Ende des Reiches Juda

Nachdem der erste Schock, den Josias Tod ausgelöst hatte, überwunden war, versuchten die Judäer ihr möglichstes, um das reformierte Staatswesen zu erhalten. Joahas, einer der Söhne Josias, wurde auf den Thron erhoben, da man noch hoffte, das Reich werde weiterhin bestehen. Die Hoffnung war trügerisch. Necho hatte die weitere Unterstützung Assyriens aufgegeben und sich seinen eignen Plänen zugewandt. Drei Monate nach dem Treffen bei Megiddo kehrte er aus Syrien nach Südpalästina zurück. Ohne militärische Aktionen zu erwähnen, sagt die Überlieferung, dass der Pharao den König Joahas sofort abgesetzt und ihn gefangen nach Ribla geführt habe. (In Syrien hatte Necho also offenbar feste Positionen aufgebaut.) Der Pharao war nunmehr Herr über die assyrischen Provinzen in Syrien und Palästina. Josias erweitertes Reich wurde aufgelöst und in die alten Provinzen – jetzt die Einfluss- und Machtsphäre Ägyptens – aufgeteilt. Juda wurde auf sein Stammland reduziert und zu hohen Tributzahlungen verpflichtet. An Joahas Stelle setzte Necho einen anderen Sohn Josias, Eljakim, der für gehorsame Unterordnung mit seinem Leben haften und zum Zeichen der Unterwerfung auf Nechos Geheiß den neuen Namen Jojakim tragen musste. Nun war der Pharao seiner Eroberungen sicher und konnte sich nach Ägypten zurückziehen. Der abgesetzte und zunächst in Ribla inhaftierte Joahas wurde nach Ägypten mitgeschleppt, wo er als Gefangener starb. Zum erstenmal seit der Amarna-Zeit hatte Ägypten wieder syrisch-palästinisches Land in seiner Hand. Jojakim blieb keine Wahl: er musste den Tribut entrichten und treuer Untertan des Pharaos werden. Die Abgaben waren so hoch, dass Jojakim im Lande Sondersteuern erheben musste; auf Grund seiner genauen Einschätzung wurden die Leistungssätze für jeden einzelnen Judäer festgelegt. Das ganze Land bekam zu spüren, dass es mit dem Traum von der nationalen Größe vorbei war. Aber auch die Glorie Ägyptens währte nicht lange. Die Sieger über Assyrien meldeten ihre Ansprüche an. Zwar zogen sich die Umman-Manda zurück und verschwanden in die südrussischen Steppengebiete, nicht ohne zuvor die assyrische Königsstadt Ninive und andere Städte des assyrischen Stammlandes gründlich geplündert zu haben. Aber es blieben die Meder und Babylonier. Den Medern fielen die nördlichen und nordwestlichen Bezirke des Zweistromlandes zu; sie übernahmen das assyrische Stammland und die armenisch-iranischen Hochländer. Der südliche und südwestliche Teil ging an die Babylonier, die auch den gesamten assyrischen Provinzialbesitz in Syrien und Palästina für sich beanspruchten. Ihr erster König konnte den Westfeldzug allerdings nicht mehr führen. Die innere Ordnung des neuen Staatswesens gab Nabupolassar nach 610 genug zu tun auf; später erkrankte er, so dass sein Sohn Nebukadnezar schon 605 als Oberbefehlshaber der militärischen Expedition zur Eroberung Syriens und Palästinas in den Vordergrund trat. Über die ersten Feldzüge der Babylonier ist freilich nur wenig bekannt, denn im Gegensatz zu den assyrischen Großkönigen hatten die babylonischen Herrscher nicht die Gewohnheit, ihre Großtaten in Monumentalinschriften und Annalen festhalten zu lassen, und in der »Chronik Gadd«, dem wichtigsten Dokument zum Aufstieg des neubabylonischen Reiches, sind die einzelnen Aktionen der babylonischen Könige nicht aufgezeichnet. In Jeremias »Fremdvölkersprüchen«, prophetischen Botschaften über die Völker und Mächte des Vorderen Orients, ist davon die Rede (Jeremia 46,2), dass »das Heer des Pharaos Necho, des Königs von Ägypten, das am Euphratstrom bei Karkemisch stand«, von Nebukadnezar, der dabei irrigerweise bereits als König von Babylonien erscheint, geschlagen worden sei. Die Niederlage des ägyptischen Heeres wird auch von dem Marduk-Priester Berossus, einem Geschichtsschreiber, der im 3. vorchristlichen Jahrhundert lebte, bestätigt. Trotz manchen Bedenken dürfte auch die Ortsangabe Karkemisch stimmen: wo anders hätte der Pharao dem babylonischen Heer entgegentreten können als an der Euphratgrenze, die die syrischen Provinzen vom Zweistromland trennte? Über die Folgen der Schlacht weiß das Alte Testament (2. Könige 24,7) zu berichten: »Der König von Ägypten aber rückte nicht mehr aus seinem Lande aus; denn der König von Babel hatte alles erobert, was dem König von Ägypten gehörte, vom Bach Ägyptens bis zum Euphratstrom.« Necho wurde in sein Stammland am Nil zurückgetrieben, und die Babylonier übernahmen das assyrische Provinzialgebiet. Jojakim, der von Necho zum König von Juda eingesetzt und dem Pharao zu Gehorsam und Treue verpflichtet war, wechselte, als die Niederlage Ägyptens besiegelt war, sofort auf die Seite des Siegers hinüber: er unterwarf sich dem Feldherrn Nebukadnezar. Welche Konsequenzen sich daraus ergaben, ist unklar, da über Nebukadnezars Methoden der Behandlung abhängiger Völker wenig Nachrichten vorliegen; so ist auch nicht bekannt, ob die Babylonier gleich den Assyrern auf der Anbringung ihrer Staatskultinsignien in Jerusalem bestanden. Fest steht, dass die Judäer Tributzahlungen an Nebukadnezar entrichten mussten. Später tauchten in Juda Streifscharen des babylonischen Heeres auf, die ständig im Lande umherzogen und den Einwohnern die abhängige Lage des Landes vor Augen führten. Trotz der gewaltigen Überlegenheit Babyloniens unternahm Jojakim nach der Darstellung des Alten Testaments zwischen 605 und 599 zweimal den Versuch, aus dem Vasallenverhältnis auszubrechen. Entscheidend dafür war wahrscheinlich die drückende Last der Tribute, aber auch das Verhältnis zu Ägypten dürfte eine Rolle gespielt haben. Vermutlich hatte Necho an Jojakims Vasallentreue in der Hoffnung appelliert, mit seiner Hilfe im babylonischen Hoheitsgebiet Unruhe stiften zu können; Jojakim wiederum mag, ohne an die Folgen zu denken, auf Ägyptens Beistand bei der Befreiung aus der babylonischen Gewalt spekuliert haben. Ein erster Aufstandsversuch in Juda wurde von den Streifscharen Nebukadnezars im Keime erstickt. Ein zweiter Aufstand, wohl 602 begonnen, endete mit einer Katastrophe, die Jojakim allerdings nicht mehr erleben sollte. Für Juda war aber auch schon Jojakims eigenes Gewaltregiment (2. Könige 24,4) bedrückend genug: »Auch das Blut der Unschuldigen, das er vergoss,… erfüllte Jerusalem…« Von der Tyrannei des Königs hat das Buch Jeremia (Jeremia 22,13 f.) einen einprägsamen Bericht hinterlassen: »Wehe dem, der sein Haus mit Unrecht baut und seine Söller mit Unbill; der seine Nächsten umsonst arbeiten lässt und ihm den Lohn nicht bezahlt! Der da spricht: Ich will mir ein weites Haus und luftige Hallen bauen! Der Fenster darein brechen lässt, es mit Zedern täfelt und roh bemalt. Meinst du, ein König zu sein, weil du in Zedernbauten wetteiferst?« Die Ermahnungen des Propheten fruchteten nichts. Jojakim blieb in der Zeit der härtesten Bedrückung bei der größten Verschwendung und schlimmsten Ausbeutung seiner Untertanen. Als ihm der Prophet eine Abschrift seiner Reden zukommen ließ (Jeremias 36), ließ sich der König die mahnenden Worte vorlesen, zerschnitt die Schriftrolle und warf sie ins Feuer. Die Forderung des Gottesrechtes interessierte ihn nicht. Nach Jojakims zweitem Aufstand gegen Babylonien geschah zunächst gar nichts, wahrscheinlich hatte Nebukadnezar II. andere Sorgen. Als Jojakim 599 starb, folgte ihm ungehindert sein achtzehnjähriger Sohn Jojachin. Aber schon im nächsten Jahr setzte sich das babylonische Heer in Bewegung. Jerusalem wurde belagert und erobert. Babylonische Soldaten drangen in die Stadt ein und zogen raubend und plündernd umher. Der Tempel- und Palastschatz, der ganze Reichtum, den Jojakim sich errafft hatte, fiel in ihre Hände. Die Kostbarkeiten der Bauwerke wurden abgebrochen. Das Heiligtum wurde entweiht. Dann begann nach assyrischem Muster die Deportationsmaschine zu arbeiten. Allerdings beschränkten sich die Sieger darauf, nur bestimmte Gruppen nach Mesopotamien zu verschleppen: zuerst Jojachin und seine Familie, sodann Minister und hohe Beamte, schließlich Handwerker und Waffenkonstrukteure. Juda verlor die Regierungsspitze und wurde radikal entmilitarisiert. Die Neuorganisation des unterworfenen Landes vollzog sich allerdings in relativ erträglichen Formen. Der rebellische Staat wurde 598 noch nicht vernichtet und nicht ins Provinzialsystem eingegliedert, sondern durfte unter einem König aus dem Haus David weiter bestehenbleiben. Dafür behielt sich Nebukadnezar vor, den König, der ihm mit Leib und Leben für absolute Loyalität haften musste, selbst zu ernennen. Seine Wahl fiel auf Jojachins Onkel Matthanja, dem er nach herrschender Sitte und zum Beweis dafür, dass er, Nebukadnezar, Herr über Leben und Tod sei, einen anderen Namen, Zedekia, gab. Offenbar musste der halbselbständige Staat auch beträchtliche Gebietsteile an Babylonien abtreten. Im Buch Jeremia (Jeremia 13,18 f.) findet sich ein ziemlich eindeutiger Hinweis: »Die Städte im Südland sind verschlossen, und niemand öffnet; ganz Juda muss in die Verbannung, in die Verbannung sie alle!« Danach kann man vermuten, dass das Negeb-Gebiet und wohl auch ganz Südjuda vom judäischen Staat abgetrennt wurden; wahrscheinlich fielen diese Bezirke den Edomitern anheim. Faktisch ließ jedenfalls Nebukadnezar nur Jerusalem und einen kleinen Teil Nordjudas als Staat bestehen. Nach der deuteronomistischen Version (2. Könige 24,19) unterschied sich die Regierungspraxis Zedekias nicht wesentlich von der Jojakims: »Er tat, was Jahve missfiel, ganz wie Jojakim getan hatte.« Nichtsdestoweniger herrschte in Jerusalem in den Jahren nach der ersten Deportation eine optimistisch-erwartungsvolle Atmosphäre. Das verhältnismäßig milde Vorgehen des babylonischen Siegers ließ neue Hoffnungen aufkommen; man ließ wieder die traditionellen Heilserwartungen gelten: wie konnte der Bund Jahves mit seinem Volk hinfällig werden? Wieder traten Heilspropheten auf, die dem Volk verkündeten, dass sich alles wieder zum Guten wenden würde: schließlich war die Davidsdynastie weiterhin auf dem Thron, und auch das religiöse Bollwerk der heiligen Stadt Jerusalem mit allen kultisch-politischen Bindungen hatte sich als unzerstörbar erwiesen; selbst die größte Weltmacht konnte die ewigen Satzungen Gottes nicht erschüttern. Die Heilspropheten ließen das Volk glauben, dass eine glückliche Zukunft immittelbar bevorstand. Diese phantasiereichen Illusionen hat das Buch Jeremia im Detail (Jeremia 28,1 ff.) nachgezeichnet: »Im Anfang der Regierung Zedekias, des Königs von Juda, im fünften Monat des vierten Jahres, begab es sich, dass der Prophet Hananja von Gibeon, der Sohn Assurs, im Hause Jahves in Gegenwart der Priester und des gesamten Volkes zu mir sprach : So spricht Jahve der Heerscharen, der Gott Israels: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen. Binnen zwei Jahren werde ich an diesen Ort alle Geräte des Hauses Jahves zurückbringen, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel gebracht hat. Auch Jechonja (Jojachin), den Sohn Jojakims, den König von Juda, und alle Verbannten Judas, die nach Babel gekommen sind, werde ich an diesen Ort zurückbringen, spricht Jahve, denn ich werde das Joch des Königs von Babel zerbrechen!« Als einer der angesehenen staatlichen Kultpropheten konnte Hananja seine trostreiche Prophetie mit dem Siegel des autoritativ übermittelten Jahve-Wortes versehen. Mit der unerbittlichen Schärfe eines visionären Realismus trat ihm Jeremia entgegen: Gott habe alle Illusionen zerrissen, indem er dem Großkönig Nebukadnezar alle Macht gegeben habe; was geschehen sei, sei kein Anlass zu Heilserwartungen, sondern verlange Selbstbesinnung und Umkehr; der babylonische König repräsentiere das Gottesgericht (Jeremia 27), und ihm müsse man sich unterwerfen: »So spricht Jahve der Heerscharen, der Gott Israels…: Ich bin es, der die Erde gemacht hat, die Menschen und Tiere auf der Erde, durch meine große Kraft und durch meinen ausgestreckten Arm, und ich gebe sie dem, der mir gefällt. Und nun habe ich alle diese Länder in die Hand meines Knechtes Nebukadnezar, des Königs von Babel, gegeben. Auch die Tiere des Feldes habe ich ihm gegeben, dass sie ihm dienen. Und alle Völker sollen ihm und seinem Sohne und seinem Enkel dienen, bis auch seinem Lande die Stunde kommt…« Eine babylonische Herrschaft über drei Generationen: das musste alle kurzfristigen Hoffnungen zunichte machen. Das eben wollte Jeremia, und immer deutlicher hob er die Konsequenzen hervor: »Höret doch nicht auf eure Propheten und Wahrsager, auf eure Träumer, Zeichendeuter und Zauberer!… Lüge weissagen sie euch!… Fügt eure Nacken unter das Joch des Königs von Babel und dient ihm und seinem Volke, so bleibt ihr am Leben!« Für die offizielle Meinung der Tempelhierarchie war das Defätismus, Landesverrat und Untergrabung des von Gott erwählten Reiches. Der kurzsichtige Optimismus der religiös-nationalen Ideologie verlangte rebellische Aktion, nicht Unterwerfung. In den Strudel dieser »aktivistischen« Ideologie geriet auch der Vasallenkönig Zedekia: schon 589 kündigte er das Vasallenverhältnis. Aber er wusste auch, dass er den Abfall von Babylon nur riskieren konnte, wenn ihm ein mächtiger Bundesgenosse zur Seite stand. Wieder wurden Verbindungen zu Ägypten aufgenommen, und wieder sicherte der Pharao Waffenhilfe zu. Der katastrophale Ausgang, den solche abenteuerlichen Versuche früher genommen hatten, schien vergessen. Die Gegenaktion leitete Nebukadnezar persönlich. Er schlug sein Hauptquartier in Ribla auf und entsandte ein großes Heer nach Jerusalem. Dort hielt der überschwengliche Optimismus nicht lange vor: Zedekia schickte Boten zum Propheten Jeremia, die ihn fragen sollten, ob Jahve nicht wieder, »wie er sonst getan hat«, ein Wunder tun werde, um das babylonische Heer abziehen zu lassen. Der Prophet (Jeremia 21) blieb indes bei seiner Botschaft: »So sollt ihr Zedekia antworten: So spricht Jahve, der Gott Israels: Siehe, ich lasse umkehren die Kriegswaffen in eurer Hand, mit denen ihr den König von Babel und die Chaldäer, die euch belagern, außerhalb der Mauern bekämpft, und bringe sie allesamt in diese Stadt. Und ich selbst will gegen euch streiten mit ausgereckter Hand und starkem Arm…« Jerusalem werde fallen, und über König und Volk werde ein erbarmungsloses Gericht ergehen. Nebukadnezar rückte denn in der Tat schnell heran und belagerte Jerusalem achtzehn Monate. Die festen Städte Judas fielen im ersten Ansturm. Eine Weile konnten sich noch die Festungen Lachisch und Aseka halten. Tatsächlich sind bei Ausgrabungen in Lachisch beschriebene Tonscherben gefunden worden, auf denen sich militärische Meldungen aus dem Jahre 588 erhalten haben. Da wird aus Jerusalem gemeldet: »Wir achten auf das Signalzeichen von Lachisch…, die Zeichen von Aseka sehen wir nicht mehr.« Während nun auch Aseka gefallen zu sein scheint, heißt es über die Lage in Jerusalem: »Die Hände des Landes und der Stadt werden schlaff…« Alles ging dem Ende zu. In letzter Stunde eilte ein judäischer Heerführer nach Ägypten, die versprochene Waffenhilfe anzufordern. Sie kam wirklich! Ägyptische Truppen rückten in Südpalästina ein und zwangen die Babylonier, die Belagerung Jerusalems abzubrechen. Nach dem biblischen Bericht (Jeremia 37,5): »Das Heer des Pharaos war von Ägypten aufgebrochen, und die Chaldäer, die Jerusalem belagerten, waren auf diese Kunde hin von Jerusalem abgewogen.« Sofort flackerte in Jerusalem wieder die Hoffnung auf baldige Erlösung auf. Nur der Prophet des Realismus (Jeremia 37) zweifelte nicht am Untergang: »Dies sollt ihr dem König von Juda melden…: Siehe, das Heer des Pharaos, das ausgezogen ist, euch zu helfen, wird in sein Land, nach Ägypten zurückkehren. Die Chaldäer aber werden wiederkommen und gegen diese Stadt streiten, sie einnehmen und verbrennen.« Diese Prognose – wie überhaupt die beharrliche Ankündigung des Gottesgerichts – reizte und erbitterte die illusionsfreudigen Judäer. Als der Abzug der Babylonier Jeremia die Möglichkeit verschaffte, die Stadt zu verlassen, wurde er unter der Beschuldigung, er wolle »zu den Chaldäern überlaufen«, am Stadttor festgenommen und in eine Grube geworfen. Natürlich wurde das ägyptische Heer in Südjuda von den Babyloniern schnell besiegt und floh in die Heimat. Die Babylonier erschienen wieder vor den Mauern Jerusalems. Lachisch fiel; der Ausgrabungsbefund lässt erkennen, dass die ganze Stadt eingeäschert wurde. Der Ring um Jerusalem zog sich immer enger zusammen; die Bevölkerung hungerte, und in der Stadt brachen Seuchen aus. Angesichts der nun ganz hoffnungslosen Lage entschloss sich Zedekia zur Flucht; in die Stadtmauer wurde eine Bresche geschlagen, und heimlich zog der König mit seiner Leibwache von dannen. Der fliehende Trupp mit der königlichen Familie wollte über die Jordanfurt bei Gilgal entkommen, aber als die Soldaten merkten, dass eine babylonische Abteilung ihnen auf den Fersen war, überließen sie die Großen von gestern ihrem Schicksal. Im Steppengebiet bei Jericho wurden die Fliehenden eingeholt und festgenommen und von dort nach Ribla gebracht. Über den treulosen Vasallen und seine Familie verhängte Nebukadnezar ein grausames Gericht: vor den Augen Zedekias wurden seine Söhne hingerichtet, dann wurden ihm die Augen ausgestochen; in Ketten wurde der Blinde nach Babylon gebracht, wo er bald starb. Im Juni 587 brach die Katastrophe über Jerusalem herein. Die Stadt wurde in Schutt und Asche gelegt; die Akropolis mit Palast und Tempel versank in den Flammen. Was an Kostbarkeiten bei der Besetzung 598 verschont geblieben war, wurde weggeschleppt. Unnachsichtig streng war das Strafgericht Nebukadnezars: die führenden Männer Jerusalems und Judas wurden nach Ribla gebracht und dort getötet, die gesamte Oberschicht des Landes wurde deportiert; nur die bäuerliche und im primitivsten Handwerk tätige Bevölkerung durfte im Lande bleiben. Die Babylonier folgten ganz den assyrischen Methoden, mit einer Ausnahme allerdings: an Stelle der Deportierten wurden in Juda keine fremden Volksgruppen angesiedelt. Der unterworfene Staat wurde ins babylonische Provinzialsystem eingebaut, wobei sich aber die Neuordnung in vielem von der Organisation unterworfener Gebiete unter den Assyrern unterschied. Im allgemeinen war der babylonische Großkönig darauf bedacht, die soziale und politische Struktur der eroberten Länder nach Möglichkeit unverändert zu lassen; so war denn auch die Struktur des Reiches Juda 598 unangetastet geblieben. Inzwischen hatte jedoch Nebukadnezar nur zu anschaulich erfahren, dass den Jerusalemer Königen nicht zu trauen war und dass die Bevölkerung Judas von der Idee des Heilsstaates besessen blieb. Daran änderte auch die den Babyloniern bekannte Wirksamkeit eines Mannes wie Jeremia nichts, der übrigens nach der Eroberung der Stadt aus dem Gefängnis befreit und sogar aufgefordert wurde, nach Babylonien zu kommen, was er jedoch ausschlug. Jerusalem und Juda wurden also der babylonischen Provinzialverwaltung unterstellt, vermutlich als Verwaltungsbezirk der Provinz Samaria, aber an die Spitze dieses Bezirks beriefen die Babylonier nicht, wie es die Assyrer getan hätten, einen fremden Gouverneur, sondern einen Judäer, und zwar einen Mann namens Gedalja, dem sie als Verwaltungssitz Mizpa zuwiesen. Nach dem Alten Testament (Jeremia 40) hatte er »die Judäer vor den Chaldäern zu vertreten«, wahrscheinlich als Untergebener des höchsten babylonischen Beamten in der Provinz Samaria; bezeichnenderweise war Gedalja kein Angehöriger des Hauses David und durfte nicht in Jerusalem residieren: die Davidsstadt sollte ihres Ruhmes entkleidet und nicht wieder zum Zentrum aller national-religiösen Bestrebungen und Verschwörungen werden. Im ganzen Lande wurden babylonische Truppen stationiert und alle Mauern, Türme, Bollwerke und Festungen, soweit sie nicht schon zerstört waren, geschleift. Bei alledem verfolgte Nebukadnezar nicht die Absicht, Juda durch Einpflanzung einer neuen Bevölkerungsschicht um seine nationale Eigenart zu bringen. Insofern zeigte die babylonische Unterwerfungspolitik einen humaneren Zug als die assyrische. Nach der Deportation waren im Lande hauptsächlich Bauern und Winzer zurückgeblieben. Zu ihnen gesellten sich aber bald in nicht geringer Zahl Angehörige anderer Schichten, die vor dem heranrückenden Feind in die Schlupfwinkel der Wüste Juda und in die benachbarten Staaten geflohen waren und nach einer gewissen Normalisierung der Verhältnisse aus ihren Verstecken hervorkamen. Die Rückkehr war deswegen geboten, weil die Eroberer den Grundbesitz der freien Vollbürger und die Krongüter des königlichen Hauses auf die arme Bevölkerung verteilten. Bei aller Normalisierung sollte das Land indes nicht zur Ruhe kommen. Gruppen, die sich mit der Vernichtung des Davidsstaates nicht abfinden wollten, gewannen mit ihren abenteuerlich-schwärmerischen Ideen so sehr an Einfluss, dass bald eine neue Aufstandsbewegung ausbrach, die einen Abkömmling der Davidsdynastie namens Ismael auf den Schild hob. Mit einer kleinen Schar überfiel Ismael die judäische Bezirksverwaltung in Mizpa und ermordete den Statthalter Gedalja, der zwar vor dem Attentat gewarnt worden war, aber ein so wahnwitziges Abenteuer nicht für möglich gehalten hatte. Den Rebellen trat eine Richtung entgegen, die, um eine massive Strafaktion der Babylonier abzuwenden, alle weiteren Ausschreitungen zu verhindern suchte; es gelang ihr, Ismaels Anhänger zu zersprengen, worauf Ismael ins Land der Ammoniter entkam. Im Lande löste das Attentat von Mizpa eine panische Stimmung aus. Aus Angst vor babylonischen Repressalien flüchteten viele nach Ägypten. Die Gruppe, die sich gegen Ismael aktiv zur Wehr gesetzt hatte, war unschlüssig. Jeremia, dessen Rat sie einholte (Jeremia 42), mahnte zur Besonnenheit und warnte vor der Flucht. Die Angst war aber stärker: »Ins Land Ägypten«, hieß es, »wollen wir ziehen, wo wir weder Krieg sehen noch Posaunenschall hören noch Hunger leiden werden; dort wollen wir uns niederlassen.« Trotz allem Widerstand wurde auch Jeremia von der Auswanderungswelle nach Ägypten gespült, wo sich seine Spur verlor. Über die Folgen des Ismael-Aufstandes wird im Alten Testament nichts berichtet: entweder hatten die Babylonier den Aufstand als Abenteuer weniger Extremisten von vornherein nicht ernst genommen – oder die Angelegenheit war für sie mit der Flucht der aktiven Teilnehmer erledigt. Nach der Deportation der Oberschicht war Juda zunächst ohne geordnete Verwaltung und Gerichtsbarkeit geblieben. Ordnung, Sitte und Recht verwilderten. Hunger und Sorge beherrschten den Alltag. Stadt und Land litten an den Folgen der Kriegsverwüstungen und der allgemeinen Zerrüttung. Die Zerschlagung des Grundbesitzes des Königshauses und der Vornehmen vermehrte das Chaos: die Landesverteilung lockte Mittellose in Scharen an; zum Teil wurden die verlassenen Ländereien einfach von denen übernommen, die zuerst da waren. Zur wirtschaftlichen Gesundung trug das alles wenig bei. Mit dem Fortfall des zentralen Kultus hatte sich auch der religiöse Zusammenhalt gelockert; das religiöse Leben verfiel, und Baalismus und Fremdkulte griffen von neuem um sich. Nur die wenigen, die mit allen Fasern am Glauben der Väter festhielten, pilgerten aus allen Ecken und Enden des Landes zur zerstörten heiligen Stätte nach Jerusalem. Auf den Trümmern des Tempels wurden die aufwühlenden Klagegesänge (Threni) angestimmt, die das Alte Testament der Nachwelt erhalten hat: Ach, es umwölkt in seinem Zorn der Herr die Tochter Zion,
geworfen vom Himmel zur Erde hat er Israels Pracht
und gedachte nicht des Schemels seiner Füße am Tage seines Zorns.
Es vertilgte der Herr ohne Schonung alle Gefilde Jakobs,
riss nieder in seinem Grimm die Festen der Tochter Juda,
hat zu Boden gestoßen, entweiht das Reich und seine Regenten…
Wie ein Feind ward der Herr, vertilgte Israel;
zertrümmerte alle seine Burgen, zerbrach seine Festen
und häufte in der Tochter Juda Jammer auf Jammer.
Er tat Gewalt an seiner Hütte, zerstörte seinen Festort.
Vergessen ließ Jahve in Zion Festtag und Sabbat
und verwarf in glühendem Zorn König und Priester.
Seinen Altar hat der Herr verworfen, verabscheut sein Heiligtum.
Babylonisches Exil
Von den inneren Zuständen in Juda wussten sich die Babylonier ein erstaunlich genaues Bild zu machen ; welche Kreise ihrer Politik schadeten und Unruhe stifteten und welchen sie Vertrauen schenken durften, war ihnen kein Geheimnis. Diese Kenntnis bestimmte die Gesichtspunkte, nach denen die Deportationen vorgenommen wurden. In Ribla mussten die für den Aufstand Zedekias Verantwortlichen vor Nebukadnezar erscheinen; nach dem Alten Testament ließ der Großkönig fünf Priester, zwei hohe Offiziere, fünf Angehörige des Hofes und sechzig Männer der freien Landbevölkerung hinrichten. Alle übrigen Angehörigen der politisch und geistig führenden und wirtschaftlich wichtigen Schichten wurden dem Deportationskommando unterstellt und in Gruppen nach Babylonien umgesiedelt; insgesamt dürfte die Zahl der Deportierten auf etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung geschätzt werden können. Juda wurde keineswegs seiner Einwohnerschaft beraubt; das Leben im Lande konnte seinen – zunächst freilich recht verworrenen – Fortgang nehmen. Dass aber die einflussreichen und führenden Schichten ins Exil mussten, war für die weitere Entwicklung Israels insofern von entscheidender Bedeutung, als die deportierte Führungsschicht von Babylonien aus auf die fernere Gestaltung des Lebens in Jerusalem und Juda Einfluss zu nehmen suchte. Über das Schicksal der Verbannten wird im Alten Testament nicht ausführlich berichtet; aber gerade über die vom Exil auf die Heimat ausgestrahlte Wirkung lässt sich den Büchern Jeremia und Ezechiel mancherlei Wesentliches entnehmen. Die im Jahre 587 Deportierten stießen in Babylonien auf eine ältere Exilgruppe, die bereits 598 strafweise verschleppt worden war. Ob auch die von den Assyrern ausgesiedelten Nordisraeliten noch in geschlossenen Gruppen lebten, ist nicht bekannt; vermutlich hatten sich die 722 exilierten Angehörigen des Nordreiches weitgehend der babylonischen Bevölkerung angeglichen und als besondere Volksgruppe aufgehört zu bestehen. Das Leben der nach Babylonien Deportierten spielte sich anders ab, als die eindrucksvolle Bildsprache des Alten Testaments vermuten lässt. Im Kerker schmachteten außer König Jojachin und seinen Angehörigen nur wenige. Die Masse der Deportierten wurde, ohne auseinandergerissen zu werden, planmäßig angesiedelt; die im Alten Testament als Wohnstätten genannten Orte Teil Abib (am Kanal Kebar nicht weit von Nippur), Teil Melach, Teil Harscha und Kerub Addan lagen in der Nähe größerer babylonischer Städte oder an Kanälen, und hier wurden die Judäer in Sippen untergebracht; ihre Lehmziegelhäuser durften sie sich selbst bauen. In der sozialen Gliederung der babylonischen Gesellschaft, die aus Freien, Halbfreien und Sklaven bestand, zählten sie nicht als Sklaven, sondern als Halbfreie, gehörten also zur mittleren Schicht. Das bedeutete, dass sie sich frei bewegen und in eigenen Siedlungen wohnen durften, dass der Staat aber über ihre Arbeitskraft verfügte. Daher die Ansiedlung in der Nähe der großen Städte und der Kanalanlagen: in den Städten wurden die Deportierten bei Palast- und Prunkbauten des unternehmenden und baufreudigen Königs und an den Kanälen bei Bewässerungsarbeiten beschäftigt. Die Arbeitssphäre erinnert an die Dienste, die die Hebräer einst in Ägypten zu leisten hatten, die Arbeits- und Lebensbedingungen dagegen waren grundsätzlich verschieden: in Babylonien durften die Judäer Häuser bauen, Gärten anlegen, heiraten, Geld verdienen und sogar, soweit dafür lokal die Voraussetzungen gegeben waren, Handel treiben. Besonders Befähigte wurden – als Schreiber, Beamte oder in anderen Funktionen – in den Hof- und Verwaltungsdienst übernommen; später waren einzelne Judäer in den Städten als selbständige Kaufleute tätig. Der Prophet Ezechiel musste Grund genug haben, vor dem Erwerbsgeist zu warnen, der diese Erfolgreichen der Gemeinschaft der Exilierten entfremdete. Will man die Rolle der Exilgemeinschaft recht beurteilen, so darf man nicht vergessen, dass das Gros der judäischen Bevölkerung in der Heimat geblieben war. Dort lebte man weiter auf dem traditionell als Gottesgabe verehrten Boden, in Reichweite der ehrwürdigen alten Kultstätten, die als das Zentrum des Volksdaseins galten. Die, die zu Hause geblieben waren, hätten sich durchaus als den von Jahve erretteten Rest Israels betrachten dürfen, in dem die Verheißung eines neuen Anfangs liegen musste; in den nach Babylonien Verschleppten mochten sie die von Jahve Gerichteten und aus der Geschichte des Gottesvolkes Ausgeschiedenen sehen. Anderseits waren diese Exilierten unzweifelhaft die führende Schicht des zerspaltenen Volkes mit vielen Priestern und Propheten in ihren Reihen; offenbar waren sie sich auch zu allen Zeiten der ihnen daraus erwachsenden Verpflichtung bewusst. Schon nach der ersten Deportation von 598 hatte sich Jeremia zu dem Zerwürfnis geäußert, das sich aus dieser zwiespältigen Lage ergeben musste. Aus einer anderen Dimension als der einer augenblicksgebundenen Abwägung der Gegebenheiten meinte er in seiner Vision von den beiden Feigenkörben (Jeremia 24), dass gerade auf den Exilierten die Verheißung ruhe, denn Menschen, die durch die Tiefe des Gerichts hindurchgehen müssten, seien auch ausersehen, Träger der Heilserwartungen zu sein. In einem Brief an die Verbannten (Jeremia 29) gebot er im Namen Jahves: »Bauet Häuser und wohnet darin, pflanzt Gärten und esset ihre Frucht, nehmet euch Frauen und zeuget Söhne und Töchter, werbet um Frauen für eure Söhne und gebt euren Töchtern Männer, damit sie Söhne und Töchter gebären, dass ihr euch dort mehret und euer nicht weniger werden. Suchet das Wohl des Landes, in das ich euch verbannt habe, und betet für es zu Jahve, denn sein Wohl ist euer Wohl!« Die Verbannten sollten sich aber nicht nur in ihr Schicksal fügen und für die Erhaltung der physischen Substanz sorgen, sondern auch – in Abwehr der sogar in ihrer Mitte wirkenden falschen Propheten – nach einer wirklichen Erneuerung des religiösen Lebens trachten. Dafür wurde ihnen ein Fernziel in Aussicht gestellt: »Wenn siebzig Jahre für Babel um sind, will ich nach euch sehen. Dann will ich meine Verheißung an euch erfüllen und euch wieder an diesen Ort Jerusalem bringen!« Die den Verbannten auferlegte Prüfung war also kein auswegloses Strafgericht, sondern eine Läuterung. Aus religiöser Sicht wurde der Exilgemeinschaft eine Pflicht auferlegt, die daheim offenbar nicht im gleichen Maße erfüllt werden konnte. Diese Pflicht war aber nur sinnvoll, wenn zwischen den Exilierten und den im Lande Lebenden eine Verbindung aufrechterhalten blieb. Ein reger Austausch wurde tatsächlich nicht nur nach der ersten, sondern auch nach der zweiten Verbannung gepflegt. So war der exilierte Priesterprophet Ezechiel über die Vorgänge in der Heimat genau unterrichtet. Die Verbannten fühlten sich für das, was in Juda geschah, verantwortlich; sie waren über die Ausbreitung heidnischer Fremdkulte im Lande entsetzt, und man darf vermuten, dass sie sich intensiver Gegenmaßnahmen nicht enthielten. Das Leben im Exil hing natürlich weitgehend von der Verwaltungspolitik der babylonischen Herrscher ab. Unter Nebukadnezar II. (605-562), der das Reich in festen Händen hielt, gab es weder Krisen noch wesentliche Veränderungen: die Deportierten mussten ihre Dienste verrichten, und ihre Tage vergingen im Gleichmaß der Pflichten. Entscheidende Milderungen kamen unter Awelmarduk (562-560, im Alten Testament Evil-Merodach), der den Judäern freundlich gegenüberstand und ein nachsichtiges Regiment führte: die Dienstleistungen wurden erleichtert und den Exilierten die Teilnahme am Handel gestattet; der eingekerkerte Jojachin wurde freigelassen und sogar an die königliche Tafel geladen. Ein neuerdings ausgewerteter archäologischer Fund hat eine Verpflegungsliste zutage gefördert, aus der die Jojachin und seiner Familie von der babylonischen Verwaltung bewilligten Rationen zu ersehen sind. Ein scharfer Kurs gegen die Verbannten wurde von Neriglissar (Nergalsarezer, 560-556) eingeschlagen. Nabonid (555-538) wiederum verfolgte gegenüber der Exilgemeinschaft eine unbeständige, schwankende Politik. Wie immer sich die äußeren Lebensverhältnisse gestalten mochten, die innere Not des Daseins in der Fremde war schwer zu tragen. Zunächst hatte sich der Deportierten eine lähmende Hoffnungslosigkeit bemächtigt, die der problematischen religiösen Situation entsprach: man hatte die von Jahve den Vätern gegebene Heimat verloren, man lebte auf unreinem Boden in der heidnischen Welt, und man wusste nicht recht, wie man Jahve fern von seinem Heiligtum verehren sollte. Außerdem waren die Entwurzelten der ständigen Einwirkung einer imponierenden fremden Macht, des babylonischen Staatskults, ausgesetzt. Die babylonischen Könige hatten den alten Mardukkult erneuert. Am Neujahrstag wurden rauschende Götterfeste gefeiert. Das Gottesbild des siegreichen Gottkönigs und Alleinbeherrschers Marduk wurde in den Tempel Esagila gebracht: die Prozession zog über großangelegte Prachtstraßen, und auf geschmückten Barken fuhr das Gottesbild übers Wasser. Ein Rausch religiöser Begeisterung überfiel das Land in den Tagen, in denen der Staatskult zelebriert wurde. Konnten sich die Judäer den neuen Eindrücken ganz entziehen? Wie nahe lag die Folgerung: Marduk ist der wahre Gott! Er ist der Stärkere! Jahve ist überwunden! Gewiss hatte die Exilgemeinschaft einen starken Rückhalt darin, dass sie in geschlossenen Ortschaften angesiedelt war, dass die Sippenordnung aufrechterhalten blieb und dass die Ältesten der Großfamilien auf die vom Fremdkult beeindruckten Jüngeren helfend und erzieherisch einwirken konnten; überdies verhielten sich die Babylonier in religiösen Dingen – auch nach der Darstellung des Alten Testaments – überall tolerant und zwangen den eigenen Kultus in keiner Weise auf. Dennoch blieb die entscheidende Schwierigkeit, dass die Judäer in der Fremde keinen legitimierten Kultus hatten, weil die entscheidenden Voraussetzungen und sakralen Ermächtigungen für den Gottesdienst fehlten: das Heilige Land und das von Jahve erwählte Heiligtum. Keine kultische Feier konnte in ihrem rituellen Ablauf einfach auf die fremden Verhältnisse übertragen und entsprechend abgewandelt werden. Ein Gottesdienst konnte nur dort stattfinden, wo Jahve gegenwärtig war, wo er ein Zeichen seiner Präsenz gegeben hatte, und der zentrale Satz des alttestamentlichen Glaubens lautete: Jahve ist im erwählten Heiligtum in Jerusalem gegenwärtig; Zeichen seiner Gegenwart ist der Gottesthron, die Lade! Auch der Gedanke einer Allgegenwart Gottes konnte in Israel nur unter der Voraussetzung einer höchst konkreten Gegenwartsbekundung Jahwes gedacht werden. Wie sollte man also in der Fremde der Gegenwart Jahves gewiss werden können? Wo waren in Babylonien Ansätze zu neuartigen gottesdienstlichen Versammlungen gegeben? Den 598 verschleppten Judäern hatte Jeremia in seinem Brief das Gotteswort übermittelt: »Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.« Das war eine Verheißung, keine Gewissheit. Den Durchbruch zu einer neuen religiösen Gewissheit verschaffte der Exilgemeinschaft erst die Botschaft des Propheten Ezechiel. Ezechiel, der eigenartigste und fremdeste aller alttestamentlichen Propheten, hatte ursprünglich als Priester am Jerusalemer Tempel amtiert und kannte die Sakralinstitutionen des Zentralheiligtums bis in die subtilsten Einzelheiten. Ihm war in der Fremde eine prophetische Berufung zuteil geworden, die den bisweilen in ausgefallenen Vorstellungen und extremen Bildern redenden Mann zutiefst erfüllte und erschütterte. Offenbar war Ezechiel als Angehöriger der judäischen Oberschicht schon 598 nach Babylonien deportiert worden. Da empfing er eine für seine Verkündigung grundlegende und für die Exilierten rettende Gottesbotschaft: in einer gewaltigen Vision (Ezechiel 1) sah er Jahve auf einem Thronwagen in die Fremde kommen. Jahve war in Babylonien gegenwärtig! Diese entscheidende Erkenntnis wurde zum Fundament der Botschaft Ezechiels an die Exilierten, zum aufrichtenden Trost für die Verzagten und Angefochtenen. In ihr lagen die Ansatzpunkte für einen Gottesdienst in der Fremde. Zunächst fanden im Hause Ezechiels Zusammenkünfte der Sippenältesten statt, in denen alle religiösen Lebensfragen besprochen wurden. Im Bewusstsein der Verantwortung auch für das ferne Jerusalem wurden die ersten Wege gottesdienstlicher Ordnung gesucht, wofür alle äußeren Voraussetzungen fehlten: man hatte weder Kultgeräte noch Kultinsignien. Da im fremden Land keine Opferfeiern abgehalten werden durften, musste der Kultus jeder materiellen Stützung entsagen, so dass sich die wesentlichen Intentionen notwendigerweise auf das Geistige, Unanschauliche richten mussten. Zu gottesdienstlichen Zwecken kam man wohl in Häusern oder auf freiem Feld zusammen; die Vermutung, dass es im babylonischen Exil bereits Lehrhäuser (Synagogen) gegeben habe, dürfte kaum zutreffen, wenn auch zur Schaffung dieser für das Judentum später so bedeutsamen Institution in Babylonien vorbereitende Schritte getroffen worden sein mögen. Als Zeitpunkt der gottesdienstlichen Versammlungen gewann der Sabbat überragende Bedeutung; seine Heiligung wurde zu einem entscheidenden Bekenntnis. Inhaltlich rückten die heiligen Schriften in den Mittelpunkt: die Erzählungen von den religiösen Traditionen Israels, die zum Teil neu verarbeitet und gedeutet wurden, und die Gesetze. Das Leben der Gemeinde konzentrierte sich auf das Wort; Gebete, insbesondere Buß- und Bittgebete, begleiteten die andächtige Beschäftigung mit den alten Überlieferungen. Vergleicht man diesen auf das Geistige und Unanschauliche gegründeten Gottesdienst mit dem früheren Kultus in Jerusalem oder gar mit dem prunkvollen babylonischen Staatskult, so kann man die Vermutung kaum ausschließen, dass sich manche Judäer vom sichtbaren, formvollendeten Zeremoniell der Nachbarn eher angezogen gefühlt haben müssen als von diesen nüchternen Versammlungen. Dennoch geschah das kaum Fassbare, dass die Exilgemeinschaft treu im Glauben der Väter verharrte, nicht in herkömmlicher Observanz, sondern in lebendiger Neugestaltung der Kultformen. Dabei war dieser Glaube vielen Gefahren ausgesetzt. Immer wieder wurden fremde Elemente eingeschmuggelt: Zauberei und Mantik, in der babylonischen Religion alltägliche Erscheinungen, drängten sich in die Versammlungen ein. Als integrierender Faktor wirkte sich zunehmend die Institution des Sabbats aus: mochte die heilige Stätte unerreichbar sein, die heilige Zeit konnte auch in der Fremde eingehalten werden; die Befolgung des Sabbats wurde zum »Zeichen zwischen Jahve und seinem Volk«, zum Bundeszeichen, zum Bekenntnisakt auch gegenüber den Babyloniern. Spannungen und Kollisionen entstanden dort, wo man sich, um den Sabbat streng einzuhalten, von den pflichtmäßig zu verrichtenden Dienstleistungen fernhielt. Neben den Sabbat trat stärker als früher die Beschneidung als weiteres Bundes- und Bekenntniszeichen. Und die Stelle des Opfers wurde nach und nach vom Fasten eingenommen, das als religiöse Übung mit den kultischen Buß- und Klagefeiern der Gemeinde im Zusammenhang stand. Der Gottesdienst wurde zu der Kraft, die dem verbannten Volk half, die langen Jahre des Exils zu überstehen. In ihm war eine religiöse Lebensform gefunden worden, die für das Judentum in der Zerstreuung von grundlegender Bedeutung sein sollte. Ein anderes Schicksal wurde den Judäern zuteil, die nach der Ermordung des Statthalters Gedalja aus Angst vor babylonischen Repressalien nach Ägypten geflohen waren. Während über die Begebenheiten, die der Auswanderung unmittelbar folgten, nichts bekannt ist, bezeugt ein Papyrus aus der hellenistischen Zeit, der auf der Insel Elephantine am unteren Ende des Ersten Nilkatarakts gefunden worden ist, die Existenz einer Kolonie von Judäern in dieser fernen südlichen Gegend. Hier hatten die Pharaonen die Judäer mit ihren Angehörigen als Wachtruppe zur Bewachung der Südgrenze Ägyptens angesiedelt. Von der Heimat abgeschnitten, waren die Flüchtlinge in den Strudel des Synkretismus geraten; in einem eigenen Tempel verehrten sie eine Göttertrias, den Gott Jahu (eine andere Form des Namens Jahve), eine weibliche Gottheit und einen jugendlichen Gott. Diese Religion war der Ausdruck eines anderen Exilverhaltens: hier wurde der Glaube der Väter preisgegeben und eine Anpassung an die im neuen Lande Vorgefundenen Kulte gesucht. Schicksalswende durch Kyros
Obwohl die Ältesten der Exilgemeinschaft in der Festigung der religiösen Lebensgrundlagen ihr möglichstes taten, breitete sich unter den Verbannten immer wieder dumpfe Verzweiflung aus. Das Wissen von der Schuld der Vergangenheit, aber auch die wachsende Furcht, Jahve könnte sein Volk verworfen und vergessen haben, unterhöhlten den Glauben und das Vertrauen. Zur Quelle neuer Zuversicht wurde nun eine Vision (Ezechiel 37) des Propheten Ezechiel, in der der Geist Jahves über ein mit Totengebein bedecktes Feld wehte und die Toten zu neuem Leben erweckte: Auferweckung des gerichteten Gottesvolkes zu neuem Dasein! Zudem kündigte Ezechiel an, das vereinte Israel (einschließlich der Nordisraeliten) werde in der Heimat unter einem Nachkommen Davids leben, und Jahve werde Rache an den Heiden üben. Jeder einzelne Judäer wurde zur Umkehr und Vergebung aufgerufen. Ezechiels Zukunftsperspektive umfasste keine politischen Bilder; das in der Vision erneuerte Gottesvolk erschien ihm nur als gereinigte Kultgemeinde, die sich um den neuen Tempel scharen würde. In mehreren kultischen Visionen (Ezechiel 40 bis 48) erschien das Bild des Tempels der Endzeit als des Heilszentrums der Welt. In einer gewaltigen Proklamation wurde ein kultischer Universalismus von großer Spannweite verkündet. Hier sprach, wie Julius Wellhausen sagt, der »Konstitutor der nachexilischen Gemeinde«. Indessen bahnten sich große Veränderungen im Weltmaßstab an. Der babylonische König Nabonid, der seit 556 v. Chr. regierte, stiftete in seinem Reich Unruhe und Verwirrung; Konflikte mit der einflussreichen Marduk-Priesterschaft brachten ihn um wesentlichen Einfluss auf das staatliche Leben. Im iranischen Hochland, im Machtbereich des medischen Königs Astyages, erhob sich Mitte des 6. Jahrhunderts mit Unterstützung von medischen Adligen, die sich gegen die Tyrannei des Astyages auflehnten, der persische Fürst Kyros aus dem Haus der Achaimeniden; er stürzte das medische Königtum und machte sich selbst zum König in Ekbatana. Im Sturm griff Kyros nach dem Westen hinüber, schlug 546 den lydischen König Kroisos, der Kleinasien beherrschte, dehnte das persisch-medische Reich bis zur kleinasiatischen Küste aus und zog ins Zweistromland, wo er 539 Nabonid besiegte. Von der Marduk-Priesterschaft als Befreier begrüßt, zog Kyros in die Metropole des neubabylonischen Reiches ein. Damit war ihm auch der gesamte Provinzialbereich Babyloniens zugefallen; Syrien und Palästina kamen unter persisch-medische Herrschaft, Ägypten wurde etwas später – 525 – von Kyros Sohn Kambyses erobert. Unter den Judäern blieb diese Weltenwende nicht unbeachtet. Ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen und der »Deuterojesaja« genannt wird, weil seine Botschaft (Jesaja 40-55) in der schriftlichen Überlieferung an die Prophetie des Jesaja aus dem 8. Jahrhundert angehängt worden ist, kündigte die unmittelbar bevorstehende Erlösung an. Jahve, der Schöpfer und Herr der Welt, habe sein Volk nicht vergessen; er neige sich zu den Seinen hinab, vergebe alle Schuld und schaffe einen neuen Anfang. Dann wurde der Prophet, dessen Botschaft von Leidenschaft und Schwung getragen war, in seiner Aussage (Jesaja 45) politisch konkret. Er verkündete im Namen Jahves: So sprach ich zu meinem Gesalbten, zu Kyros,
dessen rechte Hand ich ergriffen,
so dass ich Völker vor ihm niederwarf
und die Lenden der Könige entgürtete,
auftat vor ihm die Tore,
und die Türen blieben nicht verschlossen:
Ich werde hergehen vor dir,
und die Wege werde ich ebnen
und die ehernen Türen zertrümmern
und die eisernen Riegel zerschlagen,
und will dir geben die Schätze aus dem Dunkel
und die Vorräte aus den Verstecken,
damit du erkennst, dass ich Jahve bin,
der dich rief bei deinem Namen, Israels Gott.
Um meines Knechtes Jakob willen
und Israels, meines Erwählten,
darum rief ich dich bei deinem Namen,
gab dir Ehrennamen, da du mich nicht kanntest:
ich, Jahve, und es gibt keinen sonst,
außer mir gibt es keinen Gott.
So erschien Kyros als der von Jahve erwählte »Messias«, dem die Aufgabe zufiel, dem unterdrückten Gottesvolk den Weg in die Freiheit zu öffnen. Schon früh hatte der Prophet den Triumphmarsch des Kyros erschaut und den Untergang Babylons angekündigt. Seine Vision (Jesaja 47) schilderte den Zusammenbruch der Weltstadt, den Anbruch der Schicksalswende, die Prachtstraße, die, von überirdischen Mächten erbaut, von Babylon über die syrisch-arabische Wüste nach Jerusalem führen sollte. Jahve selbst ließ an die Seinen den Ruf (Jesaja 52) ergehen: Gehet fort, gehet fort, ziehet weg von dort,
Unreines rühret nicht an!
Ziehet weg aus ihrer Mitte; seid rein,
die ihr die Geräte Jahves tragt!
Denn vor euch her zieht Jahve,
und eure Nachhut ist Israels Gott!
Kyros selbst hatte den Ruf zwar nicht aufgenommen, aber in der Behandlung unterworfener Völker schlug er zweifellos einen neuen Weg ein: er tastete das Eigenwesen der Staaten und Religionen nicht an. Das große Reich wurde in Satrapien eingeteilt und den Satrapen, die wie kleine Könige schalten und walten durften, weitgehende Selbständigkeit gegeben; auch Syrien und Palästina wurden in die Satrapienordnung eingegliedert. Von besonderer Bedeutung für die Judäer war die Behandlung der lokalen Kulte in den eroberten Gebieten. Auf dem »Kyros-Zylinder« findet sich eine Proklamation des großen Königs zu diesem Thema: »Von… bis zu den Städten Assur und Susa, Agade, Esnunak, Zamban, Metumu und Der, bis zum Stammesgebiet der Quti und zu den Städten (jenseits des) Tigris, deren Orte seit langem verödet lagen, brachte ich die Götter an ihre Wohnstätten zurück, wo sie einst geweilt hatten, und ließ sie dort ihre Wohnung nehmen für immer. All ihre Leute habe ich versammelt und ihre Heimat wiederhergestellt. Die Götter von Sumer und Akkade, die Nabonid, den Unwillen des Obersten der Götter erregend, nach Babel verschleppt hatte, ließ ich auf Befehl Marduks, des großen Herrn, in ihrem Heim zur Freude ihres Herzens eine friedliche Wohnstätte aufschlagen.« Von Kyros erklärter Toleranz profitierten auch die Judäer. Das Alte Testament (Esra 6, 3-5) zitiert den Wortlaut eines von Kyros 538 erlassenen Edikts. Darin heißt es: »Das Gotteshaus zu Jerusalem betreffend: Das Haus soll gebaut werden an der Stätte, wo man Schlachtopfer opfert und Feueropfer hinbringt; seine Höhe betrage sechzig Ellen und seine Breite sechzig Ellen. Es sollen drei Schichten von großen Quadern sein und eine Schicht von Holz; und die Kosten sollen aus der königlichen Kasse bezahlt werden. Auch sollen die goldenen und silbernen Geräte des Gotteshauses, die Nebukadnezar aus dem Tempel von Jerusalem weggenommen und nach Babel gebracht hat, zurückgegeben werden…« So begeistert die Exilgemeinschaft über den befohlenen Neubau des Tempels sein mochte, weder von einer Rückführung der Verbannten noch von einer Erneuerung des Staatswesens in Juda und Jerusalem war im Edikt die Rede. Trotz allen Hoffnungen, die das Edikt erweckt hatte, war die Lage in den folgenden Jahren noch recht wenig ermutigend. An eine großzügige Repatriierung war nicht zu denken; nur einzelne Gruppen konnten schubweise nach Palästina zurückkehren, und die verworrenen Verhältnisse, die in Juda und Jerusalem auf sie warteten, warfen schwere Schatten auf ihren Weg. In Ausführung des Edikts beschränkte sich Kyros auf eine einzige Maßnahme: mit dem Titel »Statthalter« entsandte er nach Jerusalem einen Mann namens Scheschbassar, wahrscheinlich einen deportierten Judäer, und beauftragte ihn, die Tempelgeräte zurückzubringen und den Neubau des Tempels in die Wege zu leiten. Angaben über die konkreten Aufgaben und Vollmachten des »Statthalters« haben sich nicht erhalten; vielleicht war er im Amtsbereich der zuständigen Satrapie dem Statthalter in Samaria als Kommissar für das Gebiet Judas und Jerusalems verantwortlich. Vollmachten für selbständiges Vorgehen hatte er jedenfalls nicht. Die Wiedererrichtung des Tempels blieb in den Anfängen der Planung stecken. Während die wirtschaftliche Lage im Lande im Gefolge schlechter Ernten miserabel war, waren die reichen Familien, die sich sogar prunkvolle Bauten leisten konnten, in ihren eigenen Geschäften befangen. Es gab keine etablierte Autorität, die ein großes Bauvorhaben in der ungeordneten allgemeinen Situation hätte zu einem guten Ende führen können. Störend machte sich der bürokratische Instanzenweg der Satrapie und der ihr unterstellten Ämter bemerkbar. Die großen Hoffnungen verflogen, bald hatten die Menschen wieder resigniert. Erst als das persische Großreich 520 durch Thronwirren aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, regte sich neue Initiative in Jerusalem: zwei Propheten, Haggai und Sacharja, gaben einen neuen Anstoß zum Tempelneubau. Beide nahmen die Themen der Heilsbotschaft Ezechiels und Deuterojesajas auf: der Tempel, das Zentrum der Heilszeit, müsse eilig gebaut werden, dann werde auch die universale Herrschaft Jahves in Kürze anbrechen; die weltgeschichtlichen Erschütterungen seien die Wehen, unter denen die Heilszeit komme. Haggais Botschaft (Haggai 2,6 ff.) verhieß baldige Umwälzungen: »Noch eine kleine Zeit währt es, dann erschüttere ich den Himmel und die Erde, das Meer und das Trockene; ich bringe alle Völker in Erregung, und die Kostbarkeiten aller Völker kommen her, und ich erfülle dies Haus mit Herrlichkeit, spricht Jahve der Heerscharen… Die zukünftige Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die frühere, spricht Jahve der Heerscharen, und an dieser Stätte werde ich Frieden geben…« Einem neuen »Statthalter«, Serubabel, einem Mann aus dem Geschlecht Davids, fiel in diesem bewegten Jahr 520 in der Sicht der Propheten Haggai und Sacharja eine besondere Rolle zu. Ihm wurden mit allem Glanz der alten Tradition die hohen Prädikate des Messias, des Heilskönigs der Endzeit, beigelegt. Ihm wiesen die Propheten die Funktion des Tempelherrn zu, der wie zu Zeiten Salomos Heiligtum und Königtum in sich vereinigen sollte. Die traditionellen Vorstellungen wurden aber mit der Idee des endzeitlichen Geschehens verschmolzen: Serubabel wurde zum Messias des neuen Kultus, und neben ihm stand der Hohepriester Josua, das Oberhaupt der Jerusalemer Religionsgemeinschaft. Der zündende Aufruf Haggais und Sacharjas trug seine Früchte: in den folgenden Jahren wurde der Tempel tatsächlich erbaut. Doch bald verflüchtigte sich die Erwartung des kommenden Endes der Zeit, und der gefeierte »Messias« trat ins Dunkel zurück. Im Wirkungsbereich der persischen Satrapie hatte Jerusalem keine politische Bedeutung: es hatte nur das Privileg der Kultausübung wiedererlangt. Das Heiligtum wurde zum Mittelpunkt für alle, die sich zu den Zwölf Stämmen Israels zählten. Zwar konnte die alte Stämmeordnung nicht mehr die straffe Form der Frühzeit zurückgewinnen, aber im Bewusstsein der einzelnen Sippen war sie noch durchaus lebendig; in gewissem Sinne war der sakrale Zwölfstämmeverband wiedererweckt worden. Die Gemeinschaftsordnung hatte jetzt wieder sakralen Charakter; in weiten Teilen des Perserreichs führte Israel sein religiöses Eigenleben. Da es jedoch keine politische Eigenordnung hatte, war das Oberhaupt der Gemeinschaft nunmehr der Hohepriester, dem die Würdezeichen und Tempelvollmachten des Königs zufielen. Das priesterliche Element trat in den Vordergrund. Nach den epochalen Botschaften Deuterojesajas, Haggais und Sacharjas kamen in das religiöse Leben Ernüchterung und Normalisierung. Allerdings erschwerten diesen Neuanfang spannungsreiche Konflikte im Grenzbereich von Religion und Politik. Es fehlte eine eindeutige Abgrenzung der Kompetenzen des Statthalters in Samaria, und mehr und mehr wurde der Schutz der Kultstadt Jerusalem zu einem spannungsreichen Problem. In den Wirren erwachte die Erinnerung an die leuchtenden Heilserwartungen der Propheten, aber an der Klage (Jesaja 59, 9 ff.) entzündete sich kein gestaltender Wille: Es bleibt fern von uns das Recht,
und die Gerechtigkeit erreicht uns nicht.
Wir harren auf das Licht, aber finster bleibt es,
auf die Morgenstrahlen, aber im Dunkeln wandern wir.
Wir tasten wie Blinde an der Wand,
und wie ohne Augen so tappen wir.
Wir straucheln am Mittag wie im Zwielicht
und sitzen im Finstern wie die Toten.
Wir brummen allesamt wie die Bären,
und wie die Tauben girren wir sehnsuchtsvoll.
Wir harren auf das Recht, doch es kommt nicht,
auf das Heil, aber es bleibt uns fern…
Prophetenworte aus der Zeit nach der Vollendung des Tempelbaues, die im Alten Testament unter dem Namen Maleachi zusammengestellt sind, sprechen von den Schwierigkeiten und Spannungen der Zeit. In allen Lebensbereichen machte sich Korruption bemerkbar. Priester vergingen sich bei Opferhandlungen; Abgaben an das Heiligtum wurden lässig und unredlich abgeliefert; man löste bedenkenlos Ehen auf und heiratete Frauen aus fremden Glaubensgemeinschaften; der Sabbat wurde nicht eingehalten; im Leben der Menschen büßten Gottesdienst und Gottesfurcht ihren bestimmenden Einfluss ein. Bald versanken die Ansätze zur Neuordnung des Lebens in Verfall und Regellosigkeit. Nehemias Auftrag
Von den Judäern, die im Exil verblieben waren, wurden die wirren Zustände in Jerusalem mit wachsender Sorge wahrgenommen. In der Fremde hatten sie dem Heidentum kompromisslos widerstanden und einen Weg zur Verwirklichung ihres Glaubens gesucht und gefunden. Jetzt fühlten sie sich für die heimatliche Gemeinde verantwortlich, deren Heiligkeit durch die innere Zersetzung und das erneute Eindringen heidnischer Elemente gefährdet schien. Vor allem wirkten die Meldungen über das gespannte Verhältnis zu den Nachbarn beunruhigend. Der Statthalter in Samaria verhinderte mit allen Mitteln das selbständige Eigenleben Jerusalems, und verantwortungsbewusste Männer in Jerusalem wussten sich nicht mehr zu helfen. Abhilfe war nur noch durch direkten Appell an den persischen König denkbar. Von den ersten Interventionsversuchen am Hofe berichten die alttestamentlichen Memoiren des Nehemia. Der Exiljudäer Nehemia war Mundschenk bei Artaxerxes Longimanus und hatte dank seinem Hofamt die Gelegenheit, an den Großkönig mit einer Petition heranzutreten. Unter dem Eindruck deprimierender Nachrichten aus Jerusalem bat er den Monarchen 445 um Urlaub und um die Ermächtigung, in der Heimat nach dem Rechten zu sehen; namentlich erbat er die Genehmigung zur Errichtung einer Schutzmauer um Jerusalem. Artaxerxes ging über Nehemias Vorschlag noch hinaus: er erteilte ihm nicht nur den erbetenen Auftrag mit entsprechender Ermächtigungsurkunde, sondern betraute ihn auch mit der Schaffung einer von Samaria unabhängigen Provinz Juda, die in der Satrapie des Transeuphratgebietes fortan eine gewisse Selbständigkeit haben sollte. Zu dieser großen Gunst dürften den König politische Überlegungen bewogen haben. Der persische Hof war in hohem Maße daran interessiert, im Süden Palästinas stabile Lebensverhältnisse zu schaffen. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts war in der Transeuphrat-Satrapie vom Satrapen Megabyzos eine Abfallbewegung organisiert worden, und jetzt musste im Gesamtbereich der Satrapie mit allen Mitteln für Ruhe und Ordnung gesorgt werden. Hinzu kam, dass die wichtigen Verkehrsverbindungen nach Ägypten über Juda führten. Eine stabilisierende Neuordnung musste dem persischen König mehr als willkommen sein. Bei der Erfüllung seines Auftrags musste Nehemia sehr vorsichtig ans Werk gehen. Er kam insgeheim in Jerusalem an und umritt die Stadt, um die gefährdeten Ortsverhältnisse zu erkunden. Die Stadt war jedem Zugriff offen und auch nicht imstande, das Eindringen von Fremden zu überwachen. Die Aufgabe war unverkennbar. Nehemia war vom König ermächtigt worden, Bauholz für die Anfertigung der Tore zu beschaffen. Dann begannen Besprechungen mit Vertretern der Einwohner, die für die schwere Arbeit gewonnen werden mussten. Die Einwohner wurden in Gruppen eingeteilt und einzelnen Bauabschnitten zugewiesen. Die zunächst improvisiert vorgenommene Arbeit fand in den Nachbarprovinzen viele Spötter, aber auch ernste Gegner. Der Statthalter Sanballat aus Samaria mischte sich ein und versuchte mit Unterstützung seines ostjordanischen Kollegen, die Aufbauarbeit zu unterbinden. Intrigen und offene Angriffe erschwerten die Arbeit, feindselige Nachbarn planten sogar einen Überfall auf Jerusalem. Rechtzeitig unterrichtet, stellte Nehemia eine Bereitschaftstruppe zusammen, die einem etwaigen Angriff mit den Waffen in der Hand begegnen sollte. Auch das verzögerte den Mauerbau. Da die Arbeit dennoch Fortschritte machte, begannen Anschläge auf Nehemia, die nicht zum Ziel führten. Schließlich wurden Gerüchte in Umlauf gesetzt: Nehemia wolle sich gegen die persische Herrschaft erheben und sich als Regent von Juda selbständig machen. Auch das blieb wirkungslos, und nach »zweiundfünfzigtägiger Arbeit« wurde die Mauer eingeweiht. Nun wurde ein regelmäßiger Wachdienst organisiert, der den Verkehr zu überwachen und für den Schutz der Stadt zu sorgen hatte. Als das Mauerwerk fertig war, zeigte sich, dass das Stadtgelände innerhalb der Mauern noch genug Raum für die zusätzliche Ansiedlung von Menschen bot. Auf Anordnung Nehemias musste ein Teil der Landbevölkerung in die Stadt ziehen. Zur Zeit Nehemias war Jerusalem über den Umfang der Davidsstadt mit Salomos Akropolisgelände noch nicht hinausgewachsen; erst in der hellenistischen Zeit sollte es über die traditionellen Grenzen hinausstreben. Mit dem Mauerbau war Nehemias Werk freilich noch nicht abgeschlossen. Besonders verworren waren die sozialen Verhältnisse. Die Kluft zwischen arm und reich war in der Zeit der babylonischen Provinzialherrschaft, weil eine ordnende Gewalt fehlte, immer tiefer geworden. Besitzveränderungen nach dem Fall Jerusalems 587 und nach der ersten Deportation hatten die Eigentumsverhältnisse durcheinandergebracht, und die Forderungen der aus dem Exil Heimkehrenden machten das Problem der Regelung der Eigentumsansprüche und des Besitzausgleichs erst recht akut. Im Ganzen war die Bevölkerung Judas und Jerusalems schwer verarmt; sie war so arm, dass Nehemia auf die Steuern, die ihm zugesichert waren, verzichten musste. Aber wenige Reiche hatten große Vermögen zusammengescharrt; viele Notleidende hatten ihnen Äcker und Weinberge, ja sogar ihre Kinder verpfänden müssen. Mit einer radikalen Schuldenstreichung beseitigte Nehemia zunächst die schlimmsten Auswüchse der sozialen Ungleichheit. Auch weiterhin blieben indes erhebliche Schwierigkeiten bestehen, denen der als Sonderbeauftragter amtierende Mundschenk des Königs nur Schritt für Schritt mit Strenge und Klugheit beikommen konnte. Seiner Autorität verdankte Jerusalem eine allmähliche Normalisierung im wirtschaftlichen und sozialen Alltag. In den religiösen Bereich griff Nehemia nicht ein; als seine Aufgabe betrachtete er nur die Wiederherstellung geordneter politischer und gesellschaftlicher Zustände. Welchen Umfang die von Nehemia organisierte Provinz Juda hatte, ist kaum genau zu ermitteln, zumal auch über die umliegenden Provinzen der Transeuphrat-Satrapie sehr wenig bekannt ist. Bei der Herauslösung der Provinz Juda aus dem Amtsbereich des Statthalters von Samaria wurden einige »Bezirke« benannt, die wohl noch in der babylonischen Zeit gebildet worden waren. Aus solchen Angaben lässt sich schließen, dass die neue Provinz Juda ein ziemlich schmaler Streifen war, der im Süden zwischen Hebron und Beth-Zur und im Norden im Gebiet von Mizpa endete. Interessant ist, dass die Provinz auch das Gebiet um Jericho umschloss, das ursprünglich zu Nordisrael gehört hatte. Wahrscheinlich hatte Josia bei der Angliederung nordisraelitischer Gebietsteile auch Jericho annektiert, so dass diese Eroberung auch noch in den Tagen Nehemias fortwirken konnte. Dagegen war das Bergland westlich des Toten Meeres einschließlich der südjudäischen Bezirke offenbar im festen Besitz der aus ihrem Stammgebiet verdrängten Edomiter. Im Jahre 433 erachtete Nehemia seine Mission für beendet und kehrte an den persischen Hof nach Susa zurück. Er hatte in zwölf Jahren ein großes Werk vollbracht und fürs künftige Leben der nachexilischen Gemeinschaft entscheidende organisatorische und politisch-soziale Voraussetzungen geschaffen. Später musste allerdings der tatkräftige Organisator noch einmal nach Jerusalem reisen, um den Kompetenzüberschreitungen eines Hohenpriesters, der sich zu weit vorgewagt hatte, entgegenzutreten. Bei dieser Gelegenheit musste er sich auch mit dem brennenden Problem der Mischehen befassen: er ließ die Judäer schwören, Ehen ihrer Kinder mit der heidnischen Nachbarbevölkerung zu verhindern. Einen weiteren Eingriff des Reorganisators erforderte die häufige Missachtung des Sabbatgebots, vielen Judäern war es noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie am Sabbat keinem Erwerb nachgehen sollten. Nehemia bestand energisch auf der Heiligung des Sabbats. Schließlich musste er das Abgabewesen neu regeln und für eine gerechte Verteilung der Steuerlast und für redliche Ablieferung der Naturalleistungen Sorge tragen. Das »Gesetz des Himmelsgottes«
Nehemia hatte für sich keinen anderen Auftrag beansprucht, als die äußeren Lebens Verhältnisse im Lande Juda zu ordnen. So eindeutig feststeht, dass er das Religiöse nicht als seine Domäne betrachtete, sowenig kann ihm entgangen sein, dass auch der kultisch-religiöse Bereich einer gründlichen Reorganisation bedurfte. Die Tätigkeit Esras in Palästina wird etwa um die Zeit der zweiten Reise Nehemias begonnen haben, und so darf man vermuten, dass der Auftrag Esras in gewissem Sinne eine Fortführung der Mission Nehemias darstellte und vielleicht sogar auf seine Initiative zurückging. In den Büchern Esra und Nehemia sind zwei Traditionsströme so eng ineinander verwoben, dass man beim Auseinanderhalten der Komponenten auf Hypothesen angewiesen ist. Und da das einzige authentische Material die Amtsanweisung (Esra 7, 12-26) ist, mit der Esra nach Jerusalem entsandt wurde, kann man nur mutmaßen, dass die Idee der Entsendung eines Emissärs zur Neuordnung des religiösen Lebens aus der Reorganisationstätigkeit Nehemias erwachsen und von ihm der Exilgemeinschaft nahegebracht und bei den persischen Behörden befürwortet worden war. Im kultisch-religiösen Bereich konnte das Werk der Sanierung und Reorganisation nur von einem Priester vollbracht werden, der die Autorisation und die Berufung hatte, in die kultische Sphäre einzugreifen. Esra war ein Priester. Mehr noch: er stand als Priester in hohem Ansehen bei der Exilgemeinschaft in Mesopotamien, und die Exilgemeinschaft wiederum fühlte sich verantwortlich für die Verhältnisse in Jerusalem und verfolgte mit tiefer Sorge das Auseinanderfallen der heiligen Gemeinde und die Lockerung der sakralen Ordnungen. Hatte Nehemia den äußeren Rahmen der Lebensordnung und damit auch der Kultsphäre stabilisiert, so musste nun auch im Innersten um Erneuerung gerungen werden. Auf Betreiben der Exilgemeinschaft und wahrscheinlich nicht ohne Fürsprache Nehemias wurde Esra in amtlicher Mission als »Schreiber des Gesetzes des Himmelsgottes« nach Jerusalem abgeordnet. »Schreiber« war in diesem Fall keineswegs eine Umschreibung für »Schriftgelehrter«, sondern – in der reichsaramäischen Amtssprache des Perserreichs -eine offizielle Amtsbezeichnung, und der schwerfällige Titel besagte, dass Esra zum »Kommissar in Angelegenheiten des Gesetzes des Himmelsgottes« bestellt worden war. Seine erste Amtshandlung war die Zusammenstellung einer neuen Gruppe von Rückwanderern, deren Repatriierung er von höchster Stelle genehmigen ließ; als zweites organisierte er eine Sammlung von Sachspenden für die arme Gemeinde in Jerusalem. Und in Jerusalem ging er daran, das ihm anvertraute »Gesetz des Himmelsgottes« zur bindenden und verpflichtenden Norm der Kultgemeinde zu erheben. Dass dieses »Gesetz« Ordnungen enthielt, die das kultische Leben in Jerusalem normieren sollten, ist kaum zu bezweifeln. Die Annahme liegt nahe, dass dieses von den Exilierten zusammengestellte »Gesetzeswerk« nichts anderes war als ein großer Komplex der für die Lebensverhältnisse in Jerusalem aktualisierten Tradition. Es gibt keinen Streit darüber, dass das von Esra überbrachte Dokument ein Bestandteil der uns heute vorliegenden Fünf Bücher Mose gewesen ist. Umstritten ist die Frage, welches »Gesetz« sich hinter Esras »Gesetz des Himmelsgottes« verbirgt, welche der »Quellenschriften« der Fünf Bücher Mose mit ihm identisch ist. Der früheste, in der davidisch-salomonischen Zeit unternommene Versuch der Sammlung älterer Erzählungs- und Gesetzestraditionen hat, wie schon erwähnt, seinen Niederschlag im Geschichtswerk des Jahvisten gefunden. Als das jüngste Erzählungs- und Gesetzeswerk des Pentateuch erscheint eine Sammlung und Bearbeitung von Überlieferungen, die wahrscheinlich im babylonischen Exil entstanden ist und die in der Forschung die »Priesterschrift« genannt wird; damit ist schon gesagt, dass es sich um priesterliche Traditionen handelt, die im Hinblick auf die kultischen Verhältnisse der nachexilischen Gemeinde aktualisiert und mit verbindlichen Akzenten versehen wurden. Eben mit dieser jüngsten Schicht der Textelemente des Pentateuchs muss nach der in der Forschung überwiegenden Meinung Esras »Gesetz« gleichgesetzt werden. Treffend hat Julius Wellhausen betont, dass die »Priesterschrift« ausschließlich dem Kultus gilt und kein Volk Israel mehr kennt, sondern nur noch die religiöse Gemeinschaft der Stiftshütte, des Tempels, dass diese Gemeinschaft ein Geistlicher Begriff und die Zugehörigkeit zu ihr nicht Abstammungs-, sondern Glaubenssache ist. Das alles trifft gerade auf die Lebensbedingungen der nachexilischen Gemeinde zu! Gewiss ließe sich einwenden, dass die als »Priesterschrift« erkannten Textelemente in ihrer Form kein Gesetzeswerk, sondern überwiegend ein erzählendes Werk bilden. Aber auch in ihren Erzählungen ist die »Priesterschrift« in der Tat stets an den Setzungen und Ordnungen interessiert, die für das kultische Leben eine normative Bedeutung haben. Überdies ist es wahrscheinlich, dass auch die im Buch Leviticus enthaltenen wichtigen Sakralgesetze (Leviticus 1-7; 11-15; 17-26) zu den von Esra übermittelten »Gesetzesbestimmungen« zu zählen sind. Schließlich ist nicht zu übersehen, dass die Bezeichnung des Gottes Israels als El Schaddaj – »Himmelsgott« – gerade für die »Priesterschrift« charakteristisch ist und in ihr einen spezifischen Sinn hat, den die persische Amtssprache sicher nicht widerspiegeln konnte, der aber eine direkte Beziehung zu Esras historischer Wirksamkeit hatte. Die Annahme, dass das »Gesetz des Himmelsgottes« mit der jüngsten der Quellenschriften des Pentateuchs identisch sei, scheint somit hinreichend erhärtet. Das mitgebrachte Dokument verlas Esra bei der Feier des Laubhüttenfestes in Jerusalem vor der versammelten Gemeinde. Die Verlesung wurde an den folgenden Tagen der Festwoche fortgesetzt und fand ihren Höhepunkt in einem Schuldbekenntnis und einem Treuegelübde der Versammelten. Der feierliche Akt der Bundeserneuerung, der zuletzt zur Zeit Josias stattgefunden hatte, bedeutete jetzt die bindende Neukonstituierung der Jahve-Gemeinde, die fortan zu gehorsamer Befolgung der Gesetze verpflichtet war. Das religiöse Leben erhielt in der aktualisierten Neufassung der ältesten priesterlichen Traditionen ein neues Fundament. Im Vordergrund standen diesmal die Überlieferungen der hohen Tempelpriesterschaft aus dem Geschlecht Sadoks, hinter denen die levitischen Traditionen, die sich unter Josia durchgesetzt hatten, zurücktraten. Das entsprach übrigens auch der Rangordnung der nachexilischen Priesterschaft. In Jerusalem leiteten die Sadokiden (oder Aaroniden) die Kultgemeinde. Die Leviten fungierten nur noch als clerus minor. Dem schwankenden und unsicheren Verhalten der Jerusalemer Kultgemeinde war nunmehr ein klarer Weg gewiesen. Künftighin sollte das Gesetz absolut gelten und seine peinlich genaue Erfüllung die Pflicht jedes Angehörigen der Gemeinschaft sein. Beginnt hier das Judentum als »Gesetzesreligion«? Mit Esra begann ohne Zweifel die eindringliche Beschäftigung mit dem Gesetz, sowohl was seine exakte Befolgung als auch was seine schriftkundige Erforschung und Deutung anging. Aber noch waren daneben auch andere religiöse Momente wirksam, namentlich die Bindung des Kultus an die traditionelle Stätte, in der die Erinnerung an die selbständige staatliche Existenz des erwählten Volkes noch ein kräftiges symbolisches Leben führte; auch der Akt der Bundesverpflichtung deutete darauf hin, dass die nachexilische Gemeinde im eigenen Bewusstsein noch nicht aufgehört hatte, das Bundesvolk Israel zu sein. Das Werk des Esra war anderseits aber auch keine Angelegenheit der Provinz Juda, keine Teilrestauration auf dem Boden und im Rahmen des Staatsgefüges des Perserreiches. Der religiöse Zusammenhalt hatte über die Grenzen der politischen Gebilde hinausgegriffen: für alle, die sich das Bewusstsein der Zugehörigkeit zum alten Zwölfstämmeverband Israel bewahrt hatten, war Jerusalem das religiöse Zentrum; auch aus den Nachbarprovinzen Ammon und Asdod pilgerten glaubenstreue Menschen zum ehrwürdigen Heiligtum, und für die in Ägypten und Mesopotamien zerstreuten Israeliten war Jerusalem nicht nur symbolischer Mittelpunkt. Ernste Probleme der Isolierung oder Trennung häuften sich nur in der Provinz Samaria, die mehr und mehr einem kultischen Eigenleben zustrebte, und in den fernen Bereichen, die dem Synkretismus verfielen. Erneut wurde mit der Einführung des Gesetzes das Problem der Mischehen akut. Esra ging in der Bekämpfung der Mischehen viel weiter als Nehemia und scheute nicht einen heftigen Kampf mit den Israeliten, ja auch mit den in Jerusalem amtierenden Priestern und Amtsträgem. Er forderte von allen Israeliten sofortige Scheidung von heidnischen Ehepartnern und das Gelübde, in Zukunft keine Mischehen einzugehen. Der alttestamentliche Text (Esra 10,10 ff.) berichtet: »Esra, der Priester, stand auf und sprach zu ihnen: Ihr habt euch versündigt; ihr habt fremde Frauen heimgeführt und damit die Schuld Israels noch größer gemacht. So legt nun vor Jahve, dem Gott eurer Väter, ein Bekenntnis ab und tut, was ihm wohlgefällig ist: scheidet euch von den Heiden im Lande und von den fremden Frauen!« Und die »ganze Gemeinde« habe darauf geantwortet: »Ja, es ist unsere Pflicht, zu tun, wie du gesagt hast…« Mit dieser Verpflichtung wurde der Grund gelegt für die unverbrüchliche Tradition der strengen Abschließung der Familien von allen Heiden. Das Motiv war nicht etwa »Reinerhaltung des Blutes«, sondern Abwehr der für die Heiligkeit der Gemeinde gefährlichen religiösen Fremdeinflüsse. Nur spärlich fließen die Quellen, die das Leben der Kultgemeinde in Jerusalem nach Esras reformatorischem Eingriff betreffen. Im Vordergrund des religiösen Lebens standen die alten Jahresfeste, dazu der Sabbat und die Beschneidung. In den Herbstfestzyklus wurde in der Zeit nach dem Exil eine bedeutsame neue Feier aufgenommen: der große Versöhnungstag. Dies Fest, das in anderer Form wohl schon in den ältesten Zeiten gefeiert wurde, erhielt seinen besonderen Charakter unter dem Einfluss der priesterlichen Gesetzgebung; seinen Ablauf bestimmte ein Ritual der Entsühnung der Gemeinde und des Heiligtums. Auch hier ging es um Wahrung der Heiligkeit: immer von neuem sollten alle unreinen und sündhaften Elemente in dem großen Sühneakt ausgeschieden werden. Mit aller Strenge wurde das Denken und Handeln der Kultgemeinde auf den Gesetzesgehorsam und die Heiligkeit ausgerichtet; in diesem Zeichen sollte sich fortan das Leben der von Esra reformierten nachexilischen Gemeinde vollziehen. Wahrscheinlich setzten mit dem Reformwerk die ersten Bemühungen um die Kanonisierung der überkommenen heiligen Schriften ein: einmal Sammlung und Kompilation der ältesten Erzählungs- und Gesetzesstoffe, zum andern Zusammenstellung der prophetischen Überlieferungen. Eine Fülle schriftlicher Traditionen musste gesichtet, geordnet und zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt werden. Sicher hatten solche Bestrebungen mit der Umkehr zu den überlieferten schriftlichen Traditionen schon zur Zeit des Exils angefangen; nun gab aber Esras verpflichtendes Gesetz den Anlass, alle religiösen Schriftgrundlagen, aus denen Glaube und Gehorsam der Gemeinde leben mussten, zusammenzutragen. Das die Kultgemeinde tragende und bestimmende Schrifttum musste in Inhalt und Grenzen fixiert, zu einem Kanon gefügt werden.