Die Wahrnehmung

Die Erforschung psychischer Funktionen und ihrer Grundlage, des Gehirns, bietet eine Menge interessanter Probleme. Dazu gehören Wahrnehmung und Wahrnehmungstäuschungen. Die Sinnesorgane sprechen auf jeweils spezifische physikalische Reize an: das Auge auf elektromagnetische Wellen eines bestimmten Wellenbereichs, das Ohr auf Luftschwingungen, Nase und Zunge auf chemische Reize, die Haut schließlich auf Druck- und Temperaturreize. Sie setzen diese Reize in nervöse Erregung um. Wahrnehmung ist die daraus gewonnene, zusammenhängende Erfassung von Gegenständen. Theorien der Wahrnehmung
Das Problem der Wahrnehmung hat verschiedene Aspekte. Die Philosophie fragt, ob und in wie Fern die Gegenstände unabhängig von den Bedingungen unserer Erfahrung existieren und wie zuverlässig unsere Sinneserkenntnis ist. Die Physiologie befasst sich mit den chemischen und nervösen Vorgängen in den Sinnesorganen und im Gehirn. Die Psychologie schließlich erforscht vor allem, wie die Wahrnehmung als solche zustande kommt. Dabei sind gerade auch Sinnestäuschungen wichtig. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es zu falschen Annahmen über die Wirklichkeit, zu Wahrnehmungstäuschungen also, kommt: entweder durch Störungen der physiologischen Prozesse bei der Reizaufnahme bzw. Verarbeitung oder durch falsche Erwartungen, die wir mitbringen. Wie entstehen überhaupt Wahrnehmungen?
Der psychologische »Atomismus« behauptet, dass unsere Wahrnehmung sich aus einfachen Empfindungen zusammensetzt. Neuere Wahrnehmungstheorien sehen die Empfindungen nicht als einzigen Ursprung der Wahrnehmung. Sicher werden physikalische Reize vom Nervensystem als Farben oder Formen von Gegenständen »erkannt« – ebenso wie sich aus den Punkten und Strichen des Morsealphabets eine Nachricht ablesen lässt. Die nervöse Reizleitung (als elektrische Impulse) von den Sinnesorganen zum Gehirn physiologisch weitgehend erforscht. Schon 1958 wiesen die amerikanischen Physiologen David Hubel und Torsten Wiesel nach, dass die Nervenzellen einer bestimmten Region der Hirnrinde sozusagen verschiedenen Raumrichtungen zugehören. Aber zur Klärung der Frage, wie daraus Wahrnehmungen entstehen, ist damit noch nicht viel gewonnen. Der gestaltpsychologische Ansatz
Die Gestaltpsychologie, die sich vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts entwickelte und zu deren Vertretern Kurt Koffka (1886-1941) und Wolfgang Köhler (1887-1967) gehören, ist der Auffassung, dass wir immer nur organisierte Ganzheiten, »Gestalten«, wahrnehmen. Den Wahrnehmungen liegen zwar Empfindungen zugrunde, aber als Ganzheiten sind sie mehr als die Summe ihrer Elemente. Wir »sehen« z. B. Punkte, aber wir nehmen eine gepunktete Linie wahr. Die Gestaltpsychologie stellte auch eine Reihe von Gesetzen über die Organisation unserer Wahrnehmung auf. Das allgemeinste, das sogenannte Prägnanzgesetz, besagt, dass die Wahrnehmung stets eine Tendenz zur »guten Gestalt« aufweist. »Gut« in diesem Zusammenhang heißt nur, dass Gestaltmerkmale wie Einheit, Einfachheit, Symmetrie, Regelmäßigkeit, Nähe und Ähnlichkeit die Wahrnehmung in besonderer Weise mitbestimmen. Die Gestaltgesetze machen also verständlich, wie aus der Vielzahl der Sinnesempfindungen einheitliche Wahrnehmungen entstehen. Eine Richtung der Gestaltpsychologie war der Auffassung, dass einige grundlegende und einfache Formen, die wir an Wahrnehmungsgegenständen erkennen, mit bestimmten hirnelektrischen Zuständen zusammenhängen, dass demnach die Ordnung der Hirnprozesse die Grundlage der Ordnung der psychischen Prozesse ist (»Isomorphie-Prinzip«). Es gibt also im Gehirn kleine »Modelle« der Formen der Gegenstände, die Entstehung der einzelnen Wahrnehmungen entspricht der Art, wie ein Computer Gegenstände identifiziert: Bestimmte Reize werden aufgenommen, mit dem gespeicherten Modell verglichen und, falls sie nicht einzuordnen sind, zurückgewiesen oder verändert, damit sie zu der betreffenden Wahrnehmung passen. Gleiche, nahe beisammen liegende Punkte etwa werden im Allgemeinen als zusammengehörig und als Begrenzung eines Gegenstandes aufgefasst. Wir sehen sie als Gruppierungen, weil diese Art des Vorgehens im Allgemeinen zu einer angemessenen Dingwahrnehmung führt. Heute herrscht die Auffassung vor, dass Wahrnehmungen durch bereits bestehende Erwartungen einerseits und durch Verarbeitung der neuen Information andererseits zustande kommen. Die relative Bedeutung dieser beiden Momente ist jedoch umstritten. Ein Baby bringt einige Grundstrukturen der Wahrnehmung mit auf die Welt, es kann bereits zwischen verschiedenen komplexen Reizen unterscheiden. Individuelle Unterschiede
In der Wahrnehmung gibt es bei verschiedenen Individuen beträchtliche Unterschiede, und zwar in Abhängigkeit von Alter, Kultur und subjektiven Erwartungen. So erklären sich Tatsachen wie die, dass mit zunehmendem Alter die Empfänglichkeit für bestimmte Wahrnehmungstäuschungen zunimmt, während sie für andere abnimmt, dass die Eskimos wesentlich mehr Wörter für »weiß« kennen als Angehörige anderer Kulturen, die nicht ständig im Schnee leben, oder dass etwa Fehler im geschlossenen Schriftbild oft schwer zu entdecken sind, weil wir über das tatsächlich Gedruckte hinwegsehen und das wahrnehmen, was wir erwarten.

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Info 18.12.2017 00:07
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