Die japanische Kunst

Die Kunst Japans ist stark von der Kunst Chinas beeinflusst. Korea spielte zeitweise eine Mittlerrolle. Aus diesem Einfluss bezog die japanische Kunst immer wieder neue Impulse, sodass sie bisweilen als nicht eigenständig abgetan wird. Diese Ansicht ist unberechtigt. Wenn auch die Japaner immer bereit sind, neue Einflüsse aufzugreifen und fremde Ideen und Techniken zu nützen, so formen sie diese doch für ihre eigenen Ansprüche gleichsam um -zu etwas eigenständig Japanischem. Manche Kunstwissenschaftler behandeln China, Korea und Japan als zusammenhängende Kultureinheit. Die Baukunst
Denkmäler aus vorbuddhistischer Zeit sind in Japan nicht erhalten. Als Baumaterial bevorzugte der Japaner Holz, wegen dessen Widerstandsfähigkeit bei Erdbeben. Eine große Rolle spielte besonders bei Kultbauten die Dachform. Man baute stets weit übergreifende, schräge Dächer, um Schutz vor den starken Regenfällen und der Sonne zu haben. Die wichtigsten Dachformen: Satteldach, Krüppelwalmdach und pyramidenförmiges Dach auf quadratischem Unterbau. Für die alten Schinto-Schreine sind die verlängerten, sich überkreuzenden Giebelsparren typisch. Der buddhistische Baustil zeigt ein zwei- bis sechsfaches Kraggebälk unter dem Dach und reiche Dachverzierungen. Während die Bemalung aus China übernommen worden ist und hauptsächlich in der buddhistischen Baukunst Verwendung fand, entspricht die natürliche Färbung des Holzes mehr dem japanischen Geschmack. Malerei und Plastik
Chinesischer Einfluss wurde wiederholt wirksam. Wandmalerei ist selten. Meist wurden Tusche und Wasserfarben verwendet. Bildträger waren entweder eine feste Unterlage (Wandschirm, Flügeltür, Fächer) oder Rollbilder aus Papier oder Seide (Kakemono – ein Hochformat zum Aufhängen). Die ältesten Darstellungen sind buddhistische Kultbilder. Die Jamato-e genannte Malerei (»rein japanische Malerei«) behandelte höfische und historische Themen. Sie setzte um 1000 ein und dauerte bis ins 13. Jahrhundert. Sie pflegte das Makimono (ein Breitformat mit Stäben an den Schmalseiten, der Beschauer rollte es auf der Erde auf). Seit dem 14. Jahrhundert verstärkte sich der chinesische Einfluss wieder, die Meister der Dschosetzu-Schule knüpften an die Tradition der einfarbigen Tuschmalerei der Sung-Zeit an. Unter ihnen zeichneten sich Schubun sowie seine Schüler Sesschu und Nakao Soami aus. Im 15. Jahrhundert kam die Kano-Schule auf, die durch ihre Landschaftsbilder berühmt geworden ist. Mit der im 18. Jh. gegründeten Marujama-Schule wies Marujama Okio der künstlerischen Betrachtungsweise eine neue Richtung: Das wirkliche Leben wurde in Naturstudien dargestellt, Genrebilder aus den Vergnügungsvierteln entstanden. Berühmte Schönheiten und Kabuki-Schauspieler bildete man ab. Das Ukijo-e, das »Bild des vergänglichen Lebens«, mündete in den Farbenholzschnitt, der anfangs handkoloriert war, im 18. Jahrhundert bildete sich daraus der Vielfarbendruck. Kitagawa Utamaro, Harunobu und Tokusai Scharaku sind die Meister dieser Zeit. Von den Meistern des 19. Jahrhunderts sind in Europa Katsuschika Hokusai und Hiroschige am bekanntesten. Nach 1868 wurde die europäische (Öl-) Malerei zunächst zum Vorbild, aber bald besangte sich wieder auf die eigene Überlieferung. Bedeutendste Zeugnisse der Bildhauerkunst sind die Meisterwerke der religiösen Plastik und die weltliche Porträtskulptur der klassischen Zeit, großartig auch die Tanzmasken des No-Bühnenspiels. Als Material für die größeren Arbeiten hat man Metalle, besonders Bronze, verwendet, daneben Ton, Trockenlack und Holz. Dargestellt wurden Buddhas, Bodhisattwas und Gottheiten, aber auch Priester und Staatsmänner. Außerdem gab es eine reiche, vielfältige Kleinbildnerei, deren höchste Leistungen die Netsukes (geschnitzte Knebel aus Holz oder Bein zum Befestigen der Medizinbüchse am Gürtel) demonstrieren. Das Kunsthandwerk
An erster Stelle steht die raffinierte Lackkunst. In der Keramik offenbart sich japanisches Formempfinden am meisten in dem schlichten, handgeformten Teegerät, wie es in dem alten Töpferdorf Seto seit Ende des 15. Jahrhunderts geschaffen wurde. Nach dem Eroberungszug des Tojotomi Hidejoschi nach Korea macht sich ein starker koreanischer Einfluss in der Keramik bemerkbar: Koreanische Töpfermeister werden nach Japan geholt und angesiedelt. Im 19. Jahrhundert sank die Kunst der Keramik zu industrieller Massenfertigung ab. Porzellan wurde nach chinesischem Vorbild zuerst in Arita hergestellt. Das edelste Porzellan stammt aus Mikotschi. In der Metallbearbeitung steht der Schwertschmuck an erster Stelle. Neben der Klinge war es das Stichblatt (Tsuba), das dem Meister Gelegenheit bot, seine Kunst zu zeigen. Mit der Beeinflussung durch den Westen seit 1868 änderte sich vieles schlagartig. Westliches wurde Mode, ja Manie. Am Hof trug man Zylinder und »Stresemann«. Die Maler studierten die Ölmalerei in Paris, nur das Eingreifen von aufgeklärten Männern wie Ernest Fenollosa (1853-1908) verhinderte die Vernachlässigung bzw. sogar die Vernichtung des künstlerischen Erbes Japans. Im 20. Jahrhundert gab es nicht nur eine Rückbesinnung auf die einheimische künstlerische Tradition, sondern auch eine Rezeption westlicher Materialien und Methoden. So gehörte z. B. der Architekt Kenzo Tange (1913-2005) zu den besten Vertretern eines durch und durch internationalen Stiles. Japanische Künstler zählen zu den führenden Meistern der Gegenwart.