amo

Afrikanische Reiche (500 bis 1500)

Auffälliges Anzeichen dafür, dass Afrika den primitiven Status eines »prähistorischen Kontinents« verlassen hatte, war das Entstehen selbstständiger Staaten. In den 1000 Jahren zwischen 500 und 1500 bildeten sich allmählich die ersten staatlich organisierten Gemeinwesen, aus denen sich schließlich mächtige schwarze Königreiche entwickelten, die Träger einer reichen und mannigfaltigen Kultur wurden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte ein großer Teil des Kontinents diese Stufe der machtvollen staatlichen Organisation mit einer vielfältigen künstlerischen Produktion erreicht, diese Gesellschaften wiesen eine vollständig ausgebildete, soziale Hierarchie auf mit einem Herrscher, einem ihm direkt unterstellten Militär und einer Verwaltungsklasse. Wirtschaftlich wurden diese afrikanischen Staatswesen durch Tributabgaben unterhalten, die man von den überwiegend landwirtschaftlich tätigen Untertanen eintrieb. Die ersten schwarzen Reiche
Die ältesten schwarzafrikanischen Staaten waren das Reich von Kusch (mit der Hauptstadt Napata, seit 320 v. Chr. Meroe) im mittleren Niltal (etwa 800 v. Chr. – 400 n. Chr.) und Aksum im nordöstlichen Äthiopien (1. bis 5. Jahrhundert). Geformt durch die Einflüsse Ägyptens und Südarabiens waren diese Reiche gewissermaßen Sonderfälle – wenn sie auch Einfluss auf spätere Entwicklungen im Süden hatten. Abgesehen von diesen beiden, entstanden die wichtigsten afrikanischen Reiche im Sudangürtel, d. h. im Gebiet südlich der Sahara und nördlich des tropischen Regenwaldes. Das früheste dieser Sudanreiche war das von den Soninke gegründete Ghana (nicht zu verwechseln mit dem heutigen Ghana), von dem die erste schriftliche Nachricht bereits aus dem Jahre 773 vorliegt. Um 800 hatte es sich zu einem mächtigen Handelsstaat entwickelt, der das ganze Gebiet zwischen Senegal und oberem Niger beherrschte. Der Wohlstand Ghanas gründete sich hauptsächlich auf die Kontrolle des Goldhandels: Die Goldfelder Westafrikas lagen weit im Süden. Die ghanaischen Händler erhielten das Gold im sogenannten »Schweigetausch«, bei dem die Produzenten die Händler niemals zu Gesicht bekamen. Die Ghanaer verkauften anschließend das Gold in den südlichen Oasen der Sahara an nordafrikanische Händler. Diese Oasen waren wiederum die Endstationen für die Karawanen, die die gefahrvollen Transporte durch die Sahara nach Norden besorgten. Manchmal wandten sich jedoch die wilden Berber-Nomaden, die gewöhnlich die Karawanen führten, auch gegen die etablierten Handelsreiche. So brachen die berberisierten Almoraviden in einem »Heiligen Krieg« im Jahre 1056 in Marokko ein, 1076/77 eroberten sie die Hauptstadt von Ghana. Der Aufstieg der Wüstenreiche
Den Fall des Ghana-Reiches überlebten einige kleinere Königreiche, eines von diesen kleinen Reichen entwickelte sich zu dem eindrucksvollen Reich von Mali. Drei große Könige (sie regierten ungefähr zwischen 1230 und 1340) -Sundiata, Mansa (Sultan) Uli und Mansa Musa – führten das Reich zu hoher Blüte. Es umfasste zwischen oberem Senegal und oberem Niger einen Großteil des westlichen Sudans und beherrschte auch die berühmte Stadt Timbuktu. Malis Herrscher waren Muslime geworden (der Islam verbreitete sich entlang der Handelsstraßen). Um 1324 machte sich Mansa Musa auf die Pilgerfahrt nach Mekka. Er hatte Hunderte von Kamelladungen Gold bei sich, was dazu führte, dass der Goldpreis im Mittelmeerraum erheblich sank und über Jahrzehnte auf einem niedrigen Stand blieb (wir würden heute von einer langanhaltenden Inflation sprechen). Das Nachfolgereich Malis war Songhai, mit Zentrum am mittleren Niger, seine großen Herrscher waren Sonni Ali (gest. 1492) und Askia der Große (gest. 1538). Im Osten der Songhai regierten Haussa-Staaten wie Kano und Katsina, deren Ursprünge bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Im 14. Jahrhundert waren sie zu Reichen mächtiger Könige mit reichen Kaufleuten und bedeutenden Handels- und Gewerbezentren geworden. Im Zentralsudan rund um den Tschadsee lag das Gebiet des Großstaates Kanem-Bornu, dessen Herrscher bereits im 11. Jahrhundert Muslime geworden waren. Kanem-Bornu, einer der größten und ältesten afrikanischen Staaten, konnte seine Unabhängigkeit bis zum Einfall der Europäer, Ende des 19. Jahrhunderts, behaupten. In den Bergen am östlichen Ende des Sudangürtels löste das christliche Reich von Äthiopien das alte Aksum ab. Im Süden des Sudans, in den Waldgebieten, erscheinen politisch organisierte Gemeinwesen etwas später. Einige dieser Reiche (Ife, Benin, Oyo) im Land der Yoruba existierten bereits lange vor dem Auftreten der ersten Europäer in diesen Gebieten im 15. Jahrhundert. Die Reiche der Bantu
In anderen Teilen Afrikas, besonders in den weiten Gebieten südlich des Äquators, in denen sich die Bantu-Sprachenfamilie im Laufe von einigen Tausend Jahren relativ schnell ausgebreitet hatte, entstanden ebenfalls Reiche. So zwischen den großen Seen Ostafrikas (Ruanda, Burundi), südlich der Wälder des Kongobeckens (Luba, Lunda) und schließlich das Reich Kongo (südlich der Kongomündung), dessen Name später als Bezeichnung für das riesige belgische Kolonialgebiet übernommen wurde. Viel weiter im Süden entstanden Groß-Simbabwe (um 1140) und das Reich des Monomotapa (um 1450) auf dem Simbabwe-Plateau, das mit den Muslimen an der ostafrikanischen Küste regen Goldhandel pflegte. Das Gebiet war auch Zentrum einer hochstehenden Metallbearbeitung (Eisen, Kupfer, Gold).

emu