Deutschsprachige Literatur von 1900 bis 1945

Die deutschsprachige Literatur dieses Jahrhunderts lässt sich als eine Auseinandersetzung mit dem Problem des Realismus, der Wiedergabe und Gestaltung von Wirklichkeit, begreifen. Der »konsequente« Naturalist Arno Holz (1863-1929) hatte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Formel geprägt: »Kunst = Natur – X«. Qualität und Größe dieses »X« entscheiden innerhalb der – für sich genommen recht vagen – Formel über den Grad der Abstraktion bzw. der künstlerischen Umgestaltung von Natur oder Realität. Das »X« der Holzschen Formel, das jede künstlerische Hervorbringung von einem selbst in der Fotografie kaum erreichbaren Spiegelbild der Natur unterscheidet, kann als idealistischer (neuromantischer oder neoklassischer) Wille zur Stilisierung, als Psychologisierung, als politisches Engagement oder als entschiedene Leugnung einer außerhalb der Kunst bestehenden Realitätsgestalt auftreten. Die Literatur bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
Das Jahrhundert begann mit einer Abkehr vom reinen Naturalismus, desses Bestreben es gewesen war, das bewusste »X« möglichst klein zu halten. Er hatte mit den Dramen des jungen Gerhart Hauptmann (1862-1946), mit den »Webern« (1892) und der Diebskomödie »Der Biberpelz« (1893) seinen Höhepunkt erreicht. Unter dem Einfluss Nietzsches, Schopenhauers und der französischen Symbolisten kommt es vor allem bei Stefan George (1868-1933), dem Wiener Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) und dem in Prag geborenen Dichter Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926) zu einer eigengesetzlichen künstlerischen Erfassung des Lebens und der menschlichen Seele. Arthur Schnitzler (1862-1931), Frank Wedekind (1864-1918), auch der Schweizer Robert Walser (1878-1956) versuchen eine ironisch-psychologische Durchdringung von Realität. Dass Ironie nicht nur Verneinung, sondern ein ästhetisches Mittel sein kann, die in Teile zerfallende Wirklichkeit noch einmal in den Griff zu bekommen, zeigt wohl am deutlichsten Thomas Manns (1875-1955) »Buddenbrooks« (1901). Um 1910 setzte mit dem Expressionismus, der auf dem Feld der Literatur, besonders aber auf dem der bildenden Künste eine deutsche Sonderentwicklung darstellt, eine antirealistische Gegenströmung ein, die die Welt nicht mehr als Außeneindruck aufnehmen, sondern als »Schrei und Bekenntnis« aus dem Inneren des Menschen ausdrücken wollte. Neue Inhalte – das Großstadterlebnis, soziale Not, Kriegsbedrohung, aber auch eine wiederentdeckte Innerlichkeit – erforderten neue, ungewohnte und expressive Formen. Georg Trakl (1887-1914), Georg Heym (1887-1912), Ernst Stadler (1883-1914), Jakob van Hoddis (1887-1942), Alfred Lichtenstein (1889 bis 1914), Ludwig Rubiner (1881-1920), Carl Einstein (1885-1940), Albert Ehrenstein (1886 bis 1950), Else Lasker-Schüler (1869 bis 1945), Johannes R. Becher (1891-1958) und Gottfried Benn (1886-1956) gehörten zu den Dichtern dieses neuen Aufbruchs. Das Theater der neuen Generation prägten u. a. Ernst Barlach (1870-1938), Georg Kaiser (1878-1945), Carl Sternheim (1878-1942), Ernst Toller (1893-1939) oder Walter Hasenclever (1890-1940) mit seinem programmatischen Stück »Der Sohn« (1914). Als mehr internationale, formal (Zürich) und auch politisch (Berlin) radikalere Bewegung entstand mitten im Krieg der Dadaismus (Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Kurt Schwitters, Raoul Hausmann, Walter Serner u. a.), der in einen die Länder übergreifenden Surrealismus einmündet. Die zwanziger Jahre und das Exil
Die aufrüttelnden, teils noch expressionistischen, teils Sozialrevolutionären Theaterereignisse der zwanziger Jahre – an der Spitze Bertolt Brechts (1898-1956) »Dreigroschenoper« (1928) – blieben auf Berlin und einige große Städte beschränkt. Sieht man von der breiten Schicht völkisch nationalem Schrifttums ab, so steht nun im Zentrum der kritische und realistische Roman. Heinrich Mann (1871-1950) veröffentlicht 1918 seine Analyse des Wilhelminismus, »Der Untertan«, im Jahre 1924 erscheint Thomas Manns »Zauberberg«, 1929 Alfred Döblins (1878-1957) »Berlin Alexanderplatz«, außerdem Romane Leonhard Franks, Lion Feuchtwangers, Joseph Roths, Hermann Hesses, Erich Kästners, Alfred und Robert Neumanns und – am Ende der Epoche – die ersten größeren Werke von Hermann Broch und Anna Seghers. Ernst Jünger, Arnold Zweig, Ernst Glaeser, Ludwig Renn, Erich Maria Remarque (»Im Westen nichts Neues«, 1929), Hans Fallada und Edlef Köppen setzten sich mit dem Kriegserlebnis auseinander, Max Brod gab posthum die singulären Werke Franz Kafkas (1883-1924) heraus. Der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller befruchtet die Auseinandersetzung mit einer sozialistischen Literatur, eine »Dichterakademie« wird in Berlin gegründet – und wieder aufgelöst: Deutschland (ab 1933) und Österreich (ab 1938) versinken im Provinzialismus. Der Nationalsozialismus beschränkt sich vor allem auf die Förderung der völkisch-nationalen Literatur. Daneben hält sich eine weitgehend Apolitische, nur »zwischen den Zeilen« zumeist bürgerliche Gegenpositionen vertretende Dichtung der »Inneren Emigration«, zu der u. a. Werner Bergengruen (1892-1964), Hans Carossa (1878-1956) und Reinhold Schneider (1903-58) zählen. Die meisten Schriftsteller von Rang (ob realistischer oder formal experimenteller Richtung) werden zum Schweigen verurteilt, gemordet oder ins Exil getrieben.
Heinrich und Thomas Mann (1927 in Berlin) galten vor allem in den Jahren des Ersten Weltkriegs als das feindliche Brüderpaar der deutschen Literatur. Der Zola-Anhinger Heinrich Mann hatte früher als sein Bruder den gesellschaftlichen Auftrag des Schriftstellers erkannt.

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Info 26.09.2017 - 00:15
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