Das Wirken der Evolution

Seit ihrer Veröffentlichung im Jahr 1859 hat Darwins Theorie über die Entstehung der Arten zeitweise allgemeine Anerkennung genossen, zeitweise wurde sie durch andere Theorien in den Schatten gestellt. Doch hat sie – durch neue Ergebnisse und Gedanken ergänzt – im Wesentlichen standgehalten und stellt heute die tragende Säule der Evolutionstheorie dar. Ein Grundbegriff der Darwinschen Theorie ist die Veränderlichkeit der Arten, die Variation. Darwin erkannte, dass sich die Arten im Lauf der Zeit fortwährend geringfügig verändern. Dieser Vorgang heißt kontinuierliche Variation. Hingegen treten auch plötzliche, tiefergreifende Veränderungen auf, die als diskontinuierliche Variation bezeichnet werden. Streit um Darwins Theorie
1894 veröffentlichte William Bateson (1861 bis 1926) ein Buch, in dem er den Unterschied zwischen kontinuierlicher und diskontinuierlicher Variation behandelte. Danach war es naheliegend zu vermuten, dass die Evolution infolge diskontinuierlicher Variation sprunghaft verlaufe und die kontinuierliche Variation nur von geringer Bedeutung sei. Batesons Vorstellungen wurden von Hugo de Vries (1848-1935) aufgegriffen und bei seinen Versuchen auf dem Gebiet der Pflanzenzüchtung weitergeführt. De Vries bemerkte, dass unter einer Vielzahl von Pflanzen stets einige waren, die sich auffallend von den übrigen unterschieden, und wies darauf hin, dass solche Veränderungen weit außerhalb der üblichen Variation lägen. Diese Erscheinung der spontanen kontinuierlichen Variation nannte er Mutation. Aus all diesen Untersuchungen ging schließlich die Mutationslehre hervor. Sie wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts von de Vries aufgestellt. Die Evolution, so lautet ihre Hauptaussage, beruht vor allem auf zufälligen, spontanen und erblichen Veränderungen. Um diese Zeit wurde auch die Arbeit Gregor Mendels (1822-84) über die Vererbungsgesetze wiederentdeckt, etwa 35 Jahre nach ihrem Erscheinen. Die Vererbungslehre als eine Wissenschaft war geboren und schien vorerst die im Gegensatz zum orthodoxen Darwinismus stehende Mutationstheorie zu stützen. Die neugewonnenen Kenntnisse über Chromosomen und Erbanlagen machten es den Vererbungsforschern leicht, die Evolution als einen schrittweisen Vorgang zu erklären. So wurde es beispielsweise möglich, durch Röntgenstrahlen und bestimmte Chemikalien Veränderungen an Chromosomen hervorzurufen, außerdem wurde die von selbst verlaufende Neuzusammenstellung von Chromosomen beobachtet. Beide Vorgänge können zu Veränderungen im Organismus der Betroffenen führen. Ein Beispiel für die Neukombination von Chromosomen
Der aufsehenerregende Fall der Entstehung einer neuen Art als Ergebnis einer chromosomalen Veränderung wurde am Reis gras (Spartina townsendii) beobachtet. Eine Zählung seiner Chromosomen ergab als deren Anzahl 126. Es stellte sich dann heraus, dass dieses Gras ein Kreuzungsprodukt zweier anderer Spartina-Arten ist, von denen eine 56, die andere 70 Chromosomen besitzt. So entstand durch diskontinuierliche Variation eine neue Art, die eine ökologische Nische füllt und dadurch überlebt. Eine Kreuzung zweier Arten, die zur Ausbildung einer neuen Art führt, kommt bei Pflanzen gelegentlich, bei Tieren nur sehr selten vor. Zweifellos sind Mutationen die Grundlage für den Evolutionsprozess. Als die Erbforscher die Struktur der Erbanlagen aufklärten, erkannten sie, wie klein solche Veränderungen sein können. Die Erbinformation ist in den Erbanlagen (Genen) in einem Code von Basen enthalten: Jeweils drei Basen steuern die Ausbildung einer Aminosäure. Wenn eine Base verändert wird, kann dies zur Bildung einer andersartigen Aminosäure führen. Aminosäuren sind die Bausteine der Eiweißstoffe, Aminosäuren austausch in einem Eiweiß kann daher dessen Struktur verändern. Ist davon ein unwichtigerer Teil des Eiweißes betroffen, so hat dies für das Erscheinungsbild des Organismus möglicherweise keine Folgen. Verändert sich aber ein wichtiger Abschnitt des Eiweißes durch Mutation, dann wird dadurch dessen Funktion unter Umständen verändert oder zerstört, mit je nachdem mehr oder weniger schwerwiegenden Auswirkungen auf das betroffene Lebewesen. Die Mutation eines wichtigen Gens kann das Erscheinungsbild eines Organismus sehr verändern. Andererseits braucht die Mutation eines einzelnen Gens aus einer Gruppe zusammenwirkender Gene kaum Heute weiß man, dass zwischen Darwins Lehre und der Mutationslehre keine strenge Scheidung möglich ist, vielmehr ergänzen sich beide. Vor allem das Darwinische Prinzip der Auslese (Selektion) bleibt von grundlegender Bedeutung. Die Zusammenschau beider Lehrmeinungen wird als Neodarwinismus bezeichnet. Selbsterhaltungstrieb und Selbstaufgabe
Der Trieb zur Selbsterhaltung liegt in jedem Lebewesen. In einer Gruppe von Artgenossen sucht jedes seinen Vorteil. Dies äußert sich z. B. im Streit um die Nahrung. Der Betonung des Individuums gegenüber der Gruppe scheint die Aufopferung von Individuen für die Gruppe zu widersprechen. Wenn eine Arbeitsbiene zum Zweck der Stockverteidigung ihr Leben lässt, wie kann dadurch die natürliche Auslese gefördert werden? Die Antwort auf die Frage liegt vielleicht darin, dass die Selektion der lebenstüchtigeren Individuen innerhalb einer Art zwar zur Verbesserung dieser Art führt, die Verteidigung von Artgenossen durch Artgenossen hingegen den Fortbestand der ganzen Art sichert.