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Wissenschaft und Technik im Römischen Reich und im Orient

In der Römerzeit bestand eine lebendige Wechselwirkung zwischen verschiedenen Kulturen. Durch den Außenhandel hatte das Römische Reich Verbindungen mit Europa, Afrika, Indien und sogar mit China. Römische Technik und Wissenschaft
Die riesige Ausdehnung des Reiches stellte an das Staatswesen erhebliche Anforderungen, denen sich die Römer gewachsen zeigten. Mit ihrer hoch entwickelten militärischen Technologie bauten sie Kriegsmaschinen, wie z. B. große mechanische Pfeilschleudern (die die Chinesen im 3. Jahrhundert v. Chr. erfunden hatten), sowie Rammböcke und Belagerungstürme auf Rädern, die assyrischen Vorbildern aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. nachgebaut waren. Das zahlenmäßig umfangreiche stehende Heer brauchte nicht nur Waffen, sondern auch Bekleidung und Verpflegung. Auch hier bedienten sich die Römer einer fortgeschrittenen Technik, indem sie z. B. in Südfrankreich durch Wasser angetriebene Kornmühlen einrichteten. Die das ganze Reich durchziehenden Römerstraßen hatten Kies- oder Steindecken auf Gussmörtel, mit Randschwellen und Entwässerungsleitungen. In den kühlen Teilen des Reiches gab es – zumindest in den Häusern für römische Beamte – Zentralheizung sowie andere Schutzvorrichtungen gegen Hitze und Kälte. Beheizte Bäder waren in Städten und Militärlagern allenthalben zu finden. Für die Seefahrt hatte man in vielen Häfen Leuchttürme nach dem Vorbild des von Sostratos bei Alexandria erbauten Turmes (3. Jahrhundert v. Chr.) errichtet. Die Römer waren zwar Meister in der Verwaltung und angewandten Technologie, in der reinen Wissenschaft erzielten sie aber keine Fortschritte. Was sie auf diesem Gebiet wussten, übernahmen sie von den Griechen. So war die »Naturalis Historia« des Plinius (23-79) eigentlich nur ein riesiges Kompendium aus griechischen Quellen. Galen (129-199), der größte Arzt in romischer Zeit, war Grieche. Als Wundarzt und Chirurg sammelte er bei den Gladiatorenkämpfen wertvolle Erkenntnisse über Wunden und innere Organe. Als er Leibarzt des Kaisers Mark Aurel (121-180) wurde, gewann er viele Schüler und entwickelte seine Auffassung, nach der die Leber das Hauptorgan des Venen- und Arteriensystems sei. Auf ihn geht auch die Lehre von den vier Säften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) zurück in der Form, wie sie für das Mittelalter bestimmend wurde. Technik und Wissenschaft in anderen Ländern
Erst im 3. Jahrhundert n. Chr. trieben die Mathematiker nicht mehr ausschließlich Geometrie, wie es bei den Griechen üblich war. In Alexandria empfahlen Diophantos und Pappos das Studium der Zahlen und entwickelten eine Art Algebra. Ihre Nachfolger, besonders im islamischen Reich, förderten die Algebra. Die auf die Inder zurückgehenden »arabischen« Ziffern wurden eingeführt. Auch die chinesische Mathematik ist durch Arithmetik und eine Art Algebra gekennzeichnet. In China wurde der Abakus (Rechenbrett) erfunden, der sich in Russland und Japan bis in die Gegenwart als einfache Rechenhilfe erhalten hat. In Westeuropa hat man mindestens 1800 Jahre vor der römischen Eroberung astronomische Beobachtungen angestellt. In England zeugen große Steinkreise, vor allem das berühmte Stonehenge, von jener Zeit. In Mesopotamien hatte man schon in chaldäischer Zeit (1000-540 v. Chr.) die zyklische Wiederkehr von Finsternissen entdeckt. In China konnte man im 2. Jahrhundert n. Chr. genaue Vorhersagen über Finsternisse treffen und regelmäßig himmlische und irdische Erscheinungen beobachten. Tschang Heng erfand einen Erdbebenmesser. Um 105 n. Chr. wurde die Kunst der Papierherstellung perfektioniert. Im 8. und 9. Jahrhundert gab es in China schon Schießpulver und Blockdrucke. Berühmt ist die als erste mit Hemmung ausgerüstete, große Wasseruhr in Sian. Ferner entwickelten Chinesen das erste Pferdegeschirr, das Achterruder der Schiffe, die Seidenmanufaktur und vor allem auch den Kompass, der im 12. Jahrhundert schon weit verbreitet war. Die Alchemie, der Vorläufer der Chemie, ist eine alte Kunst obskurer Herkunft. Sie versuchte unter anderem, unedle Metalle wie Blei in Gold und Silber zu verwandeln. Als sie im Westen bekannt wurde, entwickelte Zosimos sie in Alexandria im 4. Jahrhundert n. Chr. weiter. Erstmals baute man wirkliche Destillationsapparate. Die Alchemie hat sich bis in unsere Zeit eine geheimnisvolle Anziehungskraft bewahrt. Noch im 20. Jahrhundert wurden alchemistische Vorlesungen in Paris abgehalten. Die Medizin und der Einfluss Chinas
Auch die medizinische Wissenschaft war nicht frei von Mystizismus und Aberglauben. Aber die Chinesen entdeckten und benutzten auch Kräuterdrogen und hatten in ihren Arzneibüchern Mittel gegen Malaria und Bronchialerkrankungen aufgezeichnet. In Indien wurden mehr als 500 Drogen gebraucht, darunter waren auch Beruhigungsmittel. Besondere Beachtung findet bei uns seit längerer Zeit die alte chinesische Kunst der Akupunktur. Nach den Griechen ging die wissenschaftliche Entwicklung zumindest im Westen träge und stückweise voran, sodass für etwa 600 Jahre kaum ein Fortschritt zu erkennen ist. Zum Glück sammelten die islamischen Gelehrten das griechische Wissen und gaben es bearbeitet und unter Einschluss indischer und chinesischer Kenntnisse an das Abendland weiter. Dieser Prozess kam vom 12. Jahrhundert an stärker in Gang und wurde mit zum Wegbereiter der großen wissenschaftlichen Erneuerung, die 400 Jahre später einsetzte.

emu