Französische Literatur von Rabelais bis Racine

Kennzeichnend für die französische Literatur des 16. Jahrhunderts ist, dass sie meist in irgendeiner Form die Kultur des Mittelalters angreift. Dichtkunst und Literatur sollten der Weiterentwicklung des Individuums sowie seiner völligen Erneuerung dienen. Den Gipfel dieser Entwicklung stellt wahrscheinlich Michel Montaigne (1533-92) mit seinem kritischen Skeptizismus dar. Ähnlich ist es bei Clement Marot (1496-1544), dessen respektloser Humor und beharrliche Forderung nach dem Recht auf sich selbst manchmal schon an Francois Rabelais (1494/95 -1553) denken lassen. Johannes Calvin (1509-64), der protestantische Reformator, bestach ebenfalls durch seine ironischen Darstellungen und seine polemischen Schriften. Die Renaissance in der Literatur
Der Geist des Humanismus und der Renaissance fand allmählich auch Eingang in die französische Literatur. Dies führte zu einer Rückbesinnung auf griechische und lateinische Autoren, gleichzeitig entstanden zahlreiche, Übersetzungen aus beiden Sprachen. Diese Strömung blieb entscheidend bis zur »Querele des Anciens et des Modernes« (Streit zwischen den Alten und den Modernen) in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Abgesehen von diesen Werken entstand im 16. Jahrhundert wenig gute Prosa. Nur in der Versdichtung kam es zu entscheidenden Erneuerungen, zuerst bei Marot, sodann in der Dichterschule von Lyon, deren Führer und Kopf Maurice Sceve (1503/04- um 60) war. Seine »Delie« (1544) gilt als sein Hauptwerk und zeigt Einflüsse von Petrarca. Sceve wurde sogar von der »Pleiade«, der berühmtesten Dichtergruppe der Zeit (Remy Belleau), Jean Antoine de Baif, Etienne Jodelle, Pontus de Tyard und Jean Dorat sowie Pierre de Ronsard und Joachim du Bellay, als bahnbrechend anerkannt. Diese Gruppe wählte ihren Namen nach dem Sternbild, das sieben Sterne hat und schon den sieben griechischen Tragikern unter Ptolemaios II. in Alexandria (3. Jahrhundert v. Chr.) zum Paten gedient hat. Die Pleiade hatte sich vorgenommen, die französische Dichtung zu rehabilitieren, sie setzte die französische Sprache auf die gleiche Stufe wie die griechische oder lateinische. Das Italienische war der Vermittler, denn die Muster der Gruppe waren eindeutig klassisch. Der spätere Hofdichter Francois de Malherbe (1555-1628) wandte sich strikt gegen das Programm der Pleiade wegen der übertriebenen Gelehrsamkeit, das, was von ihr jedoch in der Welt bekannt geworden war, ließ sich nicht mehr zurücknehmen und beeinflusste den weiteren Verlauf der Literaturgeschichte. Das klassische französische Theater hatte bis ins 17. Jahrhundert hinein keine Bedeutung, lediglich Robert Garnier (1534-90) verdient Beachtung mit seinen »Les Juives« (1583), die von Wandertruppen aufgeführt wurden. Die »Alten« gegen die »Modernen«
Das 17. Jahrhundert gilt als Epoche des Klassizismus. Jegliche Generalisierung des menschlichen Wesens ging von der Prüfung des Individuums aus, Überspanntheiten waren noch seltener. Das Suchen nach der Vollkommenheit der Sprache hielt an und mündete in die Gründung der Akademie francaise. Hier entwickelte sich dann der Streit zwischen den »Alten« und »Modernen«, zwischen Nicolas Boileau Despreaux (1636-1711), dem Haupt der Gründungsmitglieder, und den Dichtern Jean Desmarets (1595-1676) und Charles Perrault (1628-1703), den beiden Meistern unter den »Modernen«. Die einen taten für die reine Nachahmung der klassisch antiken Muster, die anderen für die Erarbeitung fortschrittlicher, zeitgemäßer Ideen ein. Boileau Despreaux musste zuletzt (1700) Perrault gegenüber anerkennen, dass der Französisch schreibende zeitgenössische Autor, wenn die klassischen Regeln beachtet, genauso gut all konnte wie antike Vorbilder. Schauspiel und Prosa
Die Dichtkunst erblühte hauptsächlich im Bereich der Tragödie, wenngleich die großen Vertreter der Tragödie gleichzeitig auch immer Komödien verfassten: zuerst durch Pierre Corneille (1606-84), dann durch Jean Racine (1639-99). Die Komödie gelangte durch Monte (1622-73) zu höchster Vollkommenheit, und die Erzählung wurde durch Jean de Li Fontaine (1621 -95) ebenfalls zu großer Meisterschaft geführt. Die Romandichtung, Ausdruck des sich ausweitenden literarischen Interesses sowie des Wunsches nach Unterhaltung, nimmt ihren Anfang in dieser Zeit mit »L’Astree« (1607-27) von Honore d’Urfe (1567-1625) trotz eines Rabelais und Cervantes (1547-1616), die als die Urväter des Romans anzusehen sind. Bei »L’Astree« handelt es sich um eine Schäfergeschichte mit einem offenbar moralischen Anspruch. Marie Madeleine de La Fayette (1634-93) schreibt den ersten großen französischen Roman: »La princesse de Cleves« (1678). Diese Geschichte einer Leidenschaft ist realistisch modern, psychologisch und im Grunde gesellschaftskritisch: Noch Stendhal (1783-1842) wird diesen Roman preisen. Hinzu kommen die Briefautoren, Aphorismen Schreiber und Moralschriftsteller. Unter ihnen besonders Marie de Sevigne (1626-96), deren Briefe ein unvergleichliches Bild vom damaligen Paris geben, Francois de La Rochefoucauld (1613-80) mit seinen nicht nur zynischen »Reflexions ou sentences et maximes Morales« (1665) und Blaise Pascal (1623-62), das mathematische Genie, dessen »Pensees sur la Religion« (1670) den Feuerbrand des Jansenismus noch einmal auflodern ließen. Den »offenen« Ton in der heutigen religiösen Diskussion nimmt er um Jahrhunderte vorweg.