Kunst und Wissenschaft

Kunst des Barock 1

Barock war der dynamischste Stil in Kunst und Architektur, den die westliche Kultur im 17. und 18. Jahrhundert hervorbrachte. Überschwänglich und gefühlsbetont, entstand er kurz vor 1600 in Rom und hatte im späten 17. Jahrhundert fast ganz Europa erobert, er wurde besonders in West- und Mitteleuropa heimisch, verbreitete sich aber auch in Lateinamerika. Diese Regionen waren fast ausschließlich katholisch und wurden absolutistisch regiert. Es ist kein Zufall, dass der Barock hier mehr zur Blüte kam als in den protestantischen und relativ liberalen nördlichen Ländern. Der barocke Stil ist sowohl geeignet, das Pathos und die Kraft des Katholizismus angemessen optisch zu realisieren als auch dem Repräsentationsbedürfnis der absolutistischen Monarchien einen glanzvollen Rahmen zu geben.

Der Einfluss der Renaissance
Zwei der größten Barockkünstler, Peter Paul Rubens (1577 - 1640) und Giovanni Lorenzo Bernini (1598 - 1680), waren fromme Katholiken und Anhänger des Absolutismus. Es wäre aber falsch, den Barock nur mit bestimmten Geisteshaltungen und Gesellschaftsordnungen gleichzusetzen. In gemäßigter, statischer Form trat der Barock z. B. auch in England und in den Niederlanden auf. Umgekehrt gab es im katholischen Frankreich mit seinem besonders ausgeprägten Absolutismus gegen diese Kunst einigen Widerstand aus nationalen und ästhetischen Gründen.

Der Barock entstand durch Weiterentwicklung von Elementen der Renaissance und des nachfolgenden Manierismus. Im Großen und Ganzen wurden klassische Formen in allen drei Kunstperioden verwendet, allerdings traten sie in den Endphasen des Barock zurück (klassische Formen sind die Elemente in Plastik und Architektur, die von der Antike übernommen wurden). Die Renaissancekünstler verwendeten das Klassische mit Zurückhaltung und mit dem zweifachen Ziel, Klarheit und Realität zu erreichen. Die Manieristen verzichteten auf diese Grundsätze und erstrebten stattdessen eine gewisse ideale künstliche Schönheit. Im Barock behielt man dieses Künstliche und Dekorative bei, griff aber auch auf den Realismus der Renaissance zurück. Man versuchte zugleich, die Grenzen zwischen den Künsten und zwischen Kunst und Natur aufzuheben. Mit seinen geschwungenen Formen, der Fülle von Ornamenten, mit prächtigen und leuchtenden Materialien, mit viel (oft farbigem) Marmor, mit Vergoldung und Bronze ist der Barock überaus schwer und reich. Er ist aber auch voller Bewegung: Engel fliegen, Heilige steigen zum Himmel auf, die Menschen auf der Erde gestikulieren und kämpfen, Gewänder und Draperien flattern, als hätten sie ein Eigenleben. Die Barockmaler hatten eine Vorliebe für die Darstellung von Menschenansammlungen.

Ein opulenter Stil
Es ist nicht überraschend, dass eine überragende Leistung dieser Maler die großflächige Deckenmalerei war. In der Architektur ersetzen kraftvoll geschwungene Fassaden, ovale Grundrisse (Vierzehnheiligen, entworfen von Balthasar Neumann, 1687-1753) und gebrochene Giebel, die geradlinigen Fassaden, quadratischen oder runden Grundrisse und Dreieck- oder Segmentgiebel der Renaissance. Obwohl die Barockkünstler nur wenig neue, originelle Formen hervorbrachten, entfalteten sie äußerste Geschicklichkeit, lange bekannte Formelemente neu zu kombinieren. Auf die Hochachtung des Barock für die klassische Kunst ist sein Sinn für Größe und die gliedernde Behandlung großer Baumassen zurückzuführen. Von der Renaissance übernahm er das Verständnis für Form und Maß, das Gefühl für Farbe, Licht und Schatten, aus dem Manierismus die Freiheit für (mitunter gewagte) Form und Farbgebung.

Entfaltung und Ausbreitung des Barock
Die ersten Anzeichen eines neuen Stiles waren die Rückkehr zu einem drastischen Realismus und der meisterhafte, plastisch modellierende Gebrauch von Licht und Schatten bei den italienischen Malern Michelangelo da Caravaggio (1573 - 1610) und Annibale Carracci (1560-1609). Die dynamisch bewegte Komposition, die leuchtenden, warmen »rauschenden« Farben wusste Rubens virtuos einzusetzen, er brachte nach einem Aufenthalt in Italien (1600-1609) den Barock ins nördliche Europa. Der »Hochbarock« wurde von drei in Italien lebenden Künstlern beherrscht, die im zweiten und dritten Viertel des 17. Jahrhunderts tätig waren: dem Bildhauer und Architekten Bernini (1598-1680), dem Architekten Francesco Borromini (1599-1667) und dem Maler und Architekten Pietro da Cortona (1596-1669). Das Werk von Guarino Guarini (1624-83) beeinflusste entscheidend die Barockarchitektur in Süd- und Mitteldeutschland, hier entwickelte die barocke Architektur höchste Pracht und Phantasie, wurden die letzten Möglichkeiten barocker Formgebung erreicht. Die Barockmalerei erlebte im 18. Jahrhundert in Venedig ihren strahlenden Höhepunkt dank der virtuosen Gestaltungskraft des Venezianers Giovanni Battista Tiepolo(1696-1770).

In Spanien und Portugal trat der Barock zunächst verhalten auf, er wurde volkstümlich in der religiösen Kunst und fand seinen vollkommenen Ausdruck in den Porträts von Diego Rodr?guez de Silva y Vel?zquez (1599-1660). Spanische und portugiesische Architektur verwendete hingegen oft barock-bizarre Oberflächenornamentik, die konventionellen architektonischen Grundformen vorgeblendet wurden.

Der letzte Entwicklungsabschnitt des Barock wird - mit einigen Einschränkungen - als eigener Stil, als Rokoko bezeichnet.