Die griechische Kunst (1100 bis 31 v. Chr.)

Die Ursprünge griechischer Kunst gehen auf die mykenische Kunst des 16. Jahrhunderts v. Chr. zurück. Nach deren Untergang im 12. Jahrhundert v. Chr. folgte ein »dunkles Zeitalter«. Die einzigen kulturellen Zeugen dieser Zeit sind Töpferarbeiten, die mit einfachen geometrischen Formen dekoriert sind, deshalb spricht man von einem »protogeometrischen« Stil. Im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. entstand durch die Ausweitung des Handels und die Anforderungen, die eine sesshafte Bevölkerung an ihre Künstler stellt, eine Reihe zweckmäßiger wie auch künstlerisch ansprechender Gegenstände. Die Zickzacklinien und andere Motive des eigentlich »geometrischen« Stiles wurden im Laufe des 8. Jahrhunderts v. Chr. durch einen erzählenden, einen Bilderstil, verdrängt. Noch gab es keinen Versuch, Perspektiven anzudeuten oder Bewegungen darzustellen. Wiedergaben von Trauerprozessionen und Kämpfen waren die ersten Schritte auf dem Weg zu einer erzählenden Kunst, deren Themen entstammten vor allem den heroischen Erzählungen der Ilias und Odyssee. Von etwa 800 bis 500 v. Chr. datiert man die archaische Zeit, die Archaik stand unter östlichem Einfluss, insbesondere durch den Handel mit Phönizien. Die archaische Zeit
Die Vasenmalerei wird freier, kraftvoller, ungebundener. Daneben treten in wachsendem Maß Kleinkunst und Kunstgewerbe in Ton und Erz. Zu Beginn der eigentlichen Epoche griechischer Plastik (Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr.) entstehen zahlreiche überlebensgroße Jünglingsbilder (Kouroi). Vorderasiatische und ägyptische Monumentalfiguren mögen hierzu Anregungen gegeben haben. Die Haltung der Jünglinge ist streng frontal, der linke Fuß vorgeschoben, die Arme sind straff herabgeführt, die Hände als Faust geballt und den Oberschenkeln verhaftet. Diese Plastiken zeigen den menschlichen Körper in seinem Aufbau und verdeutlichen die Funktion seiner Glieder. Jede Tracht und Gewandung hätten nur gestört. In der Baukunst des 7. Jahrhunderts zeigt sich ein entscheidender Wandel. Die bis dahin bekannte Holz- und Lehmbauweise wird durch den Steinbau (verputzter Kalkstein, später Marmor) verdrängt, monumentale Formen waren dadurch möglich. Die Grundform des rechteckigen Tempels entwickelt sich, mit Cella, Vorhalle und Säulen bildet sich der Antentempel, aus diesem der Tempel mit der umlaufenden Säulenhalle (Peripteros). Allgemein wurde eine strenge Gleichgewichtigkeit in Aufbau und Umriss angestrebt. Der architektonische Körper des dorischen Tempels ist allseitig gleichgewichtig: Er kennt keine Vorder- oder Rückfront. Die Langseiten unterscheiden sich in ihrem Aufbau bis zum horizontalen Gesims nicht von den Stirnseiten. Erst über dem waagrechten Geison (»Kranzgesims«) entwickeln sich an den Fronten die Giebel, von den Langseiten steigt das Dach im flachen Winkel auf. Der dorische und der ionische Stil
Die Bauten des dorischen Stils waren massig und gedrungen (Korinth, Ägina, Korfu). Vollplastische Bildwerke schmückten die Giebel, Reliefs die Metopen zwischen den Triglyphen des Architravs. Von der kleinasiatischen Küste ausgehend, entwickelte sich seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. der ionische Stil. Die Form des Voluten-Kapitells bildete sich aus, die für die klassische Zeit typisch ist: Schlanke Säulen steigen von reich durchgebildeten Basen auf. Der Architrav ist in drei waagrechte Streifen gegliedert. Ein Zahnschnittgesims bildet den Abschluss. Die Tempel in Ephesos und Samos mit doppelten Säulenreihen sind Zeugen jener Zeit. Attika, das Zentrum der klassischen Kunst
In Attika wird der ionische Stil umgebildet: reichere Kapitellformen, ein mit Skulpturen verzierter durchlaufender Fries, darüber ein auskragendes Gesims wie beim Niketempel in Athen. Die um 500 v. Chr. aufkommende korinthische Ordnung mit korbartigem Kapitell und Akanthusblättern setzt sich gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. durch und bestimmt die griechische Architektur in der Folgezeit. Die Wand- und Tafelmalerei ist nur literarisch bezeugt, die Vasenmalerei gewinnt im 6. Jahrhundert v. Chr. jedoch immer mehr Bedeutung. Tiere, Pflanzen und Ornamente werden zu einem teppichartigen Flächenstil verbunden, oft findet man dekorative und erzählende Momente gleichzeitig. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts setzt sich der reine Bilderstil durch: Die schwarzfigurige wird durch die rotfigurige Malerei verdrängt, ein besonderes Verdienst der attischen Werkstätten. Sie erreichen damit auch in der Vasenmalerei das hohe Niveau der klassischen Kunst. Die Bronzebearbeitung
Nach dem glücklichen Ausgang der Perserkriege kam es überhaupt zu einem schöpferischen Aufschwung. In der Plastik ist das Archaische bald überlebt, die anatomische Bewegung wird erfasst, die Funktion der Beine unterschieden. Zeugen dieser künstlerischen Wende sind die kämpfenden Krieger aus den Giebelfeldern des Tempels von Ägina. Die eindrucksvollsten, uns bekannten Werke der frühen Klassik (500-450 v. Chr.) aber, des strengen Stils, sind Giebel und Metopen von Olympia. Als Beispiel für die hohe Kunst der Bronzebearbeitung gilt der delphische Wagenlenker (470-460 v. Chr.) und der Poseidon von Kap Artemision (um 450 v. Chr.). Die meisten Bildwerke dieser Zeit sind nur in römischen Kopien des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. erhalten. Um 450 v. Chr. begann für die griechische Kunst eine Periode, die die folgenden Generationen als die klassische Zeit bezeichnet haben. Auf der Grundlage des Vorhandenen nahm sie neue Impulse und Ideen auf, besonders verarbeitete sie Einflüsse aus dem Osten. Massvolle Klassik
Den Übergang zur Klassik des 5. Jahrhunderts markiert Myron mit seinem Diskuswerfer und der Athena-Marsyas-Gruppe, mit Phidias und Polyklet erreicht sie dann ihre Blütezeit. Dem politischen, wirtschaftlichen und geistigen Höhepunkt Anikas entspricht der künstlerische. Der berühmteste Künstler des Altertums, Phidias, schuf monumentale Gold-Elfenbein-Statuen, so den thronenden Zeus in Olympia und die Athene im Parthenon zu Athen. Verkleinerte Nachbildungen und literarische Zeugnisse vermitteln nur ungefähre Vorstellungen von der Erhabenheit dieser Statuen, großartig auch die Friese und Skulpturen des Parthenon. Bronzene Jünglingsstatuen (Doryphoros, Diadumenos) sind von Polyklet erhalten. In der Architektur werden die leichteren und schlankeren Formen, typisch für die klassische Zeit, weiter verfeinert. Erinnert sei an den Zeustempel in Olympia, 470-460 v. Chr. erbaut, an den Parthenon, 448-432 v. Chr. errichtet, an den Tempel von Paestum. Der schwere, wuchtige dorische Stil tritt immer mehr zurück. In der späten Klassik (4. Jahrhundert v. Chr.) verliert sich das Heroische, die Formen der Plastiken werden weicher. Kephisodot schuf das Standbild der Friedensgöttin Eirene für die Agora von Athen, Praxiteles gestaltete beseelte Statuen in technisch perfekter Marmorbehandlung, so Hermes mit dem göttlichen Dionysosknaben auf dem Arm und Apollo Sauroktonos. Lysippos sprengte die klassischen Regeln, sein Apoxyomenos verdeutlicht diesen Wandel. Er leitet über zur hellenistischen Kunst, in der die Bewegung freier, ausgreifender, der Ausdruck gesteigert, die Form üppiger wird. Bauten und Terrassen schmückt man verschwenderisch mit Skulpturen – wie den großen Altar in Pergamon mit dem 120 m langen Fries. Die barocke Attitüde der Nike von Samothrake, der Venus von Milo (2. Jahrhundert v. Chr.) wird von der Laokoongruppe noch einmal gesteigert, doch macht sich schon eine Richtung bemerkbar, die an das Vorbild der Klassik anknüpft (Dornauszieher). Der Münzstempelschnitt wurde besonders in Sizilien als Kunst entwickelt. Die Bildnisplastik entwickelt sich
In der Spätklassik (um 400-323 v. Chr.) veränderte sich die strenge frühklassische Form dank vermehrten Wohlstandes und einer gewissen Förderung und Unterstützung. Anfänglich durch geltungssüchtige Herrscher des westlichen Perserreiches angeregt, entwickelten sich im Wettbewerb mit idealisierten Götterdarstellungen lebensechte Porträtskulpturen, die das Individuelle stärker hervorhoben – etwa der Kopf des blinden Homer. Zugleich entstanden monumentale Grabplastiken als Ausdruck eines bestimmten gesellschaftlichen Ranges. Es ist kein Zufall, dass das Prunkgrab des Königs Maussolos II. von Karien in Halikarnass aus dieser Zeit stammt. Von diesem Grab hat man den Ausdruck Mausoleum abgeleitet. Dieses Werk, ebenso wie den Alexander Sarkophag, schufen griechische Künstler, die in den Grenzgebieten lebten. Ihr Werk und das der Künstler vom Festland – Praxiteles, Skopas und besonders Lysippos – markiert den Wandel vom klassischen Idealismus zum hellenistischen Realismus. Lysippos, der Hofkünstler Alexanders des Großen, schuf Werke, die man im Gegensatz zu einigen Gruppen der Frühklassik von jeder Seite mit ungeteilter Freude betrachten kann. Er schuf auch lebensgroße Porträts seines Gönners. Der Realismus in der hellenistischen Zeit
Die Zeit vom Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. bis zur Schlacht bei Aktium 31 v. Chr. ist die letzte Phase griechischer Kunstentwicklung. Das lebendige Leben am Hofe regte die Künste an. Pergamon wurde zum Mittelpunkt der Architektur und Bildhauerkunst, bedeutende örtliche Schulen bildeten sich im Seleukidenreich, in Alexandria und Rhodos heraus. Athen allein bewahrte viele Traditionen der klassischen Kunst und blieb weiterhin das Zentrum auf dem Festland. Die Herrscher des alexandrinischen Weltreiches legten Wert auf die Bildniskunst, oft bemühten sich die Künstler, den Persönlichkeiten einen gottähnlichen Rang zu geben. Erstmals wurde die Darstellung von Menschen jener von Göttern vorgezogen. Die ursprünglich religiösen und mythologischen Inhalte griechischer Kunst überlebten sich und machten lebenswahren – wenn auch bisweilen noch idealisierten – Abbildungen angesehener Persönlichkeiten Platz. Im gesamten Mittelmeerbereich legten Architekten und Baumeister der hellenistischen Zeit Zeugnis ab von ihrem hohen Können, vor allem beim Ausbau der Diadochen-Residenzen in Pergamon und Alexandria. Der korinthische Stil herrschte vor, er bot die Möglichkeit üppiger Dekoration und Detailtreue bei immer noch erhaltener Linienführung der gesamten Anlagen, vor allem der zur Repräsentation des Herrschers und des Staates. In der Plastik wurden zum ersten Mal auch Themen wie körperliche Leiden, Angst, Alter und Jugend behandelt. Gegen Ende der hellenistischen Zeit verstärkte sich eine Neigung, frühere klassische Arbeiten zu kopieren. Dieser Vorgang und später die weitgehende Übernahme wesentlicher Elemente der griechischen Kunst durch die Römer bewirkte, dass die griechische Tradition über Jahrhunderte hinweg erhalten blieb.