Die Bengalische Hungersnot

Die bengalische Hungersnot des Jahres 1770 erreichte ein ungeahntes Ausmass. Im Jahr 1768 war die Ernte schlecht, aber die Vorräte reichten, um eine Hungersnot abzuwenden. Im September 1769 endete jedoch eine willkommene Regenzeit, und die Herbsttrockenheit begann. Die Reisfelder in Bengalen, eine unentbehrliche Nahrungsquelle, sahen nach den Worten eines Beobachters bald aus »wie Felder mit getrocknetem Stroh«. Die Behörden zögerten, weil sie schon oft vor drohenden Hungersnöten gewarnt worden waren, die nie eintraten. Doch im Jahr 1770 befand sich Bengalen mitten in einer der schlimmsten Hungersnöte seiner Geschichte. Die Hölle auf Erden
Die Vorräte waren bald verbraucht, und in ihrer Verzweiflung begannen die Menschen, alles zu verkaufen, was einen Wert hatte, um Getreide oder Mehl kaufen zu können. Nachdem sie all ihre landwirtschaftlichen Geräte, Kleider (wenn sie wohlhabend waren) und Juwelen verkauft hatten, verkauften sie einem Chronisten zufolge sogar »ihre Söhne und Töchter, bis sie keine Kinderhändler mehr fanden«. Als die Not größer wurde, »aßen sie das Laub von den Bäumen und das Gras vom Feld, und im Juni 1770 bestätigte der Resident während der Galaaudienz, dass die Lebenden die Toten verzehrten«. Der Regen kehrt zurück
Die Katastrophe war so groß, dass Reiche und Arme gleichermaßen an Hunger oder Krankheiten starben. Eine adelige Familie musste sogar das Familiensilber einschmelzen, um die Beerdigung des Vaters zu bezahlen, denn die Wirtschaft brach zusammen. Die Behörden registrierten im Sommer 1770 rund 10 Millionen Tote, eine unglaubliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Hungersnot nur einige Monate dauerte. Bengalen hat meist drei Ernten: im Frühling, im Frühherbst und im Dezember. Der Regen kehrte Anfang September zurück, und am Monatsende wurde eine gute Ernte eingefahren. Die Katastrophe zeigt, wie gefährdet die Menschen in Indien damals waren. Nach der Hungersnot blieb Bengalen etwa 15 Jahre entvölkert, da viele Kinder verhungert waren. Fakten
1. 1769 herrscht eine lange Trockenheit, so dass wichtige Feldfrüchte verdorren.
2. Im Sommer 1770 sterben rund 10 Millionen Menschen an Hunger und Krankheiten.
3. Nach der Hungersnot ist Bengalen noch 15 Jahre lang entvölkert.