Der Film als Kunstwerk

Der Film als Spiegel menschlicher Gedanken kombiniert und ergänzt die althergebrachten Kunstformen Malerei und Musik, Tanz und Theater, Literatur und Architektur. Wesentliche Einflüsse
Mit dem Beginn der Tonfilmzeit hatten sich drei Hauptrichtungen herausgebildet. Die erste war die Montage, bei der David Wark Griffith (1875-1948) und Sergej Michailowitsch Eisenstein (1898-1948) bahnbrechend gewirkt haben. Die zweite war »Mise en scene«, hier versuchte der Regisseur, das Leben in erzählerischer Form darzustellen, wie es Erich von Stroheim (1885-1957) 1924 in seinem Film »Greed« getan hat. Die dritte war dokumentarisch angelegt, sie folgte der journalistischen Methode, wie etwa Robert J. Flaherty (1884-1951) mit »Nanook of the North«, einer gefühlvollen Studie über das Leben der Eskimos. Je nach der persönlichen Eigenart des Regisseurs verschmolzen diese drei Richtungen ganz oder teilweise miteinander. Man fürchtete anfangs, dass der Tonfilm der großartigen, vom Stummfilm geprägten Kunstform schaden könne. Aber Lewis Milestone (1895-1980) bewies als einer der ersten mit seiner Verfilmung von Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« (1930), dass auch der Tonfilm überzeugend wirken und den Menschen innerlich ansprechen kann. Mit wenigen Ausnahmen, wie Josef von Sternbergs (1894-1969) »Der Blaue Engel« (1930), beeinträchtigten kommerzielle Erwägungen in Amerika sowie propagandistischer Druck in Russland und Deutschland die Entwicklung des Films als eines Mittels zur Darstellung persönlicher Gedanken. In Frankreich hatten viele Filmateliers während der Weltwirtschaftskrise schließen müssen, in den dreißiger Jahren beschritt man neue Wege. Jean Vigo (1905-1934), Rene Clair (1898-1981) und Marcel Pagnol (1895 bis 1974) nutzten die Möglichkeiten des Films, um die Stimmung in der Bevölkerung in satirischer Form wiederzugeben oder aber den Alltag poetisch zu verklären. »Die große Illusion« (1937) und »Die Spielregel« (1939) von Jean Renoir (1894-1979) basierten auf einer Idee – sozusagen also Vorläufer der modernen Filmkunst – und glänzten nicht nur durch Handlung. Der Amerikaner Orson Welles (1915-85) zeigte in »Citizen Kane« (1941) das Leben eines Zeitungsmagnaten. Die Tradition des Realismus
Mitte der zwanziger Jahre hatte der sowjetische Regisseur Dsiga Wertow (1896-1954) dem Dokumentarfilm neue Impulse gegeben, als er forderte, ein Filmemacher solle vornehmlich in visuellen, statt in verbalen oder Uterarischen Begriffen denken. Das Arbeitsleben wurde am erfolgreichsten in England dargestellt: Die Dokumentarform hatte John Grierson (1898-1972) begonnen, Basil Wright (1907-87) hatte sie in den dreißiger Jahren fortgeführt. Nach dem Krieg beeinflusste der Realismus die Filme der Italiener Roberto Rossellini (1906-1977), Vittorio de Sica (1901-1974) und Luchino Visconti (1906-1976). Bei Kriegsende wurde die poesievolle Tradition französischer Filme neu erweckt: Die Filme von Rene Clair, Jean Cocteau (1898-1963) und Marcel Carne (1906-96) zeugen davon. In den fünfziger Jahren wurde das Publikum durch zahlreiche internationale Festspiele mit der asiatischen Filmkunst bekannt gemacht. »Rashomon« von Akira Kurosawa (1910-98) und »Gate of Hell« (1953) von Kinugasa Teinosuke (1896-1982) gewannen ebenso Filmpreise wie »Pather Panchali«, eine Geschichte des bengalischen Alltags von Satyajit Ray (1921-92), die 1956 in Cannes Aufsehen erregte. Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman (1918-2007) gewann ein breites Publikum, indem er Generationskonflikte, Pubertätskrisen, später aber vor allem die Beziehungen zwischen Mann und Frau darstellte. In Italien nutzte Michelangelo Antonioni (1912-2007) technische Neuerungen (vor allem bessere Linsen) für seine Filmproduktion: Bestechend ist die Bildersprache seiner Filme, die die Charaktere in Beziehung zu ihrer Umwelt setzt. Federico Fellini (1920-93) verwandte für seine bedeutendsten Filme persönliche Erlebnisse. Die Neue Welle und modernes Kino
In den fünfziger Jahren stagnierten die Zuschauerzahlen in den Kinos, das war zusammen mit verbesserten 16-mm-Filmen Anlass zur Wiedergeburt des Avantgardefilms. Führende Vertreter dieses Genres waren Maya Deren (1908-61) und Stan Brakhage (1933-2003) in Amerika. Obwohl Filme der Avantgarde nur selten Kassenschlager wurden, ist diese Richtung eine international anerkannte Kunstform geworden, die moderne Techniken wie Wischeffekt und Zerrbilder bis zur minutiösen Aufzeichnung kleinster Details einsetzt. Beim Spielfilm hat sich, ausgehend von Frankreich, die Idee durchgesetzt, dass der Autor auch gleichzeitig Regisseur ist. Regisseure wie Jean-Luc Godard (geb. 1930) und Francois Truffaut (1932-84) überwanden alte Konventionen und gaben dadurch dem Filmschaffen neue Impulse. Sogar in Osteuropa setzten sich im Film teilweise moderne Auffassungen durch: Die Tschechen Milos Forman (geb. 1932) und Ivan Passer (geb. 1933) bestachen durch naturalistische Wiedergaben bestimmter Verhaltensweisen, nach 1968 gingen beide in die USA. Der Ungar Miklos Jancso (geb. 1921) erregte Aufsehen durch fein ausgewogenen Kameraeinsatz. Da seit etwa 1960 geräuschlose Handkameras und leichte Tonbandgeräte zur Verfügung stehen, hat sich das Cinema-Verite entwickelt – ein Aufnahmestil, der mehr vom tatsächlichen Geschehen einfangen kann, als es jemals zuvor möglich war.
»Greed« war das Werk eines eigenwilligen Regisseurs und Schauspielers: Erich von Stroheim. Der Streifen ist eine eindrucksvolle Studie menschlichen Verhaltens, die vor 1914 in San Francisco spielt. Stroheims Film, der auf ein Viertel der ursprünglichen Laufzeit von zehn Stunden gekürzt wurde, ist ein frühes Beispiel für die Art, wie die Kamera den Charakter der Menschen festhalten kann, wenn der Regisseur geschickt auf Details achtet.

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Info 18.01.2018 05:08
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