Frühmittelalter – Judengemeinden, Judenrechte und Verfolgung

In den Städten wohnten die Juden in eigenen Gassen, nicht also in Gettos, sie kamen erst im 14. Jahrhundert auf. Dieses Zusammenleben in eigenen Gassen kannten ja auch die in Zünften organisierten Handwerker. Stärker als die Zünfte wurden die Juden durch das Ritualgesetz, den gemeinsamen Gottesdienst, die Sabbatheiligung und die strenge Kindererziehung verbunden. Sie waren zwar rechtlich gesehen »Fremde«, doch nicht abgesondert. In Köln lag das Rathaus »inter Judaeos«, also Wand an Wand zu Judenhäusern. Auch das kirchliche Recht gewährte Juden das Recht auf Leben und Eigentum, schränkte jedoch ihre Bewegungsfreiheit ein, etwa durch das Verbot, sich zwischen Gründonnerstag bis Ostersonntag auf dem Markt zu zeigen »wie zum Hohn«. Dass immer mehr Juden sich dem Warenhandel zuwandten, hatte seine Ursache nicht allein in Verdrängung aus anderen Berufssparten, sondern ebenso in ihren durch die Not der Vertreibungen geschaffenen internationalen Beziehungen zu Verwandten und Bekannten, in ihrer Kenntnis orientalischer Sprachen und dem soliden Kredit, den sie über Ländergrenzen hinweg bei ihren Glaubensbrüdern genossen und dank strenger Vorschriften auch durch Generationen behielten. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die letzten jüdischen Bauern und Winzer, die letzten Judengemeinden auf dem Lande verdrängt und in die Städte gejagt, weil im Gefolge der Kreuzzugstimmung ihr Dasein als Beschmutzung der gottgeweihten Erde angesehen wurde. Gegen einzelne Juden ging die Dorfgemeinde vor, gegen jüdische Siedlungen der Grundherr, der selbst oder dessen Sippe an den Kreuzzügen teilnahm. Der Platz, an dem die Synagoge gestanden hatte, wurde am besten durch den Bau einer Marienkapelle oder Marienkirche ›entsühnt‹. In den Städten wurde die ausnahmslose Verdrängung der Juden aus den Handwerken, beginnend bei den Goldschmieden und endend bei den Schuhflickern (Altreußen), durch die Zünfte besorgt, den Zusammenschluss gleicher Handwerker, die bis zum Ende des Alten Reiches auch religiöse Gemeinschaften waren. In größeren Städten hatten sie eigene Altäre, konnten im Spätmittelalter eigene Geistliche für die zahlreichen Namenstags-, Geburtstags-, Trauer- und Gedenkfeiern besolden. Von der Aufnahme als Lehrling waren nicht nur unehelich Geborene und Unehrliche (Nachfahren von Henkern, Abdeckern, Schäfern, Landfahrern usw.) ausgeschlossen, sondern vor allem die »Feinde Christi«, deren Vorfahren durch die Kreuzigung Christi unermessliche Blutschuld auf sich geladen hätten. Damit möglichst jeder Kontakt zwischen Juden und Christen unmöglich gemacht wurde, durften Juden kein christliches Gasthaus betreten, mit Christen weder zusammen essen, noch baden oder gar tanzen. Damit Juden im Straßenbild auffielen und gemieden werden konnten, mussten sie eine unterschiedliche Kleidung tragen, die je nach Landstrich und Diözese genau in Ärmellänge, Kragenform, Stoffart und Wert vorgeschrieben war. Allgemein üblich war die Verpflichtung der Männer, einen hohen gelben Hut mit einem Horn oder Knauf zu tragen. Judenrechte und Judengemeinden
Obwohl zur Jahrtausendwende die Juden geschützt erscheinen, kam es doch zu gelegentlichen Übergriffen. So ließ Kaiser Heinrich II. 1012 zu, dass die Juden gewaltsam aus Mainz vertrieben und Zwangstaufen vorgenommen wurden. Die Rückkehrer erwarben einen eigenen Friedhof, um die Toten der Metzeleien zu bestatten. Bei Panik, wie der Feuersbrunst 1084 in Mainz, entlud sich der Zorn der geängstigten Bürger in einer Judenverfolgung. Die flüchtigen Juden nahm Bischof Rüdiger in Speyer auf, der ihnen Siedlungsgelände gegen einen jährlichen Zins überließ, ihnen vorteilhafte Gesetze schuf, um sie als Händler an seine Stadt zu binden. Kaiser Heinrich IV. bestätigte diese Judenrechte bei einem Aufenthalt in Speyer 1090 und verlieh sie auch den Juden in Worms, die, wie alle Bürger dieser Stadt, ihn gegen den Bischof unterstützt hatten. Zu den unterschiedlichen noch aus der Karolingerzeit geläufigen Rechten kam z. B. hinzu, dass niemand Judenkinder zwangsweise taufen dürfe, eine solche Handlung eine Geldbuße nach sich ziehe, wer sich freiwillig taufen lasse, verliere sein Erbteil. Die Juden in vielen Städten bildeten eigene Körperschaften mit einem Vorsteher, auch Judenbischof oder später Judenmeister genannt. Für die Gerichtsbarkeit standen ihm die Rabbiner zur Seite, obwohl jeder Jude auch das städtische oder bischöfliche oder ein aus jüdischen und christlichen Richtern besetztes Gericht anrufen konnte. Die Judengemeinden besaßen Synagogen (Kirchen, von griech.: Versammlungshaus), von denen als älteste die Kölner 1012 erwähnt, die Wormser 1034 erbaut wurde. Die Reste in Worms, Speyer, Andernach und Friedberg sind Anlagen nach römischem Muster. In Worms, Köln, Friedberg sind ritueller Reinigung dienende Frauen-Bäder der Gemeinde noch gut erhalten. »Wer einen Juden tötet, erhält Vergebung seiner Sünden«
Gefährlich wurde diesen Gemeinden der Aufruf des Papstes Urban II. zum Kreuzzug gegen die türkischen Seldschuken, um das Heilige Grab aus den Händen der ›Ungläubigen‹ zu befreien, die es seit 1071 besaßen. Bereits im Winter 1095 sammelten sich ungeordnete Scharen von Kreuzfahrern vor allem in Nordfrankreich und fielen über die »Feinde Christi« im eigenen Land her. Als Gottfried von Bouillon drohte, er werde das Blut Christi an den Juden rächen und keinen von ihnen am Leben lassen, erinnerte die Mainzer Judengemeinde Kaiser Heinrich IV. an sein Schutzversprechen. Der befahl zwar allen Fürsten, die Juden zu schützen, doch kassierte Gottfried von Bouillon in Köln und Mainz unverfroren »Beschwichtigungsgelder«. Einige Wochen später schröpfte Peter von Amiens die Judengemeinde Trier, die sich wie andere Gemeinden an seinem Wege nach Ungarn loskaufen musste. Hinter diesen Ritterscharen kamen aber Horden von Bauern, Stadtvolk, nachgeborenen Rittersöhnen und Kriminellen, die keine Eile hatten, das Heilige Grab zu befreien. Salomon bar Simson schreibt: »Als die Kreuzfahrer in die Städte kamen, in denen Juden wohnten, sprachen sie: Sehet, wir ziehen den weiten Weg, um die Grabstätte aufzusuchen und uns an den Ismaeliten zu rächen, und siehe, hier wohnen Juden, deren Väter ihn unverschuldet umgebracht und gekreuzigt haben. So lasst uns zuerst an ihnen Rache nehmen und sie austilgen unter den Völkern, dass der Name Israel nicht mehr erwähnt werde, oder sie sollen unseresgleichen werden und zu unserem Glauben sich bekennen.« Dieser Rachegedanke gepaart mit Bekehrungssucht und der Hoffnung auf das eigene Seelenheil verknoteten sich. Bald hieß es: »Wer einen Juden tötet, erhält Vergebung aller seiner Sünden.« In Metz wurden 22 Juden getötet und viele zwangsweise getauft. In Trier flohen die Juden in die Pfalz des Bischofs, mussten alles Eigentum den Plünderern überlassen. Der Bischof, der die Juden zunächst geschützt und ihnen zur Taufe geraten hatte, wurde mit Schlägen bedroht und floh aus der Stadt. Als die Lage immer auswegloser wurde, töteten einige Juden ihre Kinder, stürzten sich Frauen in die Mosel. Ein Kreuzzughaufen aus Bauern und Abenteurern, angeführt von Graf Emicho von Leiningen, ließ sich nicht mit Geld und Proviant besänftigen. Sie zogen kreuz und quer durch die Rheinlande, rotteten die Judengemeinden in Köln, Xanten und Neuss aus, verschonten weder Greis noch Kind. Sie plünderten die Häuser, raubten die Leichen aus, warfen sie nackt auf die Straße und zerschlugen alles, was sie nicht mitnehmen konnten. Je mehr sich die Fanatiker steigerten, desto mehr Juden wurden gemordet. Waren es in Speyer elf gewesen, so in Worms schon 800 und in Mainz über 1000. Hier gelang es dem Gemeindeältesten, dem Gelehrten Kalonymos ben Meschullam, mit Freunden und seiner Familie auf einem Schiff zu entkommen, das ihm Erzbischof Ruthard von Mainz gegen hohe Gebühr überlassen hatte. Als sie heil in Rüdesheim ankamen, aber zwangsgetauft werden sollten, ertränkten sie sich im Rhein. Auf ihrem Wege nach Ungarn und Bulgarien rotteten Kolonnen auch die Judengemeinden in Regensburg und Prag aus. Das Entsetzen über die brutalen Überfälle zitterte bei den Juden Mitteleuropas lange nach. Viele glaubten, von Gott ihrer Sünden wegen gestraft worden zu sein, eine Erklärung, die der christlichen Umwelt sehr zusagte. Die Zwangsgetauften durften zum Glauben ihrer Väter zurückkehren, ohne dass die Geistlichkeit einschritt. Papst Clemens III. forderte sogar den Bischof von Bamberg auf, sofort mit seinen Klerikern gegen das »frevelhafte« Zwangstaufen einzuschreiten. Nach seiner Rückkehr aus Italien ließ Kaiser Heinrich IV. sofort die Vorfälle untersuchen, vor allem nach dem geplünderten Vermögen der getöteten Juden forschen, denn darauf machte er sein Heimfallrecht geltend. Bischof Ruthard z. B. wurde der Bereicherung angeklagt und floh aus Mainz. 1103 erstmals Schutzbedürftigkeit aller Juden festgelegt
Eine politische Folge der mörderischen Exzesse war die Tatsache, dass im Reichslandfrieden Heinrichs IV., der 1103 in Mainz beschworen wurde, als schutzbedürftige, daher besonders »befriedete« Personen neben Geistlichen und Mönchen, Frauen und Kaufleuten auch die Juden genannt werden, weil sie keine Waffen mehr tragen dürfen und sich nicht selbst schützen können. Zum ersten Mal wird die Schutzbedürftigkeit aller Juden betont, nicht mehr der einzelne Jude oder die einzelne Gemeinde in Schutz genommen. In der Bulle »Sicut Judaeis« von 1119 wird den Juden ausdrücklich der Schutz ihres Lebens, Eigentums und ihrer Religion zugesichert. Seitdem bildete sich ein eigenes »Judenrecht« im kirchlichen Bereich heraus. Die Gemeinden erholten sich langsam vom Aderlass, öffneten die Lehrhäuser wieder oder errichteten neue in Speyer, Bonn, Würzburg, Regensburg und Prag. Da eroberte Sultan Zengi 1144 die Festung Edessa und bedrohte damit die vier Kreuzfahrerstaaten. Bernhard von Clairvaux entfachte durch seine Beredsamkeit eine gewaltige Kreuzzugsbewegung, die weit über Frankreich hinausreichte. Einer der Propagandisten, der Mönch Radulf von Clairvaux, hetzte in Frankreich und im Rheinland gegen die Juden, die als Feinde Christi getötet werden müssten. Als es in den rheinischen Städten zu grausamen Verfolgungen kam, eilte Bernhard von Clairvaux selbst nach Deutschland und konnte mit Predigten und zwei Briefen die Verfolgung beenden, Kaiser Konrad III. und viele deutsche Fürsten überreden, am Weihnachtsfest 1146 das Kreuz zu nehmen. Die Juden, die sich nach Nürnberg oder auf die Wolkenburg bei Königswinter oder auf Rittersitze geflüchtet hatten, kehrten zurück.

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Info 22.11.2017 17:39
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