Römerherrschaft in Israel

Das bewegte geistige und religiöse Leben im letzten Jahrhundert vor der Zeitenwende ist nicht einfach zu erfassen. In Palästina standen die verschiedensten Gruppen nebeneinander. Das Hauptthema aller religiösen Lebensäußerungen war nach wie vor die Forderung nach treuer Befolgung des Gesetzes Gottes. Die Pharisäer schlossen sich zusammen, um in strenger Absonderung von allen unheiligen Geschäften den Gehorsam zu erfüllen; sie zogen einen »Zaun um das Gesetz«, schufen Präventivordnungen, um die richtige Einstellung zu den eigentlichen Forderungen der Gottesgebote von Fall zu Fall zu finden. In vorbehaltloser Hingabe stellten sie ihr Leben in den Dienst ihres Gottes; sie kannten keinen Kompromiss, kannten keine Angleichung an die unvermeidlichen Situationen des Alltags; ihre Treue war beispiellos. Es gab aber auch anderes. Von gewaltiger Kraft war in den zwei letzten vorchristlichen Jahrhunderten die apokalyptische Botschaft, ein Ausläufer der prophetischen Aussage, vom Gericht und Ende, vom Anbruch des Heils und vom Kommen der Gottesherrschaft. War in der Botschaft der Propheten diese Ankündigung noch geschichtsbezogen, so wandelte sie sich nun, im Kraftfeld der Apokalyptik, zu einer dualistischen Lehre von den beiden einander in derselben geschichtlichen Zeit gegenüberstehenden Äonen: dem vergehenden Äon der diesseitigen Weltherrschaft, die nun endgültig zusammenbrechen müsse, und dem anbrechenden neuen Äon der Herrschaft Gottes über die gesamte Schöpfung. Die apokalyptische Lehre hatte die Verzweifelnden aufgerichtet, als Antiochos IV. die Jerusalemer Kultgemeinde auflöste; sie war auch in der Folgezeit ein tragendes Fundament des Glaubens. Dass das Ende der Zeiten unmittelbar bevorstehe, wurde in weitem Umkreis geglaubt. Aber wie sollte man sich auf die Endzeit rüsten? Im Kreise der Gesetzesfrommen herrschte die Überzeugung, dass man auf die Gottesherrschaft ohne jede politische Aktivität warten müsse, nur in gehorsamer Befolgung des Gesetzes verharrend. Andere jedoch fühlten sich in den, kritischen Zeiten dazu gerufen und auserwählt, mit dem Eingriff in die politischen Wirren einen Wandel einzuleiten; ihnen galt die nationale Selbständigkeit und Freiheit Israels gleichsam als der Raum, in den die zukünftige Gottesherrschaft eingehen müsse, wenn sie die ganze Schöpfung ergreifen und umfassen wolle. Dieser Raum musste erobert und geschaffen werden. Zwischen diesen beiden Extremen gab es indes noch eine dritte Möglichkeit der religiösen Einstellung auf das kommende Ende: man bildete Konventikel und Sekten, um sich auf die nahende Gottesherrschaft vorzubereiten und das Leben für einen neuen Äon zu reinigen. Bekannt ist vor allem die Gruppe der Essener, die mit Tauf- und Reinigungsriten hervortrat und ihre Mitglieder in einem straff gegliederten Orden zusammenschloss. Dank den überraschenden Funden in den Höhlen am Toten Meer hat die Forschung in der jüngsten Zeit von einer der religiösen Bewegungen der vorchristlichen Zeit nähere Kunde erhalten. Auf einer Mergelterrasse am Westufer des Toten Meeres, am Fuße des Gebirges Juda, lag die Klostersiedlung Qumran, die wahrscheinlich mit der Sekte der Essener im Zusammenhang stand. Ihren Charakter bestimmten strenge Ordnungen und ausgeprägtes Klosterleben. In der »Lebensordnung« der Qumran-Gemeinde findet sich folgender Passus: »Das sind die Gebote für die ganze Volksgemeinde mit Kindern und Frauen: Leben in der Ordnung der Gemeinde, Gott suchen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, tun, was gut und recht vor ihm ist, wie er durch Moses und alle seine Diener, die Propheten, befohlen hat; alles lieben, was er erwählt hat, aber alles hassen, was er verworfen hat; sich fernhalten von allem Bösen, aber festhalten an allen guten Werken; Wahrheit, Gerechtigkeit und Recht im Lande üben, aber nicht länger im Starrsinn eines schuldbeladenen Herzens und lüsterner Augen wandeln, dass man jegliches Böse tue; alle, die willig sind, Gottes Gebote zu erfüllen, in den Bund der Treue zu bringen, um in Gottes Ratschluss zusammengeschlossen zu sein; Rom vor ihm zu wandeln gemäß allen Offenbarungen ihrer Zeugenversammlungen; alle Kinder des Lichtes lieben, jeden nach seinem Los in Gottes Ratschluss, aber alle Kinder der Finsternis hassen, jeden nach seinem Schuldanteil an Gottes Rache.« Die in Qumran versammelten Ordensmitglieder hatten sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die Gott den »Bund der Treue« schwur. Die heiligen Schriften wurden sorgfältig überliefert, gelehrt und gelernt. Die Menschheit wurde als in zwei Lager zerfallen gesehen: die unter Gottes Geboten dem neuen Äon der Gottesherrschaft entgegeneilenden und in einem ritterlich religiösen Kampf die Beschwerden der Zeit überwindenden »Kinder des Lichts« und die den Bräuchen und Zielen der vergehenden Welt verhafteten und Gottes Herrschaft leugnenden »Kinder der Finsternis«. Die dualistische Sicht war charakteristisch für die Ideen, die im Spannungsfeld der Apokalyptik und des Gesetzesgehorsams entstanden. So intensiv die religiösen Erwartungen, Gehorsamsleistungen und apokalyptischen Hoffnungen im Schoße der Jerusalemer Kultgemeinde gewesen sein mögen, im Vordergrund standen die ernüchternden Tatsachen der politischen Entwicklung. Die römische Militärmacht war in Syrien eingedrungen und hatte alle Gewalt in ihrer Hand. Endlich sollte der korrupte Seleukidenstaat aufgelöst und eine bessere politische Ordnung an seine Stelle gerückt werden. Im Jahr 64 erschien Pompeius in Syrien und wurde sofort von den streitenden Parteien Palästinas bestürmt. Er entschied sich eindeutig im Sinne des Idumäers Antipas, der erneut für den zurückgesetzten Hyrkanus II. plädierte. Vergebens versuchte der von Aemilius Scaurus begünstigte Aristobulos die Entscheidung anzufechten; er musste sich beugen, aber da er weiterhin ganz Palästina in Unruhe versetzte, wurde er von den Römern in Gewahrsam genommen. Für Jerusalem brach eine schwere Zeit an. Von Aristobulos angestiftet, weigerten sich die Jerusalemer, den Römern die Tore der Stadt zu öffnen. Pompeius belagerte daraufhin die Stadt und stieß zum Schluss noch auf erbitterten Widerstand im befestigten Tempelbezirk. Als die Gegenwehr gebrochen war, richtete das eindringende Heer in Jerusalem ein grausiges Blutbad an. Pompeius betrat mit den hohen Heerführern das Allerheiligste, übergab jedoch nach kurzer Zeit die kultischen Vollmachten an Hyrkanus, der als Hoherpriester eingesetzt wurde, aber den Königstitel verlor. Aristobulos wurde nach Rom gebracht. Nachdem Pompeius Syrien und Palästina mit dem römischen Heer durchzogen hatte, führte er eine neue politische Ordnung ein. Der ganze westliche Teil des Seleukidenreiches – Syrien und Palästina – wurde römische Provinz und erhielt die Bezeichnung »Syria«. Das Land wurde in Bezirke mit genau abgegrenzten Kompetenzen eingeteilt. In Palästina wurde das Gebiet der ehemaligen Provinz Juda mit den Landstrichen des mittleren und südlichen Jordanlandes Galiläa und Peräa zum Bezirk Judäa zusammengelegt; Pompeius respektierte die Kultprivilegien Jerusalems und vereinigte mit dem Kerngebiet Jerusalem und Juda die Landschaften, deren Bewohner zur Kultgemeinde hielten. Anderseits stellte er aber auch die von den Hasmonäern zunichte gemachten Rechte Samarias wieder her, so dass sich zwischen Jerusalem und Galiläa der Bezirk Samaria schob. Judäa wurde einem Provinzstatthalter unterstellt; von politischer Selbständigkeit war keine Rede mehr. Nur dem Hohenpriester Hyrkanus wurden als Oberhaupt der Kultgemeinde gewisse Rechte eingeräumt. Kaum war diese Ordnung geschaffen worden, als sich schon wieder neue Unruhe verbreitete. Aristobulos und seine beiden Söhne unternahmen den Versuch, die Herrschaft in Jerusalem zurückzuerobern. Die Rebellion missglückte, aber der ältere Sohn entfloh bereits vor dem Abtransport, und auch Aristobulos und der jüngere Sohn konnten später auf abenteuerliche Weise entkommen. Eine neue Phase in der Geschichte der Provinz Syria begann mit dem Jahr 49. Im Westen setzte sich Caesar machtvoll durch; Pompeius musste ausweichen und wurde 48 in Ägypten ermordet. Die beiden in Palästina führenden Männer Hyrkanus und Antipas zogen daraus die Konsequenzen und buhlten um die Gunst Cäsars; sie konnten ihn für sich gewinnen, als die römischen Truppen in Ägypten in Schwierigkeiten gerieten. Antipas stellte sogar eine Hilfstruppe auf, entsandte sie nach Ägypten und unterstützte Caesar in seinen Kriegen. Natürlich waren hohe Gegenleistungen fällig: bei seiner Rückkehr nach Syrien im Jahre 47 beließ Caesar dem Hyrkanus trotz allen Widerständen die Hohepriesterschaft als erbliches Amt und erhob ihn außerdem zum »Ethnarchen« und Bundesgenossen Roms; die Jerusalemer Kultgemeinde, fortan durch das Synedrium vertreten, erhielt das Privileg eigener Gerichtsbarkeit. Noch großzügiger wurde Antipas belohnt: ihm wurde das römische Bürgerrecht verliehen, worauf er zum Prokurator, zum höchsten Verwaltungsbeamten in Judäa also, bestellt werden konnte. Im Zuge dieser großartigen Belohnungen vergrößerte auch Caesar das Gebiet Judäas. Damit hatten sich die Verhältnisse in Palästina in kurzer Zeit gründlich geändert. Die politische Gewalt, die Pompeius den Einheimischen gerade erst entwunden hatte, kam auf dem Wege über das dem Idumäer Antipas verliehene Bürgerrecht wieder in die Hand eines Palästinensers. Der neue Prokurator konnte seine Stellung ausbauen und festigen; er beteiligte auch seine beiden Söhne Phasael und Herodes am politischen Kräftespiel, womit auf kaum übersehbare Weise der Erbanspruch auf politische Herrschaft angemeldet war. Als eigenwilliger Gebieter tat sich namentlich Herodes hervor, der wiederholt in die Kompetenzen der Jerusalemer Kultgemeinde eingriff. Der Aufstieg des Idumäers wurde in Judäa mit wachsendem Misstrauen betrachtet: neue Konflikte waren im Werden. Wiewohl Antipas bemüht war, mit der Kultgemeinde in gutem Einvernehmen zu bleiben, konnte er die Aggressivität der tatendurstigen Söhne schwerlich eindämmen. Der Konflikt wurde auf die Spitze getrieben, als die Kultgemeinde, um dem stürmischen Sohn des Prokurators auf Grund der ihr zugestandenen Gerichtsbarkeit eine Lektion zu erteilen, Herodes Vor das Synedrium zitierte. Herodes entkam, stellte eine Truppe auf und erschien drohend vor den Mauern Jerusalems. Nur das energische Einschreiten des Vaters brachte ihn von weiteren Provokationen ab. Jede Veränderung im großen Römischen Reich wirkte sich sofort auf die Verhältnisse in den Provinzen aus. Nach der Ermordung Cäsars wurde Cassius Longinus, einer der Mörder, Statthalter der Provinz Syria. In Palästina herrschten wieder einmal wirre Zustände. Antipas wurde ermordet, aber Phasael und Herodes setzten sich durch, weil Cassius, der für seine Ausbeutungspolitik aktive Vertrauensleute brauchte, ihnen den Steigbügel hielt. Sehr schnell kam freilich das böse Ende nach. Antonius etablierte seine Herrschaft auch im östlichen Teil des Reiches, war aber zunächst an ordnender Aktivität verhindert, weil die Parther siegreich vorgedrungen waren und sich in der Provinz Syria festgesetzt hatten. In dieser turbulenten Zeit machte Antigonos II., der jüngere Sohn von Aristobulos II., seine Ansprüche mit Hilfe der Parther geltend und erlangte alle Ämter, die einst der Vater an sich gerissen hatte: er wurde von den Parthern als König und Hoherpriester in Jerusalem eingesetzt. Hyrkanus wurde verstümmelt, Phasael beging Selbstmord, und nur Herodes konnte sich durch die Flucht vor dem Zugriff des Rächers retten; auf einem unzugänglichen Felsen am Westufer des Toten Meeres baute er die Festung Masada aus. In seiner leidenschaftlichen Machtgier ruhte Herodes nicht, bis er Palästina zurückgewonnen hatte. Die Nabatäer, die er zuerst um Hilfe anging, lehnten ab; da nahm Herodes die beschwerliche und gefährliche Reise nach Rom auf sich, um vom Senat seine Rechte bestätigt zu bekommen und von ihm Beistand zu erbitten. Die Kühnheit machte sich bezahlt: der Senat ernannte Herodes zum König von Judäa. Den militärischen Beistand zur Eroberung seines Landes musste der König freilich in der Provinz Syria mit Mühe und diplomatischem Geschick gewinnen. Die Parther waren inzwischen vertrieben worden, in Palästina herrschte aber noch Antigonos. Mit Hilfe römischer Truppen konnte Herodes zunächst in Galiläa Fuß fassen; erst später, nachdem die Römer mit furchtbarem Blutvergießen Jerusalem erobert hatten, trat er 37 v. Chr. seine Königsherrschaft über Judäa an. Von Machtgier besessen, verschlagen, im diplomatischen Verkehr mit den Römern überaus geschickt, ging Herodes ans Regieren. Auch in der kritischen Zeit, in der Antonius unterlag und Oktavian die Macht in die Hand bekam, konnte Herodes sein Regiment festigen. Er huldigte dem Oktavian, wurde zum »verbündeten König« erklärt und mit umfangreichen Gebietserweiterungen bedacht. Ganz Palästina war sein. Von 37 bis 4 v. Chr. regierte Herodes nach hellenistisch-römischem Vorbild als baufreudiger, prunkliebender und anspruchsvoller Herrscher. Im ganzen Lande entstanden prachtvolle Bauwerke. Samaria wurde als »Augustusstadt« (Sebaste) zu Ehren des römischen Kaisers ganz neu aufgebaut; Herodes ließ als Krönung des Werks einen Augustustempel errichten, dessen Freitreppe heute noch erhalten ist. Theater und Hippodrome, Festungstürme und Hallen entstanden. Auch Jerusalem bekam ein neues Gesicht: Mauern wurden gezogen, Türme erbaut, der gesamte Tempelbezirk erneuert. Im heutigen Jerusalem erinnert die Klagemauer mit ihren gewaltigen Quaderblöcken an die Aufbauarbeit des Herodes. Mit der Wiederherstellung der heiligen Stätten hatte er die Gunst der Anhänger der Jerusalemer Kultgemeinde gewinnen wollen. Im unzugänglichen Bergland wurden Fluchtburgen errichtet. In der heißen Jordansenke ließ der König in der Nähe von Jericho eine Siedlung mit kostbaren Gartenanlagen aufbauen. Natürlich verschlangen die Bauten enorme Geldsummen. Zahllose Menschen wurden zu den Bauarbeiten – zum Teil unter unsagbar erschwerten Bedingungen – als Pflichtarbeiter abkommandiert. Herodes regierte mit Gewalt und Terror, und jedes Mittel war ihm recht, wenn es galt, seine maßlosen Pläne zu verwirklichen. Auch das Amt des Hohenpriesters wurde ins politische Intrigenspiel hineingezogen. Selbst in der Familie scheute Herodes vor Verbrechen und Mord nicht zurück. So war es nicht verwunderlich, dass er in der Jerusalemer Kultgemeinde – trotz allen Bauten an heiliger Stätte – verhasst war. Die Judäer sahen in ihm den Fremden, den Heiden. Als Herodes vier Jahre vor Christi Geburt starb, hinterließ er eine testamentarische Verfügung über die Aufteilung des Herrschaftsgebiets, die von Augustus in Rom genehmigt wurde. Der größte Teil entfiel auf Archelaos, Herodes ältesten Sohn, der Ethnarch über Judäa, Idumäa und Samaria wurde. Ein jüngerer Sohn, der im Neuen Testament erwähnte Herodes Antipas, erhielt Galiläa und Peräa, wo er von 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. regierte; von allen Erben Herodes versuchte er sich am kräftigsten durchzusetzen. Die Unruhen in Palästina nahmen immer mehr zu. Der Hass gegen die Herodianer wuchs und traf nicht zuletzt die Römer, die hinter den idumäischen Herrschern standen, die drückende Steuern eintrieben und alle Hoffnungen Israels mit dem Gewicht ihrer Macht erdrückten. Von neuem flammten die alten national-religiösen Leidenschaften auf. Es gärte im Lande. In dieser Zeit trat in Galiläa und Jerusalem Jesus von Nazareth als Wanderprediger auf. Zunächst nahm die Weltgeschichte von ihm keine Notiz. Er sprach und handelte in der Verborgenheit eines kleinen Kreises. An den Ufern des Sees Genezareth wurde einstweilen nur von wenigen eine Botschaft (Lukas 10,23 f.) vom Anbruch der Herrschaft Gottes und von der Gegenwart der zukünftigen Welt vernommen, wie sie nie zuvor gehört worden war: Heil den Augen, die sehen, was ihr seht!
Denn ich sage euch:
Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht,
und haben es nicht gesehen,
wollten hören, was ihr hört,
und haben es nicht gehört!
Jetzt bricht die Herrschaft Gottes an. Alle Schuld wird vergeben, Kranke werden geheilt und den Armen wird das Heil (Lukas 6,20 f.) verkündet: »Heil euch, ihr Armen, denn euer ist die Gottesherrschaft! Heil euch, die ihr jetzt hungert, denn ihr sollt satt werden! Heil euch, die ihr jetzt weint, denn ihr sollt lachen!« Als die Botschaft Jesu in Jerusalem laut wurde, musste die Kultgemeinde Stellung beziehen. Es gab ernste Gegensätze. Für die Pharisäer war wesentlich, dass dieser Mann Jesus das Gesetz übertrat, dass er vor allem das Sabbatgebot verachtete. Die Kreise aber, die national-religiöse Hoffnungen hegten, glaubten, Jesus würde nun das »Reich Israel« aufrichten und den Raum der politischen Freiheit schaffen, in dem sich das letzte Gottesreich verwirklichen könnte. Die offiziellen Vertreter der Kultgemeinde wiesen den Wanderprediger streng ab; mehr noch: sie bezichtigten ihn der Gotteslästerung. Angesichts der tumultuarischen Forderung des Volkes und der Zustimmung des Prokurators Pontius Pilatus wurde Jesus von Nazareth mit dem Schandtod der Kreuzigung bestraft und am Tage vor dem Passahfest hingerichtet. Die Osterbotschaft, die dann Jesus als den von Gott erweckten Messias Israels proklamierte, ließ aus dem Judentum die christliche Kirche hervorgehen. Das Evangelium (Johannes 4,22) erklärt: »Das Heil geht von den Juden aus.« Das Ende
Von Rom aus flutete im vierten Jahrzehnt unserer Zeitrechnung eine Welle religiöser Beunruhigung in alle Länder des römischen Imperiums: der Kaiserkult sollte nun auch in den Provinzen rigoros durchgesetzt, der Herrscher als Gott verehrt werden. Zunächst war Jerusalem von diesen Maßnahmen nicht betroffen, da die Prokuratoren die Privilegien der Kultgemeinde respektierten und um der allgemeinen Ruhe und Ordnung willen die neuartige religiöse Pflicht dem Lande nicht zumuteten. Dafür hatten die Juden in der Diaspora unter dem Zwang zur Verehrung des Kaisers um so mehr zu leiden. In der Synagoge der Stadt Alexandreia, dem eigentlichen Zentrum des westlichen Diaspora-Judentums, wurde ein Kaiserbild aufgestellt; wer dem Kaiser nicht huldigte, setzte sich schweren Verfolgungen aus. Unter Caligula wurde schließlich auch Jerusalem mit der Errichtung einer kaiserlichen Kultstätte entweiht; aber schon im Jahre 41, bald nach der Aufstellung des Bildes, wurde Caligula ermordet, was der Kultgemeinde viel Leid ersparte. Die Übergriffe der Römer hatten in Palästina ohnehin eine aufrührerische Stimmung erzeugt. Für radikale Gewaltmaßnahmen zum Sturz der Römerherrschaft setzte sich eine starke Richtung, Zeloten (Eiferer) genannt, ein. Schon wurden keine Steuern mehr entrichtet; schon fanden sich insgeheim Zirkel zusammen, die politische Veränderungen mit aller Macht erzwingen wollten. Vorbehaltlos standen auf seiten der Römer nur die Herodianer, die sich nur dank der Hilfe der Römer halten konnten. Zwischen 41 und 44 ließen die Römer den Enkel des großen Herodes, Herodes Agrippa I., in Palästina herrschen. Als er plötzlich starb, trauten die Römer seinem jungen Sohn Herodes Agrippa II. die Herrschaft über das unruhige, brodelnde Palästina nicht zu, sondern machten ihn zum König des kleinen Chalkis in der Senke zwischen Libanon und Antilibanon, übertrugen ihm aber zugleich die Oberaufsicht über den Tempelkult in Jerusalem. Schon diese eigenartige Kombination deutet die Komplikationen an, in denen sich die Provinz Syria nun immer mehr verfing. In den folgenden Jahren wurden Statthalter und Prokuratoren ständig neu berufen und bald wieder abgesetzt: die einen, weil sie sich als unfähig, die anderen, weil sie sich als korrupt erwiesen. Zu ernsten Konflikten kam es um 50 n. Chr. Einmal hatten römische Soldaten Angehörige der Jerusalemer Kultgemeinde beim Passahfest verspottet; zum anderen waren galiläische Festpilger von Samaritern überfallen worden, ohne dass der bestochene römische Prokurator gegen die Mörder eingeschritten wäre. Heftige Protestaktionen der Zeloten trieben die römischen Behörden so sehr in die Enge, dass sie, um die Bevölkerung zu beruhigen, die Hinrichtung führender Samariter befahlen. Das half nicht lange. Tumulte und Rebellionen fanden kein Ende mehr. Sechzehn Jahre später ereignete sich ein neuer Zwischenfall: in Jerusalem wurde der Prokurator in aller Öffentlichkeit verhöhnt, und zur Strafe ließ er die Stadt von römischen Truppen plündern. Die Antwort war ein Aufstand; allerorten bemächtigten sich die Zeloten der Führung der Aufstandsbewegung; in Jerusalem belagerten die Aufständischen die Burg Antonia. Zur Verstärkung der römischen Garnison wurden zwar Hilfstruppen aus dem Norden angefordert, aber Jerusalem blieb in den Händen der Insurgenten, und auf dem Marsch nach Jerusalem wurde eine römische Legion überfallen. Ohne Organisation streiften Zelotengruppen im Lande umher und stifteten Unordnung. Diese anarchische Lage konnten die Römer auf die Dauer nicht dulden. Nachdem Nero Kaiser geworden war, wurde die Wiederherstellung der Ordnung in der Provinz Syria beschlossen und die »Pazifizierung« dem Feldherrn Flavius Vespasianus übertragen; er traf Ende 66 in Syrien ein und begann sofort mit Vorbereitungen für einen Palästina-Feldzug. Im Frühjahr 67 wurde Galiläa besetzt. Überall leisteten die Zeloten erbitterten Widerstand, wurden aber von der Übermacht des römischen Heeres zermalmt. In Jerusalem tobten innere Kämpfe, in denen die Zeloten die Oberhand gewannen und beschlossen, die Stadt mit allen militärischen Mitteln gegen das römische Heer zu verteidigen. Der römische Feldherr ließ ihnen Zeit; erst 68 hatte er das umliegende Gebiet von Kämpfenden gesäubert und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Belagerung geschaffen. Aber nun starb Nero, und alles kam zum Stillstand. Im Jahre 69 wurde schließlich der Angriff begonnen. Mittlerweile war Flavius Vespasianus in Ägypten und Syrien zum Kaiser ausgerufen worden; jetzt war es ihm wichtiger, fürs folgende Jahr seinen Einzug in Rom zu organisieren. Die Leitung der Eroberungsaktion ging auf den Feldherrn Titus über. In der Stadt wüteten immer noch die Parteigegensätze. Ausgehungert und ausgebrannt fiel die Stadt dem römischen Feldherrn in die Hand. Sie wurde niedergerissen und restlos zerstört. Wer nicht in dem grausigen Blutbad umgekommen war, floh ins Gebirge oder in die Fremde. In Rom zog Titus als Sieger ein. Von seinem Triumphzug kündet der berühmte Titusbogen, auf dem unter der Beute auch der siebenarmige Leuchter des Tempels zu erkennen ist. Mit dem Triumph war das Nachspiel der Strafexpedition nicht abgeschlossen. Im Süden Palästinas sammelten sich die zersprengten Eiferer in den Fluchtburgen des Herodes, in Herodeion, Masada und Machaerus. Aber auch diese Bollwerke fielen bald in die Hände der Römer. Die Pharisäer, die das politische Treiben der Zeloten verdammt hatten, waren nun die führenden Männer des zerrissenen Judentums. Das religiöse Zentrum, der Tempel, war vernichtet. Die frommen Lehrer konnten die zersprengte Gemeinde nur noch um das Gesetz der Väter sammeln. Zum Mittelpunkt des religiösen Lebens wurde der Ort Iamnia, von wo aus die Geschicke der weiter im Lande lebenden Juden geleitet wurden. Aber noch waren im enthaupteten Palästina die national-religiösen Eiferer im geheimen am Werk. Sie warteten auf die günstige Stunde für eine neue Erhebung, und diese Stunde schien zur Zeit des Kaisers Hadrian (117-138 n. Chr.) gekommen. Unter der Führung Bar Kochbas wurden fürs erste große Erfolge im Süden des Landes erzielt; die Bewegung proklamierte die »Befreiung Israels«, und eine neue Ära schien heraufzuziehen. Doch dauerte es nicht lange, bis das römische Heer Zugriff, die Aufstandsbewegung niederwarf und die Männer Bar Kochbas zersprengte; von ihren letzten Tagen künden die neuerdings am Toten Meer aufgefundenen Texte. Mit der Zerstörung des kultischen Zentrums der Jerusalemer Kultgemeinde war dem alten Israel, wie es auch in der nachexilischen Kultgemeinde noch lebendig geblieben war, das Fundament genommen. In Iamnia wurden die heiligen Schriften in einem endgültigen Kanon erfasst, und von hier aus nahm die Geschichte des nachbiblischen Judentums ihren Ausgang: eine Geschichte der Zerstreuungen, Wanderungen, Sammlungen und unendlichen Leiden in der Fremde.