Die Entwicklung der Schrift

Im Lauf der Jahrtausende haben die Menschen eine Vielfalt von Schreibmaterialien benutzt. Harte Stoffe, vor allem Stein und Metall, wurden mit scharfen Instrumenten graviert. Ebenso wurden weiche Materialien – die Tontafeln in Mesopotamien oder die Wachstäfelchen der Griechen und Römer – geritzt, häufiger jedoch mit Feder und Tinte beschrieben oder mit dem Pinsel bemalt. Blätter, Rinde und Textilien wurden verwendet, Hauptbeschreibstoff waren aber Papyrus, Pergament und schließlich Papier. Die frühesten Schreibmaterialien
Die Ägypter schrieben schon um 3000 v. Chr. auf Papyrus, und dieser Stoff blieb 4000 Jahre lang in Gebrauch. Papyrus – wovon sich »Papier« herleitet – wurde aus dem in Streifen geschnittenen klebrigen Stengelmark der Papyrusstaude hergestellt: Eine Lage mit senkrecht laufenden Fasern verband man (durch langes Klopfen) mit einer zweiten quer darübergelegten Lage zu einem Blatt. Mehrere Blätter wurden aneinander geleimt und bildeten einen langen Streifen, den man zu einer Rolle zusammenwickeln konnte. Im 2.-4. Jahrhundert n. Chr. wurde die Rolle schrittweise durch den Kodex ersetzt. Ähnlich wie beim modernen Buch wurden nun die Blätter in der Mitte gefalzt (»Folio«), zu Lagen von meist vier Bogen zusammengesteckt und am Einband festgeheftet. Diese neue Form wurde vorherrschend, als man begann, Pergament dem Papyrus als Schreibmaterial vorzuziehen. Tierfelle konnten, mit Lohe gegerbt, zu beschreibbarem Leder oder, durch Weißgerben (in einer Lösung aus Alaun und Salz), zu Pergament verarbeitet werden. Papier im heutigen Sinn wurde zuerst in China, in größerem Umfang seit Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr., hergestellt Lumpen (Hadern) lieferten den Rohstoff (Holz verwendet man erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts). Die frühen Schreibfedern bestanden aus Rohr, seit dem 6. Jh. auch aus Federkielen, die Tinte aus in Gummilösung schwebendem Ruß. Später wurden eisenhaltige Tinten benutzt. Die Entzifferung früher Schriften
Am schwierigsten ist die Entzifferung von Schriften einer unbekannten Sprache. Im Allgemeinen hängt sie von der Entdeckung eines zweisprachigen Dokuments ab, dessen eine Sprache bekannt ist. So ermöglichte es der mit Hieroglyphen, demotischer und griechischer Schrift versehenen Stein von Rosette dem Ägyptologen Jean-Francois Champollion (1790-1832), die Hieroglyphen zu enträtseln und damit die Kenntnis einer seit 1500 Jahren vergessenen Sprache zu erneuern. Ähnlich mehrsprachige Texte halfen bei der Entzifferung der sumerischen Keilschrift. Aber auch wenn derartige Dokumente fehlen, können Erfolge erzielt werden: Michael Ventris (1922-56) entzifferte mit Techniken, die er bei der Entschlüsselung gegnerischer Kodes im Zweiten Weltkrieg gelernt hatte, die mykenische Silbenschrift Linear B. Sogar wenn die Sprache bekannt ist, gibt es beträchtliche Entzifferungsprobleme, besonders bei Schriften, die über Jahrhunderte hin gepflegt werden. Schreibstile sind manchmal einem radikalen Wandel unterworfen (eine Ausnahme bildet das Chinesische: Seine künstlerische Schrift blieb sich im Wesentlichen seit 2000 Jahren gleich). Die Entwicklung der griechischen monumentalen Kapitale zur abgerundeten Unziale der frühen Bibelhandschriften ist beispielsweise klar zu verfolgen. Schwierig ist es aber, eine Beziehung zwischen diesen Schriften und der kursiven Schrift mit typisch fliehenden Zeichen eines Papyrus des 3. Jahrhunderts v. Chr. zu erkennen oder zwischen letzterer und der Minuskel (Kleinbuchstaben mit Ober- und Unterlängen) eines byzantinischen Manuskripts. Die Entwicklung der Schreibstile
Die Vielfalt der Schreibstile wird an der lateinischen Schrift deutlich. Die Majuskel (unverbundene Großbuchstaben) der klassischen Inschriften zeigt eine eindeutige Beziehung zu modernen großen Druckbuchstaben, die auch noch in der abgerundeten Version (Unziale) der Pergamenthandschriften des 4. Jahrhunderts n. Chr. erkennbar ist. Dennoch weist die lateinische Schrift auf Papyrus oder Holz aus den ersten zwei Jahrhunderten n. Chr. wenig Ähnlichkeit mit unserem Alphabet oder sogar mit der Minuskel der Alltagsschrift um 300 n. Chr. auf. Ein Nachkomme dieser Minuskel (bzw. der Halbunziale) ist die karolingische Minuskel. Als einfache und klare Schrift setzte sie sich bis zum 12. Jahrhundert im Ganzen lateinisch schreibenden Europa durch. Mit zunehmender Eckigkeit und Linienbrechung entwickelte sie sich im 13. Jahrhundert zur gotischen Minuskel, einer Vorform der Fraktur. Als der Buchdruck erfunden worden war, bediente man sich zunächst der sogenannten gotischen Schrift. In Italien dagegen kehrten die Humanisten in bewusster Reaktion gegen das Gotische zu einer Schrift zurück, die auf der karolingischen beruhte, sie wurde (als »Antiqua«) die Universalschrift der westlichen Welt (Deutschland schloss sich dem endgültig erst in unserer Zeit an). Karolingische Schreiber haben also die moderne Druckschrift begründet. Der rationelle Typensatz und die Drucktechnik beendeten die Geschichte der handgeschriebenen Bücher, doch der Schreibstil, etwa in Dokumenten, entwickelte sich weiter. Die zunehmende wissenschaftliche Bildung hat indessen dazu geführt, dass es heute nicht mehr nur einige wenige erkennbare Schreibstile, sondern dass es zahllose individuelle Varianten gibt, die als Ausdruck der Persönlichkeit, des Bildungsniveaus und der Schreibsituation zu den gemeinsamen Schriftmerkmalen der Sprachgemeinschaften hinzutreten.

Forum (Kommentare)

Info 18.11.2017 13:04
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.