Die Seuche im Mittelalter – Beispiele aus der Schöppenchronik von 1349

In diesem Jahr erhoben sich gemeine Leute und nähten Kreuze auf ihre Kleider und auf ihre Hüte und gingen zusammen in Partien und nahmen eine Buße und ein Leben an sich zu 34 Tagen. Und sprachen, es wäre geboten von dem Himmel zu tun für das Sterben der Leute, das da über Meer kommen war. Die ersten, die hier gesehen worden in der Stadt, die waren von Pirna. Sie lagen zu Bergen auf dem Hofe und sandten ihre Hauptleute in die Stadt zu dem Rat und ließen bitten, dass sie in die Stadt dürften kommen und ihre Buße gehen. Da die Ratmannen ihre Briefe sahen und ihre Weise hörten, däuchte ihnen, es rührte die Pfaffenheit und gingen zu den Domherren in das Kapitel und frageten, ob sie die Leute einlassen sollten oder ob es dem Leben oder den Pfaffen etwa möchte schaden. Diese antworteten: ihnen däuchte, man könnte sie wohl zulassen, es wäre niemandes Schaden. Also kamen die Leute in die Stadt. Der selben Leute Gebärde stand also: Sie gingen mit Fahnen an einer Prozession, zween und zween zusammen. Sie sprachen, sie dürften keine Frauen berühren, darum hieß man die Frauen von ihnen gehen. Wann sie dann kamen in die Kirchen oder auf den Kirchhof oder an einen freien Platz, so zogen sie ihre Kleider bis auf das Untergewand aus und hängten sich ein Tuch um, das reichte von den Lenden bis auf die Füße, sodass sie unten bedeckt waren und oben bloß. Sie hatten Geißeln in ihren Händen von dreien Strängen und daran geknotet harte Knoten, in die kreuzweise scharfe Nadeln eingedrückt waren. Damit schlugen sie sich, dass sie bluteten. Etliche schlugen auch mit Sinn, dass sie es kaum fühlten. Also gingen sie dreimal um den Kirchhof und fielen bei jedem Umgang dreimal kreuzweis auf die Erden. Es waren einige, die fielen quer vor der Prozession nieder, einige auf den Rücken, einige auf den Bauch, einige auf die Seiten. Das waren Totschläger, Ehebrecher und Räuber. Da ging denn die Prozession über ihnen hin und schlugen die mit Geißeln. So ging denn ihr höchster Meister nach und schlug jeden mit einem Schlag und sprach: »Bruder steh auf, dass dir Gott alle deine Sünden vergebe.« Dann kleideten sie sich alle und gingen auf den Markt. Da kamen die Leute und baten sie alle um Gott zu Tische, einer zwei, einer drei oder vier, minder oder mehr, wie jeglicher vermochte. Wenn sie dann vor das Haus kamen, da sie geladen waren, fielen sie auf ihre Knie und sprachen ihr Gebet. Dasselbe taten sie am Tische vor dem Essen und danach. Von dieser ersten Partie wurden alle zu Haus geladen, denn ein jeder wollte sie vor dem andern haben. Danach erhob sich die Gemeinde, und ihrer wurden so viele, dass ihrer zuletzt niemand mehr begehrte. Da begannen sie zu predigen und lange Briefe zu verlesen und sprachen, Gott hätte diese gesandt vom Himmel. Darin stand, wie Gott zornig wäre und die Welt wollte vergehen lassen … und sie begannen Zeichen zu verkündigen … und zuletzt sagten sie, sie hätten Tote auferstehen lassen und dass Gott hätte ihre Speise vermehret auf dem Felde, da sie zu wenig zu essen hatten. Dies war alles gelogen, das erfuhr man später wohl. Zuletzt begann das gemeine Volk zu murren gegen die Pfaffen. Da verbot der Bischof von Magdeburg, man solle sie nicht mehr zulassen, denn hier in der Stadt waren wohl acht Rotten, so dass man sie anschlug auf sechshundert, die gingen ihre Buße auf der Marsche und auf dem Neuen Markt. Der Bischof hieß seinen Vögten, sie sollten alle die hindern, die auf diese Weise gingen in seinem Lande. Darum sammelte sich das gemeine Volk und brachten die Geißelbrüder nach Helmstedt, wo die von Braunschweig und von Hildesheim waren. Und etliche schnitten die Kreuze ab und liefen heimlich hinweg, denn die von Braunschweig waren Feinde des Bischofs. Der Bischof sandte an die Bürger von Insleben und strafte sie deshalb, dass sie das Volk zugelassen hatten ohne der Pfaffen Rat. Sie antworteten und sprachen: »Herr, wir taten das mit Rat eures Dekans und der Domherren, die hier sitzen.« Also ließ der Bischof die Ratmannen unbestraft, da sie es klüglich mit der Domherren Rat getan hatten und man mochte es den Bürgern nicht anrechnen. Also verging das Volk, mit dem so viele Täuschung war. Die Frauen begannen auch in etlichen Städten so zu gehen. Hätte das länger gestanden, es wäre dem Glauben schädlich gewesen.
Aus: Magdeburger Schöppenchronik (in: Chroniken deutscher Städte, Bd. VII).

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Info 18.12.2017 00:26
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