Voraussetzungen der karolingischen Kunst

In den Anfangszeiten abendländischer Kunst lagen die Schwerpunkte kulturellen Schaffens vor allem im Mittelmeerraum. Nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums und nach dem allmählichen Verlöschen seines direkten Einflusses erstand nördlich der Alpen mit dem Frankenreich der Ansatz zu einem neuen Kunstzentrum. Durch die Völkerwanderung war die schon immer vielstämmige Region zwischen Ostsee und Alpen, Atlantik und Elbe vermehrt von verschiedenen Volksstämmen durchmischt worden. Jeder dieser Stämme brachte seine eigene Kultur mit sich. Kennzeichnend für das künstlerische Wollen der germanischen und keltischen Bewohner Europas war die beiden gemeinsame Vorliebe für das Ornament und eine hoch entwickelte Technik der Goldschmiedekunst. Dem steht das fast völlige Fehlen figürlicher Darstellungen – wie sie im Gegensatz dazu die antike Kunst vor allem kannte – gegenüber. Mit der Erneuerung des »römischen« Kaisertums unter Karl dem Großen kam es auch zur Begründung einer neuen abendländischen Kunst und Kultur unter teilweiser Verwendung spätantiker Traditionen und Vorstellungen. Vor allem die monumentale Baukunst war damals wie später in der absolutistischen Zeit zunächst eine höfische Kunst; sie bedeutete eine Steigerung der Persönlichkeit und Stellung des Herrschers. Weder im monumentalen Steinbau noch in der Malerei und Plastik war ein Anknüpfen an die germanische Vergangenheit möglich, da es keine germanische Monumentalkunst gab, an die man sich hätte anschließen können. So wurde man auf das römische Vorbild verwiesen. Karolingische Kunst ist die Kunst des ganzen Fränkischen Reiches, getragen von der Kirche und den Großen des Reiches. Dennoch war Karls Persönlichkeit Mittelpunkt aller kulturellen Bestrebungen. Das Rhein-Maas-Gebiet, aus dem Karl selbst stammte, war nicht nur das Kerngebiet des Reiches, sondern auch im Zenit der karolingischen Zeit Zentrum der europäischen Kultur und Kunst. Ein solcher Schwerpunkt ist es geblieben bis zum hohen Mittelalter. An seinem Hof in Aachen, an dem Karl die bedeutendsten Köpfe aus dem ganzen Reich als Ratgeber versammelte, entstand das Wort: »Zurück zu den alten Zeiten und Sitten gewandt, gebiert sich dem Erdkreis erneuert das goldene Rom.« Den gleichen Gedanken, dem hier Modoin, seit 815 Bischof von Autun, Ausdruck verleiht, hat Alkuin in einem Brief an Karl im Jahr 790 ebenso deutlich ausgesprochen: Wenn viele dem Fleiß und Eifer des Königs folgen würden, entstehe in Aachen ein neues Athen im Reich der Franken, das freilich durch den Dienst am Herrn Jesus Christus alle Weisheit der griechischen Akademie übertreffen werde. Jenes alte Athen habe nur durch die Lehre Platos und die sieben freien Künste geglänzt; das neue Athen aber werde, durch die Fülle des Heiligen Geistes bereichert, das gesamte Verdienst der weltlichen Weisheit übertreffen.