Gegen Ablass bewaffnet nach Jerusalem

Die vom französischen Kloster Cluny ausgehende Reformbewegung zielte letztlich gegen den Kaiser und forderte für den Papst den Vorrang vor der höchsten weltlichen Macht. Die neu gewonnene Autorität in kirchlichen Fragen suchte das Papsttum sofort auf die Politik umzulegen, weil nur durch staatliche Macht die Wahrung seiner Unabhängigkeit möglich schien. Doch die territoriale Ausdehnung nach Süditalien stieß auf den Widerstand der Normannen, die sich dort erfolgreich gegen Sarazenen und Byzantiner behauptet hatten. Nachdem sie als Bundesgenossen gewonnen waren, dachte Papst Gregor VII. daran, mit ihrer Hilfe den christlichen Einfluss in den islamischen Osten auszudehnen und propagierte einen heiligen Glaubenskrieg für die Wiedergewinnung der biblischen Stätten Palästinas, allerdings nicht ohne Hintergedanken. Mindestens genauso wichtig erschien ihm der Einsatz politischer Macht für eine Zurückführung der seit 1054 getrennten griechischen Ostkirche in den Schoß der heiligen römischen Kirche. Der Investiturstreit verhinderte vorläufig den Plan, doch der Gedanke eines »Kreuzzuges« blieb lebendig und sollte bald zum großartigen Zeugnis des Zusammengehörigkeitsgefühls aller abendländischen Christen unter der Leitung der Päpste werden. Gregors Vorstellung war so neuartig nicht, im Grunde stellte sie die Verbindung dar von Wallfahrten ins Gelobte Land mit einem »heiligen« Krieg gegen Ungläubige, wie er zu dieser Zeit in Spanien gegen die mohammedanischen Omajjaden und Almoraviden geführt wurde. Seit Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert über dem angeblichen Grab Jesu in Jerusalem eine Kirche hatte errichten lassen, und seine Mutter Helena das Kreuz wiedergefunden hatte, war der Pilgerstrom zu den heiligen Stätten nicht mehr abgerissen. Aus echter religiöser Überzeugung folgte man den Spuren Christi, hoffte, durch die Bußwallfahrt so manche Fehde tödlichen Ausganges vergeben zu bekommen oder seine Sündenstrafen ermäßigen zu können. Abenteurer glaubten, ihr Glück zu finden, Kaufleute vor allem aus Genua, Pisa und Venedig hatten die Bedeutung des Orienthandels erkannt und suchten neue Beziehungen zu knüpfen, zumal der Orient damals besonders verlockende Reichtümer zu verheißen schien. Der Gedanke, solche Einzelunternehmungen zu einem großen, wirksamen Gesamtzug zusammenzufassen, lag in der Luft, und nur die Kirche konnte die verschiedenen Antriebe unter einer höheren Idee vereinen. Von der früheren Toleranz der Mohammedaner gegenüber den Jerusalem-Pilgern war nicht viel übriggeblieben, seit die seldschukischen Türken Palästina und Syrien 1071 den fatimidischen Kalifen Ägyptens entrissen, noch im gleichen Jahr die Byzantiner geschlagen und Kleinasien überschwemmt hatten. Wallfahrer wie einheimische Christen wurden in der Religionsausübung schwer behindert, Misshandlungen und Schikanen aller Art nahmen ständig zu. Unsicherheit war die erste Reaktion im Abendland, dann machte sich Empörung breit, die unterschiedslos alle Christen in ihrem durch die Reformen gesteigerten Glaubensempfinden erfasste. Als daher Papst Urban IL, ehemals Prior in Cluny, auf der Synode im französischen Clermont im November 1095 mit zündenden Worten zur Befreiung Palästinas unter seiner Führung aufrief, scholl ihm begeistert der Ruf »Gott will es« entgegen. Der Papst war aber Realist genug, sein Vorhaben politisch abzusichern: Seinen Entschluss hatte entscheidend ein Hilfeersuchen gefördert, das der griechische Kaiser Alexios Komnenos vor der Synode an ihn gerichtet hatte. Dessen unerlässlicher Unterstützung vor allem für die Vorsorgung eines Heeres und der Stellung von Schiffen sicher, hat Urban II. durch das Versprechen des Ablasses aller Sünden, der Aufhebung aller Zinsen für die Teilnehmer und des Schutzes für ihre Person, die Angehörigen und ihren Besitz, im ganzen Abendland jubelnden Widerhall gefunden. Zehntausende hefteten sich noch auf der Synode nach alter Pilgersitte das rote Kreuz auf die rechte Schulter. Der Papst, der persönlich in Frankreich umherreiste, und begabte Kreuzzugsprediger wie Peter von Amiens gewannen unzählige Freiwillige. Abgesehen von den Spaniern, die ihren eigenen Glaubenskrieg führten, fiel nur die Reaktion der Deutschen äußerst kühl aus. Der gebannte Kaiser Heinrich IV. dachte nicht daran, dem Papst zu helfen und hatte in diesem einen Fall das Volk hinter sich. Infolgedessen war der Teilnehmerkreis an der ersten Jerusalemfahrt weitgehend auf den Einflussbereich des Papstes beschränkt. Franzosen und Normannen trugen die Hauptlast.