Die Indische Kunst vor der Mogul-Dynastie

Die Anfänge der indischen Kunst kann man bis zur Induskultur von Harappa und Mohendscho Daro zurückverfolgen. In beiden Fundstätten wurden sowohl naturalistische wie auch abstrakt-dekorative Kleinplastiken entdeckt, die ein bemerkenswertes Verständnis für die plastische Behandlung der menschlichen Gestalt in Stein oder Bronze zeigen. Daneben wurden auch Tonfiguren in einer etwas primitiven Auffassung gefunden, vermutlich eine Art Volkskunst. Die Steinschnitte von Tieren und Figuren auf den Steatitsiegeln zeigen strenge und auf das Wesentliche reduzierte Formen. Die Bildhauertechnik
In der nur lückenhaft dokumentierten Epoche zwischen dem Ende der Induskultur und der Mauria-Periode (etwa 322-185 v. Chr.) hat der indische Kunsthandwerker gelernt, die Technik der Bildhauerei und das Material vollendet zu beherrschen. Das Löwen-Kapitell aus poliertem Sandstein auf der Aschoka-Säule von Sarnath (das zum nationalen Emblem des neuen Indien wurde) zeigt einen stilisierten Löwen, daneben andere Tiere in einer mehr naturalistischen Auffassung. Diese Technik ist für die Mauria-Plastik typisch. Bei dieser jakscha (Baumgottheit), obgleich nicht aus der Mauria-Zeit, ist die Technik der polierten Steinoberfläche beibehalten. Die Plastik diente vermutlich kultischen Zwecken, zeigt aber das weibliche Ideal in sinnlicher Lebensfülle. Diese Verbindung von Religiösem mit elementarer Erotik wird geradezu zum Kennzeichen indischer Kunst. Keine Kunst hat die Kräfte des Lebens als Ausdruck göttlichen Willens in dem Maß verherrlicht wie die indische. Sie verbindet intensive Sinnlichkeit mit hoher Vergeistigung in monumentaler Gebundenheit. Die Hauptgottheiten des Hinduismus wurden zunächst nicht personifiziert, sondern in Symbolen dargestellt. Erst in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung setzt sich die Vorstellung persönlicher Gottheiten durch: Als Kultbild wird nun die Göttergestalt verehrt. Dieser Übergang scheint auf zwei Orten gleichzeitig, aber unabhängig voneinander erfolgt zu sein: in Gandhara (Afghanistan) und in Mathura, südöstlich von Delhi. Mathura, jahrhundertelang die größte Bildhauerwerkstatt Indiens, pflegte einen dem griechischen Ideal entgegengesetzten Formenkanon, für den der Typ der Frau mit vollen, runden Brüsten, enger Taille und ausladenden Hüften kennzeichnend ist. Der Hellenismus in Indien
In Gandhara hingegen entstand ein stark von hellenistischen Vorstellungen beeinflusster Bildhauerstil, vermutlich eine Spätfolge griechischen Kulturexports. Das griechische Vorbild zeigt sich nicht nur bei der Behandlung der menschlichen Figur, es förderte auch die Vermenschlichung der Gottheit in der Kunst. Die ebenfalls vermutlich aus dem Westen übernommene Porträtplastik konnte nur vorübergehend in Indien heimisch werden. Die Gandhara-Plastik hatte großen Einfluss auf die zentralasiatische Kunst, die Mathura-Plastik wurde tonangebend für die eigentliche indische und hinterindische Skulptur. An Architekturen aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. sind meist nur Kulthöhlen und buddhistische Grabbauten (Stupa) erhalten. Die Kulthöhlen wie z. B. die in Karli, Ellora und Adschanta, wurden zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 9. Jahrhundert n. Chr. für die kultischen Zwecke der drei indischen Hauptreligionen (Hinduismus, Dschainismus, Buddhismus) aus gewachsenem Fels gehauen. Einige waren schmucklos, andere mit Malerei und Plastik reich geschmückt. Im westlichen und südöstlichen Dekkan entstanden freistehende Felstempel, die schönsten Küstentempel aber in Mamallapuram. Wo sich mehrere Religionen gleichzeitig hielten (wie in Ellora), zeigen sich keine Unterschiede in der künstlerischen Auffassung. Diese ist jetzt eher regional als konfessionell bestimmt. Wahrscheinlich waren die Gebäude und Plastiken – wie im alten Griechenland – in recht naturalistischen Farben bemalt. Theorie und Praxis der Bildhauer- und Baukunst wurden in Lehrbüchern (»silpa sastras«) festgehalten, die vermutlich weit verbreitet waren. Dennoch fällt in der indischen Kunst des 1. Jahrtausends eine große Vielfalt bei der Behandlung religiöser Themen auf, die jeden Zwang zur Inhaltlosigkeit überwindet. Das fällt besonders auf, wenn man die Zeugnisse dieser Kunst mit den eleganten, glatten, ausdruckslosen Steinskulpturen von Orissa (11.-12. Jahrhundert) vergleicht. In Mysore entwickelte sich unter der Hoysalas-Dynastie (spätes 12.-14. Jahrhundert) ein eher dramatischer Stil, in dessen Üppigkeit die Einzelfigur auf eine ikonografische Formel reduziert wird. Die mystisch-inbrünstige Stein- und Bronzeplastik der Pala-Sena-Zeit (8.-12. Jahrhundert) in Bengalen und Bihar prägte die Kunst im östlichen Asien. Sie trug ganz entscheidend zur Ausbildung des Formenkanons bei, der in diesem Gebiet für die Darstellung der Gottheit bis in unsere Gegenwart verbindlich geblieben ist. Die indische Malerei
Die frühesten Zeugnisse indischer Malerei haben sich in den Tempel- und Klosteranlagen im westlichen Dekkan erhalten. Sie lassen eine lange Entwicklungszeit vermuten, die von der realistischen, unmittelbare Beobachtung voraussetzenden Darstellung zu einem mehr manierierten Stil hinging. Die Vergänglichkeit des Bildträgers ist wohl die Ursache, dass nur wenige Beispiele einer Tafelmalerei (auf Baumrinde) und illustrierter Palmblatt-Handschrift erhalten sind.

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Info 22.11.2017 14:04
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