Afrikanische Kunst

Das gegenwärtige Wissen um die Entstehung und Entwicklung der afrikanischen – besser der schwarzafrikanischen – Kunst ist nur fragmentarisch, es ist sogar schwer, Stile innerhalb enger geographischer Grenzen zueinander in Beziehung zu bringen. So zeigen z. B. die Bronzegüsse von Igbo-Ukwu in Nigeria keinerlei Stilähnlichkeit mit denjenigen von Ife oder Benin, trotz der geographischen Nähe beider Kulturen. Die Entstehung der Kunst von Benin
Die Kunst von Benin ist deshalb einmalig, weil man eine große Anzahl von Werken in Bronze, Terrakotta, Eisen, Elfenbein und Holz mit mündlich überlieferten Traditionen in Verbindung bringen kann, die sowohl durch heutige rituelle und politische Gegebenheiten als auch durch europäische Aufzeichnungen seit dem späten 15. Jahrhundert belegt werden können. Auf Grund dieser Quellen lassen sich Stilveränderungen wenn auch nicht absolut, so doch relativ datieren. So hatten z. B. die Portugiesen, die als erste Europäer mit Benin Handel trieben, Einfluss auf die Kunst von Benin – wenn man ihnen auch keinesfalls die Einführung des Bronzegusses zuschreiben kann. Sie versorgten Benin mit großen Mengen von in Armreifen gegossenem Metall und kauften dafür Pfeffer, Sklaven und Elfenbein. Durch diese Einfuhr von großen Mengen Metall entwickelte sich im 16. Jahrhundert eine Reihe von Gießereien. Überdies regten die Portugiesen die Künstler Benins allein durch ihre Gegenwart und möglicherweise auch durch die mitgebrachten Zeugnisse europäischer und orientalischer Kulturen an, neue Formen und Motive in den künstlerischen Formenschatz mit aufzunehmen. Wie in der Vergangenheit, so ist die afrikanische Kunst auch heute noch die Arbeit von Individualisten. Dabei kann Metallarbeit immer als Spezialisierung angesehen werden, die einen gewissen Status verschafft, während Holzschnitzerei bei einigen Stämmen im wesentlichen eine selbsterlernte Freizeitbeschäftigung ist, in der sich jedermann versuchen kann, die aber zu keinem besonderen sozialen Rang innerhalb der Gemeinschaft verhilft. Wird die Holzschnitzerei jedoch als Beruf ausgeübt, wie bei manchen Stämmen, so gehört der einzelne Schnitzer möglicherweise einer Zunft an und widmet sich mehr oder weniger ganztags seiner Kunst. Seine Arbeit kann über ein relativ großes Gebiet hinaus bekannt sein und sofort von dem anderen Künstler unterschieden werden. Holz- oder Metallbildhauerei wird in Schwarzafrika immer von Männern ausgeübt, während Terrakotta Skulpturen meist von Frauen hergestellt werden. Neben den Skulpturen in Holz, Metall oder gebranntem Ton werden alle möglichen Formen aus Geweben, Perlen, Flechtwerk, Federn, Blättern oder Wachs hergestellt, die oft nur kurzlebig sind. Sogar Holzskulpturen werden häufig mit Perlen, Samen, Spiegelscherben oder Farbe dekoriert und später wieder um dekoriert. Tatsächlich kann man die Objekte kaum als fertige Kunstgegenstände bezeichnen, wenn sie vom Schnitzer kommen – dies mag vielleicht die größere Vorliebe für den Wandel denn für statische Form in der bildenden Kunst widerspiegeln. Es wird oft behauptet, dass es in Afrika keine Kunst um der Kunst willen gebe. Das ist grundsätzlich richtig – Kunst steht in Afrika fast immer mit der Religion in Verbindung. Doch es gibt auch Ausnahmen, z. B. bei Ornamenten an Häusern oder Masken zur Unterhaltung und Erziehung. Auch dabei sind jedoch die Grenzen zur Religion fließend. Afrikanische Skulptur konzentriert sich, grob gesehen, auf zwei Provinzen, die etwa den beiden. großen Fluss Systemen des tropischen Afrika entsprechen, dem Niger in Westafrika und dem Kongo in Zentralafrika. Diese eigenartige, ungleiche Verteilung wird weniger durch das hier vorhandene Rohmaterial erklärt als durch die Sesshaftigkeit der Bevölkerung in diesen Gebieten, deren Lebensgrundlage der Ackerbau ist. Menschen, die ständig unterwegs sind, wie etwa Nomadenvölker, und stets ihre Habe bei sich tragen, haben wenig Veranlassung, Skulpturen herzustellen. Doch gibt es auch unter den Ackerbauern solche, die keine Skulpturen für ihre religiösen Zeremonien benötigen – oder aber diese nicht selbst herstellen, weil sie sich mit den von Nachbarstämmen erworbenen Gegenständen zufriedengeben. Umgekehrt gibt es Stämme, die, obwohl sie keine Skulpturen anfertigen, über eine reiche Tradition durchwegs kurzlebiger Stücke verfügen, die nach dem Gebrauch zerstört werden oder verfallen. Große Vielfalt der Kunstformen
Es wäre falsch zu unterstellen, dass Stämme, die keine Skulpturen kennen, auch keine Kunst besitzen. Skulptur ist schließlich nur eine Kunstform unter den vielen, die in Afrika gedeihen. Hier sind vor allem Architektur, Wandmalerei, textile Kunst (Stickerei, Weberei), Keramik (Töpferei), Lederarbeiten, Hechtarbeiten und – vielleicht die universellste Kunstform von allen – die Ausschmückung und Bemalung des menschlichen Körpers zu erwähnen. Außerdem kennt man in Afrika verschiedene Gesangs- und Musikformen, großartige Begabungen für den Tanz, und es gibt die Poesie und andere Formen mündlich überlieferter Literatur als künstlerische Erscheinungsbilder. Mit Ausnahme der Metall- und Steinarbeiten sind die erhaltenen Zeugnisse afrikanischer Kunst relativ jung – erhalten blieben sie zumeist in europäischen Museen (z. B. Musee de l’homme, Paris), wo sie, der Ungunst des Klimas und der Schädlingsgefahr entzogen, bei sachgerechter Pflege dem Verfall entgingen, der in ihrer Heimat Holz und Textilien mit baldigem Untergang bedroht.

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Info 23.11.2017 19:27
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