Judenverfolgung im Frühmittelalter

Bei der plötzlich in Würzburg im Februar 1147 ausbrechenden Judenverfolgung kam ein neues Motiv ins grausame Morden von 22 Juden. Als das Kreuzfahrerheer König Ludwigs VII. von Frankreich durch die Stadt zog, wurde die zerstückelte Leiche eines jungen Mannes gefunden, von dem plötzlich alle wissen wollen, dass er Dietrich heißt und bei einem Ritualmord der ansässigen Juden sein Blut habe geben müssen. Der Bischof, der den Fall klären will, muss, um nicht gesteinigt zu werden, Tage in einem festen Turm zubringen und das Spital, in dem der Jüngling beigesetzt wurde, auf ihn umbenennen. (Als Arzt an diesem Dietricherspital ist 1218-1225 Süßkind von Trimberg nachgewiesen, der einzige jüdische Minnesänger.) In jener Zeit taucht auch in den Schriften der Begriff »jüdischer Wucher« auf. Zwar bemerkte schon Bernhard von Clairvaux, dass es die Christen da, wo es keine jüdischen Geldverleiher gebe, weit schlimmer als die Juden trieben, doch benutzt er für »wuchern« bezeichnenderweise das lateinische Verbum »iudaicare« (jüdisch handeln). Nun war der Handel nichts spezifisch Jüdisches, doch spielten Juden dank ihrer Beziehungen und Kreditmöglichkeiten eine hervorragende Rolle, gerade im Osthandel nach Sachsen, Polen, Ungarn. Regensburger Juden rüsteten im 11. und 12. Jahrhundert Karawanen nach Kiew zu Lande und zu Wasser aus, die später durch die Juden in Wien und Prag besorgt wurden. Reger Handel bestand mit England, aber auch mit Frankreich und Spanien. Die dreimal im Jahr zu Köln gehaltene Messe wurde überwiegend von Binnenhändlern besucht, wobei Juden vor allem als Geldwechsler tätig waren. Konkurrenz für Christen
Bis ins 11. Jahrhundert hinein waren – was für uns heute vielleicht überraschend klingt – die Klöster und Stifte die großen Darlehensgeber. Juden dagegen liehen Geld auf längere Zeit zunächst nur an Glaubensgenossen, so etwa auf Pfänder oder als Vorschüsse auf Messen. Das erste beurkundete jüdische Darlehen für Christen stammt erst von 1107. Da Kaiser Heinrich V. den Herzog Svatopluk von Böhmen nur gegen ein großes Lösegeld aus der Gefangenschaft entlassen wollte, musste der Bischof von Prag fünf Pallien (schmale Schultertücher des Papstes oder der Erzbischöfe) bei Regensburger Juden für 500 Mark Silber versetzen. Auch später versetzten hohe Geistliche immer wieder vorzugsweise Altargeräte, um den Zorn der Christen auf die Juden zu lenken. Dass Juden trotzdem Geld auf kirchliches Gerät liehen, hat mit der Sicherheit zu tun, die hohe Geistliche zu stellen vermochten, auch mit dem Schutz der Geschäfte, denn wenn die ›Schutzjuden‹ nicht gut verdienten, dann konnten auch keine Gebühren und Steuern neben dem Judenschutzgeld erhoben werden. Dass sich die Klöster aus dem Geldgeschäft zurückzogen, nur gelegentlich zinslose Darlehen gaben, sahen die geistlichen Schutzherrn gern, denn Klöster und Stifte zahlten keine Steuern, Juden aber das Doppelte und Dreifache eines christlichen Kaufmanns. Juden sind als ›Sonderklasse‹ zu behandeln
In einer Beschwerde an die deutsche Geistlichkeit dringt Papst Gregor IX. (1227-1241), die »frechen Übergriffe« der Juden endlich einzudämmen. Sie hielten sich angeblich christliche Sklaven, die sie beschnitten und so gewaltsam zu Juden machten – Gregor IX. unterstellt also den Juden das, was Christen mit der Zwangstaufe tatsächlich praktiziert hatten. Obwohl Konzilsbeschlüsse ausdrücklich verboten hätten, Juden ein öffentliches Amt zu geben, würden ihnen solche anvertraut, die sie doch nur nutzten, um gegen die Christen zu wüten. Die christlichen Ammen und Dienerinnen (so ein ganz neuer Vorwurf) würden von Juden verführt oder missbraucht, was einen Christen mit Schrecken und Abscheu erfülle. Obwohl Konzile vorgeschrieben hätten, dass Juden beiderlei Geschlechts sich jederzeit durch Kleidung von den Christen unterscheiden sollten, sei in gewissen Gegenden Deutschlands überhaupt kein Unterschied festzustellen. Unwürdig sei es, wenn Christen durch den Umgang mit Juden sich befleckten und die christliche Religion in Schwierigkeiten bringe. Besonders scharf wurden Religionsgespräche verboten, damit einfältige Menschen nicht auf die Wege des Irrtums gerieten. Falls die Geistlichen nichts erreichten, sollten sie die Hilfe der weltlichen Macht beanspruchen. Sechshundert Jahre später werden die gleichen Worte zum geifernden Vokabular des »Stürmers«, der zu Rassenhass und zum größten Massenmord in der Menschheitsgeschichte aufhetzt.