Malerei, Buchillustration, Plastik

Was wir bildende Künste nennen, die Darstellung des Menschen und der ganzen sichtbaren Welt durch Linien und Farben auf der Fläche oder durch plastische Mittel im Raum, ist den germanischen Völkern der Frühzeit fremd geblieben. Die in sich vollkommene Buchmalerei im Irland des 7. und 8. Jahrhunderts etwa, die durch die Missionare auch auf dem Festland verbreitet war, ist weit von den künstlerischen Idealen der Antike entfernt. In ihr ist nicht der Mensch Maß und Mitte der Dinge und Inhalt der Darstellung. Vielmehr manifestiert sich in den Bildseiten dieser Handschriften die nordische Welt der fantastischen Fabelwesen, deren Leiber sich bandartig und geheimnisvoll verschlingen und bald alle körperhafte Funktion verlieren, sodass sie zum reinen Ornament werden. Auch wenn ein Mensch dargestellt werden muss, sei es einer der Evangelisten oder Christus selbst, überspielt das Ornament in abstrakten Formen den Körper. Wie schon einleitend gesagt, musste der karolingische Bildkünstler überhaupt erst lernen, die menschliche Gestalt darzustellen. Folgerichtig geschah das in Anlehnung an spätantike Vorbilder, aber bei aller Übernahme solcher Elemente setzte sich in der Malerei, in der Elfenbeinschnitzerei und auch in der Goldschmiedekunst doch eine eigenkünstlerische Originalität durch. Karolingische Kirchen waren ebenso wie die vorausgehenden byzantinischen und frühchristlichen vollständig ausgemalt oder mit Mosaiken geschmückt. Auch von Wandbildern in profanen Räumen wissen wir. Von diesen oft umfangreichen Werken der Wandmalerei ist kaum etwas erhalten geblieben. Nur in einer einzigen Kirche aus karolingischer Zeit besitzen wir noch das fast vollständige Bildprogramm: Es handelt sich um die bald nach 800 geschaffenen Fresken von St. Johann in Müstair/Graubünden, die das Leben König Davids und die Wunder Christi schildern. Dagegen hat uns die Buchmalerei eine Fülle von Beispielen überliefert. Sie hatte die Möglichkeit, das spätantike Erbe nach verschiedenen Richtungen hin zu entwickeln, sodass gerade in den Malschulen der Klöster zahlreiche Keime für die Zukunft gelegt wurden. Für den Kaiser selbst arbeitete, wohl in Aachen, die sogenannte »Hofschule«. In deren Handschriften, die alle mit großer Pracht ausgestattet sind, verbindet sich die Ornamentfreude der insularen, irischen wie angelsächsischen Kunst mit der Formenwelt der Antike. Die Tätigkeit dieser Werkstatt erreicht um 800 ihren Höhepunkt, ihr Hauptwerk ist ein Evangeliar, das bald nach 800 für St. Medard in Soissons geschrieben wurde (Paris, Bibliotheque Nationale). Die in Gold geschriebene Handschrift enthält über 600 Ornamentmotive, sodass keine Seite unverziert bleibt. Die zwölf Kanontafeln und Initialseiten werden mit feierlichen, figürlichen Bildern bereichert. Der Antike wesentlich näher stehen die Miniaturen aus dem »Schatz-kammer-Evangeliar« in Aachen, das wohl von Anfang an zur Ausstattung der Pfalzkapelle gehörte und vielleicht von zugewanderten griechischen Künstlern geschaffen wurde. Die Ausstattung des Buches folgt ganz dem Vorbild einer antiken Handschrift. Die Evangelisten, römischen Philosophen nachgebildet, sitzen in freier Landschaft. Gemeinsam ist allen Werken dieser Malschule, die wohl ebenfalls in Aachen ansässig war, der weitgehende Verzicht auf das Ornamentale – kaum dass Zierbuchstaben vorkommen -, während in den Miniaturen und Kanontafeln Proben einer zutiefst malerischen Gestaltung dargeboten werden, als wäre die hellenistisch-antike Kunst aus einem jahrhundertelangen Schlaf wieder zu neuem Leben erwacht. Dem Kultbild und damit der Plastik stand die Karolingerzeit noch ablehnend gegenüber. Nur vereinzelt hören wir von Marienbildern, von Portalplastik an der Kathedrale in Reims, aber nie von umfassenderen Werken. Eine Skulptur ungewöhnlicher Art ist die bronzene Reiterstatuette Karls des Großen aus dem Dom zu Metz, heute im Louvre in Paris. In der Tradition der germanisch-keltischen Goldschmiedearbeiten mit ihrer Anhäufung von Edelsteinen und von farbigen Glasschmelzen zeigt die karolingische Goldschmiedekunst noch am ehesten von der Antike unabhängige Züge. Das Bursenreliquiar aus Enger (Berlin, Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz), um 785 geschaffen, oder die Stephansburse in der Weltlichen Schatzkammer in Wien sind wie mancher Buchdeckel deutliche Beispiele dieses von Juwelen übersäten Schmuckstils.