Das Zeitalter Ludwigs XIV.

Nach jahrelangen Unruhen und fortgesetztem Parteienhader bot Frankreich um 1660 ein Bild innerer Zerrissenheit. Zwischen 1648 und 1653 rebellierten in den »Fronde« genannten Aufständen der Hochadel gemeinsam mit dem Pariser Parlament wiederholt gegen die Politik Jules Mazarins (1602-61). Der Kardinal regierte als Erster Minister für den unmündigen König Ludwig XIV., er versuchte vergeblich, die absolutistische Staatsidee seines Vorgängers Richelieu (1585 – 1642) durchzusetzen. Bei Mazarins Tod schaffte der 23jährige König das Amt des Ersten Ministers ab und übernahm selbst Regierung und Repräsentation des Staates. In dieser Doppelrolle gab er der Krone das verlorengegangene Charisma wieder. Ludwigs Ziel war, die Anerkennung seines Gottesgnadentums bei seinen Untertanen zu erlangen und dem Hause Bourbon in Frankreich und ganz Europa neues Ansehen zu verschaffen. »Ordnung« wurde das Leitmotiv der Innen und Außenpolitik Ludwigs XIV. Ihr augenfälligstes Symbol war der Hof in Versailles: Schloss, Park und Wasserkünste wurden nach einem streng symmetrischen Plan angelegt. Der König unterwarf sich und die Höflinge einem
subtilem Zeremoniell. Die Rechte des Adels, der Provinzverwaltungen und anderer regionaler Interessengruppen wurden rigoros beschnitten. Alle Gewalt lag fortan bei der Zentralregierung. Während der Adel durch Hofdienste und Vergnügungen an Versailles gebunden wurde, versahen Regierungsbeamte die Verwaltungsgeschäfte in den Provinzen. Ludwigs Ordnungsbestrebungen reichten bis in die religiöse Sphäre: Die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) sollte alle Ketzerei beenden. Den Protestanten (Hugenotten) blieb nur die Wahl zwischen dem Übertritt zum katholischen Glauben und der Flucht ins Ausland. Die Außenpolitik
Auch die Außenpolitik stellte Ludwig XIV. unter das Motto »Ordnung und Recht«. Er machte alte, oft sehr vage Ansprüche auf Territorien der benachbarten Länder geltend und verlangte die Wiederherstellung der »natürlichen Grenzen Galliens«. Was Ludwig als »rechtmäßige« Wiedervereinigung (Reunion) bezeichnete, war für die betroffenen Länder nackte Aggression. Von 1667 an führte Frankreich fast ununterbrochen Krieg: 1667/68 den sogenannten Devolutionskrieg gegen Spanien und die Spanischen Niederlande, 1672-78 einen Krieg gegen Holland, 1688-97 den Pfälzischen Krieg und 1702-13 den Spanischen Erbfolgekrieg. Die hohen Kosten, die die Kriege, der Unterhalt der Heere und der Ausbau der Verwaltung und der Manufakturen verursachten, wurden zunächst gedeckt durch die Einführung neuer Steuern und die Anhebung der bisherigen Abgaben, z. B. der Taille (direkte Steuer) und der gabelte (Salzsteuer). Die Wirtschaftspolitik
Die Neuordnung von Wirtschaft und Finanzen war das Werk des Ministers Jean Baptiste Colbert (1619-83). Sie ergab sich aus der Notwendigkeit, das ständig kriegführende Frankreich wirtschaftlich von seinen Gegnern, vor allem von Holland, unabhängig zu machen. Colbert förderte die Entwicklung einheimischer Industrien: Eisen- und Textilerzeugung, besonders aber die Produktion von Seide und Spitzen. Diese Luxusgüter wurden aus Venedig und Ostindien vorwiegend von holländischen Importeuren nach Frankreich gebracht und mussten in Gold bezahlt werden. Da aber im Wirtschaftsdenken der Zeit Goldbesitz mit Macht identisch war, versuchte Colbert, durch Eigenproduktion und Export solcher Luxusgüter eine aktive Handelsbilanz zu erzielen. Dieser Merkantilismus war gleichbedeutend mit einem Wirtschaftskrieg gegen die Konkurrenten. Frankreich erhob neue Schutzzölle und gründete die Ostindische Kompanie – Maßnahmen, die ebenfalls zum Ziel hatten, Holland aus dem Kolonialhandel zu verdrängen und Frankreich Zugang zu diesem als Goldquelle betrachteten Handel zu verschaffen. Die hochgesteckten Pläne Ludwigs XIV. gingen zunächst in Erfüllung. Im Inland herrschte Ruhe. Gebietszuwachs war durch Verträge oder Eroberungskriege erreicht worden. Frankreich machte den etablierten Handelsmächten England und Holland Konkurrenz. Das Haus Bourbon genoss wieder Ansehen, viele Fürstenhöfe sahen in Versailles und in Ludwigs Absolutismus ihre Vorbilder. Doch der Preis für diese Errungenschaften war hoch: Frankreich hatte sich die Feindschaft fast aller europäischen Mächte zugezogen, das eigene Volk war wirtschaftlich erschöpft. Die Steuerkraft des Landes reichte bald nicht mehr
aus, um die hohen Kriegskosten zu decken, zumal Adel und Klerus weiterhin Steuerfreiheit genossen und das Kreditwesen noch nicht ausreichend entwickelt war. Als 1688 der Statthalter der Niederlande, Wilhelm III. von Oranien (1650-1702), König von England wurde, verfügte Ludwigs erbittertster Gegner über die Flotten und den Reichtum der beiden stärksten Wirtschaftsmächte der damaligen Welt. Unzufriedenheit und Rebellion
Die Fortdauer der Kriege und immer häufigere Niederlagen erzeugten zunehmend Unzufriedenheit im Volk. Die Bauern, der wirtschaftlich schwächste Stand, rebellierten, da sie den Hauptteil der Steuerlasten zu tragen hatten. Nach Missernten stiegen die Getreidepreise, Hungersnöte folgten (1693/94 und 1709/10). Der Adel widersetzte sich allmählich dem Führungsanspruch des Hauses Bourbon, der König und sein Hofstaat verloren durch die Isolation in Versailles jede Verbindung zum Volk. Die Bürger sahen inzwischen in einer bescheideneren Lebensweise ihr neues Ideal. So erwiesen sich am Schicksal des »Sonnenkönigs« Stärke und Grenzen des Absolutismus.

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Info 18.11.2017 13:00
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