Die karolingische Architektur

In der Baukunst der Karolingerzeit gewann der Steinbau seinen Rang zurück, den er in der antiken Kunst besessen hatte. Der Wille zum monumentalen Bauwerk wurde im Frankenreich neu geweckt. Wenn die karolingische Architektur dennoch nicht zur Wiederholung der römisch-antiken wurde, sondern zur Grundlage einer abendländischen Bauweise, so vor allem deshalb, weil sich mit dem Untergang des Römerreiches im Westen Europas von der Antike völlig verschiedene Verhältnisse entwickelt hatten. Die Stadtkulturen des Mittelmeerraumes hatten dem Profanbau zahllose und mannigfache Aufgaben gestellt, die bei der stadtfremden, bäuerlichen Lebensform des beginnenden Mittelalters entfielen. Die Wohnhäuser waren im Norden auf lange Zeit hin einfache, meist rechteckige Bauten aus Flechtwerk und Holzpfosten, die Wände waren mit Lehm beworfen. Der Fachwerkbau hat hier seine Wurzeln. Aus heimischer Tradition entstanden auch die Burgen, Ringwälle mit Palisaden, Turmhügel oder wassergeschützte Flachsiedlungen in Holzbauweise. Nur die Pfalzen des Herrschers wurden zur großzügigen, vielseitigen Aufgabe einer bemerkenswerten profanen Bautätigkeit in Stein. Zum größten Teil gingen diese Pfalzen wie etwa die weitläufige Anlage zu Ingelheim am Rhein, errichtet um 780, oder die Pfalz zu Aachen, erbaut gegen 800, wieder unter. Nur durch ausgegrabene Reste sind sie uns in ihren ungefähren Umrissen bekannt. Die größeren Pfalzen stellten großartige Baugruppen dar, mit Säulengängen und Höfen, Absteigequartieren und Wirtschaftsgebäuden, Kapellen und einer Königshalle, in der die Herrscher ihren Amtsgeschäften nachgingen. Eine Vorstellung vom Aussehen solcher Profanbauten vermittelt uns nur noch die kaum veränderte »Torhalle« des sonst völlig zerstörten Klosters Lorsch in Hessen, die vermutlich als Triumphtor für Karl den Großen errichtet wurde, als er 774 an der Weihe der Klosterkirche teilnahm. Bemerkenswert ist die zierliche Wandgliederung der Fassaden. Über den Arkaden der hinteren Halle trennt ein schmales Gebälk die Geschosse, den Oberbau gliedern flache Pilaster und spitze Dreieckgiebel, die der Wand aufgelegt sind. Bestimmt wird der Gesamteindruck jedoch durch die Buntheit der Tonplatten, die wie ein Teppich das Mauerwerk schmücken. Weit größeres Gewicht als die profane Baukunst besaß die sakrale Architektur. Zwar spielte im ländlichen Kirchenbau, ähnlich wie bei den ländlichen Profanbauten, die Holzpfostentechnik eine wesentliche Rolle, aber die Bischofs- und Klosterkirchen strebten monumentales Maß und reiche Gliederung an. Im frühkarolingischen Kirchenbau zeichnen sich mehrere Grundtypen ab: der schlichte Saalbau mit eingezogenem, viereckigem Altarhaus – besonders im ostfränkischen Reichsteil verbreitet – oder mit halbrundem Chorschluss, der sich vorwiegend im Hessischen durchsetzt. Dann die Saalkirche mit niedrigen seitlichen Anbauten oder auch mit erhöhtem Mittelbau über kreuzförmigem Grundriss, wie etwa die alte Abteikirche in Neustadt am Main, letztere Typen gehen auf ostkirchliche Vorbilder zurück. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts wird mit der Aufnahme der stadtrömischen Basilikaform die monumentale Baugesinnung der karolingischen Bauherren deutlich. Gleich am Anfang einer langen baugeschichtlichen Entwicklung steht der programmatische und repräsentative Großbau der Abteikirche von St. Denis, Pippin ließ die Säulenbasilika 754 beginnen, Karl vollendete sie 775. Hier werden zwei für das Mittelalter so charakteristische Baugedanken erstmals verwirklicht: Die Entwicklung der funktionell befriedigenden Chorpartie mit östlichem Querhaus und eine markante Betonung des Westwerkes, in dem der König seinen Platz hatte. Der karolingische Kirchenbau verbreitet in seiner Blütezeit um 800 die Form der Basilika in alle Reichsteile. Gleichzeitig entstehen als Folge des aufblühenden Heiligenkultes neue Formen der Krypta, während die Türme zu einem wichtigen Faktor des Außenbaues werden. Das früheste erhaltene Westwerk findet sich in der 873 begonnenen Abteikirche zu Corvey an der Weser. Westwerk, Entwicklung des Chores, östliches Querhaus sowie der neue Baugedanke der Krypta sind eine Bereicherung der ursprünglich spätantiken basilikalen Bauform, die der altchristlichen Kirche nicht bekannt war und die befruchtend für Jahrhunderte werden sollte. Wenige karolingische Kirchen blieben uns erhalten: Die ursprünglich dreischiffige Einhardsbasilika in Steinbach im Odenwald, geweiht 827, die – später veränderte – Michaelskapelle in Fulda, erbaut 820-822, und das dreischiffige Langhaus der ehemaligen Abteikirche in Seligenstadt am Main, die größte erhaltene Basilika der Zeit. Als Karl Ende des 8. Jahrhunderts seine Pfalz in Aachen bauen ließ, fügte er ihr die Hofkapelle an, die 798 im Rohbau vollendet war und 805 von Papst Leo III. geweiht wurde. 814 wurde der Kaiser in ihr begraben. Odo von Metz leitete die Errichtung dieses Baus, für den in symbolischer Bedeutung Säulen und anderes Baumaterial aus Rom und Ravenna benutzt wurden. Hier ist alles von höchster Qualität und beweist in Programm und Baudetails Karls Absicht, römisch, kaiserlich und christlich zu bauen. Der Plan dieses Zentralbaues richtete sich nach San Vitale in Ravenna, weicht aber von seinem Vorbild ab: das innere Achteck ist einem äußeren Sechzehneck einbeschrieben, und das Achteck des Untergeschosses wird nicht von schlanken Säulen, sondern von wuchtigen Pfeilern gebildet. Erst im Oberbau herrscht eine ähnliche Auflockerung wie in jenem frühchristlichen Kirchenbau. Diese Gliederung ist symbolträchtig: Imperiale Macht und religiöse Gesinnung verbinden sich zum vollkommenen Gesamtwerk. Der Scheitel der achtseitigen Kuppel, die sich über einem Fenstergeschoss erhebt, war ursprünglich mit einem Gold schimmernden Christusmosaik geschmückt. Auch darin manifestierte sich der Herrschaftsanspruch des neuen Reiches: Der überkuppelte Zentralraum ist Zeichen der Welt, der in ihm Thronende ist Herrscher der Welt im Namen Christi, des Alleinherrschers.

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Info 21.02.2018 18:34
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