Juden in der Antike und im Frühmittelalter

Nicht erst seit der endgültigen Vertreibung durch die Araber aus Palästina im 7. Jahrhundert oder seit den Verfolgungen im 13., 14. und 15. Jahrhundert in England, Frankreich und vor allem Spanien lebten Juden auf deutschem Boden. Schon erheblich eher, schon mit den römischen Legionen reisten Händler der jüdischen Glaubensgemeinschaft auch nach Gallien und Germanien, verstärkt seit der Vernichtung ihres Tempels in Jerusalem im Jahre 70 und seit dem Bar Kochba-Aufstand 132-135, der zur Zerschlagung des jüdischen Staates durch die Römer führte. Zu bedeutend ist der Anteil der Juden an deutschem Kultur- und Geistesleben, an historischer und sozialer Entwicklung, als dass wir nicht auch ihren Spuren in unserer Vergangenheit nachgehen müssten. Die blutigen Gräuel und Massenmorde an ihnen haben Vorläufer in unserer mittelalterlichen Geschichte, und doch ist da auch eine ganz andere Tradition, die der zeitweisen Zusammenarbeit, der Toleranz und gegenseitigen Förderung. Über die Juden in den Römerstädten auf germanischem Boden sind wir nur unzureichend unterrichtet. Von der Judengemeinde in Trier erfährt man nur, dass sie durch eingeführte Terrakotten einheimischen Töpfern Konkurrenz machte. Da Kaiser Valentinian I. 368 von Trier aus untersagte, Synagogen mit Einquartierungen zu belegen, nimmt man an, dass zumindest in Trier, seiner Residenzstadt, ein Gotteshaus der Juden existierte. Um 350 wird ein Simeon Bischof von Metz, der vor seinem Übertritt zum katholischen Glauben der jüdischen Gemeinde der Stadt angehörte. In Regensburg und in Köln befanden sich archäologisch und historisch belegbar, die mittelalterlichen Judenviertel noch in den alten Quartieren der Römerzeit innerhalb der schützenden Mauern. Während der Germanenstürme der Völkerwanderungszeit ging mit der kolonialrömischen Bevölkerung auch manche jüdische Gemeinde unter, doch hielten sich mit den Resten der alten Bevölkerung auch jüdische Ansiedler, so in Mainz und Worms, gingen ihren Berufen wie Händler, Handwerker und Winzer nach. Es bedurfte also keiner gänzlichen Neubesiedlung der Judenviertel. Von einer lückenlosen Geschichte der Juden auf fränkisch-deutschem Boden kann seit den Karolingern geredet werden. Karl der Große, der z. B. den Juden Isaak mit der Gesandtschaft zu Harun al-Raschid beauftragt hatte, ließ Juden in seinem Reich zu. Sie saßen an den Knotenpunkten des Fernhandels, so in Metz, Trier und Köln, in Mainz, Worms und Prag, im 9. Jahrhundert kamen Würzburg, Bamberg und Erfurt hinzu – an der Straße in die neuen Kolonialgebiete. Wuchsen diese Städte, so wuchs auch die jüdische Gemeinde, um 1090 werden für Köln und Mainz 2500 jüdische Seelen vermerkt. Rechtlicher Schutz und Toleranz
Im Karolingerreich waren Juden frei, durften Grund und Boden erwerben und Waffen tragen. Da sie aber rechtlich schutzlos waren, erbaten sie von Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen Schutzbriefe, die stets nur einzelnen Juden oder Gemeinden, nie der gesamten sozialen Gruppe gewährt wurden. Die Briefe gestanden ihnen Schutz des Lebens, der Ehre, des Eigentums, der Religionsausübung und Freiheit des Handels zu. Später traten mitunter Freiheit von Binnenzöllen, Straßenabgaben und Dienstleistungen (Fron) hinzu. Handel mit Kirchengeräten war ihnen verboten, doch durften sie heidnische Sklaven auch dann behalten, wenn diese getauft worden waren. Christliche Lohnarbeiter durften von ihnen an Sonn- und Feiertagen nicht beschäftigt werden, wohl aber am Sabbat. Für diesen Schutz hatten die Juden dem König jährlich ein Zehntel ihres Handelsgewinnes abzuführen. Die Einnahme konnte der König auch verschenken oder verpfänden. Schon Otto der Große schenkte die Juden und die Kaufmannschaft in Magdeburg und Merseburg an die dortigen Bischöfe, die damit Judenschutzherrn wurden. Nach und nach sicherten sich auch die anderen Bischöfe des Reichs die ›gute Einnahmequelle‹, schließlich auch einige Fürsten, vor allem, wenn ein Pfand verfiel, das durch die Judensteuer gesichert war. Daher versteht man, dass die Judenschutzherrn jeden Angriff auf ihre Schützlinge zu verhindern suchten, denn mit deren Tod versiegte ja zumeist auch eine wichtige Einnahme.