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Die Pest und der Schwarze Tod

Die medizinischen Nachschlagewerke vermerken unter dem Stichwort »Pest« (lat. pestis: Seuche): ursprünglich eine Tierkrankheit der Nagetiere, die nur unter besonderen Umständen auf den Menschen übergreift. In Zentralasien und an den Seen Zentralafrikas beheimatet, wurde sie vor allem von Ratten verschleppt. Der Rattenfloh übertrug dann die Krankheit auf die Menschen, bei denen sich zwei verschiedene Krankheitsbilder zeigten. Da waren zunächst einmal die durch Flohbisse hervorgerufenen Schwellungen der Lymphknoten an den Leisten-, Achsel- und Halsdrüsen, die sogenannte Beulenpest. Wenn das Blut aber mit Pestbakterien überschwemmt war, kam es zur Erkrankung der Lunge, der sogenannten Lungenpest. Diese konnte dann durch Tröpfcheninfektion leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Lag damals die Sterblichkeitsrate bei der Beulenpest etwa um 15 Prozent, so betrug sie bei der Lungenpest meist 100 Prozent. Solche medizinischen Fakten und Zahlen gilt es vor Augen zu halten, wenn von der Pest die Rede ist. Denn zu allgemein, zu unüberlegt und häufig auch zu ungenau wird in Texten der Zeit und in modernen Darstellungen vom »Schwarzen Tod« berichtet. Für die Menschen des 14. Jahrhunderts, die nichts von Bazillen, Pestflöhen, Tröpfcheninfektion und Hygiene wussten, war diese Seuche die große Bedrohung ihrer Existenz schlechthin, eine Geißel Gottes, der sie trotz Gebeten und Gelübden unterlagen, ein schauerlicher Totentanz, wie er fortan aus dem Bewusstsein der Menschen nicht mehr wegzudenken war. Eng verbunden mit dem Auftreten dieser Seuche waren zwei Auswüchse der Massenhysterie, der kollektiven Erregung: die sogenannten »Geißlerfahrten« und die furchtbaren Ausschreitungen gegen die Juden, die Pogrome. Die »Geißel Gottes« und ihre Begleiter
Von Asien aus war die Pest seit Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrtausends Stück um Stück westwärts gewandert, hatte bis 1348 die Küsten des Schwarzen Meeres erreicht und von da aus die nördlichen Mittelmeerländer bis hinüber nach Spanien erfasst. Für Mittel- und Westeuropa gab es damals keinen »Cordon sanitaire« (frz., etwa Sicherheitsgürtel), wie ihn drei Jahrhunderte später die Habsburger Monarchie mit ihrer Militärgrenze auf dem Balkan schuf. Die Alpen bildeten nur eine unwirksame Grenze, die von der Pest bald auf verschiedenen Wegen überschritten wurde. Rascher aber noch als die Seuche selbst drangen Nachrichten und Gerüchte nach Norden vor, wo sie Angst und Schrecken verbreiteten. Sie allein schon lösten jene seltsame Bewegung der Geißlerfahrten aus, die zur Begleitmusik des großen Totentanzes wurden. Diese ihrerseits fachten den seit langem glimmenden Funken des Judenhasses zu einem neuen furchtbaren Brand an, dem Tausende von Juden in den deutschen Städten zum Opfer fielen. Damit war latenter Hass wieder einmal umgeschlagen in unverhüllte Brutalität, geheime Aggression unter dem Druck einer lebensbedrohenden Gefahr zu offener Aggression geworden. So und in dieser Reihenfolge scheinen wir die zeitlichen Abläufe und Zusammenhänge der Ereignisse sehen zu müssen. Da sie aber verschiedentlich ineinandergreifen, manchmal auch zeitliche Verschiebungen eintreten, wird es letzten Endes kaum möglich sein, einen fundierten und endgültigen Beweis über die Abfolge des Geschehens zu erbringen. Gerade deshalb erscheint es notwendig, die ineinanderlaufenden Stränge etwas zu entwirren und sie einzeln zu verfolgen. Die Angaben über den Ausbruch der Pest in den verschiedenen Territorien des Deutschen Reiches bleiben ungenau, weil sich die mittelalterlichen Chronisten überhaupt und in diesen unsicheren Zeiten ganz besonders oft mit summarischen Hinweisen auf Seuchen und Pestilenz begnügen, Zahlen sehr global abrunden, Fakten und Gerüchte kritiklos durcheinandermischen. Das Vorrücken der Pest glich der Bewegung einer Zange, deren Maul sich allmählich schließt. Der rechte Schenkel, das war der Weg von Südosten her, auf dem die Seuche im Herbst 1348 aus Oberitalien nach Kärnten und in die Steiermark vordrang – für das Mürztal beispielsweise verzeichnen wir die erste Meldung am 11. November. Von hier aus erreichte sie das Herzogtum Österreich im Frühjahr 1349, forderte in Wien zahlreiche Opfer und drang dann langsam westwärts nach Baiern und nordwärts nach Mähren vor, Regensburg wurde erst im Sommer 1350 erreicht, ebenso Brünn und Znaim in Mähren. Der Weg von Westen bildete dann den linken Schenkel. Er führte über das Rhönetal in die Schweiz, wo die Pest schon im Frühjahr 1349 auftrat und teilweise bis in den Herbst hinein wütete. Für den Aargau in der Nordschweiz wird die Dauer der Seuche vom September 1349 bis zum Januar 1350 angegeben. In Konstanz erreichte sie den Höhepunkt im Winter 1349. Ein zweiter Strang von Schrecken und Krankheit zog sich über Burgund und das Tal des Doubs in die Oberrheinebene. Straßburg war bereits im Juli 1349 erreicht, bis Oktober klang dort die Seuche schon wieder ab. Auf dem weiteren Weg rheinabwärts scheint es ziemlich rasch gegangen zu sein, denn für Frankfurt vermerkt eine zeitgenössische Notiz das Wüten der Pest vom 22. Juli bis 2. Februar 1350. Zu diesem Hinweis passt die Tatsache, dass Kaiser Karl IV., der verseuchte Orte sorgfältig mied, einen Aufenthalt in Frankfurt am 5. Juli beendete und weiter nach Aachen und damit vor der Pest herzog, die Köln im Dezember 1349 erreichte. Besonders bedroht waren naturgemäß die Küstenorte, wohin die Seuche durch die Schiffe und damit durch die Schiffsratten eingeschleppt wurde. Friesland war im Dezember 1349 befallen, ebenfalls Preußen, in Jütland tauchte sie Anfang 1350 auf und verbreitete sich von da südwärts über Schleswig und Holstein. Höhepunkt der Seuche um 1350 – Abflauen und zweites Sterben
Damit hatten sich die Schenkel der Zange geschlossen. Die Infizierung Innerdeutschlands erfolgte nun gleichermaßen von allen Himmelsrichtungen im Lauf des Jahres 1350. Vereinzelt setzte die Herrschaft der Pest sogar erst im folgenden Jahr ein wie etwa in Bremen. Merkwürdigerweise gab es in dem bald völlig verseuchten Reich auch Gebiete, die von ihr weitgehend oder zumindest teilweise verschont blieben. Dazu gehörten wahrscheinlich auch fränkische Städte wie Würzburg und Nürnberg, wo wir Hinweise auf Pesterkrankungen erst in späteren Jahren finden (Würzburg 1356 und 1363, wobei offen bleiben muss, ob es sich um die echte Pest mit den oben beschriebenen Krankheitssymptomen gehandelt hat). Völlig frei blieben bei dieser Pestwelle Böhmen, Schlesien und Polen, wo »lediglich die spätere Geschichtsschreibung die Pest eingeschleppt hat«, wie der Historiker Robert Hoeniger ironisch bemerkt. Für Breslau haben wir eine glaubwürdige Meldung über ein Auftreten der Pest erst für das Jahr 1372. 1351 schien überall in Deutschland das Wüten der Seuche gebrochen, und für die verängstigten Menschen folgten ein paar Jahre der Ruhe, aber schon 1356 flackerte sie erneut auf, und die Chroniken vermerken »das zweite große Sterben«, das diesmal seinen Weg von Norden nach Süden nahm und Ende der fünfziger Jahre auch die bisher verschonten ostdeutschen Gebiete erreichte. Nach einer erneuten kurzen Pause fiel schließlich das dritte Auftreten der Krankheit in das Ende der sechziger Jahre, und von da an verging bis zum Ende des 14. Jahrhunderts fast kein Jahr, in dem nicht irgendwo in Deutschland ein örtlich begrenzter Seuchenherd vermerkt wird. Es scheint mitunter fast so, als hätten sich die Menschen an die Krankheit schon gewöhnt und sie als etwas geradezu Selbstverständliches gleichermaßen hilflos und gottergeben hingenommen. Aber dies ist nur die eine Seite der Wirklichkeit – denn der mittelalterliche Mensch musste zwar mehr leiden als heute, sann aber auch stets auf Abhilfe. Selbstgeißelung als Abwehrmittel
Im engsten Zusammenhang mit dieser Ausbreitung des »Schwarzen Todes« stehen nun die Geißlerfahrten, die schon die Zeitgenossen so beschäftigten, dass Chronisten und Augenzeugen in allen Einzelheiten und weit ausführlicher darüber berichten als über die Pest selbst. Bußübungen, bei denen sich einzelne Büßer selbst geißelten, also mit einer Riemen- oder Stückpeitsche den Rücken blutig schlugen, waren nichts Neues und kamen schon seit dem frühen Mittelalter immer wieder vor. Unter dem Eindruck der drohenden Pest aber kam die Vorstellung auf, man müsse nur tüchtig Buße tun, auf solche Weise den göttlichen Zorn besänftigen und könne damit die Pest abwehren. Was ursprünglich Sache des einzelnen gewesen war, wurde damit rasch zu einer Massenbewegung. Auch Geißler- oder Flagellantenprozessionen (lat. flagellare: geißeln) hatte es schon 1260 in Oberitalien gegeben, von wo aus diese Bußbewegung über die Alpen nach Kärnten, in die Steiermark und nach Baiern übergriff. Aber sie erlosch ebenso rasch, wie sie aufgekommen war. Unter dem Eindruck der drohenden Pest besann man sich nun wieder auf derartige Massenbußen, mit denen man den göttlichen Zorn zu besänftigen und das Strafgericht der Seuche abzuwehren hoffte. Wir stehen heute religiösem Eifer, der sich zur Hysterie steigert, verständnislos und ablehnend gegenüber, müssen aber immer wieder erleben, dass er in irgendeiner Form als Folgeerscheinung religiöser oder politischer Ideologien aufflackern kann. Für die Menschen des 14. Jahrhunderts schien die Bewegung in den ohnehin fieberhaft erregten Zeiten ein letzter Hoffnungsstrahl vor dem drohenden Massensterben. Und aus den Liedern der Geißler spricht noch heute die entsetzliche Seelenangst, die sie alle, Büßer wie Abseitsstehende, erfasst hatte. Die Geißlerfahrten kamen spontan im Osten des Reiches auf. Von ersten Selbstgeißelungen als Bußübung hören wir im Zusammenhang mit der Erwartung des Weltendes 1260 in Perugia, dann im Herbst 1348 in Österreich. Am 1. März 1349 gab es in Böhmen, wohin die Pest gar nicht gekommen war, solche Geißlerprozessionen, wenige Tage später in Sachsen, Mitte April in Magdeburg, am 6. Mai in Würzburg, am 19. in Augsburg, Mitte Juni am Bodensee und in Straßburg. Man staunt, wie bei allem emotional geprägtem Fanatismus die Geißler ihre Fahrten doch sehr nüchtern und sorgfältig organisierten. Eine Fahrt dauerte ursprünglich dreiunddreißig Tage, und nur Männer – zwischen 50 und 200 je Prozession – durften an ihr teilnehmen. Sie ordneten sich willig den von ihnen gewählten Führern unter und verfügten auch über das nötige Verpflegungsgeld, um sich unterwegs verköstigen zu können. Meist stammten sie aus der ärmsten Gesellschaftsschicht. Der Straßburger Chronist Closener hat ein besonders farbiges Bild der Bewegung überliefert. Er erzählt, dass die Geißler sich vor den Städten zu feierlichen Prozessionen ordneten und hinter Kirchenfahnen und Kreuzen, paarweise marschierend und fromme Lieder singend, in die Stadt einzogen. Nach einer ersten Andacht wurden sie von den Bürgern zu Tisch geladen, dann erst sammelten sie sich auf dem Markt oder dem Kirchhof und begannen mit ihren spektakulären Bußübungen. Sie legten ihre Oberkleider ab, warfen sich zu Boden und deuteten durch Gesten oder durch die Körperlage ihre Sünden an. Der Meineidige reckte drei Finger über das Haupt empor, der Ehebrecher legte sich auf den Bauch, der Mörder auf den Rücken. Dann schritt ihr Meister und Anführer über den ersten hinweg und berührte ihn mit der Geißel, dieser stand auf, folgte ihm über den nächsten usw. bis alle standen. Erneut sangen sie ein Bußlied und begannen nun, sich mit ihren Geißeln den Rücken blutig zu schlagen. Zum Schluss wurde noch die »Geißlerpredigt« verlesen, angeblich ein Brief, den ein Engel in Jerusalem zur Erde gebracht haben sollte und mit dem Gott persönlich die Menschen zu Reue und Buße aufgefordert hätte. Mit Hinweisen auf Heuschreckenplagen, Hungersnöte, Erdbeben und die Pest trug dieser Text dazu bei, die braven Bürger noch mehr zu verängstigen. Dieser Brief enthielt aber auch Vorwürfe gegen jene Geistlichen, »die nur Priester werden, um gut zu essen und zu trinken und Gottes Wort nicht predigen wollen«. Die hier anklingende Opposition gegen die offizielle Kirche und ihre Vertreter, den Klerus, fand in weiten Bevölkerungskreisen Zustimmung und steigerte sich allmählich zu scharfer antiklerikaler Opposition. Das bequeme und häufig sittenlose Leben zahlreicher Geistlicher bot ja zu allen Zeiten genug Anlass für Kritik und hatte – besonders im 11. Jahrhundert – im Brennpunkt kirchenreformerischen Interesses gestanden. Ob mit derartigen Anschuldigungen und mithilfe der Flagellantenbewegung allerdings eine radikale, umstürzlerische Gruppe einen erbitterten Kampf gegen Staat und Kirche und ganz allgemein gegen die Grundlagen der damaligen Gesellschaft führen wollte, wie einmal angenommen wurde, muss zweifelhaft bleiben. Sicher haben sich in der Geißlerbewegung sozialpolitische und religiöse Elemente vermischt. Das spürte auch die Kirche, die ihr nach kurzem anfänglichem Wohlwollen bald äußerst kritisch gegenübertrat und sie schließlich bekämpfte, wo sie es nur konnte. Das war freilich nicht einfach, denn das Volk, das zwischen frommen und kritisch-aufrührerischen Tönen nicht so recht unterscheiden konnte und nur zu gern das aufregende, blutige Spektakel erlebte, wandte sich gegen jede Behinderung der Geißlerpraxis. Aber vielleicht hätte es gar nicht erst der scharfen päpstlichen Bann-Bulle vom 20. Oktober 1349 bedurft, in der die Prozessionen verurteilt und bei strenger Kirchenstrafe verboten wurden, denn sie überlebten sich selbst erstaunlich rasch. Wo die Pest die Geißler einholte, erkannte man nur zu bald, dass derartige Bußübungen gar nichts halfen, und hatte andere Sorgen. Der Reiz des Neuen, Aufregenden verflüchtigte sich auch rasch. So sperrte eine Stadt nach der anderen die Tore vor den Geißlern. In Lübeck warf man sie sogar ins Irrenhaus – eine Maßnahme, die so rational und geplant erscheint, dass sie eher wie der Vorbote der Neuzeit aussieht, gar nicht mehr ›mittelalterlich‹. Immerhin war an einigen Orten das Ansehen der Geißler noch so gut, dass die Geistlichkeit nichts gegen sie zu unternehmen wagte und die notwendigen Maßnahmen den weltlichen Behörden überließ. Schon nach ein paar Monaten war die Bewegung wie ein dunkler Spuk vorübergezogen. Judenverfolgungen, Produkt aus Massenwahn und Todesangst
Aber es wäre falsch, die Geißler und ihre Ideen allein als Spuk zu sehen, trugen sie doch einen Großteil der Schuld an den Judenmorden jener Tage. Sie haben sie zwar nicht verursacht, aber sie haben den »Judenbrand« im wahrsten Sinne des Wortes zu heller Flamme geschürt. Ausgangsland der Pogrome war Südfrankreich, wo die Pest schon Anfang 1348 auftrat. Dort schob man die Schuld an ihrem Entstehen den Juden in die Schuhe und behauptete, sie hätten die Brunnen vergiftet, um auf solche Weise die Christen zu ermorden. So lächerlich solche Anschuldigungen auch waren, so bildeten sie doch die Ursache für eine Verfolgung der Juden, die sich erstmals für den Mai 1348 in einer südfranzösischen Stadt nachweisen lässt. Von hier eilte das Gerücht der Pest voraus nach Nordosten und hinterließ eine grauenvolle Spur. Im September 1348 erpresste die Folter den Juden am Genfer See ein Geständnis angeblicher Schuld, im November wurden sie in Solothurn, Zofingen, Stuttgart und Augsburg verbrannt, einen Monat später folgten Landsberg, Memmingen, Lindau, Esslingen, im Januar 1349 Basel, Freiburg, Speyer, Ulm, im Februar Straßburg, Schaffhausen, St. Gallen, Gotha, Eisenach, Arnstadt, Würzburg, Ilmenau, Frankenhausen, Dresden, im März Worms, Konstanz, Baden und Erfurt, im Mai Breslau, im Juli Frankfurt, im August Mainz und Köln, im September Krems und im Dezember Nürnberg, um hier nur einige der wichtigsten Orte zu nennen. Verschont von den Pogromen blieben Norddeutschland, weil hier nur wenige Juden wohnten, Böhmen und Mähren. Ursachen und Folgen
Man hat versucht, die Ursache für die Massenmorde in der sozialen und wirtschaftlichen Stellung der Juden zu sehen. Die durch die Angst vor der Pest geschürte Unruhe bot willkommenen Anlass für den »Judenbrand«, bei dem es nicht zuletzt auf die Vernichtung der Schuldscheine ankam, die in den Händen der geldverleihenden Juden waren. Wo sich vereinzelt Fürsten und Städte gegen die Verfolgung wandten, wie etwa die Herzöge Albert von Österreich und Rupprecht von Baiern oder der Rat von Basel und Straßburg, richteten sich die Drohungen des verhetzten Volkes sogleich auch gegen sie. Die Geißler trieben dabei gerade in den Städten wie Köln, Erfurt und Frankfurt die leicht mobilisierbaren armen und ärmsten Schichten zum Widerstand gegen die Behörden an und unterstützten sie bei Ausschreitungen. Die Chronisten verzeichnen zwar häufig das Datum solcher Pogrome, schweigen aber über Einzelheiten und die grauenvollen Schicksale der Juden. In Straßburg stürzten sich jüdische Mütter mit ihren Kindern freiwillig in die Flammen, um zu verhindern, dass die christlichen Fanatiker sie ihnen entrissen und taufen würden. In Esslingen, Speyer und Worms versammelte sich die jüdische Gemeinde angesichts der heranrückenden Geißler in den Synagogen, zündeten diese an und verbrannten sich schließlich selbst, ähnlich in Erfurt, wo sie in einer Gasse sämtliche Häuser in Brand steckten. Mit dem Ende der Geißlerbewegung hörte auch der Judenmord auf. Die Pestwelle hatte schwere Verluste unter der Bevölkerung gefordert. Zwar müssen wir den hohen zeitgenössischen Angaben misstrauen, doch dürfte die Seuche etwa 25 bis 35 Prozent der Bevölkerung hinweggerafft haben. Die größten Verluste erlitten dabei die unteren Bevölkerungsschichten, die mit Sicherheit oft unterernährt und anfällig waren. Es ist kein Wunder, wenn ein Chronist nach 1350 vermerkt, dass in Westfalen »kein Hirt bei den Herden, kein Schnitter zur Erntezeit zu finden sei«. Die wirtschaftliche Folge war das Steigen der Arbeitslöhne. Aber auffallenderweise erholte sich die Bevölkerung sehr bald von den schweren Verlusten, und für eine Reihe von Städten werden ausdrücklich das rasche Wachstum und der zunehmende wirtschaftliche Wohlstand vermerkt. Die Limburger Chronik stellt mit knappen Worten fest: »Danach das Sterben, die Geißlerfahrt und Judenschlacht ein Ende hatten, hub die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein.«

emu