und den Reststaat Hama. Davon erzählt eine Prunkinschrift aus Ghorsabad: »Hanunu, der König von Gaza, und Sib’e, der Oberbefehlshaber des Landes Musri, erhoben sich in Rapihu, um Treffen und Schlacht gegen mich zu liefern. Ihre Niederlage brachte ich fertig. Sib’e fürchtete sich vor dem Lärm meiner Waffen, er floh, und sein Aufenthaltsort wurde nicht mehr gefunden. Den Tribut von Pir’u, dem König von Musri, von Samse, der Königin des Landes Arabien, von It’amara, dem Sabäer: Gold, Bergerzeugnisse, Pferde, Kamele, empfing ich. Jaubi’di vom Lande Hama, ein Trossknecht, kein Thronanwärter, ein schlechter Hethiter, hatte seinen Sinn auf das Königtum von Hama gesetzt und die Stadt Arpad, das phönikische Simyra, Damaskos und die Stadt Samaria zum Abfall von mir gebracht und sie einig gemacht und sich zur Schlacht gerüstet. Die Truppen Assurs bot ich massenhaft auf, und in der Stadt Qarqar, seiner Lieblingsstadt, belagerte ich ihn und seine Krieger und eroberte sie. Die Stadt Qarqar verbrannte ich. Ihm zog ich seine Haut ab. In jenen Städten erschlug ich die Schuldigen und führte Frieden herbei. Zweitausend Streitwagen und sechstausend Schlachtrosse hob ich unter den Leuten des Landes Hama aus und gliederte sie der Streitmacht meines Königtums an.« Und Ägypten? Im äußersten Südwesten Palästinas kam es 720 zu einer Begegnung zwischen assyrischen und ägyptischen Truppen, doch zogen sich die Ägypter schnell zurück. Assyrien behauptete seine Vormachtstellung in Syrien und Palästina. Das bestimmte die Lage Judas. Usias Sohn Jotham hatte, soweit Nachrichten darüber vorliegen, das innere und äußere Aufbauwerk des Vaters fortsetzen können. Nach der Überlieferung soll in seiner Regierungszeit sogar ein erfolgreicher Feldzug gegen die Ammoniter geführt worden sein; das spräche für eine politische Renaissance mit der Tendenz zur Wiederherstellung alter Ordnungen und alten Besitzstandes. Wichtiger war die Wiederaufnahme und Neubelebung der prophetischen Tradition. Nach der alttestamentlichen Tradition fiel ins Todesjahr Usias ein hochbedeutsames Ereignis: die Berufung des Propheten Jesaja. Im Tempel, angesichts der Lade, erschaute Jesaja in einer Vision Jahve als König. Urphänomene des Zwölfstämmeverbandes Israel treten in der Schilderung hervor: über dem leeren Gottesthron der Lade erhebt sich unsichtbar, nur der prophetischen Schau erschlossen, der Herrscher und König Israels, Jahve Zebaoth. Da Jesaja dem Gott Israels begegnet, ertönt der gewaltige Hymnus: »Heilig, heilig, heilig ist Jahve Zebaoth, alle Lande sind erfüllt von seiner Herrlichkeit!« Hier zeigt sich ein Ausschnitt aus der Tempelliturgie: Jahve wird geehrt und angebetet als Gott, von dessen strahlendem Lichtglanz alle Lande erfüllt sind; Jahve ist nicht der Volksgott Israels, sondern der Schöpfer und Weltherr; deutlich hebt sich seine Herrschaft von der Art ab, in der der assyrische Gott Assur das Weltregiment durchsetzt. In einer der Zukunftsvisionen des Propheten (Jesaja 2,2-4) heißt es: »Und es wird geschehen in den letzten Tagen, da wird der Berg mit dem Hause Jahves festgegründet stehen an der Spitze der Berge und die Hügel überragen; und alle Völker werden zu ihm hinströmen, und viele Nationen werden sich aufmachen und sprechen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berge Jahves, zu dem Hause des Gottes Jakobs, dass er uns seine Wege lehre und wir wandeln auf seinen Pfaden, denn von Zion wird die Weisung ausgehen und das Wort Jahves von Jerusalem! Und er wird Recht sprechen zwischen den Völkern und Weisung geben vielen Nationen; und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Spieße zu Rebmessern. Kein Volk wird sich gegen das andere erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.« Auf Jotham war in Jerusalem Ahas gefolgt, ein König, den das deuteronomistische Geschichtswerk im düstersten Licht erscheinen lässt: Ahas habe sich dem heidnischen Naturkult zugewandt, Höhenheiligtümer errichtet, den Baalim geopfert, überdies aber noch einem heidnischen Kult gehuldigt, dem zuliebe er seinen Sohn habe durchs Feuer schreiten lassen, um dem Gott Moloch mit einem Menschenopfer zu dienen. Des Königs Vergehen machten es dem alttestamentlichen Chronisten leichter, sein Verhalten im »syrisch-ephraimitischen« Krieg, das den Assyrern in die Hände spielte, erklärlich zu machen. Als Ahas’ Weigerung, sich dem Aufstand des Nordreiches und der Aramäer gegen die Assyrer anzuschließen, zum aramäisch-israelitischen Einfall in Juda und zum Marsch der verbündeten Heere auf Jerusalem geführt hatte, unternahm Jesaja noch den Versuch, den König zur Umkehr zu rufen. In der Prophetie (Jesaja 7) heißt es: »Und es begab sich in den Tagen des Ahas, des Sohnes Jothams, des Sohnes Usias, des Königs von Juda, da zogen Rezin, der König von Aram, und Pekach, der Sohn Remaljas, der König von Israel, gegen Jerusalem heran, es zu bestürmen; aber sie konnten es nicht einnehmen. Als nun dem Hause Davids angesagt war: Die Aramäer haben sich in Ephraim gelagert, da bebte sein Herz und das Herz seines Volkes - wie die Bäume des Waldes beben vor dem Winde. Jahve aber sprach zu Jesaja: Gehe doch... dem Ahas entgegen... und sprich zu ihm: Hüte dich und bleibe ruhig! Fürchte dich nicht... Weil Aram, Ephraim und der Sohn Remaljas Böses gegen dich beschlossen haben und sprechen: Hinauf gegen Juda wollen wir ziehen, es bedrängen und für uns erobern..., so spricht der Herr Jahve: Es soll nicht zustande kommen noch geschehen! Denn das Haupt Arams ist Damaskos und das Haupt von Damaskos ist Rezin. Noch fünfundsechzig Jahre - und Ephraim wird zertrümmert, dass es kein Volk mehr ist... Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!« Der Prophet rief den König auf, zu »glauben«, dass Jahve das Unternehmen Rezins und Pekachs nicht gelingen lassen werde. Offensichtlich sollte die alte Stämmeverbandsinstitution des heiligen Krieges zu später Stunde erneuert werden: der König sollte allein auf Jahve vertrauen und alles seinem wirksamen Eingreifen überlassen. Aber Ahas war ja ein Moloch-Anbeter, der Gott Jahve für ihn also keine geschichtsmächtige Wirklichkeit mehr. Es war demnach fast unvermeidlich, dass er eine Unterwerfungsbotschaft (2. Könige 16,7) an Tiglatpilesar richtete: »Dein Sklave und dein Sohn bin ich, komm herauf und rette mich aus der Hand des Königs von Aram und aus der Hand des Königs von Israel, die sich gegen mich aufgemacht haben!« Nachdem Tiglatpilesar Ahas erhört und die antiassyrische Koalition zersprengt hatte, warb der König von Juda weiter um seine Gunst. Tiglatpilesar hielt sich damals in der Nähe von Damaskos auf. Dorthin entsandte Ahas den Oberpriester Uria und ließ dem assyrischen Großkönig melden, er sei bereit, dessen Kultinsignien im Jerusalemer Tempel aufrichten zu lassen. Aber schon warnte der Prophet (Jesaja 8,5 f.) vor den Folgen des Kniefalls: »Und Jahve fuhr fort, zu mir zu reden: Weil dieses Volk die sanftrinnenden Wasser Siloahs verachtet, weil es verzagte vor Rezin und dem Sohne Remaljas, darum, siehe, lässt Jahve über sie emporsteigen die starken und großen Wasser des Euphrats. Der wird steigen über alle seine Kanäle und über alle seine Ufer treten und wird eindringen in Juda, wird überschwemmen und überfluten, dass es bis zum Halse reicht...« Allzu große Erfolge brachte Ahas die Unterwerfung unter die Assyrer nicht ein: die Überseepositionen, die Usia erobert hatte, gingen wieder verloren; das südlich des Toten Meeres gelegene Gebiet fiel wieder an die Edomiter; die Philister drangen sogar ins judäische Gebiet ein und verbreiteten Furcht und Schrecken. Immerhin gelang es Ahas zu der Zeit, da die Assyrer am grausamsten hausten, im Vasallenverhältnis glimpflich durchzukommen. Für seinen Nachfolger war es allerdings keine reine Freude, dass die assyrische Provinz Samaria ab 722 unmittelbar an Juda grenzte. Nach dem Tode des judäischen Königs Ahas bestieg dessen Sohn Hiskia den Thron Davids. Freilich haben sich die Komplikationen, die durch die Mitregentschaft Jothams in der Chronologie der Könige von Juda entstanden sind, auch jetzt noch ausgewirkt. Das Todesjahr Ahas ist nicht genau zu ermitteln. Wenn die Königsbücher des Alten Testaments damit recht haben, dass sein Sohn Hiskia zur Zeit der Zerstörung Samarias in Jerusalem regierte, spricht einiges für die Annahme, dass Hiskia um 725 König geworden war. Der deuteronomistische Geschichtsschreiber lobt Hiskia über die Maßen. Dass der König eine Säuberung des Kultus durchführte, kann kaum der einzige Grund gewesen sein. Der Chronist erwähnt aber, dass Hiskia, wie es in den Tagen des jungen Joas geschehen war, ausdrücklich den Bund mit Jahve erneuerte, was für einen assyrischen Vasallen zweifellos eine symptomatische politische Handlung war. Mehr noch: Hiskia sandte Boten ins Land, die sowohl in Juda als auch in den Ortschaften des aufgelösten Nordreichs zum zentralen Gottesdienst einladen sollten. In ganz Israel von Dan (im hohen Norden) bis Beerseba (im Süden) wurde die Kunde von einem alle Stämme erfassenden Fest weitergegeben. Die meisten Nordisraeliten lachten Hiskias Boten aus und lehnten die Einladung ab. Aber so manche kamen doch; der Versuch, Jerusalem als zentralen Kultort zu deklarieren, war nicht ganz missglückt. Natürlich muss man sich fragen, wie denn überhaupt ein legitimer Jahve-Gottesdienst in Jerusalem im Angesicht der Kultinsignien Assurs abgehalten werden konnte. Wie sah überhaupt das Vasallenverhältnis aus? Hiskia hatte von Ahas das Erbteil übernommen, ein Untergebener des assyrischen Königs zu sein. Aber er lehnte sich dagegen auf. Nachdem Nordpalästina und Syrien völlig unterworfen waren, erwachte im Süden die antiassyrische Bewegung, die im Norden gescheitert war und den Fall Samarias nach sich gezogen hatte. Um etwa 715 v. Chr. mag Hiskia die ersten Schritte zur Lösung von Assyrien unternommen und die Reinigung des Tempels von den Symbolen fremder Kulte gewagt haben. Wieder schlossen sich die Staaten zusammen, die unter den Tributlasten stöhnten und noch nicht ganz zermürbt waren: der philistäische Stadtstaat Asdod, Moab, Edom und Juda. Hinter dieser südpalästinischen Koalition stand unter dem aus Äthiopien stammenden Pharao Schabaka die Macht Ägyptens, das ein Interesse an der Stabilisierung der Abwehrfront in Südpalästina bekundete. Zwischen 713 und 711 machten sich die antiassyrischen Bestrebungen der Koalition intensiver bemerkbar; das Zentrum der Rebellion war Asdod. Aber schon 711 schritt Sargon II. ein. Die Prunkinschrift aus Chorsabad meldet: »Mit meinen Heldenmütigen, die auch am Ort des Friedens nicht weichen, zur Stadt Asdod zog ich; und jener Jamani: von fern hörte er das Heranziehen meines Feldzuges, und er floh ins Grenzgebiet des Landes Musri, das an der Grenze des Landes Meluhha liegt, und nicht mehr gefunden wurde sein Aufenthaltsort. Die Stadt Asdod, die Stadt Gath, die Stadt Asdudimmu belagerte und eroberte ich...« Das Unternehmen gegen Asdod leitete für Sargon ein Oberfeldherr, Turtanu (im Alten Testament »Tartan«), Die Rückwirkungen auf Juda behandelt wieder die Botschaft des Jesaja: »Im Jahre, als der Tartan im Auftrage Sargons, des Königs von Assyrien, nach Asdod kam und die Stadt belagerte und einnahm -zu jener Zeit hatte Jahve durch Jesaja, den Sohn des Amos, also geredet: Geh und löse das härene Gewand von deinen Hüften und zieh die Schuhe aus von deinen Füßen! Und er tat es, ging nackt und barfuß. Da sprach Jahve: Gleich wie mein Knecht Jesaja nackt und barfuß gegangen ist drei Jahre lang, als Zeichen und Vorbedeutung gegen Ägypten und Äthiopien, so wird der König von Assyrien die gefangenen Ägypter und weggeführten Äthiopier forttreiben, Junge, Alte, nackt und barfuß und mit entblößtem Gesäß. Da werden sie erschrecken und beschämt sein wegen Äthiopiens, nach dem sie ausschauen, und wegen Ägyptens, mit dem sie prahlen.« Unter keinen Umständen sollte sich Juda auf Ägypten und Äthiopien verlassen: zu gewaltig erschien dem Propheten die Macht Assyriens! Was sich nach der Niederwerfung Asdods, das gewohnheitsgemäß dem assyrischen Provinzialsystem einverleibt wurde, tatsächlich ereignet hat, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hatten Juda, Moab und Edom vorgezogen, rechtzeitig umzukehren und weiterhin dem König von Assyrien Tribut zu zahlen. Vielleicht war aber auch der Großkönig aus inneren Gründen nicht in der Lage, den Feldzug weiterzuführen. Erwähnt wird in den Jesaja-Erzählungen eine schwere Erkrankung Hiskias, bei deren Heilung Jesaja mitgewirkt habe, offenbar zwischen 711 und 705. Wichtig ist der Hinweis in den Königsbüchern, dass anlässlich der Genesung des Königs Abgesandte aus Babylonien in Jerusalem mit Glückwünschen erschienen. Die Babylonier bereiteten dem assyrischen Großkönig nicht unerhebliche Schwierigkeiten; nicht ohne Grund hatte Sargon II. nach der Vernichtung des Reststaates Samaria Angehörige der babylonischen Oberschicht in die neue Provinz Samaria ausgesiedelt. Dass Hiskia mit Babylonien Kontakt aufgenommen hatte, deutete auf neue Koalitionsbestrebungen hin. Die konspiratorische Tätigkeit verstärkte sich zusehends, nachdem Sargon II. 705 gestorben war: jetzt sah man eine neue Chance zur Befreiung. Führer der neuen Koalition in Südpalästina wurde Hiskia; diesmal waren seine Bundesgenossen die Ägypter, der philistäische Stadtstaat Ekron, Moab, Edom und die Babylonier. In aller Eile trafen die Koalitionsgenossen Vorkehrungen, um die Machtkonstellation im Vorderen Orient grundlegend zu ändern; namentlich mit Ägypten wurde fieberhaft verhandelt. In Jerusalem erhob wieder der Prophet (Jesaja 30) seine Stimme: »Wehe den widerspenstigen Söhnen, spricht Jahve, die einen Plan durchführen, der nicht von mir kommt, und ein Bündnis schließen, doch nicht durch meinen Geist, um Schuld auf Schuld zu häufen! Die, ohne meinen Mund zu befragen, hingehen, nach Ägypten hinunter, um mit dem Schutze des Pharaos sich zu schützen und Zuflucht zu suchen im Schutze Ägyptens. Doch der Schutz Pharaos bringt euch Schande, die Zuflucht im Schatten Ägyptens Schmach...« Nach der Meinung des Propheten ist das Volk, das im Gottesbund steht, nicht bündnisfähig für andere Mächte. Auch diesmal war der Koalition kein Erfolg beschieden. Die Strafaktion, die Sargons Nachfolger Sanherib zunächst im Zweistromland unternahm, war noch grausamer als frühere Repressalien. Indes hatte das assyrische Großreich mit zunehmenden inneren Schwierigkeiten zu tun, und erst 701 machte sich Sanherib mit seinen Truppen auf den Weg nach dem Westen. Mühelos unterwarf Sanherib alle Rebellen; in der Südwestecke Palästinas stieß er sogar mit einem ägyptischen Heer zusammen, das sich geschlagen zurückziehen musste. Über Hiskia sagen die assyrischen Siegesannalen: »Ihn selbst schloss ich wie einen Käfigvogel inmitten der Stadt Jerusalem, der Stadt seines Königtums, ein.« Die Situation schien trostlos. Die Festung Lachisch konnte sich noch eine Zeitlang halten, dann aber war nur noch Jerusalem übrig. Hiskia musste die Kapitulationsforderung annehmen, hohe Tributzahlungen leisten und dem Sieger den Palast- und Tempelschatz ausliefern. Ob Sanherib Jerusalem besetzt hat, ist nicht klar. Nach alttestamentlichen Berichten soll Sanherib auf die Besetzung verzichtet haben: entweder wegen eines Aufruhrs im Zweistromland oder wegen einer Pestepidemie im assyrischen Heer. Jedenfalls zogen die assyrischen Truppen so plötzlich aus Juda ab, dass das Land darin ein Gotteswunder erblickte. An der Niederlage änderte das nichts. Hiskia musste Land abtreten, Tribut zahlen und die Kultinsignien Assyriens wieder in den Tempel aufnehmen. Die südpalästinische Koalition hatte ein schmachvolles Ende gefunden. Statt der erhofften Umschichtung der Machtverhältnisse hatte sie nur eine neue Machtsteigerung Assyriens hervorgebracht. Zerfall und Reform
Um 690 v. Chr. fiel die Königsherrschaft in Jerusalem an Hiskias Sohn Manasse, der mit seinen etwa fünfzig Regierungsjahren in der Geschichte Judas einen Rekord aufstellte. Ihm war ein zerstörtes und auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzenes Reich zugefallen. Fast ganz Südjuda war von fremden Mächten beherrscht; sehr viel mehr als Jerusalem unterstand dem neuen König nicht, als er auf den Thron kam. Als getreuem Vasallen der Assyrer scheint es aber Manasse mit einer klugen Verhandlungspolitik gelungen zu sein, die abgetrennten Territorien zurückzugewinnen. Viele Nachrichten haben sich über den Vasallenstaat aus der Zeit zwischen 690 und 640 v. Chr. nicht erhalten; viel konnte auch nicht geschehen, da die Geschicke des Landes in der Hand der assyrischen Großmacht lagen. Dafür hat der deuteronomistische Geschichtsschreiber ein überaus finsteres Bild von den inneren Zuständen in Jerusalem und Juda unter Manasse überliefert. Die Stellung des Herrschers zum Kultus ist das zentrale Problem der deuteronomistischen Geschichtsdarstellung, und in dieser Hinsicht schneidet Manasse, der sogar mit Ahab von Israel verglichen wird, von allen Königen Judas am schlechtesten ab. Freilich nahm die unter Manasse anschwellende Welle des allgemeinen Synkretismus ihren Ausgang davon, dass im Jerusalemer Tempel assyrische Kultinsignien und Bräuche offizielle Anerkennung gefunden hatten; in der alten Welt bedeutete politische Unterwerfung zugleich auch religiöse Einordnung des Besiegten in den Staatskult des Siegers. Mit den assyrischen Kultelementen erfuhren aber auch die bodenständigen kanaanitischen Fruchtbarkeitskulte einen neuen Aufschwung; die Quellen berichten vom Eindringen der Baalim und Astarten in den Bereich des Jerusalemer Heiligtums. Im Tempel selbst ließ Manasse eine Astarte, eine heidnische Fruchtbarkeitsgöttin, aufstellen. Mit dem stürmischen Einbruch der alten Landeskulte in den Tempel entstanden von neuem im ganzen Lande Höhenheiligtümer. Erwähnt wird noch ein anderer Kult, der unter Manasse besondere Verbreitung gefunden habe: die Verehrung des Himmelsheeres, der Engel- und Gestirnmächte; besondere Altäre seien für diesen Kult im Tempelvorhof erbaut worden. Den in altorientalischen Großreichen beheimateten Himmelskult, der auch im kanaanitischen Raum Verbreitung gefunden hatte, hatte Israel schon früh überwunden; sein Gott war Jahve Zebaoth, der Jahve der Heerscharen, unumschränkter Gebieter aller himmlischen Mächte. Wurde die Wirklichkeit der Herrschaft Jahves - wie zur Zeit Manasses -in Frage gestellt, so musste die eigenständige Macht der himmlischen Kräfte und »Heerscharen« in den Vordergrund rücken. Alle Grundlagen des Jahve-Stämmeverbandes zerbröckelten in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Ins zentrale Heiligtum Israels waren fremde Numina, Mächte und Geister, eingezogen. Zu allem Überfluss huldigte Manasse auch dem Menschenopfer fordernden Moloch-Kult im Tale Ben Hinnom: er ließ seinen Sohn durchs Feuer schreiten und zeigte sich überaus empfänglich für die obskure Mantik der Zeichendeuter, Totenbeschwörer und Schlangenkundigen. In kürzester Zeit wurde aus dem zentralen Heiligtum ein Tummelplatz für alle Kulte und Bräuche des Landes. Die Wirkungen dieses Wandels sind kaum zu rekonstruieren. Wenn die alttestamentliche Überlieferung sagt, zur Zeit Manasses sei unschuldig Blut vergossen worden, sind wahrscheinlich nicht nur Verfall der Gerichtsbarkeit, Korruption und Bestechung gemeint, sondern auch die gewalttätige Unterdrückung derer, die sich allen heidnischen Gräueln zum Trotz zu Jahve, dem Gott Israels, bekannten. Die Vermutung liegt nahe, dass schwere innere Kämpfe ausgetragen wurden, dass der Widerstand prophetischer und priesterlicher Kreise niedergeschlagen werden musste; nach einer apokryphen Tradition soll Jesaja, zur Zeit Manasses, auf grausame Weise getötet worden sein. Vermutlich sind dem Herrschaftssystem, das die heidnischen Kulte förderte, nicht wenige Märtyrer zum Opfer gefallen. Manasses lange Regierungszeit war eine Periode wesentlicher Veränderungen in der vorderorientalischen Welt. Sanherib war es noch gelungen, Assyrien durch mancherlei Schwierigkeiten geschickt hindurchzusteuern und die inneren Unruhen im Zweistromland niederzuringen. Unter seinem Sohn Assarhaddon erlebte das Großreich erneut eine gewaltige Expansion, die es über die Südwestgrenze hinaus ins ägyptische Gebiet führte. Ein großer Teil des! Landes am Nil wurde erobert und nach bewährtem Vorbild reorganisiert. Aber schon wenige Jahre nach der Unterwerfung begannen die ersten Aufstände im nicht unterworfenen Südbereich Oberägyptens. Sofort brach Assarhaddon nach Ägypten auf, erlag aber in Syrien oder Palästina einer plötzlichen Krankheit; immerhin konnte die Aufstandsbewegung von dem assyrischen Feldherrn noch einmal niedergeworfen werden. Der neue Großkönig Assurbanipal (669-632) hatte an Kriegen und Eroberungen kein Interesse mehr. Seine Aufmerksamkeit galt der Literatur und der Erforschung der großen Traditionen der Vergangenheit; seinem Sammlungs- und Sichtungswerk ist zu verdanken, dass sich viele Dokumente aus uralter Zeit bis in unsere Tage erhalten haben. Die Abkehr des Königs von jeder kriegerischen Aktivität hatte freilich zur Folge, dass die weit vorgeschobenen Grenzen des Großreichs nicht mehr gehalten werden konnten. Ägypten machte sich 664 selbständig; dann fielen die phönikischen Küstenstädte ab. Noch waren Syrien und Palästina fest in assyrischen Händen; aber unter der Asche der zerstörten Staaten schwelte leidenschaftlicher Hass gegen die Unterdrücker. Auch schon im Zweistromland regte sich die Rebellion: die Babylonier erhoben sich im Bunde mit den Elamitern; zwar konnten die assyrischen Heerführer den Aufstand niederschlagen, wobei sie auch noch 639 die uralte elamische Hauptstadt Susa zerstörten, aber das war auch ihr letzter Sieg. Als Assurbanipal sieben Jahre später in Ninive starb, war das Großreich bereits im Verfall. Allmählich zeichnete sich Babylonien - genauer das »neubabylonische Reich« - als die neue führende Macht ab. Träger der babylonischen Auferstehung waren chaldäische Stämme aus dem Gebiet südlich der Euphratmündung. Sie hatten sich 625 von Assyrien unabhängig gemacht; ihr erster König, der eigentliche Begründer des neubabylonischen Reiches, war Nabupolassar (626-605), dessen Erfolge dem geschwächten Assyrien Furcht einflößten, zumal am getrübten Horizont des Großreichs neue Gefahren sichtbar wurden. Vom Osten ebenso wie vom Norden und Nordosten rückten neue Völkerschaften heran. Vom iranischen Hochland waren die Meder aufgebrochen; schon früh hatten sie sich ein Königtum gegeben; jetzt zogen sie westwärts und bedrohten Assyrien. Und aus der südrussischen Steppe wälzte sich die Flut eines skythischen Eroberungsvolkes heran, der Umman-Manda. Immer mehr wurde Assyrien von den Umman-Manda, den Medern und den Babyloniern eingeschnürt: 616 war es bereits auf sein eigentliches Kernland, das angestammte Gebiet im nördlichen Zweistromland, reduziert; 612 belagerten die feindlichen Heere die assyrische Hauptstadt Ninive, erstürmten und vernichteten sie. Nur noch kurz flackerte die erlöschende Flamme auf: in Harran versuchte Assuruballit den westlichen Restbestand des einstigen Großreichs zu halten, aber 610 wurde auch Harran erobert. Assuruballit floh in die syrischen Provinzen, von wo aus er die Ägypter zu Hilfe rief. Alles misslang, der Pharao Necho (609-595) musste auf jede Hilfeleistung verzichten. Die Babylonier stießen nach und gingen daran, das Erbe der assyrischen Provinzen in Syrien und Palästina zu übernehmen. In Juda war nach Manasse sein Sohn Amon auf den Thron gekommen. Auch er förderte die heidnisch-synkretistischen Tendenzen. Viel Zeit war ihm allerdings nicht beschieden: schon in seinem zweiten Regierungsjahr fiel er einer Verschwörung zum Opfer; die »Knechte des Königs«, sagt das Alte Testament, hätten ihn ermordet. Ob die »Knechte« Palast diener oder Minister waren, ist ebensowenig zu ergründen wie das Motiv der Tat. Denkbar wäre, dass höhere Würdenträger, auf diplomatischem Weg über die anhaltende Schwächung Assyriens unterrichtet, beschlossen hatten, den assyrienfreundlichen König aus dem Wege zu räumen. Wenn es eine solche Verschwörung gegeben hat, ist sie jedenfalls nicht zum Ziel gekommen: die Mörder wurden gerichtet; die freie alteingesessene Landbevölkerung hatte sich zusammengeschlossen, um Ruhe und Ordnung in Jerusalem wiederherzustellen und für die rechtmäßige Erbfolge Sorge zu tragen. Auch nach Jahrzehnten des Verfalls waren in Juda immer noch Kräfte lebendig, die sich für die alten Ordnungen einsetzten. Das einst so einflussreiche Priestertum schien allerdings kein bedeutender Faktor mehr zu sein; nach der Überfremdung des Tempelheiligtums und seines Personals unter Manasse war sein Ansehen erheblich gesunken. Es gab aber noch andere konservative Kreise, die zur dynastischen Tradition standen, und von ihnen wurde im Herbst 639 der achtjährige Thronfolger Josia als König eingesetzt, wobei natürlich hohe Beamte die Regierungsgeschäfte übernahmen, vermutlich Männer, die in der freien Landbevölkerung verwurzelt waren. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass diese Kreise Josia erzogen und die Voraussetzungen für seine künftige Reformtätigkeit schufen. Möglicherweise ist in der Zeit der Minderjährigkeit des Königs auch eine Umgruppierung in der Priesterschaft durchgeführt worden. Mit selbständigen Taten trat Josia erst um 622 hervor. Unterdes hatte sich in der umliegenden Welt vieles verändert. Seit 625 war Babylonien selbständig, und Assyrien hatte nicht mehr die Kraft, im Bereich der westlichen Provinzen Machtdemonstrationen vorzunehmen. In dieser veränderten Weltlage begann die Kultus- und Staatsreform Josias. Den Anfang machte die Beseitigung der assyrischen Kultinsignien, die einer Kündigung des Vasallenverhältnisses gleichkam. Dann ging Josia an die allgemeine Neuordnung der Lebensgrundlagen, die im Rückgriff auf die ältesten Traditionen und Lebensordnungen die eigentlichen Daseinswurzeln der Überreste Israels im Rumpfstaat Juda sichtbar werden ließ. Symbolisch für den Geist der Reform war das Zutagetreten eines alten Gesetzbuches, von dem es hieß, es sei im Tempelarchiv oder sogar in der Lade (die nach einigen Traditionen des Alten Testaments als kastenförmiger Behälter heiliger Schriften galt) aufgefunden worden. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts war die alttestamentliche Forschung zu dem Schluss gelangt, dass die unter Josia entdeckte Gesetzesrolle das »Urdeuteronomium«, die ursprüngliche Grundlage des uns heute bekannten Fünften Buches Mose, gewesen sein muss. Wie war dies Urdeuteronomium entstanden? Aus welchen Kreisen stammte es? Zugrunde lagen ihm alte Überlieferungen des Zwölfstämmeverbandes; seinen Gedanken entstammte die im Gesetzesbuch verankerte und zur Zeit Josias neu proklamierte Forderung, Jahve dürfe nur an einer einzigen Stelle, an dem von ihm selbst erwählten Ort, angebetet und kultisch verehrt werden. Im Reformwirken Josias gab diese alte sakrale Tradition Anlass zur Zentralisation des zur Zeit Manasses zersplitterten und aufgelösten Kultus. Über die Kreise, aus denen das Urdeuteronomium hervorgegangen war, bekommt man Aufschluss, wenn man an Hand der neueren Untersuchungen Gerhard von Rads in das vorliegende endgültige Deuteronomium hineinhorcht. Außer von der höchsten Autorität Mose spricht der Text immer wieder von den Leviten: während Moses als der erste Sprecher des Gottesrechtes gilt, erscheinen die Leviten als die Priesterschaft, der das »Gesetz Mose« anvertraut war, die von Geschlecht zu Geschlecht die heiligen Ordnungen weiterzugeben hatten. Wer aber waren diese Leviten? Niemand anders als die übers ganze Land verstreuten, in den Landstädten wohnenden, den Traditionen des Zwölfstämmeverbandes verpflichteten Hüter und Wahrer der Gesetze. Diese »Landleviten« verrichteten nicht den Tempeldienst in Jerusalem, sondern interpretierten das göttliche Recht in den Ortschaften, in unmittelbarer Nähe der Landbevölkerung. In neuer Zeit neigt man sogar zu der Annahme, dass ein großer Teil dieser Priesterschaft ursprünglich in Nordisrael beheimatet war und erst nach der Zerstörung Samarias in den Landstädten Judas Zuflucht gefunden hatte. Zur Zeit Josias war aus ihr eine »deuteronomische Bewegung« hervorgegangen; wahrscheinlich hatten auch Leviten hinter der freien Landbevölkerung gestanden, die bei der Thronerhebung des achtjährigen Josia den Ausschlag gab. Jedenfalls müssen sich die Traditionen des ursprünglichen Jahve-Glaubens auf dem Lande, das fremden Einflüssen viel weniger ausgesetzt war als der Palast und der Tempel, länger gehalten haben als in der Hauptstadt. Daraus erklären sich denn auch nach Gerhard von Rad die sowohl im Kultischen als auch in den Politischen wirksamen restaurativen Tendenzen, die von der freien Landbevölkerung und den levitischen Priestern ausgingen. So wäre denn das große Gesetzeswerk des Deuteronomiums als Dokument einer reformatorischen Bewegung zu verstehen, die bemüht war, die alten Gesetzestraditionen zu aktualisieren, die teilweise disparaten Stoffe theologisch zu durchdringen und zu vereinheitlichen. Man kann also im Deuteronomium das Resultat einer umfassenden theologischen Vergegenwärtigung alter Überlieferungen sehen, in der das spätere Israel die von Moses übermittelte Botschaft Jahves zu einer zeitnahen und geltenden Gesetzgebung machte. Die Kodifizierung wurde im 7. vorchristlichen Jahrhundert in der Stilform der Predigt und Ermahnung von den Leviten besorgt. Und im Mittelpunkt stand die Hinwendung zu dem Einen Gott, der an der Einen Stätte, die er erwählte, aufgesucht und verehrt werden sollte. Offenbar ging die Erneuerungsbewegung diesmal nicht von der offiziellen Priesterschaft des Jerusalemer Tempels aus, sondern von den mit der Landbevölkerung verbundenen Priesterkreisen der Landstädte. Wenn es stimmt, dass diese Priesterschaft aus Nordisrael gekommen war und ursprünglich, worauf manches hindeutet, priesterliche Funktionen für den Zwölfstämmeverband in Sichern oder in Gilgal versehen hatte, wird das reformatorische Moment in der Forderung des einen zentralen Kristallisationspunktes und des erneuerten Glaubens erst recht verständlich. Vielleicht darf man die deuteronomische Erneuerungsbewegung in einem größeren Rahmen sehen: auch in Assyrien vollzog sich um die Mitte des 7. Jahrhunderts unter Assurbanipal eine kulturelle und religiöse Renaissance, die sich den Ursprüngen zuwandte und nach einer Lebensreform von den Quellen her verlangte. Den äußeren Hergang hat die Überlieferung (2. Könige 23) festgehalten. Das »Urdeuteronomium«, das Erneuerungsdokument, dessen Umfang schwerlich genau zu bestimmen ist, wurde vom Oberpriester Hilkia gefunden und dem König überbracht, der die Grundsätze des alten Gottesrechtes sogleich akzeptierte; der König wurde aufgerufen, sich konsequent den alten Satzungen zuzuwenden und das religiöse und staatliche Leben zu reformieren. »Da sandte der König Boten aus, die beriefen zu ihm alle Ältesten von Juda und Jerusalem. Dann ging der König hinauf in den Tempel Jahves, und alle Männer von Juda und alle Bewohner Jerusalems mit ihm, auch die Priester und die Propheten und alles Volk, klein und groß. Und er las ihnen alle Worte des Bundesbuches vor, das im Tempel Jahves gefunden worden war. Hierauf trat der König auf das Gerüst und verpflichtete sich vor Jahve, ihm anzuhangen und seine Gebote, Ordnungen und Satzungen von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu halten, um so die Worte dieses Buches, die in diesem Buche geschrieben standen, in Kraft zu setzen. Und das ganze Volk trat dem Bunde bei.« Wieder war ein alter Brauch des Zwölfstämmeverbandes aufgenommen worden: beim Festgottesdienst des alten Verbandes pflegte der »Richter in Israel« als Bundesmittler die Gebote und Gesetze Gottes zu verlesen, womit das ganze Volk in den Bund Jahves eintrat. Dasselbe geschah hier: nach der Verlesung des Gottesrechts wurde die versammelte Schar in den Jahve-Bund aufgenommen. Die alte Ordnung Israels wurde erneut wirksam - wie zu Zeiten Asas, Joas und Hiskias. Etwas allerdings war neu: die Gesetzesverlesung und Treueverpflichtung auf den Gottesbund war unter Josia kein bloß gottesdienstliches Ereignis mehr; der König hatte das »Gesetz Jahves« zur absoluten Norm erhoben, das Gottesrecht als Staatsgesetz verkündet. Die königlichen Machtmittel sollten fortan dazu dienen, die sakrale Ordnung und die Staatsordnung zu einer letzten, alles Leben regulierenden Einheit zu bringen. Die Reform brachte als grundsätzlich neues Moment die totale Inanspruchnahme des Staates durch das Gottesrecht. Es versteht sich am Rande, dass der politischen Verkündung des Gottesrechts die Säuberung des Kultus folgte; nicht nur die assyrischen Insignien waren verfemt; auch Manasses Astarte wurde ausgestoßen. Alle kultischen Fremdelemente wurden verbannt und alle Splitterheiligtümer durch Staatsgesetz verboten. Befohlen wurde die Zentralisation des Kultus, und die Festtagswallfahrt nach Jerusalem wurde allen Angehörigen des Staatswesens zur Pflicht gemacht. Das erste Fest, an dem die Reform verkündet wurde, war der Auftakt zur Wiederherstellung einer Fülle religiös-staatlicher Bräuche. Angeordnet wurde die seit der Richterzeit vernachlässigte gemeinsame Feier des Passah-Festes, wie sie auch im Deuteronomium, im »Buch des Bundes«, vorgeschrieben ist. Im ganzen Lande wurden die Wahrsager und Beschwörer ausgerottet. In den auswärtigen Beziehungen des restaurierten Staates begnügte sich Josia nicht mit dem Abfall von Assyrien und der Wiederherstellung der Souveränität. Er nahm den geschwächten Assyrern Teile des ehemaligen Nordreiches Israel weg. Was er anstrebte, war die Wiederaufrichtung des alten davidisch-salomonischen Doppelkönigtums über Juda und Israel. Sicher taten die assyrischen Gouverneure in den Provinzen alles, um mit Hilfe der im Nordreich angesiedelten fremden Bevölkerungselemente das Eindringen Judas zu verhindern. Dennoch konnte Josia in verhältnismäßig kurzer Zeit große Gebiete erobern, nachdem die seit 701 aufgelöste Militärmacht Judas neu aufgebaut worden war. In den Quellen (2. Könige 23,15) finden sich darüber beredte Zeugnisse: »Auch den Altar zu Bethel, das Höhenheiligtum, das Jerobeam gemacht hatte, der Sohn Nebaths, der Israel zur Sünde verführte, auch diesen Altar und das Höhenheiligtum riss er nieder, zerschlug die Steine und zermalmte sie zu Staub, und die Astarte verbrannte er.« Um in Bethel auf diese Weise zu verfahren, musste Josia zum mindesten die südliche Hälfte der assyrischen Provinz Samaria bereits annektiert haben. Bei der bloßen Säuberung blieb es nicht; die frühere Stätte des nordisraelitischen Staatskults wurde völlig zerstört und damit die kultisch-staatliche Oberhoheit Jerusalems erneut hervorgehoben. Den Vorstoß Judas in Teile des ehemaligen Nordreiches illustriert eine im Buch Josua enthaltene Gauliste, die sich in Wirklichkeit auf die Gebietseinteilung zur Zeit Josias bezieht. Daraus ergibt sich, dass Josia nicht nur Gebiete des ehemaligen Staates Israel erobert, sondern sich auch in die Bereiche Philistäas vorgewagt hat: die Liste nennt Ekron und das Hinterland der Hafenstadt Japho als judäische Gebiete. Das Reich »unseres Vaters David« lebte wieder auf. Aus den Trümmern erhob sich das alte Israel in neuer Pracht. Josia wurde wie ein Messias gefeiert, wie der Heilskönig, dessen Kommen die Propheten geweissagt hatten. Trotz aller Hochstimmung entbrannten aber schon zu Lebzeiten Josias leidenschaftliche Auseinandersetzungen über die Folgen seiner Politik und die Zukunft Judas. Mitten in den Jubel fielen die Gerichtsworte des neuen Propheten Jeremia. In einer düsteren Vision (Jeremia 1,13 ff.) vernahm der Prophet eine beängstigende Botschaft: »Ich sehe einen siedenden Kessel; er erscheint vom Norden her. Da sprach Jahve zu mir: Vom Norden her kommt siedend das Unheil über alle Bewohner des Landes. Denn siehe, ich rufe alle Königreiche vom Norden, spricht Jahve, und sie werden kommen und ein jedes seinen Thron am Eingang der Tore Jerusalems aufstellen, und gegen alle seine Mauern ringsum und gegen alle Städte Judas. Dann werde ich über sie mein Urteil sprechen wegen aller ihrer Bosheit, dass sie mich verlassen und anderen Göttern geopfert und die Machwerke ihrer Hände angebetet haben.« Die Macht zu identifizieren, die als Gerichtswerkzeug Jahves fungieren würde, war nicht der Sinn der prophetischen Warnung. Wesentlich war die Vision, wonach eine neue Großmacht die Stelle Assyriens einnehmen musste. Und obgleich der Prophet das kommende Gericht mit Verfehlungen begründete, die aus der Manasse-Zeit stammten, galt wesentlich seine Kritik dem Bestehenden. Josias Reformwerk hatte Jeremia dann aber offenbar so sehr beeindruckt, dass er sich angesichts der allumfassenden Erneuerung von der kritischen Warte des Propheten eine Zeitlang zurückgezogen haben muss. Bald aber schien ihm klargeworden zu sein, dass die Reformbewegung in einen oberflächlichen Rausch religiöser Begeisterung ausartete, dass nationale Leidenschaften erwachten und dass das zentrale Heiligtum in Jerusalem auf die Stufe eines Amuletts mit magischen Wirkungen abzusinken drohte. Das Bekenntnis zur Einzigkeit der Kultstätte wurde zur magischen Beschwörungsformel, sobald die Worte (Jeremia 7,4) umgingen: »Der Tempel Jahves, der Tempel Jahves, der Tempel Jahves ist hier!« Der Prophet spürte die aller geschichtlichen Orientierung bare religiöse Selbstsicherheit, die in die Vorstellung mündete, dass einem nichts passieren könne, weil mit der äußeren Neuordnung alles schon geregelt sei. Er fühlte, dass der Freudenrausch den Blick für die allgemeinen Zusammenhänge trübte, dass die guten Ansätze einer religiösen Erneuerung im nationalen Taumel erstickten. Offenbar erkannte er die Kehrseite der staatlichen Verankerung des Reformwerks in der dadurch hervorgerufenen und durch zahlreiche Heilspropheten gestärkten Gewissheit, dass eine goldene Zeit schon angebrochen sei oder jeden Augenblick anbrechen müsse. Mit diesen Propheten einer realitätsfremden Heilsverkündigung geriet Jeremia in schwere Konflikte. Aber niemand wollte davon Notiz nehmen, dass Josias äußere Machtentfaltung in eine Zeit fiel, in der die Oberhoheit über Syrien und Palästina von einem Großreich auf ein anderes überging, und dass auch der erneuerte Staat Juda nur für kurze Zeit freie Hand haben würde. Als Mahner und Rufer stemmte sich Jeremia gegen eine Welle hochmütig-oberflächlicher nationaler Sorglosigkeit und vereinsamte immer mehr. Aber schon der Prozess des Zusammenbruchs des assyrischen Großreichs hatte seine Rückwirkungen auf Juda. Der Rückzug Assuruballits in die syrischen Provinzen im Jahre 610 löste in Palästina Sorge und Furcht aus. Zur akuten Gefahr wurde aber der assyrische Verzweiflungskampf, als Assuruballit an die Waffenhilfe Ägyptens appellierte und Necho ihm tatsächlich zu Hilfe eilte. Der Pharao dachte wohl weniger an die Rettung Assyriens als an die Chance, Palästina und vielleicht sogar Syrien für Ägypten zu gewinnen und als Einflusssphäre zu sichern. Um so schnell wie möglich bis zum Norden zu gelangen, durchzog er 609 das Küstengebiet Südpalästinas, bis ihm Josia mit einer judäischen Streitmacht bei Megiddo den Weg vertrat, um den Anschluss der ägyptischen Streitmacht an die Assyrer zu verhindern: die Neubelebung des sterbenden Assyriens und der Einbruch Ägyptens in den syrisch-palästinischen Raum waren für Juda gleich gefährlich. Nach der Überlieferung (2. Könige 23, 29) kam es aber gar nicht erst zur Schlacht: »Da zog der Pharao Necho, der König von Ägypten, gegen den König von Assyrien an den Euphratstrom. Da trat ihm der König Josia entgegen; jener aber tötete ihn bei Megiddo, sowie er ihn sah.« Mit dem Tod Josias war der Traum vom neuen nationalen Aufstieg ausgeträumt. Der Chronist sagt, man habe Klagelieder über den toten König angestimmt, und noch viel später sei es Brauch gewesen, ihn zu beweinen. Mit gutem Grund: das abrupte Ende des nationalen Aufschwungs kam einer Katastrophe gleich. Und in Palästina gab es von Stund an den neuen Machtfaktor Ägypten.