Erste Zeugnisse des durchgeistigten Diesseitsverständnisses

Ganz im Gegensatz zum »Ezzolied« und zur »Wiener Genesis« atmet das um 1070 verfasste alemannische »Memento mori« (lat.: »Gedenke des Todes«) eines Schweizer Mönchs namens Noker deutlich den weit abgewandten Geist der Reform von Cluny. Dieses Gedicht hat die Hinfälligkeit der Welt und alles menschlichen Tuns zum Gegenstand. Fußte Ezzos Gesang auf der Sicherheit, dass alle Menschen in Gottes Heilsplan aufgehoben sind, so ist die Mitte dieses Textes die Angst und die Warnung vor einem Aufgehen im irdischen Leben, diese Reimpredigt stellt den Menschen die Aufgabe, sich durch ein rechtes Leben selbst für das Jenseits zu qualifizieren. Wir haben hier eines der frühesten Zeugnisse für die neue Haltung der Weltabsage, von der die deutsche Literatur des folgenden Jahrhunderts weithin geprägt ist. Diese Weltsicht zeigt sich sehr deutlich im »Annolied«, einem mittelfränkischen Heiligenleben, das um 1085 im Bistum Köln von einem geistlichen Verfasser in Versen verfasst wurde. Erzbischof Anno von Köln, Entführer und Erzieher Heinrichs IV., eine damals recht umstrittene Persönlichkeit, wird hier als Heiliger dargestellt und in die als Heilsgeschichte interpretierte Weltgeschichte eingeordnet. Fast die Hälfte der etwa 900 Verse des Werks nimmt ein Abriss der Weltgeschichte ein, frei arrangiert und eher fantasievoll als historisch exakt. Ihm folgt das eigentliche Leben Annos. Die in den göttlichen Heilsplan eingebettete Weltgeschichte erreicht in Bischof Anno ihren Gipfel: er gehört als weltlicher Fürst und Bischof zu beiden Bereichen. Zugleich unterstreicht diese Verbindung von weltlicher und Heilsgeschichte in der Person eines Kirchenfürsten den Herrschaftsanspruch der Kirche, wie er im Investiturstreit die politische Szene bestimmte. Die neue Geisteshaltung setzt sich in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts in der deutschen Literatur durch und findet in einer ganzen Reihe geistlicher Werke von geringerer literarischer Bedeutung ihren Niederschlag. Nur weniges ist hier erwähnenswert, zum Beispiel das »Leben Jesu« der Klausnerin Ava, ein österreichisches Werk, das etwa 1120 bis 1125 entstanden sein dürfte. Wie hier die erste deutschsprachige Autorin das Leben des Herrn in einer von persönlichem religiösen Gefühl getragenen Erzählung darstellt, einfach und schmucklos, aber voll menschlicher Wärme, das hebt diese Nacherzählung über den Durchschnitt hinaus. Der Lebenslauf Jesu wird durch Einfügung legendenhafter Züge farbig gestaltet, der heilsgeschichtliche Charakter in den Vordergrund gestellt und die Auferstehungsgeschichte ähnlich wie in späteren mittelalterlichen Osterspielen geschildert – vielleicht ein Hinweis auf eine damals schon existierende, verloren gegangene christliche Dramatik.

Forum (Kommentare)

Info 18.12.2017 00:28
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.