Literatur des 20. Jahrhunderts: Erneuerer und Existenzialisten

Lust am Experimentieren und das Auftauchen neuer Literaturformen (oder die Wiederbelebung alter), die oft ein Element politischen und rassischen Protestes aufweisen, sind Merkmale der Literatur dieses Jahrhunderts. Nach der Russischen Revolution gab es für die in der UdSSR lebenden Schriftsteller eine zehn Jahre währende, vergleichsweise freiheitliche Periode, in der viel Eigenständiges auf den Gebieten der Poesie und Prosa entstand, aber seit etwa 1930 herrscht strenge Zensur: »Dr. Schiwago«, das Hauptwerk von Boris Leonidowitsch Pasternak (1890-1960), und die meisten Werke von Alexander Issajewitsch Solschenizyn (1918-2008), sind niemals in Russland erschienen, oft genug wurden Schriftsteller verhaftet oder des Landes verwiesen. Im Allgemeinen bedienen sich die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts realistischer Methoden bei der Verarbeitung bestimmter Sujets. Lebendige Mythen
Auffällig ist aber die Tendenz, mythologische Themen zu verwenden. Während zum Beispiel der weltberühmte Roman »Ulysses« von James Joyce (1882-1941) eine »alltägliche«, normales Erleben schildernde Geschichte ist, entspinnt sich unter dieser Oberfläche die Legende des Odysseus. Sogar Alain Robbe-Grillet (1922-2008), Hauptvertreter des atheistischen »Nouveau roman« in Frankreich, verwendet diesen Mythos in seinem ersten Roman »Ein Tag zu viel« (1953) – auch wenn er vielleicht nur herausstellen wollte, wie irrelevant, irrational und illusorisch er sei. Obwohl der Mensch des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach neuen Möglichkeiten viele überlieferte Überzeugungen aufgegeben hat, widmet er sich gleichzeitig wieder alten, »irrationalen« Mythen. Zum Beispiel fußt die Lyrik von Leopold Sedar Senghor auf alten afrikanischen Legenden, die über Jahrhunderte kaum Beachtung fanden und erst in den letzten Jahrzehnten, mit dem Erwachen eines afrikanischen Selbstgefühls, wieder lebendig geworden sind. In den zwanziger Jahren wandten sich die französischen Surrealisten, angeführt von Andre Breton (1896-1966), den Phänomenen des unbewussten zu. So sind in vielen modernen Werken religiöse Elemente zu finden – nicht unbedingt aufzufassen als Rückkehr zu konventionellen Dogmen, auch nicht als Anerkennung einer göttlichen Existenz, sondern als Suche nach Werten, die unter dem Rationalismus modernen menschlichen Verhaltens verborgen liegen. Der im Westen viel gelesene indische Schriftsteller Rabindranath Tagore (1861-1941) war Humanist, er versuchte zwischen West und Ost zu vermitteln. Wo reiner Atheismus an die Stelle der Religion tritt, wo – wie in den Romanen des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre (1905-80) – die Welt als absurder, zufällig entstandener Ort betrachtet wird, geht es den Existenzialisten darum, ein besseres, gerechteres System zu finden. Für Sartre beinhaltet dieses Bemühen eine Rückkehr, und, wenn nötig, Modifizierung marxistischen Gedankengutes – was die Kommunistische Partei Frankreichs veranlasste, ihn als »Revisionisten« zu verdammen. Die lateinamerikanische Literatur hat sich im letzten halben Jahrhundert voll entfaltet, Lyriker, Dramatiker und Romanciers stellen sich den Fragen der Zeit. Gleichzeitig bemühen sie sich um das Geheimnisvolle des menschlichen Seins. Das immer noch weithin unerforschte Innere des Kontinents ist Symbol für die ebenso unerforschten Tiefen des menschlichen Geistes. Ein Mann wie Pablo Neruda konnte als Kommunist aktiv sein und gleichzeitig solchen Mysterien folgen. Sehr vielfältig ist das Bild der afrikanischen Literatur. Im Werk des Nigerianers Arnos Tutuola spiegelt sich die mythologische Welt der Afrikaner wider, sein Kollege, der nigerianische Romancier Chinua Achebe (geb. 1930) bildet die gleiche Welt auf andere Weise ab: Realistisch beleuchtet er Probleme aus dem Zusammenprall europäischer und afrikanischer Kultur, gleichzeitig zeigt er den Untergang afrikanischer Stämme durch den Zerfall der Traditionen auf. Moral und politischer Protest
Protest gegen Krieg, gegen den Menschen als des Menschen Feind, durchzieht den Großteil der Literatur des 20. Jahrhunderts, und natürlich findet er den beredtsten Ausdruck im Werk solcher Schriftsteller, die in Ländern mit totalitären oder einseitig privilegierten Herrschaftssystemen leben oder lebten: bei Solschenizyn in Russland zum Beispiel, oder bei Athol Fugard in Südafrika. Experimente auf Uterarischem Gebiet betreffen Form und Inhalt in gleicher Weise. Während die neuen Formen manchmal stark verdichtet und fast zu anspruchsvoll sind, gelingt es Schriftstellern wie Francois Mauriac (1885-1970), thematisch die Moderne zu erschließen. Seiner südfranzösischen Heimat und dem Katholizismus verhaftet, schildert er vornehmlich das Böse im Menschen. Existenzialist ist er in dem Sinn, dass er alle konventionellen Lösungen des Problems Sünde angreift. Ähnlich, aber drastischer, sind die Werke seines Landsmannes Andre Gide (1869-1951), die Bekenntnisse eines bisexuellen Mannes auf der Suche nach den Grundlagen für eine neue, menschliche Moralordnung der Welt. Die Romane des Engländers Graham Greene (1904-91), der zum Katholizismus konvertierte, sprechen von dem Wissen um soziale und politische Probleme der Welt. Insgesamt hat die Literatur des 20. Jahrhunderts auf die Anforderungen ihrer verzweifelten Situation geantwortet: Das erfinderische Genie hat sich mit politischem Engagement gepaart, und herbe Kritik an sozialen und politischen Missständen wurde laut.
Patrick White (1912-90) erhielt als erster australischer Schriftsteller 1973 den Nobelpreis. Seine eindrucksvollen Romane, u. a. »Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie« (1955), »Voss« (1957), »Die ungleichen Brüder« (1966), »Der Maler« (1970) und »Im Auge des Sturmes« (1973), sind tief im australischen Lebenskreis verwurzelt. Mit direkten oder symbolischen Mitteln werden die innersten Gedanken seiner Charaktere bloßgelegt. Seine extrem realistischen, umfangreichen Bücher lohnen das Lesen. Die Botschaft ist existenzialistisch in ihrer Forderung nach ursprünglichem Sein und nach rückhaltloser Offenheit. Seine Helden und Heldinnen, oft geisteskrank, oft gefährlich, immer unvernünftig, triumphieren durch ihren Mut über das Leben.