Kunst und Wissenschaft

Europäische Literatur im 18. Jahrhundert

Der Aufstieg des Romans im 18. Jahrhundert scheint im Widerspruch zu stehen mit dem gleichzeitigen Erwachen des wissenschaftlichen Zeitalters. Dennoch war es die neu entstandene, literarisch interessierte Mittelschicht, die mit ihrem »aufgeklärten« Geschmack zuerst eine als Wirklichkeit getarnte Fiktion anzunehmen gelernt hatte, dann den Charakter- und Schicksals-Roman, den Schelmen-Roman, schließlich den empfindsamen und am Ende des Jahrhunderts den Geschichts-Roman.

Die Anfänge des Romans
Es war Daniel Defoe (um 1660-1731), der mit »Robinson Crusoe« (1719), »Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders« (1722) und »Lady Roxana« (1724) dem englischen Roman zum Start verhalf. Defoe war ein realistischer Erzähler, der sich von einem leicht zu beeindruckenden Publikum umgeben sah, aber wusste, dass der Roman der scharfen Beobachtung der Gesellschaft bedurfte und zudem eines möglichst unterhaltsamen Stils. Letzterer war schon von Sir Richard Steele (1672-1729) und Joseph Addison (1672-1719) entwickelt worden: In Essays und Kurzprosa, meist in ihren Wochenschriften »The Tatler« und »The Spectator« veröffentlicht, hatten sie lebendige Charaktere dargestellt und eine vernünftigere Gesellschaftsordnung gefordert. Der letzte Schritt zum eigentlich literarischen Roman war dann die Verknüpfung des längst vorhandenen trivialen Schrifttums mit der - ebenfalls vorhandenen - kultivierten Erzählprosa, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigte. Samuel Richardson (1689-1761) erreichte dies mit »Pamela oder Die belohnte Tugend« und bewirkte indirekt, dass gleichzeitig der komische Roman entstand: Henry Fielding (1707-54) wollte ursprünglich nur Richardsons tränenselige Art parodieren und schuf dabei mit der »Geschichte der Abenteuer Joseph Andrews«, erschienen 1742, einen Roman von Weltrang. Fieldings Meisterwerk ist der Bildungsroman »Die Geschichte des Tom Jones« (1749).

Den größten Einfluss auf den komischen Roman dieser Epoche hatte wohl »Don Quijote de la Mancha« von Miguel Cervantes Saavedra (1547-1616), eine Persiflage auf das Heldentum der Ritter. In Frankreich publizierte Alain Rene Lesage (1668-1747) seine »Geschichte des Gil Blas von Santillana« (1715-35), einen Schelmenroman. Der englische Übersetzer des »Gil Blas« (übrigens auch des »Don Quijote«), Tobias George Smollett (1721-71), schrieb schon Romane, die eine Weiterentwicklung andeuten. Smoletts Abenteuerromanen - »Die Abenteuer Roderick Randoms« (1748), »Peregrine Pickle« (1751), »Humphry Clinkers Reise« (1771) - fehlt jedoch die Ironie und Subtilität, die Laurence Sternes (1713-68) humoristischen Meisterwerken »Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys« (1760/67) und »Empfindsame Reise« (1768) eigen sind. Sterne zeigt eine sprudelnde, nicht nur an die Ratio gebundene Phantasie. Stehen seine Romane damit auch etwas außerhalb der allgemeinen Entwicklung, waren sie doch ungeheuer erfolgreich und ihre Nachahmer Legion - darunter Denis Diderot (1713-84) mit »Jacques, der Fatalist« (erschienen 1796). Ein wieder mehr zeittypischer Roman war »Der Pfarrer von Wakefield« (1766) von Oliver Goldsmith (1728/30-74), einem hervorragenden Stilisten, der die Prüfungen der (weiblichen) Tugend sowie biedere Häuslichkeit zu seinen Themen machte.

Die Veränderungen im Roman nach 1760
An diesem Punkt der Entwicklung - nach gelegentlichen Ausbrüchen ins Maßlos - Phantastische wie etwa in Horace Walpoles (1717-97) »Die Burg von Otranto« (1764) oder »Niels Klims unterirdische Reise« (1741), einer gulliverartigen Satire des Dänen Ludvig Holberg (1684 - 1754) geriet der englische Roman in eine übersteigerte Gefühlswelt. Matthew Gregory Lewis (1775-1818»Der Mönch« (1796) und Anne Radcliffes (1764-1823) »Udolphos Geheimnisse« (1794) fanden Beifall und inspirierten gute Romanciers, zogen aber auch eine Flut billiger Machwerke nach sich. Dessen ungeachtet schrieb Jane Austen (1775-1817) »Vernunft und Gefühl« und einige weitere Romane, die durch ihre behutsamere Psychologisierung ein Korrektiv zu der herrschenden Sensationsgier darstellten.

Die Entwicklung in Frankreich und in Deutschland
Der Glanz des englischen Romans ließ jedoch das Romanschaffen in Frankreich nicht verblassen. Antoine Francois Prävost d'Exiles (1697-1763) war mit »Manon Lescaut« (1731)
erfolgreich gewesen (er hatte auch Richardson ins Französische übersetzt). 1782 veröffentlichte Pierre Ambroise Francois Choderlos de Laclos (1741-1803) den Briefroman »Gefährliche Liebschaften«, in dem der Sittenverfall der Gesellschaft im ausgehenden Ancien Regime angeprangert wird. Für Voltaire (1694-1778) war die Fiktion nur ein Mittel zur Verbreitung aufklärerischer Ideen. Sein Roman »Zadig oder Das Schicksal« (1747) ist durchaus optimistisch gestimmt, während »Candide« (1759) sich ironisch pessimistisch mit der »bestmöglichen aller Welten« befasst.

In Deutschland herrschte im 17. Jahrhundert der episch breite Roman vor, der französischen, englischen und spanischen Vorbildern (Cervantes) verpflichtet war. Bleibende Bedeutung errang allein Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (um 1622-1676) mit dem »Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch« (1669). Herausragende Romanautoren der deutschen Aufklärung waren Christian Fürchtegott Geliert (1715-69), Johann Karl August Musäus (1735-87) und Christoph Martin Wieland (1733-1813), letzter besonders als Verfasser der »Abderiten« (1773-76).