Die Aufklärung

Im 17. Jahrhundert war unter den Philosophen und Schriftstellern Europas der Glaube an die vernunftmäßige Erkennbarkeit der Welt und des Menschen entstanden. Mit der »Suche nach der Wahrheit der Wissenschaften« hatte Rene Descartes (1596-1650) in seiner »Abhandlung über die Methode« (1637) seine mehr skeptische Einstellung gegenüber der Astrologie und Geschichte begründet. Die kritische Interpretation der Bibel sowie der allgemeine Religionsvergleich hatten eine Schwächung der Orthodoxie bewirkt. In England war durch die Hinrichtung von Karl I. (1600-49) der Glaube an die gottgewollte Herrschaft der Könige ins Wanken geraten, die liberale Verfassung nach der Revolution von 1688 blieb über ein Jahrhundert lang für das festländische Europa vorbildlich. Dieses neue Denken im 18. Jahrhundert, die unablässige Suche nach einer rationalen Erklärung aller menschlichen Probleme, wurde dann »Aufklärung« genannt (»Les Lumieres« in Frankreich, »The Enlightenment« in England). Ihren Ausgang nahm diese Epoche in den Niederlanden und in England. Erste Ansätze gab es bereits in Renaissance und Reformation. Das Feld der neuen Geistesrichtung
Die Aufklärung war eine literarische und philosophische Bewegung, die sich gegen Aberglauben, Dummheit und jede Bevormundung durch die Kirche wandte, gegen die traditionelle Wissenschaft und das etablierte Wissen. In ihren gesellschaftspolitischen Aussagen reicht sie von John Locke (1632-1704) bis zur Französischen Revolution. Repräsentanten der Aufklärung in anderen Ländern sind Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) und nicht zuletzt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in Deutschland, Benjamin Franklin (1706-90) und Thomas Jefferson (1743-1826) in Amerika, Francesco Algarotti (1712-64) und Vittorio Alfieri (1749-1803) in Italien. In Spanien und Osteuropa fand die Bewegung keine Anhänger. Nur nach Russland unter Peter dem Großen (1672-1725) und Katharina II. (1729-96) kamen Ausläufer des englisch-französisch-deutschen Einflusses. Wissenschaftliche und literarische Fragestellungen
Die Bewegung hat nicht zur Bildung einer geistigen Schule im engeren Sinn geführt. Ihre führenden Köpfe teilten aber alle die Überzeugung, dass das Universum grundsätzlich erkennbar sei, da es nach unbegrenzt erkennbaren Gesetzen funktioniere. Der Mensch müsse nur seine gottgegebene Vernunft gebrauchen, um diese Gesetze herauszufinden. Dann könne der Kampf mit den überkommenen Irrlehren aufgenommen werden, die seit alters zu Aberglauben und vielen Formen der Unterdrückung geführt hätten, für die solcher Aberglaube immer willkommener Vorwand gewesen sei. Im literarischen Bereich konzentrierte man sich auf die aktuellen Themen der Aufklärung. Man gab sich kosmopolitisch: Die Satire – in Vers und in Prosa, gern in Form des fiktiven Reisetagebuches (»Gullivers Reisen« von Swift, 1726) – war die Gattung schlechthin geworden, als Mittel der Kritik und Anlass zu einem Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit. Außereuropäische Schauplätze und Figuren wurden beliebte Mittel der Darstellung. Nach dem Beispiel von Daniel Defoes (1660 bis 1731) »Robinson Crusoe« von 1719 und Charles Louis de Montesquieus (1689-1755) »Persischen Briefen« von 1721 erschienen zahlreiche Werke mit exotischen Stoffen. In den theologischen Überlegungen spiegelte sich der wissenschaftliche Geist des Zeitalters in einer Absage an Wunder und Offenbarungen wider sowie in einer Abneigung gegenüber religiöser Besessenheit. Die Vertreter der Aufklärung, besonders die Philosophen, betrachteten es aus menschlichen Erwägungen heraus für unsinnig, eine Religion für allein selig machend zu erklären. In Voltaires (1694-1778) »Zaire« von 1732 oder Lessings »Nathan der Weise« (1779) sind die Unterschiede der Religion nur mehr Begleiterscheinungen von Geburt und Erziehung, auch der Heide wird anerkannt. Der Deismus, der darauf hinausläuft, dass Gott nach der Erschaffung der Welt diese sich selber überlassen habe, gewinnt an Boden. Alexander Pope (1668-1744) bringt in seinem »Versuch über den Menschen« (1732-34) den Vergleich mit dem Uhrmacher, der auch die Uhr erst macht und dann sich selber überlässt. Jean-Jacques Rousseaus (1712-78) Deismus in seinem Roman »Emile ou De l’education« (1762) berührt sich bereits mit dem Atheismus. Die »Encyclopedie ou Dictionnaire raisonne des sciences, des arts et des metiers«, die berühmte »Enzyklopädie« von Denis Diderot (1713-84) und Jean d’Alembert (1717-83) macht mit dem zentralen Gedanken der Aufklärung Ernst, dass Wissen Macht ist. Jeremy Benthams (1748-1832) Rechtfertigung des Utilitarismus als Recht auf »das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen« steht der neuen Welt des Frühkapitalismus ebenso nahe wie die Bewegung der »Physiokraten« und mit ihnen Adam Smith (1723-90), Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre. In seinem Buch »Eine Untersuchung über Natur und Ursachen des Volksstandes« (1776) überträgt er die Forderungen der Aufklärung auf die Wirtschaft, und aus der »Gedankenfreiheit« leitet er den »Freihandel« ab. Die Französische Revolution als zwangsläufige Folge und Resultat der Aufklärung zu sehen bedeutet eine zu starke Vereinfachung: Die entscheidenden Gestalten der Aufklärung waren kritische, doch optimistische Reformatoren, die in der feudalen Welt des Ancien regime beheimatet waren und lebten, sich aber jedem Dogmatismus widersetzten und an den Fortschritt zu einer besseren Welt hin glaubten.