Im Dienste der Welt

Neben ihren gottesdienstlichen Pflichten mussten sich die Mönche nach der Regel »zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit« und mit »der Lesung gotterfüllter Bücher beschäftigen«. Die Lektüre füllte täglich mehrere Stunden aus, in der Fastenzeit sollte ein ganzes Buch durchstudiert werden. Die Bücherbestände bildeten neben den Reliquien den wertvollsten Besitz eines Klosters, St. Gallen hatte etwa 400 Bände, die Bibliothek von Fulda wies zur gleichen Zeit über 1000 große Handschriften aus. Diese Bücher wurden von Mönchen in kunstvollen Buchstaben nach alten Vorlagen oder nach Leihgaben anderer Klöster mit der Hand niedergeschrieben und häufig mit goldkolorierten kleinen Bildern, sogenannten Miniaturen, ausgeschmückt. In der Schreibstube des Klosters Fulda waren ständig zwölf Mönche mit solchen Kopierarbeiten beschäftigt. Auf diese Weise konnten auch die bedeutenden Schriftsteller der Antike wie Cicero, Vergil und Horaz der Nachwelt erhalten werden, ihre Werke wurden als »Lateinbücher« für den Unterricht benötigt! Wesentliche eigenständige literarische Leistungen haben die Klöster des frühen Mittelalters – abgesehen von den Schriften des Hrabanus Maurus und den geistlichen Dichtungen Otfrids von Weißenburg oder eines Walahfrid Strabo von der Reichenau – indes nicht hervorgebracht. Die meisten Mönche konnten wohl nur leidlich lesen und schreiben. Um die Hebung des Bildungsstandes in den Klöstern hat sich besonders Karl der Große verdient gemacht. Durch Gesetz verfügte er, dass jeder klösterlichen Niederlassung eine Schule angeschlossen werden musste. Hier wurden die angehenden Mönche in die allgemeinen Kulturtechniken wie Schreiben und Rechnen und in den Choralgesang eingeführt, auf einer höheren Stufe erlernten sie Latein als die Sprache des Klosters und wurden in Philosophie und der Redekunst (= Dialektik), aber auch in Mathematik und den Naturwissenschaften unterwiesen. Für kindliches Spiel blieb diesen Zöglingen, die schon die geistlichen Pflichten der Mönche wahrzunehmen hatten, sicher kaum noch Zeit. An den großen Abteien bestanden auch »äußere Schulen«, in denen die Söhne adeliger und begüterter Eltern gegen Kostgeld unterrichtet und »im guten Benehmen« erzogen wurden. Die Benediktiner stellten neben die geistige Tätigkeit immer gleichberechtigt die Handarbeit. Nach Benedikts Rat sollten die Klöster so angelegt werden, dass »Mühle, Garten und Werkstätten, in denen die verschiedenen Handwerke ausgeübt werden, sich innerhalb der Klostermauern befinden«. Im Kloster des 10./11. Jahrhunderts hat das Kunsthandwerk einen frühen Höhepunkt erreicht: Goldschmiede schufen in Zellenemailtechnik oder Filigranarbeit kostbare liturgische Geräte und Reliquienschreine, die Einbände der Handschriften verzierten sie mit Elfenbeinschnitzereien. Auch die Kunstfertigkeiten der »groben« Handwerker wurden vielfach durch Mönche vermittelt, die mehrgeschossige Steinarchitektur verbreitete sich in Deutschland erst durch den Klosterbau. Im Mittelpunkt der körperlichen Arbeit im Kloster stand jedoch die bäuerliche Bewirtschaftung der ausgedehnten Besitzungen: Wenn »die Brüder die Feldfrüchte selber ernten müssen, dann erst sind sie wahre Mönche«. Sie wurden so zu den eigentlichen Pionieren der Landwirtschaft, die Bauern haben ihre Söhne zu ihnen in die Lehre geschickt. Auf den klösterlichen Mustergütern wurde der Getreidebau kultiviert, wurden durch Züchtungen Obst- und Gemüsesorten an das raue Klima angepasst, Mönche haben schließlich den Weinanbau in den meisten Gegenden Deutschlands verbreitet. In noch anderer Weise wirkte das Kloster direkt in die mittelalterliche Gesellschaft hinein: es nahm sich besonders ihrer Armen und Schwachen an und schuf so eine Art »Sozialfürsorge«. Wurde noch in den alten Regeln geraten, bis zum Erweis des Gegenteils jeden Fremden als Dieb und jeden Kranken als Simulanten zu betrachten, so sah Benedikt in ihnen den Nächsten, dem geholfen werden musste: »Die Sorge für die Kranken soll allem anderen vor- und übergeordnet sein.« In den Krankenhäusern, die die Klöster auf eigene Kosten betrieben, waren heilkundige Mönche als Ärzte tätig, in ihren Apotheken wurden aus eigens angebauten Kräutern nach alten Rezepten die Arzneien bereitet. Das Klostergesetz von 817 bestimmte, dass der zehnte Teil von allen Schenkungen den Armen zugewendet werden müsse, aus diesen Mitteln wurden Bau und Unterhaltung von Altenheimen, Armen- und Waisenhäusern bestritten. Für die Reisenden und Pilger waren die Klöster im frühen Mittelalter die einzigen Herbergen, die ihnen in ihren Hospizen bereitwillig für einige Tage Gastfreundschaft gewährten. Solche karitativen Tätigkeiten lockten freilich auch Leute an, denen es nicht nur um ein Bett für die Nacht ging, sodass die Klostermauern immer höher gezogen werden mussten. In einer anderen Weise wurden diese Mauern, die das Kloster ja ursprünglich von den Einflüssen der Welt abschirmen sollten, jedoch durchlässig: in dem Maße, in dem sich die Mönche in so mannigfachen Bereichen für diese Welt engagierten, wurden sie auch in ihre Händel verwickelt. Sie wurden zunehmend mit politischen Aufträgen betraut und dadurch ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet. Äbte wurden Reichsbeamte – Königsboten in der Karolingerzeit, Reichsfürsten unter den Ottonen – und zogen an der Spitze ihres Aufgebotes in den Kampf. Bisweilen wurden Klöster gar zu »Staatsgefängnissen« degradiert, in denen man Geiseln und politische Gegner verwahrte. Karl der Große und seine Nachfolger setzten ihre Getreuen als Laienäbte ein und leisteten damit der Verweltlichung der Klöster ungewollt Vorschub, in Burgund geriet der gesamte klösterliche Besitz in die Hände weltlicher Adeliger. Auf die erste Hochblüte des Klosters war so rasch die Krise gefolgt. In dieser Situation bewies die Idee des Mönchtums ihre ganze Lebenskraft: Klöster selbst setzten im 11. Jahrhundert eine Reform ins Werk, die die Missstände beseitigte und die schließlich stark genug war, im Investiturstreit die frühmittelalterliche Einheit von Reich und Kirche zu sprengen.

Forum (Kommentare)

Info 22.11.2017 14:03
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.