Der Klassizismus

Der Klassizismus, die Kunstrichtung des späten 18. Jahrhunderts, war einerseits eine Reaktion auf die bewegten Barock und Rokokoformen, andererseits jedoch auch Ergebnis einer neuen Orientierung an der klassischen griechischen und römischen Kunst. Kenntnis der Antike
Einige klassische Gebäude waren, besonders in Rom, von altersher bekannt gewesen. Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte sich vor allem im Italien der Renaissance eine fast leidenschaftliche Anteilnahme an der Antike, Funde bedeutender Skulpturen stießen auf allgemeines Interesse. Aber die Vitalität und Freiheit der Renaissancekunst beruhte in einem gewissen Sinn gerade auf der Unkenntnis oder einem Missverständnis der Quellen. Die wenigen Kunstwerke, die zu dieser Zeit bekannt wurden, entzündeten die Phantasie auf eine Weise, wie es Tausende von Zeugnissen der Antike, die später zugänglich wurden, nicht mehr vermochten. Darüber hinaus wurde zwischen griechischer und römischer Kunst oder zwischen deren verschiedenen Stilperioden noch kein Unterschied gemacht. Obwohl die Bedeutung des griechischen Beitrages theoretisch aus der Literatur bekannt war – das trifft insbesondere für die Malerei zu, von der fast nichts erhalten geblieben war -, war die griechische Plastik des 5. und 6. Jahrhunderts v. Chr. nur durch römische Kopien bekannt. Diese Lage änderte sich auch im 17. Jahrhundert nur langsam, trotz der jetzt in Gang gekommenen wissenschaftlichen Forschungen. Die entscheidende Neubewertung der Antike kam erst im 18. Jahrhundert. Auf dem Kapitol in Rom war ein Museum mit den inzwischen ausgegrabenen klassischen Statuen eröffnet worden. Auch gänzlich unbekannte antike Kunst wurde entdeckt wie die Malereien in Herculaneum und Pompeji bei Neapel und griechische Vasen im südlichen Italien. Kurz, eine neue Wissenschaft – die Archäologie – war geboren. Vor allem wurde Griechenland selbst erforscht, vornehmlich durch die englischen Architekten James Stuart (1713-88) und Nicholas Revett (1720-1804). Johann Joachim Winckelmann (1717-68) schuf mit seinen epochemachenden »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst« (1755) die Programmschrift des Klassizismus. Weitere Erkenntnisse brachten die Parthenonskulpturen, die im frühen 19. Jahrhundert Lord Thomas Elgin (1766-1841), britischer Gesandter in Konstantinopel, von Athen nach London gebracht hatte. Dieser neuen Richtung des künstlerischen Interesses entsprach ein neues Gefühl für Geschichte. Gelehrte und Laien waren nun darauf bedacht, die Dinge in chronologischer Ordnung und im Zusammenhang mit jener Kultur zu sehen, die sie geschaffen hatte. Insbesondere wuchs das Interesse an der frühen – wie man meinte, ursprünglichen – Kunst. Der neue Begriff von der Antike
Aus diesen Forschungen entwickelte sich eine neue Vorstellung von der Antike, auf der sich der Klassizismus aufbaute. Nun galt die Antike als streng, einfach, statisch, mit klaren, harten Umrissen in der Architektur und in den Skulpturen, in der Malerei fast ohne Schatten und Verkürzungen, »von edler Einfalt und stiller Größe«, wie Winckelmann es formulierte. Zur Kunst trat das moralische Element hinzu. Gerade die Moral ließ die »Klassizisten« (d. h. die archäologisch klassisch Gebildeten) in Frankreich das Rokoko ablehnen. Die französischen Reformisten waren voller Bewunderung für die römischen Ideale der bürgerlichen Tugenden und für die griechische Demokratie. Langsam wurde das Rokoko ein dekadenter, frivoler Stil, Ausdruck einer untergehenden Gesellschaft. Es gab eine entschiedene Hinwendung zu bürgerlicher Rechtlichkeit, eine Welle des moralischen Idealismus, die schließlich zur Revolution führte. Klassizismus in Frankreich
Folgerichtig wandten sich um 1760 die Künste in Frankreich, zuerst in der Architektur und im Kunstgewerbe, zuletzt in der Malerei und in der Bildhauerkunst, geraden, einfachen Linien und einer strengen Ornamentik zu, die auf klassische, manchmal ausdrücklich griechische Vorbilder zurückgingen. Der erste bedeutende französische Bau dieser Richtung war das Pantheon in Paris. Den Entwurf schuf Germain Soufflot (1713-80) bereits 1755/56. Eine reine, aber einfallsreichere klassizistische Architektur entwickelte einige Jahre später Claude Nicolas Ledoux (1736-1806). Es war weniger leicht, sich in der Malerei auf klassische Vorläufer zu berufen, da es wenige erhaltene Beispiele gab. Hier wirkte dann der Meister des 17. Jahrhunderts, Nicolas Poussin, als Mittler, sein Einfluss war von entscheidender Bedeutung für Jacques Louis David (1748-1825), den ersten bedeutenden klassizistischen Maler und Interpreten des heroischen Geistes der Revolution und des imperialen Genies Napoleons. Sein Nachfolger, Jean Auguste Dominique Ingres (1780 bis 1867), entwickelte im Rückgriff auf Raffael und die pompejanische Malerei mit klaren Formen und kühler Farbgebung einen reinen Klassizismus. Der bei weitem größte klassizistische Bildhauer war ein Italiener, Antonio Canova (1757-1822). Im frühen 19. Jahrhundert schufen deutsche Architekten die reinsten auf klassische Vorbilder zurückgehenden Bauten in edlen, einfachen Formen. Der Klassizismus war keineswegs eine bloß rückwärtsschauende Phase der Kunstgeschichte, er ist vielmehr Ausdruck einer Geisteshaltung, die das Bestehende in Frage stellt, in der sich jede Generation ihre Wirklichkeit neu erwerben muss.

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Info 26.09.2017 - 21:56
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