Russland im Mittelalter (900 bis 1600)

Der erste russische Staat entstand aus slawischen Siedlungen, die sich zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert nordöstlich vom europäischen Teil des Byzantinischen Reiches gebildet hatten. Die russischen Slawen bewohnten einen großen Landgürtel, der von den Karpaten, der Ostsee und dem Oberlauf von Wolga, Don, Dnjepr und Dnjestr begrenzt wurde. Im 9. Jahrhundert eroberten die Waräger – Normannen aus Schweden – das Gebiet und gründeten einen Städtebund, dessen Zentrum Kiew war und der vom Großfürsten von Kiew regiert wurde. Die herrschende Klasse der Slawen assimilierte die warägischen Fürsten zu einer einheitlichen Oberschicht, diese Oberschicht baute einen einträglichen Handel mit Konstantinopel auf der Basis eines hoch entwickelten Geld- und Kreditsystems auf. Byzantinische Einflüsse im Kiewer Reich
Gestützt auf seinen im Handel erworbenen Wohlstand und auf den Kontakt mit Byzanz entwickelte sich Kiew um 1100 zu einem mächtigen Reich. Von seinem Haupthandelspartner übernahm Russland damals eine weitgehend von der orthodoxen Kirche bestimmte Kultur. Missionare führten die orthodoxe Liturgie in einer Sprache ein, die unter Verwendung des kyrillischen Alphabets zum Ausgangspunkt des modernen Russisch wurde. Großfürst Wladimir I. (956-1015) übernahm das orthodoxe Christentum als Staatsreligion, ein Metropolit aus Konstantinopel schuf die Grundlage einer kirchlichen Organisation. Byzantinische Vorbilder bestimmten Architektur und Ikonenmalerei. Die politische und soziale Struktur dieses russischen Staates unterschied sich deutlich von den Verhältnissen der Staaten im Westen. Drei die Regierung tragende Elemente bestanden nebeneinander – die herrschende Rurik-Dynastie musste sich die Macht im Staat mit einem Rat der Edlen (duma) und mit den Stadtverwaltungen (wjetsche) teilen. Die Fürsten und ihre Familien ständen an der Spitze des Sozialgefüges, ihnen folgte die aus Kaufleuten, Soldaten und Grundbesitzern bestehende Klasse der Bojaren, dann kamen die selbstständigen Bauern, die Pächter und Sklaven. Die Kiewer Bauern konnten meist über ihr Land frei verfügen, sie waren keine Vasallen der Großgrundbesitzer. Die Rechtsprechung kannte nur wenige Klassenunterschiede, die meisten freien Bürger waren vor dem Gesetz gleich. Während des 12./13. Jahrhunderts wurde Russland von Ereignissen außerhalb seiner Grenzen in Mitleidenschaft gezogen. Der aufblühende venezianische Handel, Einfälle asiatischer Stämme, der Niedergang von Byzanz und der Aufstieg Polen-Litauens und des Mongolenreiches trugen zum Verfall des Kiewer Reiches bei. Die Verbindung mit Konstantinopel lockerte sich, die wirtschaftliche Stärke des Kiewer Staatswesens nahm ab. Der Großstadt Nowgorod mit ihrer merkantilen Demokratie und einem reichen Hintergrund gelang es, sich unabhängig zu machen, das westliche Russland kam unter polnisch-litauische (und daher römisch-katholische) Herrschaft, Ostrussland wurde von den Mongolen überrannt, die unter Dschingis-Chan (1155 oder 1167-1227) und seinen Nachfolgern ihren Machtbereich gewaltig erweiterten. Moskau
Unter der Mongolenherrschaft wuchs die Bedeutung des Fürstentums Moskau, das schließlich den größten Teil des heutigen europäischen Russlands beherrschte. Die Großfürsten von Moskau waren ursprünglich die Steuereinnehmer von Sarai (Hauptstadt des Mongolenreichs der »Goldenen Horde« an der unteren Wolga). Durch Verträge, Eroberung, Kauf und Heirat besaßen die Großfürsten schließlich das größte Gebiet aller russischen Fürsten, sie vertrieben an der Spitze einer Koalition die Mongolen aus dem Land. Die Beinamen der Großfürsten beleuchten die Vielfalt ihrer Methoden – Jurij (»Langarm«, gest. 1157), Wsjewolod (»Großes Nest« wegen seiner Fruchtbarkeit, 1176 bis 1212), Kalita (»Geldsack«, Iwan I., Regierungszeit 1328-41). Entwicklung der nationalen Monarchie
Zwischen 1460 und 1600 nahm das Großfürstentum Moskau an Umfang und Stärke erheblich zu. Seine Herrscher fühlten sich als Monarchen eines Nationalstaates. Iwan III. (Der Große, 1440-1505) versetzte 1481 dem Reich der »Goldenen Horde« den Todesstoß, indem er sich mit verschiedenen konkurrierenden mongolischen Teilstaaten verbündete, 1478 eroberte er Nowgorod. Sein Fürstentum betrachtete er als Nachfolgestaat des kurz zuvor erloschenen Byzantinischen Reiches. Er heiratete Sophia, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, übernahm den byzantinischen Doppeladler als Reichssymbol und erhob Anspruch auf den Zaren-Titel. Iwan IV. (1530-84) eroberte litauisches und mongolisches Gebiet und krönte sich zum »Zaren aller Reußen«. Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 förderte die Errichtung einer selbstständigen russisch-orthodoxen Kirche. Der Sitz der Kirche war im 14. Jahrhundert von Kiew nach Moskau verlegt worden, hier entstand bis 1589, als der erste russisch-orthodoxe Patriarch eingesetzt wurde, ein sehr eigenständiger, typisch russischer Stil in Architektur und Malerei. Das neuzeitliche Russland verdankt seinen politischen und sozialen Charakter nicht sosehr Kiew als Moskau. Während der Feudalismus im Westen an Bedeutung verlor, bildete sich in Russland die Leibeigenschaft aus. Dabei spielte eine besondere Rolle, dass es kein städtisches Bürgertum und keine selbstständigen Bauern gab, die ein Gegengewicht gegen die Krone hätten bilden können.

Forum (Kommentare)

Chris 02.11.2016 um 20:51:30 Uhr.
Ich finde diesen Text sehr gelungen und gut formuliert, doch er wäre interessanter gewesen wenn man mehr über das damalige Leben erzählen würde.