Gedächtnis und Lerntechnik

Das menschliche Gedächtnis, dessen Mängel oft beklagt werden, ist viel komplizierter als jeder bisher entwickelte Datenspeicher eines Computers. Zwei Hauptfunktionen lassen sich daran unterscheiden: die Fähigkeit zum Behalten, zum Speichern von Informationen, und die Fähigkeit, das Erinnerte wieder verfügbar, bewusst zu machen. Die Gedächtnisforschung hat herausgefunden, dass unser Speichervermögen hervorragend ist, die Fähigkeit zum Wiedererinnern dagegen zumindest im untrainierten Zustand weit weniger. Ergebnisse der Gedächtnisforschung
Die verschiedenen Forschungsansätze zum Problem des Gedächtnisses lassen sämtlich erkennen, dass wesentlich mehr Informationen in unserem Gehirn gespeichert werden, als man allgemein annimmt. Man konnte nachweisen, dass sich durch elektrische Reizung des Gehirns eine lückenlose Wiedererinnerung einzelner Ereignisse aus dem Leben der Versuchspersonen erzielen lässt. Diese Tatsache erkennen wir auch an unseren Träumen, in denen Ereignisse deutlich wieder auftauchen, die wir seit Jahren »vergessen« hatten. Ein weiteres Zeichen für die Leistungsfähigkeit unseres Gedächtnisspeichers ist die Erinnerung an scheinbar vergessene Erlebnisse, die uns bei der Wahrnehmung eines spezifischen Geruchs, einer Farbe, eines Klangs oder bei der Wiederbegegnung mit Stätten unserer Kindheit plötzlich überkommt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen »Kurzzeitgedächtnis« und »Langzeitgedächtnis«. Allem Anschein nach beruhen beide auf verschiedenen physiologischen Vorgängen: das Kurzzeitgedächtnis auf bioelektrischen Hirnprozessen, das Langzeitgedächtnis dagegen auf chemischen Veränderungen. Die Vorgänge sind allerdings bisher noch nicht genau erforscht. Vielleicht werden bei der Speicherung chemische Verbindungen zwischen den Hirnzellen aufgebaut und durch Wiederholung gefestigt. Erinnern und Vergessen
Die meisten Menschen sind der Auffassung, dass ihr Gedächtnis sie häufig im Stich lässt. Diese Annahme beruht wahrscheinlich auf einer falschen Auffassung der psychischen Vorgänge bei der Erinnerung. Beim Behalten kann man zwei Hauptbereiche unterscheiden, das Behalten während des Lernens und das nach dem Lernen. Innerhalb der Lernphase braucht das Gedächtnis, genau wie der Organismus beim Training, Zeiten der Aktivität und der Ruhe. Bei richtig dosierter Abwechslung von Aktivität und entsprechender Erholung ist der Lernfortschritt beachtlich. Nach dem Lernvorgang steigt die Gedächtnisleistung noch für kurze Zeit (weil die Information sich setzt), um dann rasch abzufallen. Dieser Erinnerungsverlust lässt sich weitgehend vermeiden, wenn bestimmte Techniken der Festigung angewandt werden. Beim Lesen z. B. kann man das Behalten verbessern, wenn die Lernzeiten in Abschnitte von 20 bis 40 Minuten Dauer unterteilt werden, während deren man sich Notizen macht. Es folgen 10 Minuten Pause und daran anschließend eine 10 minütige Erinnerungsphase, in der alles Behaltene aufgeschrieben und dann mit den zuvor gemachten Notizen verglichen wird. Zur Auffrischung des Gedächtnisses dient eine 2-4 Minuten lange Durchsicht des Stoffes am nächsten Tag und eine Wiederholungsphase von 2 Minuten Dauer je Abschnitt in der folgenden Woche. Schnelles, konzentriertes Lesen verbessert ebenfalls die Behaltensleistung, außerdem lässt es mehr Zeit für die nochmalige Durchsicht wichtiger Einzelheiten. Schnelleres Lesen wird unterstützt durch Übungen rhythmischen Lesen mit Hilfe eines Metronoms, durch Zeitmessungen und (entgegen der verbreiteten Ansicht) durch den Gebrauch des Fingers, den man unter wichtige Wörter, Wortgruppen oder ganze Absätze legt. Beim Notieren sollte man zusammenfassende Begriffe und Sätze aufschreiben. Beim Gedächtnistraining (Mnemotechnik) werden Methoden angewandt, die den Erinnerungsprozess durch Hervorheben von Gedankenverbindungen (Assoziationen) unterstützen. Übrigens haben neuere Untersuchungen gezeigt, dass man durch solches Herstellen von Gedankenverbindungen außer dem Gedächtnis auch seine kreativen Fähigkeiten verbessert, also mehr und bessere Ideen produziert. Die Aufmerksamkeit
Wenn wir etwas »vergessen«, so haben wir es oft nicht richtig aufgenommen, weil wir uns nicht darauf konzentriert haben. Menschen, die z. B. ein schlechtes Namensgedächtnis zu haben glauben, entwickeln dann meistens eine gewisse Furcht, neue Bekanntschaften zu machen, die Peinlichkeit der Vorstellung lässt sie schließlich vielleicht sogar jeden Blickkontakt mit anderen Menschen meiden. Ein solches Verhalten wirkt sich auf das Erinnerungsvermögen negativ aus, weil wir dazu neigen, alles zu vergessen, was mit Furcht verbunden ist. Um etwa Namen zu behalten, muss man sie bewusst aufnehmen, wiederholen und nach Möglichkeit irgendwie gedanklich verknüpfen. Das heißt, während der Vorstellung sollte man das Gesicht des Gegenübers aufmerksam studieren und versuchen, Verbindungen zwischen charakteristischen Kennzeichen des Gesichts und dem Namen zu finden. Wirksam ist auch eine bewusste Wiederholung des Namens, sie führt zu einer stärkeren Einprägung und zu deutlich besserer Wiedererinnerung. Diese Techniken der inneren Verknüpfung, der Konzentration und Wiederholung können im Übrigen auf alle Sachverhalte angewandt werden, die man behalten will. Durch Übung lässt sich das Gedächtnis ebenso wie andere Fähigkeiten entwickeln.

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Info 14.12.2017 16:08
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