Wesen und Auswirkungen der Kreuzzüge

Die historische Forschung tut sich immer noch schwer mit den Kreuzzügen. Die Bandbreite ihrer Beurteilung reicht von erbitterter Ablehnung bis hin zu begeisterter Zustimmung, die Teilnehmer werden entsprechend als verirrte religiöse Fantasten oder als Zeugen tiefer Glaubensinbrunst geschildert. Sicher wird man der Erscheinung nicht gerecht, wollte man sie an den Anschauungen unseres aufgeklärten, Gefühlen so misstrauisch begegnenden Jahrhunderts messen. Der mittelalterliche Mensch hat gerade in der Zeit der kirchlichen Friedensbewegung, ausgelöst durch die Reformen Clunys, eine religiöse Verinnerlichung großen Ausmaßes erfahren und weitgehend den Vorranganspruch des Papstes gegenüber dem Kaiser aus Religiosität in seinem Privatleben nachvollzogen. Selbst der Fehdeliebende Adel sollte unter dem Einfluss der Gottesfriedensbewegung auf den gewohnt schnellen Griff zum Schwert verzichten oder wenigstens seine Kampfes- und Rauflust christlichen Zielen unterstellen. Zur Auffassung vom Ritter als Soldat im Dienste Gottes, ›miles Christi‹, war es dann nur ein kleiner Schritt, und im ›heiligen‹ Krieg eines Kreuzzuges fand sich für sie ein neues, höheren Idealen dienendes Betätigungsfeld. Guten Gewissens konnte der Ritter unter dem ›Lehnsherrn‹ Christus weiterhin seine Rauflust austoben und mit der Teilnahme an einer Pilgerfahrt sogar noch etwas für sein Seelenheil tun. Wenn trotz emphatischer Zustimmung und oft erstaunlicher Opferbereitschaft der ritterlichen ›Gottesstreiter‹ die Kreuzzugsbewegung ihr Ziel letztlich dennoch verfehlte, lag das entscheidend am Konflikt zwischen Kaisertum und Papsttum um die höchste Macht. Sie blockierten sich gegenseitig. Das Fehlen einer zentralen Leitung war und blieb deshalb das Handikap aller unternommenen Züge, strategische Fehler, persönliche Rivalitäten und teilweise Unfähigkeit der einzelnen Heeresführer, überhandnehmende Macht- und Geldgier, oft mangelnde Ausrüstung und gröbster Leichtsinn ließen jedes hoffnungsvolle Unternehmen auf ein Minimum an Effektivität zusammenschrumpfen. Schwere Strapazen und unvermutete Schrecknisse waren die Begleiter jeder Pilgerreise. Trotzdem riss der Strom der Ritter ins Heilige Land über 200 Jahre nicht ab. Wären nur Abenteuerlust, finanzielle Anreize oder kalte Berechnung und nicht echte religiöse Überzeugung im Spiel gewesen, hätte die Idee nicht einen so langen Zeitraum durchgestanden und wäre nicht von allen Völkern des christlichen Europa in vorher nie gekannter Einigkeit getragen worden. Dass der Adel über alle politischen Grenzen hinweg sich dieser Universalität im »Rittertum« bewusst wurde, war genauso eine Frucht der Kreuzzüge wie der Sieg dieser Ritter an einer ganz anderen Front: Der Osten blieb zwar verloren, doch die christliche Offensive hatte den Islam im Westen in die Defensive gedrängt: Sizilien entrissen die Normannen schon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts den Arabern, in Spanien gewann die »Reconquista«, die »Rückgewinnung« vor allem unter dem Nationalhelden Rodrigo Diaz de Vivar, »Cid« genannt, dem Christentum neuen Boden. Auf der anderen Seite haben auch die Araber das Abendland in vieler Hinsicht verändert. Das Schachspiel fand den Weg zu uns, die arabischen Ziffern sind seitdem fester Bestandteil unserer Zahlenwelt geblieben und haben die römischen fast völlig an den Rand gedrängt. Ein breiter Strom naturwissenschaftlichen Wissens in Medizin, Mathematik und Astronomie floss nach Europa, und viele griechische Schriftsteller lernte man erst durch Vermittlung der Mohammedaner kennen. Selbst die Ritter fanden Gefallen an der höheren Lebens- und beachtlichen Geisteskultur ihrer Gegner. Nach ihrem Vorbild schufen sie sich in ihren Burgen eine neue »Wohnqualität« mit Teppichen, Vorhängen, Glasfenstern und teilweise fließendem Wasser, fanden unter Einfluss der arabisch-persischen Poesie einen neuen, vertieften Zugang zu der Dichtung, deren schönste Frucht der Minnesang wurde, und fühlten sich durch den Vergleich mit den hochstehenden sittlichen Vorstellungen der Araber in den eigenen Ritteridealen der Treue, Ehre, Tapferkeit und der Minne bestärkt. Das von den Arabern befreite Mittelmeer erlaubte einen ungefährdeten Handelsaustausch eigener Produkte mit den Stoffen, Teppichen, Gewürzen und Spezereien des Orients, der hauptsächlich über die italienischen Seestädte Pisa, Genua und Venedig lief. Die Folge war insgesamt das Aufsteigen der neuen, selbstbewussten und reichen Schicht der »Bürger«, die in den Städten die Verwaltung selbst in die Hand nahmen und dem Feudaladel den Rang abzulaufen begannen.