Die Hellenistische Eroberung und religiöse Spaltung Israels

Aus dem letzten Jahrhundert der Perserherrschaft verraten die Quellen so gut wie gar nichts über die Kultgemeinde in Jerusalem und Juda, und die Darstellung muss notgedrungen ohne Übergang in eine neue Ära hineinspringen. Der Makedonierkönig Alexander drang 333 v. Chr. ins Perserreich ein und schlug Dareios III. bei Issos. Alexanders Vormarsch ins syrisch-palästinische Gebiet wurde von schweren Kämpfen verzögert. Die phönikische Inselstadt Tyros konnte erst erobert werden, nachdem ein eigens aufgeschütteter Damm durch das Meer geschaffen worden war. Alexander umging weitere Hindernisse, zog weiter und überließ die Eroberung syrisch-palästinischer Städte und Bezirke seinem Feldherrn Parmenio. In Samaria gab es neue Schwierigkeiten: der Statthalter widerstand sogar der Belagerung und ergab sich erst, als jedes weitere Ringen aussichtslos geworden war. Dagegen scheint die Provinz Juda mit der Hauptstadt Jerusalem ohne Kampf kapituliert zu haben. Der Übergang aus der persischen unter die griechische Oberhoheit brachte keine tiefgreifenden Erschütterungen; das umstürzende Ereignis fand im Alten Testament keinen wesentlichen Niederschlag. Mit der Schlacht bei Gaugamela (321) war das Schicksal des Perserreiches besiegelt und ein griechisch-orientalisches Großreich im Entstehen. Der plötzliche Tod Alexanders verschob die Situation. Plötzlich waren Syrien und Palästina im Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Diadochen. Ptolemaios, dessen Kernland Ägypten war, besetzte 312 das südliche Palästina und den westsyrischen Küstensaum, die er als König von Alexandreia, »Alexanderstadt«, aus regierte. Nord- und Mittelsyrien dagegen fielen an Seleukos, dessen Nachkommen von der neugegründeten Metropole Antiocheia aus auch das Zweistromland beherrschten. Wie es der Jerusalemer Kultgemeinde unter den Ptolemäern erging, ist nicht überliefert: wahrscheinlich mischten sie sich ins Innere Leben der Gemeinde wenig ein. Kritisch wurde die Lage, als der Seleukide Antiochos III. (223-187) Ansprüche auf Phönikien und Palästina erhob; er eroberte das Gebiet, verlor es wieder, musste es noch einmal erobern. Das von Schlachten umbrandete Jerusalem verhehlte nicht seine Zuneigung zu den Seleukiden und wurde mit fühlbaren Zugeständnissen belohnt: aus dem Besitz des Königs erhielt die Kultgemeinde Opfermaterialien und sonstige Zuwendungen; dem Kultpersonal, den Ältesten und den bei dieser Gelegenheit erstmalig genannten Schriftgelehrten räumte Antiochos Steuerfreiheit ein. Bald warf indes der Einbruch der Römer in den orientalischen Raum einen düsteren Schatten auf die günstige Entwicklung. Bei Magnesia fügte das römische Heer Antiochos III. eine empfindliche Niederlage zu, die in einem drückenden Friedensvertrag besiegelt wurde. Mit dem Jahr 190 v. Chr. begann ein rapider Niedergang des seleukidischen Staates. Im ersten Jahrhundert der hellenistischen Herrschaft über Syrien und Palästina machte die Kultgemeinde Israels eine folgenreiche Spaltung durch: in der Provinz Samaria entstand ein selbständiger Kult auf dem Berge Garizim bei Sichern. Schon vor dem Auftreten Nehemias hatten die Statthalter von Samaria eine Stärkung Jerusalems zu verhindern gesucht. Misstrauen und Neid hatten sich mit der Herauslösung Judas aus dem Provinzialverband Samarias und dem Beginn einer Neuordnung in Jerusalem erst recht verstärkt. Der religiöse Anspruch, der nach den Reformen Esras dank dem wachsenden Prestige der Jerusalemer Kultgemeinde von Juda ausging, unterhöhlte die begrenzten politischen Machtbefugnisse der Statthalter von Samaria. Wahrscheinlich kamen den Männern von Samaria bei dem Versuch, ein ihnen unter der Perserherrschaft vorenthaltenes kultisches Privileg zu erlangen, die weltpolitischen Machtverschiebungen zugute; vermutlich wurde ihnen das Recht der Kultausübung auf dem Garizim von den Ptolemäern oder von den Seleukiden zugestanden. In den Apokryphen wird das Schisma als bereits vollzogen zum erstenmal im Makkabäerbuch erwähnt; aus dem Neuen Testament (Johannes 4,20) ist der Zweifel der samaritischen Frau bekannt, die am Fuße des Garizim Jesus vorhielt: »Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man anbeten muss…« Kulttraditionen sind zählebig; durch Krisen und Strukturveränderungen hindurch bewahren sie ihre angestammten Intentionen, können auch alte Ansprüche bisweilen noch nach Hunderten von Jahren durchsetzen. Das Heiligtum auf dem Garizim hatte in der Geschichte Israels schon in sehr früher Zeit eine große Rolle gespielt: in Sichern kamen die Zwölf Stämme zusammen, und auf den Bergen Ebal und Garizim begingen sie gemeinsam das Zeremoniell der Übermittlung des Gottesrechtes und der Bundesschließung. Später traten an die Stelle Sichems nacheinander Gilgal, Bethel und Silo, und erst unter David wurde Jerusalem zum Zentralheiligtum Israels. Der Nord-Süd-Gegensatz aber blieb. Die Bestrebungen zur Gründung eines von Jerusalem unabhängigen Nordreiches nach dem Tode Salomos gingen bezeichnenderweise von Sichern aus. Die Berge Ebal und Garizim waren seit den ältesten Zeiten der sakrale Mittelpunkt der nördlichen Stämmegruppe. Durch alle Umstürze, Kriege und Verluste hindurch blieb Sichem das angestammte ehrwürdige Jahve-Heiligtum. Wie vieles dafür spricht, dass die levitische Priesterschaft Sichems nach dem Ende des Nordreichs in Juda Zuflucht und Einlass gesucht hat, so gibt es auch viele Gründe für die Vermutung, dass levitische Priester aus Sichem nach dem Untergang Jerusalems das traditionelle Kultrecht an der heiligen Stätte Nordisraels auszuüben suchten. Wahrscheinlich waren unter den nach Babylonien Deportierten nicht wenige Leviten, die unter Josia in Jerusalem zu Ansehen und Würde gelangt waren, und es ist möglich, dass ihre Nachkommen bei der Repatriierung oder danach Sichem als Wirkungsstätte vorzogen. In Jerusalem war die hierarchische Führung in der Zeit nach dem Exil auf die Sadokiden übergegangen, und außerdem war es zur unumstößlichen geschichtlichen Erfahrung geworden, dass der in Jerusalem im Kraftfeld des Königtums ausgeübte Kultus von den Lebensgrundlagen des Zwölfstämmeverbandes Israels abgegangen war und darum schwere Gerichte hatte erleiden müssen. Das samaritische Schisma sah seine eigentliche Legitimation darin, dass es die von der politischen Königsgeschichte unberührte, wahre Jahve-Tradition hütete: der Kult auf dem Garizim wollte zu den eigentlichen Ursprüngen Israels zurückführen. Jerusalem erschien den Samaritern als ein unter königlichem Einfluss aufgebautes Sekundärheiligtum, und in der Restauration nach dem Exil mussten sie dementsprechend den verfehlten Versuch sehen, einer offensichtlich abwegigen Entwicklung wieder zu Rang und Würde zu verhelfen. Im Grunde entsprang die Erhebung Sichems zum Heiligtum einem puristischen Ideal. Das zeigte sich deutlich auch an dem von der samaritischen Gemeinde anerkannten Kanon heiliger Schriften: nur die Fünf Bücher Mose galten ihr als Autorität, während alles, was zur Zeit der Könige geschehen war, als vom Verfall gezeichnet angesehen wurde. Für die Jerusalemer Kultgemeinde lag in dieser puristischen Anschauung eine unerhörte Herausforderung, und in den Jahren der Auseinandersetzung mit dem Schisma entstanden in Jerusalem als Rechtfertigungsdokument die Bücher der Chronik, ein Geschichtswerk, das mit besonderem Nachdruck die Legitimation des von David begründeten Kultus und die Bedeutsamkeit der Jerusalemer Königsgeschichte hervorhob. Auch auf die Bildung des Kanons wirkten sich die Auseinandersetzungen spürbar aus: wo der samaritische Kult eine scharfe Grenze zog, machte Jerusalem schriftliche Traditionen, die für die Geschichte Israels im Sinne der Königstradition wegweisend waren, zu heiligen Schriften. Und natürlich galt die Kultausübung auf dem Garizim als illegitim und glaubensfeindlich, so dass sich die Gegensätze mehr und mehr verhärteten. Entwicklung und Lebensordnung des samaritischen Kults sind durch keinerlei verlässliche Quellen aufzuhellen. Erstaunlich ist immerhin die Tatsache, dass noch heute eine Gruppe der Samariter in Sichem existiert und alljährlich auf dem Garizim ein großes Passahfest in aller Öffentlichkeit feiert. Hellenisierung: Anpassung und Widerstand
Seit Esra lebte die Kultgemeinde zu Jerusalem unter den strengen Forderungen und Verpflichtungen des Gesetzes. Das Leben in der Furcht Gottes wurde zur eigentlichen Aufgabe der Existenzverwirklichung. Man bekäme jedoch ein falsches Bild von der »jüdischen Frömmigkeit«, wollte man sie ausschließlich im Blickwinkel der rigorosen Härte des Gesetzesgehorsams sehen. Die Gebote wurden als die gnädige Willenskundgebung Gottes aufgenommen, und es schien eine wunderbare Gunst, unter den Weisungen des Höchsten leben zu dürfen. Die Freude am Gesetz erfüllt manche Psalmen aus der nachexilischen Zeit, so auch Psalm 19: Das Gesetz Jahves ist vollkommen und erquickt die Seele,
das Zeugnis Jahves ist verlässlich
und macht Einfältige weise.
Die Befehle Jahves sind recht und erfreuen das Herz;
das Gebot Jahves ist lauter und erleuchtet die Augen.
Die Furcht Jahves ist rein und bleibt ewig;
die Rechte Jahves sind Wahrheit, sind allzumal gerecht.
Sie sind köstlicher als Gold, ja viel feines Gold,
und süßer als Honig und Wabenseim…
Mit eindringlicher Kraft wurden alle Probleme der Gerechtigkeit Gottes, des Leidens und des ewigen Lohnes durchdacht und bekenntnismäßig fixiert. In der Zeit, da der Hellenismus mit ungeheurer Vehemenz auch in die syrisch-palästinische Welt einbrach, war die Jerusalemer Kultgemeinde ein festes geistiges Bollwerk. Man lebte bewusst in der religiösen Sphäre, ohne ins politische Geschehen einzugreifen. Doch die Invasion der griechischen Macht ließ die in Palästina lebenden Angehörigen der Jerusalemer Kultgemeinde nicht ungestört. Alexander hatte dem Gefüge des persischen Satrapien- und Provinzsystems einen heftigen Stoß versetzt, von dem auch die kultischen Zentren nicht unberührt blieben. Als dann die Diadochen neue politische Einflusssphären schufen, machten sich auch in Palästina mächtige neue Strömungen und Bewegungen bemerkbar. Es begann eine Ära der Städtegründungen: das griechisch beeinflusste Leben orientierte sich an der Polis, und der Hellenisierungsprozess nahm seinen Ausgang von den Großstädten. Die Ptolemäer gründeten Alexandreia, die Seleukiden Antiocheia. Von beiden neuen Zentren ging eine ungeheure Anziehungskraft aus. In die ptolemäische Metropole zogen, als Juda im Kraftfeld des Ptolemäerreiches lag, viele Menschen aus Jerusalem und Juda; dort fanden sich nicht nur aus Juda kommende Kaufleute und geistig Beflissene, sondern auch viele Nachkommen der Judäer, die nach 587 nach Ägypten abgewandert waren. Weithin strahlte der Einfluss dieser jüdischen Kolonie und Gemeinde aus. Sie gewann für ihre Religionsgemeinschaft heidnische Familien, die ersten »Proselyten«. Man sprach Griechisch, man wählte griechische Namen. Man setzte sich mit der griechischen Geisteswelt auseinander, die in Alexandreia in einzelnen Typen der hellenistischen Popularphilosophie vertreten war. Überhaupt wurde in den hellenistischen Städten die Beschäftigung mit den großen Philosophen Griechenlands zur Mode. Es entstanden Zirkel und Gruppen, in denen lebhaft philosophiert wurde. Die Denker der jüdischen Diaspora waren fleißig bemüht, in apologetischen Erklärungen das Verhältnis des alttestamentlichen Gesetzes zur griechischen Philosophie zu klären und in eine feste Form zu bringen; zu einem späteren Zeitpunkt sollten besonders die jüdischen Philosophen Aristobulos und Philo hervortreten. Schon früh hatte sich in Alexandreia das Bedürfnis eingestellt, das Alte Testament der griechischsprachigen Welt zugänglich zu machen; in Kreisen der Schriftgelehrten kam die erste Übersetzung, die Septuaginta, zustande, die im griechischen Sprachbereich der Diaspora zur religiösen Autorität wurde. Nicht nur Alexandreia beherbergte eine starke jüdische Kolonie. Nach der Einbeziehung Judas in den politischen Machtbereich des Seleukidenreiches wanderten viele Judäer auch in die syrischen und kleinasiatischen Städte ab : man brauchte kein großer Staatsmann zu sein, um zu erkennen, dass sich eine gesicherte Existenz im armen und immer von neuem ausgebeuteten Juda kaum aufbauen ließ, dass dagegen in den hellenistischen Großstädten unabsehbare Möglichkeiten winkten. In der Diaspora wohnten die Juden meist in besonderen Quartieren. Sie durften ihren Kultus frei ausüben. An manchen Stellen wurde ihnen, da geistliches und weltliches Recht nach alttestamentlicher Tradition eine unauflösliche Einheit bilden, das Privileg eigener Jurisdiktion zuerkannt. Für den Tempeldienst in Jerusalem wurde eine Kopfsteuer erhoben; dadurch und durch ständigen religiösen Kontakt blieben die Auswanderer in Verbindung mit dem heimatlichen Kultzentrum. Die Kehrseite solcher Privilegien war, dass die in der Diaspora Lebenden in der neuen Heimat nur selten das volle Bürgerrecht erhielten. Zwischen ihnen und den Einheimischen blieb eine gewisse Distanz bestehen. Einen Einblick in die religiöse Lebenseinstellung der Juden zur fremden Umwelt vermittelt eine Lehrschrift im Buch Daniel; am Modell des babylonischen Exils wird die rechte Verhaltensweise eines Juden in der Fremde geschildert: auch in der Atmosphäre fremden höfischen Lebens befolgt Daniel in aller Strenge und Sorgfalt die Speise- und Reinigungsvorschriften und lässt sich auch nicht mit Gewaltmitteln von der gehorsamen Befolgung des Gesetzes abbringen; eben darum kommt der Segen Gottes über ihn, so dass er auch im weltlichen Bereich Anerkennung und Erfolg findet. Vor allem über die Städte brach die Sturzflut westlicher Kultur herein. Ältere Siedlungen wandelten ihre Gestalt und vergrößerten sich. Gymnasien wurden errichtet und verbreiteten die Idee athletischer Schulung. Akademien förderten Kunst und Wissenschaft. Überall entstanden Theater und neue Tempel, die faszinierende Kulte zelebrierten. Luxus und Vergnügen zogen die Menschen in ihren Bann. In vielem allerdings berührte der hellenistische Einfluss nur die Oberfläche. Vor allem reichte er kaum über die Städte hinaus. »Das Dorf blieb aramäisch und die Wüste arabisch«, sagt Julius Wellhausen. Wie stand es nun mit der Stadt Jerusalem? Sowohl unter den Ptolemäern als auch in den ersten Jahrzehnten der seleukidischen Herrschaft scheint Jerusalem vom Einfluss des Hellenismus verhältnismäßig wenig verspürt zu haben; das vorwiegend dörfliche Element Judas wirkte offenbar noch als Isolierschicht gegen den fremden Geist. Die Lebensgrundlagen des Landes wurden erst unter Antiochos IV. entscheidend gefährdet. Schon vorher mögen aber manche einflußreichen Kreise Jerusalems mit Ideen der hellenistischen Aufklärung sympathisiert haben; das Judentum der hellenistischen Zeit war dabei, eine fremde Geisteswelt kennenzulernen und auf sich wirken zu lassen, wohl auch mit derselben Offenheit und Aufhahmebereitschaft, die das Israel der Zeit Salomos der ägyptischen Kultur und Geisteswelt entgegengebracht hatte. Interessanterweise gewann in der Auseinandersetzung mit der Welt der Griechen ein geistiges Gefüge zunehmend an Bedeutung, das Israel bereits in der Ära Salomos aufgenommen und sich zu eigen gemacht hatte: seit dem 10. Jahrhundert hatte eine geistige Haltung Gestalt angenommen, die die Impulse der ägyptischen Naturanschauung und Lebenskunde als »Weisheit« in die alttestamentliche Glaubenswelt einführte und umwandelte. Dieser Traditionsstrom hatte einen geistigen Habitus geformt, der sich gerade in der Begegnung mit der hellenistischen Ideenwelt bewähren konnte; er eignete sich vorzüglich zur Orientierung in den Grenzbereichen, in denen die griechische Philosophie das religiöse Überlieferungsgut des Alten Testaments mit der Hervorkehrung universaler geistiger Prinzipien und Ideen in Frage zu stellen drohte. Auf welche Weise die nachexilische Gemeinde der hellenistischen Philosophie begegnete, kann man recht anschaulich aus dem Buch der Sprüche erfahren: Ruft nicht die Weisheit vernehmlich?
Erhebt nicht die Einsicht ihre Stimme?
Oben auf den Höhen, am Wege,
da, wo die Pfade sich kreuzen, steht sie.
Zur Seite der Tore, am Ausgang der Stadt,
am Eingang der Pforten ruft sie laut:
Euch, ihr Männer, gilt meine Predigt,
an die Menschenkinder ergeht mein Ruf.
O ihr Einfältigen, lernet Klugheit,
ihr Toren, nehmet Verstand an!
Höret zu, Vortreffliches rede ich,
recht und gerade ist, was meine Lippen eröffnen.
Ja, Wahrheit redet mein Gaumen,
und Frevel ist meinen Lippen ein Gräuel…
Ich, die Weisheit, pflege die Klugheit,
verfüge über Erkenntnis und guten Rat.
Jahve fürchten heißt das Böse hassen…
Für die Angehörigen der jüdischen Gemeinde war Weisheit keine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Gestalt, die gleich einem Propheten auftrat und den Willen Jahves verkündete; sie lehrte die »Furcht Jahves«, die als der Anfang oder das »Prinzip« aller Erkenntnis erschien. In der Begegnung mit dem Hellenismus stellten sich dem Judentum die Gedankengebilde der griechischen Philosophie als unfundiert und unwirklich, die konkrete Willens-offenbarung Jahves dagegen als lebendige Wirklichkeit dar. Die »Weisheit« wurde in den Kreis der Offenbarungsbekundungen des Alten Testaments als ein die Wahrheit vermittelndes und vertretendes geistiges Gefüge hineingeholt, sie wurde zu einem Organ und Medium jener Botschaft, die von Gott selbst ausging. Sie lehrte nicht tugendhaftes Streben oder Selbstverwirklichung menschlicher Existenz, sondern die »Furcht Gottes«, anders ausgedrückt: gehorsames Leben unter den Geboten und unter der Präsenz des heiligen Herrn. Der Konflikt dieser Glaubenswelt mit hellenistischen Haltungen war nicht nur in der Ebene der Ideen unausweichlich. Antiochos III. hatte der Jerusalemer Kultgemeinde so weitreichende Privilegien eingeräumt, dass zunächst keine Anzeichen einen kommenden Zusammenstoß erahnen ließen. Aber Antiochos starb 187 v. Chr. wenige Jahre nach dem Sieg der Römer und hinterließ dem nördlichen Diadochenreich schwere Tributlasten. Sein ältester Sohn Seleukos IV. konnte der Schwierigkeiten nicht Herr werden und wurde nach achtjähriger Herrschaft auf dem Höhepunkt schwerer Thronwirren ermordet. Die Nachfolge fiel 175 an seinen Bruder Antiochos IV. Epiphanes, dem es zuvörderst um die Stabilisierung seiner Herrschaftsordnung ging, wozu einmal die skrupelloseste Beschaffung der fehlenden Geldmittel, zum andern die Zerschlagung aller organisierten Gebilde gehörte, von denen Widerstand ausgehen konnte. Beides mündete in einen langwierigen gewaltsamen und blutigen Konflikt mit der jüdischen Kultgemeinde, über den die beiden Makkabäerbücher ausführlich berichten. Die Chronik umspannt die Zeit von 175 bis 134 v. Chr. und vermittelt auch eine Vorstellung von den Hintergründen des folgenschweren Zusammenpralls. Den latenten Gegensatz hatten Spannungen innerhalb der Kultgemeinde selbst zum Durchbruch gebracht. Auch in die Bereiche der jüdischen Kultgemeinde war langsam das fremde Wesen des Hellenismus eingesickert, wobei möglicherweise Wallfahrer aus der Diaspora zur Ausbreitung griechischer Ideen und des griechischen Lebensstils beitrugen. Es entstanden feindliche Parteien, von denen die eine für umfassende Modernisierung, die andere für unbeirrte Gesetzestreue eintrat. Aus dem Widerstreit der Ideen erwuchsen Kämpfe um Machtpositionen, namentlich schwere Auseinandersetzungen um das Amt des Hohenpriesters. Unter Seleukos IV. hatten die ärgsten Zusammenstöße noch vermieden werden können, da sich der Hohepriester Onias, ein gesetzestreuer Frommer, der Gunst des Königs erfreute, so dass der Versuch, ihn mit Verleumdungen zu Fall zu bringen, scheiterte. Als aber Antiochos IV. den Thron bestieg, glaubten die »Modernisten«, weiter vorstoßen zu können. Ihrem Kandidaten Jason gelang es, mit Geldgeschenken und der Zusicherung einer radikalen Hellenisierung Jerusalems den neuen König auf seine Seite zu bringen. Onias wurde abgesetzt und Jason zum Hohenpriester ernannt. Jason war es wohl auch, der in Jerusalem ein Gymnasium nach griechischem Vorbild ins Leben rief und damit der hellenistischen Infiltration den Weg ebnete. Der Eingriff des Königs in die Selbstverwaltung der Kultgemeinde und der demonstrative Modernisierungsakt der Gymnasiumsgründung riefen allseitige Empörung hervor. Ob es Antiochos nicht eher gelungen wäre, das strategisch wichtige, an das Ptolemäerreich grenzende Südpalästina mit dem Seleukidenstaat geistig und politisch zusammenzuschmieden, wenn er sich konsequent an die »Modemisten« gehalten hätte, muss dahingestellt bleiben. Seine Geldnot – oder Geldgier – gab den Ausschlag: als drei Jahre nach Jasons Ernennung ein anderer Priester, Menelaos, ein höheres Gebot machte, zögerte der König nicht, Jason zu entlassen und das Hohepriesteramt dem zahlungskräftigeren Bewerber zuzuschanzen. Die höchste Würde der Kultgemeinde war käuflich geworden. Aber außer Bestechung gab es auch noch das Mittel der nackten Gewalt. Als 165 das Gerücht umlief, Antiochos IV. sei bei einem Feldzug ums Leben gekommen, vertrieb Jason den Menelaos mit Waffengewalt und machte sich selbst wieder zum Oberhaupt der Gemeinde. Antiochos war jedoch keineswegs tot und konnte dem zahlungswilligen Menelaos zu Hilfe kommen. Wieder wurden Soldaten in Bewegung gesetzt und der vertriebene Hohepriester zurückgebracht. Jason floh ins Ostjordanland. Polybios, der zeitgenössische griechische Historiker, erzählt in seinen Annalen, Antiochos IV. habe in dem Ruf gestanden, mit Vorliebe Heiligtümer zu berauben: wo er unantastbare Schätze vermutete, da zog es ihn hin. Die Wiedereinsetzung des Menelaos war für ihn eine gute Gelegenheit, die erste Plünderung des Jerusalemer Heiligtums vorzunehmen; er ging in den Tempel und ließ die wertvollen Verzierungen und Kultschätze fortschleppen. Die Schändung des Heiligtums, die schon darin lag, dass der heidnische König es betrat, erregte die gesetzestreuen Jerusalemer aufs äußerste. Überall loderten die Flammen der Feindschaft gegen den gräulichen Herrscher empor; der Hass entlud sich in einem spontanen Aufruhr. Antiochos nahm sich die Zeit, einen Ägypten-Feldzug zu Ende zu führen, ließ seine Truppen aber gleich danach über Jerusalem herfallen. Die ganze Stadt wurde ausgeplündert, die Häuser wurden verbrannt; zum Abschluss ließ der König die Stadtmauern schleifen. Frauen und Kinder wurden als Sklaven verschleppt, viele Menschen getötet, viele so in Schrecken versetzt, dass sie in die Wüste flohen. Jerusalem war ein Trümmerfeld. Die Chronik des Makkabäerkampfes (1. Makkabäer 1,37 ff.) hat das Klagelied verewigt: Sie vergossen unschuldiges Blut rings um den Tempel
und schändeten das Heiligtum.
Es flohen ihretwegen die Bewohner Jerusalems,
und die Stadt wurde zur Behausung für Fremde.
Fremd ward sie ihren Kindern,
und ihre Söhne verließen sie.
Ihr Heiligtum ward verödet wie eine Wüste,
ihre Feste wandelten sich in Trauer,
ihre Sabbate in Beschimpfung, ihre Ehre in Schmach.
So groß wie einst ihre Herrlichkeit war jetzt die Entehrung,
und ihre Hoheit verwandelte sich in Leid.
Die »Behausung für Fremde« war der Epilog zur Zerstörung der Stadt: Antiochos ließ – wahrscheinlich auf dem Südosthügel, also auf dem Bergrücken südlich des Jerusalemer Heiligtums – eine »Akra« genannte befestigte Anlage errichten, ein von Ringmauern umgebenes Stadtgelände, in dem unter dem Schutz einer Wachtruppe »Hellenisten« angesiedelt wurden. Das war die neue, hellenistisch verwaltete und organisierte Polis, in der die gesetzestreuen Jerusalemer kein Wohnrecht hatten. Sie diente dem Schutz der seleukiden-freundlichen Hellenisten, gegen die sich der Aufstand des Volkes in erster Linie gerichtet hatte. Die bevorzugte Behandlung der Staatsfreunde ging Hand in Hand mit der totalen Unterdrückung der Religion, die die Frommen zusammengehalten und inspiriert hatte. Alle kultischen Akte wurden ohne Ausnahme verboten. Weder durften Opfer dargebracht noch der Sabbat gefeiert werden. Die Beschneidung wurde untersagt. Die heiligen Schriften, deren man habhaft werden konnte, wurden vernichtet. Auf die Ausübung von Kultakten, die mit den Ordnungen der Jerusalemer Gemeinde zusammenhingen, stand die Todesstrafe. Dafür wurde im heiligen Bereich ein fremder Kult eingeführt: der König ließ in Jerusalem ein Abbild des Zeus Olympios aufstellen. Die Makkabäerchronik (2. Makkabäer 6,1 ff.) berichtet: »Nicht lange darauf sandte der König einen alten Athener, der die Juden zwingen sollte, von den väterlichen Gesetzen abzufallen und nicht mehr nach den Geboten Gottes zu leben; auch sollte er den Tempel in Jerusalem entweihen und ihn nach dem olympischen Zeus benennen und den auf dem Garizim nach dem Zeus Xenios, wie es der Art der Bewohner des Ostens entsprach. Dieser Ansturm der Bosheit war selbst für die große Menge schwer und unerträglich. Denn der Tempel war mit Schwelgerei und Gelagen erfüllt durch die Heiden, die mit Buhlerinnen scherzten und in den heiligen Vorhöfen Weibern beiwohnten und noch dazu mancherlei Unziemliches hineinbrachten. Der Altar war voll von ungebührlichen Dingen, die von den Gesetzen verboten waren; und es war weder möglich, den Sabbat zu halten noch die väterlichen Feste zu begehen noch überhaupt sich als Juden zu bekennen.« Dem Heiligtum auf dem Garizim war es nicht anders ergangen als dem in Jerusalem; es geschah alles, was zur Ausrottung des Glaubens Israels beitragen konnte. Das alles – eine apokalyptische Trostschrift (Daniel 7-12) spricht vom »Gräuel der Verwüstung« – ereignete sich im Dezember 167. Auch auf dem Lande wurden heidnische Altäre errichtet. Die Regierung setzte Kommissare mit dem Sonderauftrag ein, die Ausübung der jüdischen Religion sofort mit dem Tode zu bestrafen und dem heidnischen Kult Ansehen und Geltung zu verschaffen. Der Widerstand der Gesetzestreuen ließ nicht lange auf sich warten. In aller Heimlichkeit wurde ein Ersatzheiligtum in Mizpa gegründet, wo Priestergewänder und heilige Schriften in Sicherheit gebracht worden waren. Die früher an den Tempel zu leistenden Abgaben sollten ohne Verzug nach Mizpa gebracht werden. Ebenfalls in Mizpa wurden geheime Versammlungen abgehalten. Mit ungestümer Gewalt brach ein erbitterter Glaubenskrieg aus. Plötzlich wurde das in der Jerusalemer Kultgemeinde lebendige geistige Potential sichtbar. In einer Bekenntnistreue, die den Tod nicht scheute, kämpften die Frommen gegen einen übermächtigen Feind. Die apokalyptische Trostschrift des Buches Daniel zeigte den religiösen Hintergrund: Gottesreich und Weltreich standen einander gegenüber. Im Bewusstsein der Bekenner ging es um den Endkampf gegen die widergöttliche Gewalt eines vergehenden Äons. Aufstieg und Niedergang der Hasmonäerkönige
Im beginnenden Glaubenskampf profitierten die Bekenner von der bedrohlichen Lage des Seleukidenreiches, das Antiochos IV. nur mit knapper Not Zusammenhalten konnte. Gegen ihn hatten sich die Parther erhoben, die er ständig abwehren musste, und von Rom drohte eine Gefahr, die sich in ihren Konsequenzen weder übersehen noch berechnen ließ. Antiochos fehlten die militärischen und organisatorischen Mittel, den Staat zu sichern und die Rebellion in Südpalästina in einer konzentrischen Aktion niederzuschlagen. Der Aufstand begann 166 v. Chr. in dem Ort Modein, ausgelöst von einigen mutigen Männern, die in der Geschichte nach einem priesterlichen Ahnherrn Hasmon »das Hasmonäergeschlecht« genannt worden sind. Der greise Mattathias, Haupt der tapferen Sippe, verweigerte einem seleukidischen Kommissar, der die Darbringung heidnischer Opfer angeordnet hatte, den Gehorsam und erschlug in heiligem Zorn nicht nur einen Israeliten, der dem Befehl gefolgt war, sondern auch den seleukidischen Vollzugsbeamten. Das war gleichsam das Signal, das allenthalben zum offenen Widerstand aufrief. Zwar mussten die Wagemutigen in die Berge fliehen, um den Strafexekutionen zu entgehen, aber rasch sammelte sich in den unzugänglichen Gebirgsverstecken der Wüste Juda eine Kämpferschar, die von Tag zu Tag anwuchs und bald die ersten Ausfälle und kleineren Kämpfe wagen konnte. Dann kamen auch Überfälle auf größere Ortschaften: heidnische Altäre wurden zerstört, abtrünnige Israeliten getötet. Indessen machten sich die alarmierten Besatzungstruppen die Tatsache zunutze, dass sich die Männer um Mattathias streng an die Sabbatvorschriften hielten. Die Soldaten stellten den Rebellen nach, die am geheiligten Tag keine Waffe in die Hand nahmen; erst ein Sondererlass lockerte das Sabbatgebot für die Abwehr von Angriffen. Als die erste große militärische Auseinandersetzung bevorstand, starb Mattathias; an seine Stelle trat als Führer sein Sohn Judas, dem man den Beinamen Makkabäus (makkab, Hammer) gab. Unter Judas kam es zur ersten Kampfaktion größeren Stils. Eine seleukidische Truppe unter der Führung des Feldhauptmanns Apollonius wurde geschlagen, der Feldhauptmann fiel. Sofort wurde von den Seleukiden ein größeres Heer unter Seron in die Schlacht geführt, aber auch diesmal blieb Judas siegreich: die Seleukiden wurden bei Beth-Horon geschlagen und bis ins Küstengelände verfolgt. Antiochos konnte sich um die Ereignisse in Palästina nicht selbst kümmern, da er gegen die Parther kämpfte; der Reichsverweser Lysias sah die Lage als so ernst an, dass er eine starke Streitmacht aufstellte, die der Truppe des Judas 163 bei Emmaus, südlich von Beth-Horon, entgegentrat. Den Makkabäern kam ihre genaue Ortskenntnis zugute: sie schlugen das zahlenmäßig überlegene Heer aus dem Hinterhalt, und die Seleukiden mussten sich vorerst zurückziehen. Diese günstige Gelegenheit ergriff Judas, um seine Truppe nach Jerusalem zu führen. Ohne sich um die Akra-Befestigungen zu kümmern, machte er sich sogleich daran, die heilige Stätte zu erneuern. Die heidnischen Kultembleme und Gräuel wurden beseitigt, und die gesetzestreue Priesterschaft konnte schon nach kurzer Zeit in den Tempelbereich einziehen. Zum Schutz gegen Ausfälle aus der Akra und sonstige Angreifer ließ Judas den heiligen Bezirk mit einer Festungsmauer umgeben und von einer ständigen Wachmannschaft besetzen. Im Dezember 164 wurde in einem feierlichen Akt der gereinigte Tempel eingeweiht. Trotz der Nähe der von seleukidischen Soldaten und hellenistischen Juden besetzten Festung wurde der Kultus der Jerusalemer Gemeinde wiederaufgenommen. Bei einem Feldzug gegen die Parther starb Antiochos IV. im Frühjahr 163. Da der Thronfolger Antiochos V. erst acht Jahre alt war, musste der Reichsverweser Lysias die Regierungsgeschäfte leiten. Noch immer war Palästina ein Herd der Unruhe. In Jerusalem blieb alles in der Schwebe. Die Akra hielt stand. Die Edikte Antiochos IV., die den jüdischen Kult bei Todesstrafe verboten, waren nicht widerrufen. Nach wie vor herrschten die Seleukiden, auch wenn Judas 163 ungehindert Feldzüge in Galiläa und im Ostjordanland führen konnte. Judas Bruder Simon stieß über den Jordan vor und stellte mit den seleukiden-feindlichen Nabatäern einen Kontakt her. Judas fiel in edomitisches Gebiet ein und belagerte und zerstörte Hebron. Offensichtlich versuchte Judas nach dem Tode Antiochos IV., sich auch politisch Ellenbogenfreiheit zu schaffen. Er tastete allerdings einen Lebensnerv des Seleukidenreichs an, als er sich schließlich entschloss, die Akra zu belagern. Vom Süden her rückte Lysias mit einem großen Entsatzheer heran und nahm unterwegs die von Judas ausgebaute Festung Beth-Zur ein. Die Makkabäer mussten im befestigten Heiligtum von Jerusalem eine Abwehrposition beziehen, die nicht übermäßig stark war. Aber wieder kam ihnen die Schwäche des Seleukidenreiches zugute. Lysias geriet in Schwierigkeiten, die ihn zwangen, den Krieg in Palästina so schnell wie möglich zu beenden. Unter Zusicherung freier Religionsausübung im Jerusalemer Heiligtum bot er daher den Belagerten den Frieden an, den sie wohl oder übel annehmen mussten. Bevor Lysias abzog, ließ er jedoch entgegen allen Abmachungen die Jerusalemer Festungsmauern schleifen: auf keinen Fall sollte Jerusalem zu einem politisch wichtigen Machtfaktor werden. Eigentlich war das Ziel der makkabäischen Erhebung erreicht. Aber neue Streitigkeiten erwuchsen aus weiteren Eingriffen der Seleukiden. Der von ihnen ernannte Hohepriester Alkimus bemühte sich zwar zunächst um allgemeine Befriedung und forderte auch Judas auf, allen kriegerischen Unternehmungen zu entsagen; als sich aber herausstellte, dass Judas mit Religionsfreiheit nicht zufrieden war und politische Unabhängigkeit wollte, sah sich Alkimus bedroht und rief seleukidische Truppen zu Hilfe. Eine Lawine war ins Rollen gekommen, die niemand mehr aufhalten konnte. Ein großes Heer unter dem Feldherrn Nikanor trat nun gegen Judas an, zog aber in zwei Schlachten den Kürzeren. Bei Adasa, wenige Kilometer nördlich von Jerusalem, wurden die Seleukiden entscheidend geschlagen; Nikanor fiel. Doch seit die Römer ihre Gunst den Ptolemäern zugewandt hatten, wusste man am Seleukidenhof sehr genau, was in Palästina auf dem Spiel stand. Wieder zog 160 ein Heer gegen Judas. Diesmal wurde seine Truppe geschlagen; er selbst kam im Kampf ums Leben. Die zersprengten makkabäischen Scharen flohen in die Wüste und sammelten sich dort unter Führung Jonathans, des jüngsten Bruders Judas, von neuem. Es fing wieder mit kleineren Überfällen an, nach denen man sich blitzschnell ins unwegsame Gebirge zurückzog. Inzwischen hatten sich die inneren Schwierigkeiten des Seleukidenreichs, die auch noch durch Thronwirren kompliziert wurden, so verschärft, dass gegen Jonathan kaum noch etwas unternommen wurde. So konnte er sich zwölf Kilometer von Jerusalem entfernt in Michmas niederlassen und dort nach dem Vorbild der »Richter in Israel« Gericht halten. Unverkennbar strebten die Makkabäer eine Wiederherstellung des alten Israels an – womöglich mit vermehrter Macht -, und sie spielten mit hohen Einsätzen. Als Jonathan merkte, dass nichts erfolgte, wagte er sich noch einen Schritt weiter vor. Er zog mit seinen Leuten nach Jerusalem, befestigte den Tempelbezirk und bedrohte die Akra. Damit hatte er sich im Spiel der Kräfte einen hohen Trumpf gesichert. Alexander Balas, der neue Thronprätendent des Seleukidenreiches, trat mit ihm in Verbindung, einigte sich mit ihm und machte ihn zum Hohenpriester. Zum Herbstfest des Jahres 152 wurde Jonathan feierlich in sein neues Amt eingeführt. Er war zwar Hasmonäer, nicht Sadokide, gehörte also nicht zu dem nach den kultischen Amtstraditionen privilegierten Priestergeschlecht, aber dennoch gab es niemanden, der seine Position hätte anfechten können. Zu seinem Amtsantritt übersandte ihm Alexander Balas sogar einen Purpurmantel und eine goldene Krone: die Attribute der weltlichen Herrschaft. Gewiss unterstand Jonathan dem, der ihm die großen Vorrechte eingeräumt hatte, aber in der politischen Ebene war er jetzt selbst ein einflussreicher Herrscher. Dass er auch später konsequent zu dem umstrittenen Alexander Balas hielt, brachte ihm reichen Lohn ein. Das Seleukidenreich machte eine turbulente Zeit durch. Die Frage der Thronnachfolge war nach wie vor ungelöst. Alexander Balas musste sich gegen die vielleicht legitimen Ansprüche Demetrios I. durchsetzen und konnte jede Unterstützung gut gebrauchen. Er rechnete fest mit Jonathan, der sich in der Krisenzeit als getreuer Verbündeter des Thronprätendenten erwies. Der jüdische Hohepriester, Unterkönig und Feldherr führte Kriege für Alexander Balas und baute mit der Beute, die ihm zufiel, das eigene Herrschaftsgebiet aus. Unterdes wurde die Lage immer konfuser. Die Streitigkeiten um den Seleukidenthron waren den Ptolemäern ein willkommener Anlass, nach langer Zeit wieder im trüben Palästina-Wasser zu fischen. Ptolemaios VI. brach ins Land ein, zog nach Jerusalem und belagerte die Akra, das Machtsymbol der Seleukidenherrschaft. Eine unerwartete Entscheidung brachte das Jahr 145: Alexander Balas erlitt eine schwere Niederlage, die ihn endgültig von der Bühne abtreten ließ, und Ptolemaios VI. starb während eines seiner Palästina-Feldzüge. Nun konnte sich Demetrios II. Nikator in Antiocheia durchsetzen und wirklich König werden. Jonathan, der treue Gefolgsmann des Alexander Balas, musste sich vor dem neuen Herrscher verantworten. Erstaunlicherweise gelang es dem diplomatischen und wendigen Judäer, den zornigen Demetrios freundlich zu stimmen; wahrscheinlich hatte sein Erfolg damit zu tun, dass er sich gleich nach dem Untergang des Alexander Balas für Demetrios entschieden und auf militärische Kraftproben zugunsten diplomatischer Mittel verzichtet hatte. Er erlangte nicht nur eine allgemein freundliche Haltung des neuen Königs, sondern auch konkrete neue Privilegien: die Judäer wurden von Abgaben befreit, und die südlichen Teile der Provinz Samaria, die zur Jerusalemer Kultgemeinde hielten, wurden Juda zugeschlagen. Nicht minder als sein besiegter Rivale war auch Demetrios darauf angewiesen, in dem von innen und außen bedrohten Staatsgebilde möglichst viele Freunde zu gewinnen. Aber Jonathan überspannte den Bogen: er arbeitete unablässig auf das Ziel der staatlichen Selbständigkeit hin und forderte sogar die Beseitigung der Seleukidenburg in Jerusalem. So weit konnte Demetrios nicht gehen. Während dieser Konflikt ausgetragen wurde, bekam es Demetrios mit einem neuen Gegner zu tun: als Anwalt eines noch unmündigen Sohnes des Alexander Balas machte ihm Diodotos Tryphon den Thron streitig, theoretisch im Namen des unmündigen Kindes, praktisch im eigenen Interesse. Für diesen Tryphon setzte sich nun Jonathan ein, um einen Verbündeten gegen Demetrios zu gewinnen, und während Demetrios und Tryphon miteinander kämpften, benutzte er die Gelegenheit, ganz Palästina unter seine Gewalt zu bringen. Zur Sicherheit verhandelte er auch mit Römern und Spartanern, vermutlich berief er sich auf seinen wirksamen – Beitrag zur Schwächung des Seleukidenreiches. Das Gebiet, das er erobert hatte, schirmte er mit Festungen ab; er verstärkte die Mauern von Jerusalem und isolierte die Akra. Dieser große Machtzuwachs war zuviel für Diodotos Tryphon; er lockte Jonathan unter diplomatischen Vorwänden zu sich, nahm ihn gefangen und ließ ihn im Jahre 143 umbringen. Indes hatte die Hasmonäerherrschaft in Palästina bereits so tiefe Wurzeln geschlagen, dass die Ermordung Jonathans keine weitreichenden Folgen hatte. An die Stelle Jonathans trat der ältere Bruder, Simon, der in den Kampfzeiten der Makkabäer eine Aktion im Ostjordanland geleitet hatte. Simon schlug sich auf die Seite Demetrios II., der im Kampf mit Tryphon dringend Bundesgenossen brauchte. Die von Jonathan erwirkten Vorrechte wurden zum Teil bestätigt, aber in Wirklichkeit hatte Demetrios nicht die Macht, seine Oberhoheit überhaupt geltend zu machen. Faktisch beherrschte Simon Palästina von Jerusalem aus als selbständiger Regent. Durch geheime Verhandlungen mit Rom und Sparta ermutigt, begründete Simon dann auch in aller Form ein unabhängiges hasmonäisches Königtum. In Urkunden und Verträgen werden Zeitangaben auf die Regierungszeit des judäischen Herrschers bezogen; die Titulierung, die Simon für sich in Anspruch nahm, war »Erhabener Hoherpriester, Feldherr und Fürst der Judäer«. Die politische Führungsstellung Jerusalems wurde mit weiteren Eroberungskriegen in Palästina demonstriert. Vor allem belagerte und eroberte Simon 141 die Akra, die Seleukidenburg in Jerusalem. Das Festungsgelände wurde mit Judäern besiedelt und der Tempelbezirk erneut gegen alle feindlichen Zugriffe geschützt. In der Makkabäerchronik (1. Makkabäer 14,4) kann man lesen: »Das Land Juda hatte Ruhe, solange Simon lebte. Er war auf das Wohl seines Volkes bedacht, und das Volk war allezeit stolz auf seine Macht und sein Ansehen.« Simon glückte sogar die Eroberung des Seehafens Joppe, womit dem Lande der Anschluss an den Überseehandel ermöglicht wurde. Natürlich war die unabhängige Herrschaft der hasmonäischen Fürsten nur möglich, weil das Seleukidenreich von einer Krise in die andere stolperte und in Palästina nicht eingreifen konnte. Jedesmal wenn die Auseinandersetzungen in Syrien weitere Kreise zogen, geriet auch der Jerusalemer Herrscher in Bedrängnis. Einen dieser übergreifenden Konflikte erlebte noch der greise Simon; es gelang ihm jedoch, die feindlichen Truppen aus seinem Herrschaftsbereich hinauszuwerfen. Ein Lied aus der Makkabäerchronik (1. Makkabäer 14,6 ff.) vermittelt eine Vorstellung von der Hochstimmung, die in der Ära des großen Simon im Lande herrschte: Er erweiterte seinem Volk die Grenzen,
und im Lande war er Herr.
Er brachte viele Gefangene heim
und gewann die Herrschaft
zu Geser, zu Beth-Zur und auf der Akra…
Sie durften in Frieden ihr Land bebauen;
das Erdreich gab seinen Ertrag,
die Bäume des Feldes ihre Frucht…
Er schaffte Frieden im Lande,
und Israel war hocherfreut.
Jeder saß unter seinem Weinstock und Feigenbaum,
und keiner war, der ihn aufschreckte.
Niemand bekriegte sie mehr auf Erden,
denn die Könige waren niedergeworfen zu jener Zeit.
Alle Unterdrückten in seinem Volk richtete er auf;
streng hielt er auf das Gesetz
und vertilgte jeden Abtrünnigen und Bösen…
Die Zeit des Friedens ging jedoch jäh zu Ende. Im Jahre 134 fiel Simon dem Attentat seines ehrgeizigen Schwiegersohnes Ptolemäus zum Opfer. Rechtmäßiger Nachfolger Simons war sein Sohn Johannes, den Ptolemäus mit Waffengewalt zu beseitigen suchte. Rechtzeitig gewarnt, trat Johannes dem Mörder entgegen, schlug ihn in die Flucht und übernahm die Ämter des Vaters unter dem Namen Johannes Hyrkanus I. Mittlerweile war der Streit um den Seleukidenthron beigelegt worden, und sofort ging der Sieger, Antiochos VII. Sidetes, daran, die Selbständigkeit der in Palästina führenden Provinz Juda zunichte zu machen. Mit einem großen Heer rückte der König aus Syrien heran, schloss Johannes Hyrkanus ein und belagerte die Stadt. Es ist schon fast grotesk, zu sagen, dass auch hier wieder der Jerusalemer Herrscher dadurch gerettet wurde, dass die Parther den Seleukidenstaat schwer bedrängten. Antiochos VII. musste Verhandlungen aufnehmen, und Jerusalem kam verhältnismäßig glimpflich davon; allerdings mussten alle Waffen abgegeben und Geiseln gestellt werden. Antiochos VII. kam 128 im Krieg mit den Parthern um, und daraus entwickelte sich eine neue Serie von Kämpfen und Wirren in Syrien. Juda konnte sich erholen und beim Programm der politischen Selbständigkeit bleiben. In der Atmosphäre der echten oder vermeintlichen Unabhängigkeit kamen aus dem Dunkel der Vergangenheit die Bilder der ersten Königszeit wieder empor. Wie einst Josia von der Wiedergeburt des Davidsreiches geträumt hatte, so schwebte jetzt den Hasmonäern ein messianisches Leitbild vor, das für sie die Ziele einer umfassenden nationalen und staatlichen Regeneration Israels bestimmte. Aber die Fundamente des hasmonäischen Königtums waren schwankend und brüchig, und überall – innen wie außen – türmten sich ständig unüberwindliche Widerstände auf. In Jerusalem stellte sich jeder politischen Aktivität die Opposition der Frommen, namentlich der Pharisäer, entgegen. Im Gefolge der tiefgreifenden Wandlungen des religiösen Lebens, die Israel im Exil und unmittelbar nach dem Exil erlebt hatte, hatte sich das Schwergewicht immer mehr vom Politischen zum Geistigen verlagert. Die Jerusalemer Kultgemeinde der nachexilischen Zeit hatte sich längst damit abgefunden, dass sich ihre religiöse Kraft und Autorität unter der Oberhoheit einer fremden Macht bewähren musste. Für die Frommen waren daher Krieg und Politik ein Rückfall, eine verhängnisvolle Restauration, die Preisgabe der eigentlichen Mission Israels unter dem Gesetz Gottes. An solchen Widerständen gegen ihren »Aktivismus« konnten die Hasmonäer nicht Vorbeigehen; anderseits war die große politische Arena, in der sich Juda aktiv zu zeigen trachtete, voller Spannungen und Krafteruptionen, denen die Jerusalemer Fürsten mit ihren beschränkten Machtmitteln nicht gewachsen waren. Angesichts der Thronwirren im Seleukidenreich führte Johannes Hyrkanus I. zunächst dieselben demonstrativen Eroberungskriege, mit denen Jonathan und Simon Macht und Prestige erworben hatten. Auf längere Sicht wichtig war unter diesen Aktionen der Überfall auf Samaria, bei dem Johannes die Kultstätte auf dem Garizim zerstörte. Im übrigen war seine Herrschaft ganz auf äußere Machtentfaltung gerichtet; so nahm er auch das Münzrecht für sich in Anspruch und demonstrierte damit seine volle Unabhängigkeit. Wieviel Korruption und Gewalttätigkeit in Jerusalem aufgespeichert war, kam zum Vorschein, als Johannes Hyrkanus I. 104 starb. Er hatte bestimmt, dass seine Frau die Regierung übernehmen sollte. Aber sein ältester Sohn Aristobulos bemächtigte sich des Staates, ließ die Mutter im Gefängnis verhungern und warf auch seine Brüder in den Kerker. Mit Mord und List erreichte Aristobulos, was er wollte, ließ sich König nennen und trug das Königsdiadem, starb aber schon im folgenden Jahr. Den Thron erbte seine Frau Salome Alexandra, die jedoch die Schwäger befreite und einen von ihnen, Alexander Jannäus, den sie dann auch bald heiratete, zum König machte. Knapp vierzig Jahre nach der offiziellen Staatsgründung, keine fünfundsechzig Jahre nach dem Beginn des Makkabäerkampfes, zeigte die Hasmonäerdynastie bereits sichtliche Verfallserscheinungen. Alexander führte ein ausschweifendes Leben, verbreitete Krieg und Terror im Lande und versuchte, sein Gebiet im Osten auszuweiten. Dort aber stieß er auf die Nabatäer und konnte sich nur mit Mühe vor ihrer Empörung retten. Nach seinem Tod (76 v. Chr.) scheint Salome Alexandra die Königsmacht wieder übernommen zu haben. Da sie die Funktionen des Hohenpriesters nicht verrichten konnte, fiel dies Amt an ihren Sohn Johannes Hyrkanus II. Die Königin verstand es offenbar mit ungewöhnlichem Geschick, die inneren Zwistigkeiten in Jerusalem zu überbrücken und für einige Jahre geordnete Zustände herbeizuführen. Mit ihrem Tode war es damit wieder vorbei. Die Regierung konnte Johannes Hyrkanus II. zwar antreten, aber schon nach kurzer Zeit wurde er von einem tatkräftigen jüngeren Bruder Aristobulos II. angegriffen und in Jerusalem eingeschlossen. Hyrkanus, dem an Regierungsgeschäften nicht viel lag, verzichtete zugunsten des Bruders auf sämtliche Ämter und zog sich zurück. Da tauchte ein neuer Machtfaktor auf. In Idumäa, dem edomitischen Provinzialgebiet, amtierte ein gewisser Antipas als Statthalter. Sein Sohn, der ebenfalls Antipas hieß, stellte sich auf die Seite des verdrängten Johannes Hyrkanus und rief die Nabatäer zu Hilfe, womit dieses Volk, das mit den Seleukiden vorher schon im Streit gelegen hatte, als einflussreiche Macht den politischen Schauplatz Palästinas betrat. Der Nabatäerkönig, der Johannes Hyrkanus II. in seiner Hauptstadt Petra Asyl gewährt hatte, erschien vor den Toren Jerusalems und belagerte die Festung. Die endgültige Klärung kam von einer ganz anderen Seite. Im Jahre 65 v. Chr. entschlossen sich die Römer zum aktiven Eingriff in die verworrenen Verhältnisse des Vorderen Orients. Mit dem Königsstreit in Palästina befasst, entschied sich der römische Feldherr Aemilius Scaurus für den aktiveren Aristobulos, der in Jerusalem nunmehr unter römischem Schutz auftreten konnte. Die Situation war von Grund auf verändert: künftighin konnte sich in Palästina nur durchsetzen, wer mit der neuen Macht im Bunde stand.

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Info 19.11.2017 11:21
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