Klassisches und modernes Ballett

Die Romantik, repräsentiert durch die Dichtung Lord Byrons (1788-1824) sowie die Malerei von Eugene Delacroix (1798-1863), hatte schon früh Auswirkungen auf das Ballett. Die Tänzer verzichteten auf Masken und begannen, im Tanz Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck zu bringen. Dadurch verwischten sich die Unterschiede zwischen Tanz und Mimik mehr und mehr. Um die Emotionen im Tanz besser widerspiegeln zu können, wurde die Technik des Balletts erweitert. Die ersten romantischen Ballette
»La Sylphide«, das erste romantische Ballett, wurde 1832 in der Choreografie von Filippo Taglioni (1777-1871) aufgeführt. Die Rolle der Sylphide wurde von seiner Tochter Maria Taglioni (1804-84) kreiert, einer Tänzerin, die wohl die Vorstellungen der Romantik am besten gestaltete. Sie war es auch, die als erste kürzere Röcke trug – mit »Ballerina-Länge«, wie man sagte. »La Sylphide« war das erste von vielen Balletten, in denen fremdartige und mysteriöse Geschöpfe die Hauptrollen spielten. In »Giselle«, zweifellos das Meisterwerk der romantischen Ära, traten »Wilis« auf, Geister von Mädchen, die vor ihrer Hochzeit sterben. »Giselle« wurde 1841 erstmalig in Paris mit Carlotta Grisi (1819-99) in der Titelrolle aufgeführt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das romantische Ballett an Bedeutung. Tänzer, Choreografen und Musiker wandten sich nach Russland, wo 1735 eine staatliche Ballettschule gegründet worden war, deren Tradition wurde fortgeführt von Männern wie dem Franzosen Marius Petipa (1822-1910), der in St. Petersburg (heute Leningrad) zunächst erster Tänzer war, ehe er Ballettmeister und Choreograf wurde. Er stellte die Ballerina in den Mittelpunkt und benützte das Corps de Ballet (ein Ensemble von Tänzern, das die Hauptfigur begleitet) nur noch als dekorativen Hintergrund. Ein Akt eines Balletts bestand bei Petipa häufig aus den sogenannten Divertissements, einer Reihe nicht zusammenhängender Tänze, deren Höhepunkt der Pas de deux der beiden Hauptdarsteller bildete. Die Rolle Russlands
Das Ballett »Die schlafende Schönheit« gilt allgemein als Petipas Meisterwerk. Es wurde 1890 in St. Petersburg zu der genialen Musik von Tschaikowsky uraufgeführt. Als Petipa erkrankte, übernahm sein Assistent, der Ballettmeister Lew Iwanow (1834-1901), die Choreografie von »Der Nussknacker«, später schuf er zusammen mit Petipa »Schwanensee«, eines der bedeutendsten Ballette überhaupt. Der alternde Petipa fand besonders an den frühen Arbeiten des jungen Michail Michajlowitsch Fokin (1880-1942) Gefallen. Fokin jedoch rebellierte gegen viele Traditionen in Petipas Balletten. Er verzichtete auf Mimik im Tanz, die er für veraltet hielt, ersetzte die klassischen Ballettröcke durch stilgerechte Kostüme aus der Zeit, in der die Handlung des Balletts spielte. So ist es nicht überraschend, dass der Impresario Sergej Pawlowitsch Diaghilew (1872-1929) diesen jungen Rebellen als seinen Choreografen und Ballettmeister für die Tournee des kaiserlich-russischen Theaters in Westeuropa auswählte. Der Einfluss Diaghilews
In seiner ersten Saison in Paris (1909) stellte Diaghilew neben anderen russischen Opern und Balletten auch Werke von Fokin vor: »Les Sylphides« zur Musik von Chopin und »Prinz Igor« zur Musik von Alexander Borodin. Die Truppe hatte einen durchschlagenden Erfolg. Tamara Platonowna Karsawina (1885-1978), Anna Pawlowna Pawlowa (1881-1931) und Waclaw Fomitsch Nijinskij (1890-1950) wurden über Nacht weltberühmt. Vier Jahre später trennte sich Diaghilew vom kaiserlich-russischen Theater und rief die Ballets russes ins Leben, eines der größten Ballettunternehmen aller Zeiten. Für Diaghilew war das Ballett ein Gesamtkunstwerk, das aus Dichtung, Literatur, Malerei, Musik und Choreografie bestand. Er versuchte, alle diese Elemente in Ballettschöpfungen zu vereinen, für die er so begabte Choreografen engagierte wie Fokin, Nijinskij, Leonid Fjodorowitsch Mjasin (Leonide Massine) (1896-1979), Bronislawa Fominischna Nijinska (1891-1972), George Balanchine (1904-83) und Serge Lifar (1905-86). Als Diaghilew 1929 starb, löste sich seine Truppe auf und verbreitete seine Ideen in der ganzen westlichen Welt. Marie Rambert (1888-1982) ging nach London und gründete ihr Ballett Rambert. Etwa zur selben Zeit gründete Ninette de Valois (1898-2001) eine Ballettkompanie, aus der das heute weltbekannte Royal Ballet (Königliches Ballett) entstand. Erste Ballerina der Valois war Alicia Markowa (1910-2004), sie wurde abgelöst von Margot Fonteyn, die zur prima ballerina assoluta des britischen Balletts wurde. Serge Lifar wurde an der Pariser Oper Tänzer, Ballettmeister und Choreograf. George Balanchine ging als Direktor und Choreograf zum New York City Ballet. Ballettkompanien mit eigener Tradition wurden von Diaghilew jedoch kaum beeinflusst, wie z. B. das Königlich Dänische Ballett in Kopenhagen, das Ballett des Moskauer Bolschoi-Theaters und das Kirow- (früher Marijinskij-) Ballett in Leningrad. Seit der Pionierarbeit der amerikanischen Tänzerin Isadora Duncan (1878-1927), die auf der Grundlage des altgriechischen Chortanzes einen natürlichen Ausdruckstanz zu begründen versuchte (der im Gegensatz zu den Absichten und Bewegungen des klassischen Balletts steht), setzten sich viele Formen des modernen Tanzes sowohl in Amerika als auch in Europa durch, insbesondere durch die Arbeiten von Martha Graham (1893-1991).
Die fünf Fußstellungen sind die Grundpositionen für alle Ballettschritte. In der ersten Position [A] berühren sich die Fersen, in der zweiten [B] und vierten [D] sind die Füße 30 cm voneinander entfernt, in der dritten [C], vierten und fünften [E] Position stehen die Füße parallel. »Auswärtsstellung« nennt man die Positionen, bei denen die Beine von der Hüfte ab nach auswärts gedreht werden. Die Armführung wird portes de bras genannt. Die beiden geläufigsten Haltungen sind die Arabeske und die Attitüde. Die Schritte werden üblicherweise eingeteilt in Sprünge (jetes), Kreuzsprünge und Pirouetten (volle Drehung auf einem Fuß).
George Balanchine, (1904-83), war Künstlerischer Leiter des New York City Ballet, schuf seit 1948 zahlreiche Choreografien. Seine Truppe und das American Ballet Theatre waren die beiden besten klassischen Ensembles der Stadt. Zusammen mit Strawinsky gelangen ihm seine vielleicht bemerkenswertesten Schöpfungen, wie z. B. »Apollon musagete« (1928) in der Choreografie von Diaghilew und »Agon« [hier im Bild]. »Agon« ist Ballett in einem Akt ohne Handlung und wird zu einer Zwölftonmusik getanzt. Dieses Ballett wird zusammen mit anderen Repertoirestücken, wie »Dances at a Gathering« (Choreografie von Jerome Robbins, geb. 1918), auch vom Königlichen Ballett in London aufgeführt. Balanchine gilt als Meister des handlungslosen Balletts, seine Aktionsballetts waren umstritten.

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Info 22.11.2017 17:42
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