Der Erste Kreuzzug (1096-1099)

In Bischof Adhemar von le Puy, der in Clermont zum päpstlichen Legaten bestellt worden war, besaß das Unternehmen zwar einen geistlichen Führer, um eine zentrale politische Führung war es aber schlecht bestellt. Mit Gottfried von Bouillon, dem Herzog Niederlothringens, seinem Bruder Balduin, Graf Robert von Flandern, dem Nordfranzosen Robert von Normandie, dem Südfranzosen Graf Raimund von Toulouse und den beiden Normannen Bohemund von Tarent und Tankred hatte sich ein so gleichwertiger Kreis an tüchtigen Heerführern versammelt, dass keiner den Oberbefehl des anderen ertragen hätte. Um Reibereien zu vermeiden und um den Zug organisatorisch zu vereinfachen, entschloss man sich, getrennt zu marschieren. Sammelpunkt für alle sollte Konstantinopel sein, wo das weitere Vorgehen mit Kaiser Alexios abzusprechen war. Mit der Begeisterung hatte die Organisation überhaupt nicht Schritt halten können, ein Beweis, wie überfordert der Papst in der Führerrolle war. Zügellose Haufen von Bauern, Leibeigenen, Habenichtsen und Abenteurern bewegten sich im Frühjahr 1096 rhein- und donauabwärts, dehnten den Begriff der »Feinde Christi« auf die Juden aus und richteten unter ihnen ein grausames Blutbad an. Als sie auf dem Weitermarsch auch im christlichen Ungarn und Bulgarien plünderten und brandschatzten, ereilte sie schnell ihr Schicksal. Der größte Teil dieser habgierigen Religionsfanatiker hat Konstantinopel nie erreicht, und für die wenigen, die Peter von Amiens durchgebracht hatte, war in Kleinasien der Traum vom Reichtum im Sommer zu Ende. Zu dieser Zeit war auch Gottfried von Bouillon mit Lothringern und Flandern aufgebrochen und zog durch Deutschland, Ungarn, Bulgarien nach Konstantinopel. Raimund von Toulouse hatte ebenfalls den Landweg die heutige jugoslawische Küste entlang gewählt und sein Heer in Durazzo mit dem Roberts von Flandern vereinigt, der durch Italien marschiert und von Bari aus übers Meer gesegelt war. Die Normannen, die in Brindisi in See gegangen waren, stießen in Ochrid zu diesem großen Heereskörper, und gemeinsam zog man über Saloniki weiter nach Byzanz. Kaiser Alexios staunte nicht schlecht. Mit einem Heer von 250 000 Mann hatte er überhaupt nicht gerechnet und sah sich vor schwerwiegende Versorgungsprobleme und staatspolitische Konsequenzen gestellt. Denn dass z. B. die kriegsliebenden Normannen, seine alten unteritalienischen Gegner, nur aus Frömmigkeit und ohne handfeste Eroberungsabsicht mitgezogen waren, mochte er beim besten Willen nicht glauben. Balancepolitik Kaiser Alexios’ – Egoistische »Kreuzfahrerstaaten«
Kaiser Alexios’ Politik musste daher darauf abzielen, es erst gar nicht zu einer Sammlung der Heere in der Hauptstadt kommen zu lassen, sondern sie einzeln ins Landesinnere abzudrängen. Durch kluge Verhandlungen gelang sogar mehr. Die Führer des Zuges verpflichteten sich durch Lehnseid und versprachen, ihm alle eroberten Gebiete und Städte, soweit sie zuvor zum Byzantinischen Reich gehört hatten, erneut zu unterstellen. Im Mai 1097 fanden sich alle Heeresteile zur Belagerung der feindlichen Stadt Nikaia (Nicäa) auf dem kleinasiatischen Festland zusammen. Rasch zeigte sich, wie wenig den mitziehenden Griechen zu trauen war. Durch geheime Verhandlungen erreichten sie die Übergabe der Stadt, die Kreuzfahrer zogen, in zwei Abteilungen getrennt, weiter und stießen bei Dorylaion im Landesinnern auf das seldschukische Heer. Obwohl den Christen die Kampfesweise der türkischen und arabischen Völker seit Ottos II. Niederlage von 982 gegen die Sarazenen bei Cotrone in Unteritalien hätte bekannt sein müssen, ließen sie sich durch die vorgespiegelte Flucht der Feinde täuschen und wären in ihrer Sorglosigkeit umzingelt und niedergemacht worden, hätte ihnen nicht die andere Gruppe unter Gottfried und Adhemar Hilfe gebracht. Hunger, feindliche Überfälle und Hitze verlangsamten den weiteren Weg des Heeres. Zum größten Feind aber entwickelten sich bei dem völligen Fehlen einer straffen Führung die internen Reibereien und Spannungen, die zum erstenmal etwa 100 Kilometer vor Antiocheia ausbrachen, als der Lothringer Balduin und der Normanne Tankred unverhüllt um die Errichtung einer eigenen Herrschaft in der Stadt Mamistra rangen. Als Tankred nicht nachgab, setzte Balduin sich vom Heer ab und eroberte auf eigene Faust 1098 das Gebiet diesseits und jenseits des Euphrat-Oberlaufes. Edessa wurde Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft unter Führung Balduins, der das eigentliche Ziel des Zuges zugunsten eigener Interessen schon längst aus den Augen verloren hatte. Währenddessen hatten die übrigen Kreuzfahrer die starke Festung Antiocheia belagert, kamen aber ohne die notwendigen Belagerungsmaschinen nicht weiter. Erfolg versprach erst im Frühjahr 1098 ein Flottenkontingent aus Genua, das Lebensmittel und neue »Pilgerkrieger« heranbrachte. Trotz dieser Verstärkungen dauerte es noch ein Vierteljahr, bis im Juni die Stadt nach neunmonatiger Belagerung durch Verrat fiel. Bohemund von Tarent hatte ihn in die Wege geleitet und ließ sich diese Initiative mit dem Besitz der Stadt für sich und seine Nachkommen bezahlen. Doch das Kreuzheer hatte sich selbst eine Falle gestellt: Die Seldschuken hielten noch die Burg, und von außen nahte ein türkisches Entsatzheer. Von beiden Seiten eingeschlossen, wagten die ausgehungerten Pilger einen verzweifelten Ausfall, als man auf das Traumgesicht eines Mitstreiters in der Kirche des heiligen Petrus die angebliche »Heilige Lanze« ausgegraben hatte. Der Glaube an Gottes unmittelbaren Beistand mobilisierte die letzten Kräfte und brachte den Rittern den für unwahrscheinlich gehaltenen Sieg, Bohemund von Tarent den endgültigen Besitz der Stadt. Nach Gründung des Fürstentums Antiocheia durch Bohemund, der damit also den zweiten »Kreuzfahrerstaat« nach Edessa ins Leben rief, musste Gottfried von Bouillon mit dem Restheer alleine weiterziehen. Am 6. Juni 1099 lag endlich das Ziel vor aller Augen, Jerusalem. Wenn wir dem Bericht des Wilhelm von Tyros glauben dürfen, war nur noch 20 000 Reitern dieses einstigen Riesenaufgebotes der Blick auf die zinnengekrönte Stadt vergönnt. Über fünf Wochen zog sich die Belagerung hin, dann fiel Jerusalem am 15. Juli 1099 in einer Woge von Gräueln und Blut, Lobgesängen und Freudentränen. Gottfried von Bouillon wurde als »König von Jerusalem« der Schutz und die Verwaltung der Stadt angetragen, doch in Selbstbescheidung und aus Achtung vor der »Dornenkrone« Jesu nannte er sich nur »Beschützer des Heiligen Grabes«. Einen Monat später bestand Gottfried von Bouillon die erste Herausforderung und besiegte ein ägyptisches Heer von siebenfacher Übermacht bei der Seestadt Askalon. Das christliche Königreich Jerusalem und die lehnsabhängigen »Kreuzfahrerstaaten«
Genau ein Jahr danach war Gottfried von Bouillon tot, sein Bruder Balduin übernahm als »König von Jerusalem« die Herrschaft. Die Gefahren, mit denen die Kreuzritter seit ihrem Zug durch Kleinasien zu kämpfen hatten, blieben die gleichen: Äußere Feinde und innere Uneinigkeit rüttelten immer wieder an der Stabilität dieses ›Fremdkörpers‹ inmitten heidnischer Umgebung. Die Landwege für Nachschub und frische Pilgerkräfte waren weit, und immer nur ein Bruchteil der ursprünglichen Menge langte wohlbehalten an. Hätten nicht Genua, Pisa und Venedig über das Meer verhältnismäßig schnelle und vollständige Hilfe gebracht, wären die »Kreuzfahrerstaaten«, zu denen 1109 noch die Grafschaft Tripolis hinzukam, weder lebensfähig gewesen noch hätten sie in den folgenden Jahrzehnten ihr Territorium durch Eroberung der Seestädte Cäsarea, Akkon, Tyrus, Sidon und Beirut erweitern können. Sowohl die Grafschaften Edessa und Tripolis als auch das Fürstentum Antiocheia standen in recht lockerer Lehnsabhängigkeit zum Königreich Jerusalem. Die erste Klasse des Lehnsadels, die Barone, wurden bei allen wichtigen politischen und juristischen Entscheidungen befragt, ihre Lehen waren in männlicher und weiblicher Linie erblich, und wie der König in seinem königlichen Territorium, so übten die Vasallen in ihren Gebieten unmittelbar die Hoheitsrechte über Gesetzgebung, Rechtsprechung, Zölle, Märkte und Münze aus. Noch unabhängiger waren die Kirche – dem Patriarchen von Jerusalem unterstanden fünf Erzbischöfe mit vielen Bischöfen -und die unter italienischem Einfluss stehenden Küstenstädte organisiert, in denen die freiheitliche Entwicklung der oberitalienischen Stadtstaaten vorweggenommen wurde. Inmitten einer glaubensfeindlichen Umwelt konnte ein so großzügig geführtes Staatswesen nur bestehen, wenn die Wahrung und Verteidigung des Glaubens, dessentwillen man den Kreuzzug unternommen hatte, als gemeinsames Ziel trotz aller nationalen Unterschiede lebendig blieb. Johanniter und Templer – Die neuen Ritterorden
Gegenüber all den Kräften, die einer Anpassung an die Mohammedaner das Wort redeten, verkörperten die neugegründeten Orden der Johanniter und Templer das ständig mahnende Gewissen. Wenn sie die Ideale des Rittertums mit der Askese mönchischer Lebensweise zu verbinden und zu steigern suchten, so war das ihre Antwort auf die cluniazensische Reformbewegung einerseits und die besonderen Anforderungen des Heiligen Landes andrerseits. In klarer Abgrenzung zum Islam taten die Ritterorden alles, pilgernde Glaubensbrüder gegen Übergriffe der Heiden zu schützen, ihnen sicheres Geleit zu verschaffen, Geld und Verpflegung zur Verfügung zu stellen und sie bei Krankheit zu pflegen. Schon früh hatten Kaufleute aus dem italienischen Amalfi in Jerusalem ein Hospital gebaut, das Johannes dem Täufer geweiht war. Es war die Keimzelle der »Johanniter« oder »Hospitaliter«, die zentralistisch von einem Großmeister geführt wurden und als Ritter nach Ablegung der mönchischen Gelübde »Armut, Keuschheit und Gehorsam« sich ganz dem Krankendienst verschrieben, ehe allmählich die karitative Tätigkeit von den militärischen Erfordernissen in den Hintergrund gedrängt und dienenden Brüdern (Servienten) überlassen wurde, während die Ritter den Schutz der Pilger übernahmen und Geistliche die religiöse Betreuung der Kranken. Das Ordenskleid, schwarzer Mantel mit weißem Kreuz, unterschied die Johanniter äußerlich von den Templern, deren weißen Mantel ein rotes Kreuz schmückte. 1119 aus einem Zusammenschluss von acht französischen Rittern entstanden, die im Königspalast nahe der Stelle des früheren salomonischen Tempels wohnten, breitete sich dieser Orden, der als viertes Gelübde die Verteidigung und den Kampf gegen die Moslems forderte, schnell aus. Dank der Unterstützung durch den Mönch Bernhard von Clairvaux, der offiziell die Ordensregel mit ausgearbeitet hatte, wurde die Vereinigung anerkannt und vom Papst mit vielen Privilegien ausgestattet. Macht und Einfluss nahmen zu, damit natürlich auch die Gefahren der Verweltlichung, des Standesdenkens und der Herausbildung eines eigenen Staates innerhalb der Kreuzfahrerstaaten.

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Info 18.12.2017 00:23
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