Die Erfindung und Verbreitung der Keilschrift

Die Erfindung der Schrift, oder besser: die Idee des Schreibens, verdanken wir höchstwahrscheinlich den Sumerern. Sogar der Zeitpunkt dieses Ereignisses lässt sich mit ziemlicher Sicherheit festlegen: es war das Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends. Im südlichen Zweistromland können wir eine der wichtigsten Erfindungen entstehen sehen; von hier aus mag sich die Idee des Schreibens nach Indien, China und Ägypten verbreitet haben. Der Anlass zum Gebrauch der Schrift war in Sumer ein anderer als in Ägypten. Sie sollte nicht der Verherrlichung des Königs und seiner Taten dienen, sondern praktischen Zwecken. Die Verwaltung der großen Tempelgüter, der Zentren altsumerischen Wirtschaftslebens, war ohne Buchführung nicht mehr möglich. Ein- und Ausgänge mussten registriert, die Verteilung von Rationen an Bedienstete musste einheitlich geregelt werden. Dies überstieg allmählich die Gedächtniskraft der Beamten. Die Bürokratie erforderte und erfand ihr notwendigstes Instrument, die Schrift. Der vom Ägyptischen verschiedene Verwendungszweck ließ auch eine andere Form der Schrift entstehen, wozu der Schriftträger entscheidend beitrug. Als Eigentumszeichen waren schon längere Zeit Stempelsiegel und daneben auch Rollsiegel in Gebrauch, die in den plastischen Ton von Krugverschlüssen gedrückt wurden und so — vergleichbar einem Petschaft — einen Hinweis auf den Eigentümer gaben. Vielleicht in Anlehnung an diese Sitte wurde der feine Ton des mesopotamischen Schwemmlandes nun auch zum Schriftträger. Mit einem fein zugespitzten Rohr wurden Schriftzeichen in die weiche Masse eingedrückt, mit dem runden Ende des Griffels Zahlzeichen. WortschriftZunächst waren die Zeichen bildhaft. Gegenstände – etwa ein Gefäß – wurden nachgezeichnet, aber bereits in der frühesten Zeit überwogen schematische Darstellungen. Die Schrift war also keine reine Bilderschrift. Sie war aber zunächst, soweit wir erkennen können, eine Wortschrift. Jedem Wort entsprach ein Zeichen oder eine Zeichengruppe, etwa Schaf = udu »Schaf«. Das hatte verschiedene Nachteile. Vor allem war die Zeichenzahl sehr groß – etwa zweitausend in der frühesten Epoche -, und doch reichte sie nicht aus. Verschiedene Wörter ließen sich gar nicht oder nur schwer durch Zeichen ausdrücken, da nicht alle so einfach darzustellen waren wie das Verbum »essen« durch »Kopf + Brot« Brot oder »trinken« durch »Kopf + Wasser« Wasser. Dafür bekamen viele Zeichen einen größeren Geltungsbereich. So bedeutet das Zeichen Gebirge und Sonne das Bild einer über dem Gebirge aufgehenden Sonne, zunächst »Tag« (sumerisch u(d)), dann aber auch »hell, weiß« (sumerisch babbar), da die strahlende Helle eben für den Tag charakteristisch ist. Natürlich waren dabei Missverständnisse unvermeidlich. Dem versuchte man bald dadurch zu steuern, dass Deutezeichen, Determinative, vor oder weniger häufig hinter ein Zeichen gesetzt wurden, ein Stern Stern vor Götternamen, das Zeichen für »Mensch« Beruf vor Berufe und so fort. Diese frühe Wortschrift war für ihre Zwecke, die Registrierung von Ein- und Ausgängen der Tempelwirtschaft, ganz gut geeignet. Aber schon die Aufzeichnung ein»Personennamens bereitete Schwierigkeiten. Völlig unmöglich war es jedoch, komplizierte Sachverhalte oder gar historische oder religiöse Texte aufzuzeichnen. Die Bildungselemente an Verben und Substantiven, Partikel und Pronomina konnten in einer Wortschrift keinen Ausdruck finden. Hier kam die Struktur der sumerischen Sprache zu Hilfe, die zahlreiche gleich oder ähnlich klingende ein- bis zweisilbige Wörter kennt. Der nächste Schritt bestand nun darin, dass man das Bildzeichen eines Wortes auch für ein anderes aus einer vollständig anderen Bedeutungssphäre, aber mit ähnlicher Lautung, einsetzte. Das älteste Beispiel ist das Zeichen Pfeil ti »Pfeil«, das nun auch zur Schreibung von ti(l) »Leben« verwendet wurde. Der Übergang von der Wortschrift zur Silbenschrift war gefunden und damit der Weg der Keilschrift in den folgenden Jahrtausenden bereits vorgezeichne. Er führte aber zu keiner reinen Silbenschrift. Vielmehr wurden neben den Silbenzeichen stets auch Wortzeichen verwendet. Sie wurden aber in den verschiedenen Sprachgebieten, in denen die Keilschrift später gebraucht wurde, jeweils anders ausgesprochen, so wie etwa das Zahlzeichen »5« in deutschem Kontext »fünf«, in englischem »fife«, in französischem »cinq« gelesen wird. Demnach hat das Zeichen König zwar immer die Bedeutung »König«, wurde aber von Sumerern lugal ausgesprochen, von Akkadern scharrum, von Hethitern chaschschu, von Churritem iwri und von Urartäern ereli. Bleiben wir aber zunächst noch bei der archaischen sumerischen Schrift. Hier vollzogen sich noch einige Wandlungen in der äußeren Form, denn das Schreibmaterial, der zähe Ton, ließ die Verwendung gebogener Linien kaum zu. Diese wurden schon bald in gerade Striche zerlegt, die sich mit dem Rohrgriffel, der jetzt wesentlich dicker wurde, leichter eindrücken ließen. Damit entstand die typische Keilform der einzelnen Striche, nach der wir die Schrift nennen. Dadurch wurden aber auch die Zeichen, deren Urbild auf alten Tafeln noch klar zu erkennen ist, immer abstrakter, so dass bei fast allen jüngeren Formen die Herkunft von einer Bilderschrift nicht mehr zu ersehen ist. Im Laufe der Zeit entwickelte sich schließlich eine Kursive, und die Zeichen machten auch in den verschiedenen Sprachperioden Wandlungen durch, so dass man ganze Entwicklungsreihen aufstellen kann:
Keilschrift
Eine gewisse normative Schönschrift ist in neuassyrischer Zeit bei den Texten der Bibliothek Assurbanipals festzustellen. Auch die Schriftrichtung hat sich in alter Zeit einmal geändert. Auf den kleinen archaischen Tafeln wurden die wenigen Zeichen frei über die Fläche verteilt oder in Fächer eingetragen, die durch Striche abgeteilt waren. Dieser Brauch blieb noch ziemlich lange bewahrt und erschwert das Verständnis der Texte erheblich, da die Beziehung der Satzteile zueinander oft nur erraten werden kann. Man schrieb in schmalen Kolumnen von oben nach unten, wobei man links oben begann. Die Tafeln wurden jedoch bald größer und ihre Handhabung schwieriger. Vor allem konnten sie nicht mehr schräg in die Hand gelegt werden, sondern wurden senkrecht gehalten. Diese Drehung um fünfundvierzig Grad bewirkte, dass die Zeichen um neunzig Grad gedreht erscheinen. Sie wurden auch nicht mehr von oben nach unten, sondern von links nach rechts geschrieben und in Zeilen angeordnet. Damit war die für alle Zeiten und jede Textart gültige Schreibweise gefunden, denn eine eigene Monumentalschrift wurde nicht ausgebildet. Die Schrift besaß jetzt also Wortzeichen, Silbenzeichen und Determinative. Im Laufe der Entwicklung waren jedoch durch Vereinfachung zahlreiche Zeichen zusammengefallen oder ganz ausgeschieden worden, so dass von den ursprünglich etwa zweitausend Zeichen noch rund sechshundert übriggeblieben waren, die aber noch in verschiedenen Zusammensetzungen als Wortzeichen verwendet werden konnten. Durch diesen Zusammenfall einst getrennter Zeichen wurde allerdings die Mehrdeutigkeit der Schrift wieder vergrößert. Hierzu kam noch ein weiterer Umstand: Die frühen Schriftzeichen machten keinen Unterschied zwischen Gegenständen, Personen und Verben, die zum gleichen Tätigkeitsbereich gehörten, obgleich die sumerische Sprache für jeden Begriff ein eigenes Wort hatte. Zum Beispiel bezeichnete man mit Pflug einen »Pflug« (sumerisch apin), aber auch den »Pflüger« (sumerisch engar) und das Verbum »pflügen« (sumerisch uru). Das Zeichen musste also je nach dem Zusammenhang anders gelesen werden. Als später das Akkadische mit der gleichen Schrift geschrieben wurde, wurden auf diese Art noch weitere Lautwerte geschaffen, die z.T. von akkadischen Wörtern abgeleitet wurden. Besonders aufschlussreich ist das Zeichen Bergkette ursprünglich das Bild einer Bergkette Bergland sumerisch kur »Berg(land)« (daneben zum Beispiel auch gin) gelesen. Ins Akkadische übernommen stand das Zeichen auch dort für »Berg« (Lesung schadu) oder »Land« (Lesung matu), woraus sich die Silbenzeichen schad und mat ableiten lassen, zu denen noch die verwandten Silben nad, lad und sad traten. Die dadurch entstandene »Polyphonie« erschwert das Verständnis von Keilschrifttexten oft recht erheblich, denn das angeführte Zeichen kann nun kur, mat, mad, nat, nad, lat, lad, schat, schad, sad, sat, gin oder kin gelesen werden. Es kann außerdem Wortzeichen für »Berg« oder »Land« und noch einiges andere sein und schließlich als Determinativ vor einem Landes- oder Bergnamen stehen. Nur aus dem Zusammenhang kann die jeweils zutreffende Lesung bestimmt werden. Diese Möglichkeiten sind aber dadurch wieder eingeschränkt, dass manche Lautwerte nur in einer bestimmten Epoche der Keilschriftliteratur verwendet werden oder auf bestimmte Textgattungen beschränkt sind. Die Keilschrift ist also ein recht kompliziertes Instrument. Sie gelangte aber im Vorderen Orient zu einer außerordentlich weiten Verbreitung, da das System der gemischten Wort- und Silbenschrift offenbar leichter auf andere Sprachen anwendbar war als die ägyptische Schreibweise. Zunächst verwendeten die Akkader und nach ihnen Babylonier und Assyrer die Schrift, die allerdings nicht für ihre semitische Sprache geschaffen war und deshalb rechte Mängel in der Wiedergabe bestimmter spezifisch semitischer Laute zeigt. In der Akkade-Zeit wurde die Keilschrift dann auch von Elam übernommen, wo man zunächst eine eigene, bisher noch nicht gedeutete Schrift entwickelt hatte. Dort schrieb man nun akkadische und elamische Urkunden in der babylonischen Schrift. Gleichfalls um 2300 v. Chr. wurde der erste Text in churritischer Sprache, ebenfalls in Keilschrift, niedergeschrieben. Noch früher drang die Keilschrift nach Mari vor und verbreitete sich von da aus über Nordsyrien und bis nach Kleinasien, wo die Hethiter begannen, ihre indogermanische Sprache mit den gleichen Zeichen aufzuschreiben. Aber auch die mit dem Hethitischen eng verwandten Sprachen Luvisch und Palaisch konnten mit ihnen festgehalten werden, ebenso die Sprache eines alten kleinasiatischen Volkes, das Protohattische. Auf einem anderen Wege, nämlich über Assyrien und mit assyrischen Kaufleuten, gelangte am Anfang des zweiten Jahrtausends eine andere, stark kursive Form der Keilschrift nach Kleinasien, erlosch aber nach dem Verfall der dortigen Handelsniederlassungen. Im 14. Jahrhundert v. Chr. hatte die Keilschrift ihre weiteste Verbreitung gefunden. Selbst in Ägypten bediente man sich ihrer und der akkadischen Sprache zum Verkehr mit syrischen Kleinfürsten, mit babylonischen und assyrischen Königen, wie das Archiv von Amarna beweist. Über Assyrien gelangte die Schrift nach Armenien, wo seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. die Könige von Urartu Inschriften in ihrer Landessprache verfassten. Wenig später kam in Elam eine abgewandelte Form der babylonischen Schrift in Gebrauch, die noch in achämenidischer Zeit in der Buchführung Verwendung fand, wie Funde in Persepolis zeigen. Im babylonischen Raum wurde noch lange Jahrhunderte Keilschrift geschrieben, doch zeigen aramäische Beischriften auf Rechtsurkunden, dass diese bequeme Schrift mehr und mehr an Beliebtheit gewann, bis sie schließlich die komplizierte Keilschrift fast völlig, verdrängte. Nur noch selten in privatem Gebrauch, wurde sie schließlich eine Schilift der Gelehrten, die noch bis in das 1. nachchristliche Jahrhundert astronomische, mathematische und verwandte Texte in Keilschrift verfassten. Wie stark die Gewohnheit war, sich einer Keilschrift zu bedienen, zeigen zwei Schriftsysteme, die zwar die äußere Form der Keile beibehalten haben, aber dem oben skizzierten Prinzip der Keilschrift völlig fernstehen. Das eine entstand um 1400 v. Chr. in Ugarit (Ras Schamra) an der syrischen Küste, einer Handelsstadt, die zu der babylonischen, hethitischen, churritischen und ägyptischen, ja sogar zur kretischen Kultur Beziehungen unterhielt. Rechtsurkunden und Briefe wurden hier meist in akkadischer Sprache und Schrift abgefasst. Aber einige Briefe und vor allem umfangreiche mythologische und andere religiöse Texte in einer Keilschrift wurden hier gefunden, die sich schon durch die geringe Anzahl der verwendeten Zeichen (dreißig Zeichen) und das Fehlen von Wortzeichen und Determinativen als Buchstabenschrift verriet. Sie setzt also eine Schriftentwicklung voraus, die, wie wir wissen, vom Ägyptischen her zur Schaffung eines kanaanitischen Alphabets führte. Hier in Ugarit begegnen sich die Einflüsse: die kanaanitische Buchstabenschrift erscheint im Gewande einer Keilschrift. Sogar die Reihenfolge der Buchstaben entsprach bereits der aus späterer Zeit bekannten und auf die europäischen Alphabete vererbten. Allerdings musste das Ugaritische, das noch einige später verschwundene Laute besaß, auch für diese noch Zeichen einführen. Gegenüber der phönikisch-aramäischen Schrift, die nur das Konsonantengerippe berücksichtigt, konnte die ugaritische noch in beschränktem Umfange, nämlich soweit sie im Zusammenhang mit dem Stimmabsatz Aleph erscheinen, auch Vokale schreiben. Ebenfalls unter dem Einfluss der semitischen Buchstabenschrift, aber fast ein Jahrtausend später, schufen die Perser zur Zeit Dareios des Großen eine einfache Keilschrift, die mit ihren sechsunddreißig Silbenzeichen und wenigen Wortzeichen noch Elemente der Silbenschrift bewahrt hat. Sie war jedoch eine künstliche Schöpfung und hatte, soweit wir wissen, keine praktische Bedeutung. Immerhin bildeten die in dieser Schrift verfassten Inschriften der persischen Könige die Grundlage, von der aus im 19. Jahrhundert die Entzifferung fast aller der skizzierten Keilschriftsysteme begonnen wurde.

Forum (Kommentare)

Info 19.11.2017 11:35
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.